Sonntag, 19. Februar 2017

Wissenschaft gegen Technologie gegen Ökonomie

Gestern habe ich einen interessanten und ein wenig skurrilen Artikel im Blog SciLog gelesen. Es ging dabei um die Sicht eines eingefleischten Naturwissenschaftlers auf die aktuelle wirtschaftswissenschaftliche Debatte um den Rückgang des Produktivitätswachstum. Der Autor war perplex, nein er war empört. Zunächst einmal über die Uneinigkeit der Ökonomenzunft über zentrale Aspekte der Wirtschaft. Wie könne es sein, dass die eine Hälfte der Ökonomen davon ausgehe, mit dem ständigen Wachstum der Produktivität sei es nur vorbei, während die andere Hälfte genau das Gegenteil behaupte. Noch viel stärker kränkte den Autor allerdings die Annahme einiger Ökonomen, der technologische Fortschritt sei heute im Vergleich zu früher nur noch eine Schnecke, die Früchte dieses Fortschritts sein nicht der Rede wert und dies der wesentliche Grund für den Rückgang des Wachstums. Der Autor bezog sich dabei auf Robert Gordon und seine etwas polemischen Ausführungen über den gesellschaftlichen Nutzen des Kühlschranks gegenüber dem Nutzen das Online-Pizzabringdienstes.

Der Autor des besagten Artikels konterte diese unverschämten Aussagen mit den aktuellen und zu erwarteten Fortschritten in der naturwissenschaftlichen Forschung. Möglicherweise war dies schon der erste Keim des Missverständnisses. Die zitierten Ökonomen behauptet nämlich nicht, dass es keinen wissenschaftlichen Fortschritt, dass es keine neuen, atemberaubenden Erkenntnisse gäbe. Die Frage stellt sich aber, ob diese neuen Erkenntnisse auch in neue Produkte und Dienstleistungen übersetzbar sind, die tatsächlich zu einem Produktivitätswachstum führen und gesellschaftlichen Mehrwert stiften.

Ein wenig steckt in Gordons Polemik meiner Meinung nach auch ein Angriff auf die Technologie-Szene aus dem Silicon Valley, die in all ihrer Hybris der festen Überzeugung ist, dass mit neuen Technologien alle Probleme dieser Welt lösbar sind. Und wenn nicht, und wenn der Untergang der Welt droht, dann wandern wir halt aus ins All oder ziehen uns in unsere Bunker zurück.

Die Süddeutsche Zeitung hat gerade erst eine hübsche Reportage über den kuscheligen Weltuntergang im Bunker geschrieben. Es scheint gerade hip zu sein in der neureichen Techie-Szene, sich seinen kleinen Luxus-Hightech-Bunker-Platz zu kaufen, wenn es mit der Rettung der Welt doch nicht geklappt hat. Elon Musk wiederum arbeitet auf den Exodus der Menschheit ins Exil auf den Mars hin. Ein ziemlich polemischer Artikel in Aeon wirft Musk vor, dass man mit diesem Aufwand lieber unsere Erde retten sollte als den Mars kolonisieren zu wollen.

Na ja, die Silicon Valley Firmenbosse stehen im Moment eh etwas unter Beschuss, seitdem Trump das Ruder in Washington übernommen hat. Ihr Taktieren gegenüber der neuen Regierung wird sehr kritisch verfolgt, jede kritische Meinungsäußerung wird als taktisch motiviert und auf äußeren Druck entstanden interpretiert.

Demgegenüber tut sich auf Seiten der sonst eher unpolitischen Wissenschaft Erstaunliches. Ein Marsch der Wissenschaft auf Washington ist angekündigt, in einer Art Guerilla-Taktik sichern Wissenschaftler Daten, die die Regierung jetzt zurückhalten möchte.

Die Wirtschaftswissenschaften, die im eingangs zitierten Artikel so schlecht abschnitten, lassen übrigens kaum ein gutes Haar an der neuen amerikanischen Regierung.

Und die Moral von der Geschicht? Wissenschaft und Technologie wird wieder politisch, zumindest auf der anderen Seite des Atlantik. Für den Bundestagswahlkampf kann ich mir eine solche Diskussion allerdings nicht vorstellen. Aber man weiß ja nie, so manches schien unvorstellbar vor nicht allzu langer Zeit.

Samstag, 11. Februar 2017

Robotergesetze - Parlamente diskutieren Zukunftstechnologien

Anfang des Jahres beschäftigte sich der Rechtsausschuss des Europäischen Parlamentes mit einem ganz großen Thema. Braucht die Europäische Union Robotergesetze? Ja Robotergesetze, genau solche, wie sie Isaac Asimov einst formuliert hatte. Es war überhaupt eine sehr denkwürdige Diskussion. Zumindest legen dass die vorbereitenden Dokumente nahe, einmal ein Rechtsgutachten des wissenschaftlichen Dienstes, einmal ein Entschließungsantrag.

Dieser Entschließungsantrag begann in seiner Einführung hoch dramatisch, er zitierte die großen Mythen der Menschheit wie Pygmalion, Frankenstein und den Golem.

Das Parlament diskutierte unter anderem, ob Roboter in Zukunft eine eigene juristische Person bekommen sollten, ob es einen ultimativen Ausschaltknopf geben muss, um sich gegen bösartige künstliche Intelligenz zu wehren oder wie mit der Frage Roboter-Sex umzugehen ist.

Es ging aber auch um etwas naheliegendere Fragen wie das Haftungsrecht autonome Systeme (Autos etc.), eine Frage die in Deutschland unter anderem durch eine Ethikkommission des Verkehrsministeriums debattiert wird.

Am Ende verabschiedet das Parlament tatsächlich einen Aufruf an die Kommission, eine eigene Behörde aufzubauen oder sich mit der Frage eines unbedingten Grundeinkommens zu beschäftigen.

Die deutschen Maschinenbauer zeigten sich übrigens schon Mitte letzten Jahres vor dem Hintergrund eines ersten Entwurfs dieser Entschließung recht kritisch. Statt über hypothetische Gefahren der fernen Zukunft zu diskutieren, sollte ein solcher erschließungsantrag lieber aktuelle Herausforderungen, aber auch die Perspektiven des Robotereinsatz ist in der Industrie berücksichtigen.

Die Medienresonanz auf die Diskussion im Europäischen Parlament war in Deutschland nicht besonders groß, aber es gab durchaus positive Kommentare, wie hier in der Süddeutschen Zeitung. Sonst erschienen vor allem Artikel in Medien, die sich immer mit Technologie und Innovation beschäftigen, wie Wired oder heise.

Viel intensiver war im Vergleich dazu die Mediendiskussion rund um einen Fachexperten-Workshops des Ausschusses für Bildung und Forschung des Deutschen Bundestags. Es ging hier nicht um Roboter im breiteren Sinne sondern um eine ganz spezielle Spezies, den socialbot. Der Ausschuss hat übrigens den gesamten Workshop online gestellt, man kann sich die Statements der Experten also alle in Ruhe anschauen. Vorbereitet wurde der Termin übrigens unter anderem von Kollegen, die im Rahmen des TAB mögliche Technologiefolgen für den Deutschen Bundestag diskutieren und zusammenfassen.

Die Diskussion war wohl nicht ganz konfliktfrei, und auch die Medienberichterstattung im Anschluss nicht. Der Freitag fand z.B. den Experten des CCC eher verharmlosend. Das Portal Netzpolitik wiederum zitierte insbesondere die abwartende Haltung mancher Experten, die vor Panikmache lernten. Bislang gebe es doch recht wenig wirklich belegbare Fälle von Manipulation.

Was nun an praktischer Politik aus diesen beiden Debatten folgt, ist noch schwer abzuschätzen. Während die Diskussion des EP tatsächlich noch ganz schön visionäre oder apokalyptische Aspekte betraf, war der Bundestagsausschuss schon sehr nahe an der Tagespolitik. Mal schauen, ob uns das alles noch die nächsten Monate im Wahlkampf beschäftigen wird.

Freitag, 6. Januar 2017

Technik, die gesund und krank macht

Zwischen Weihnachten und Neujahr bringt mein Lieblingssender, der Deutschlandfunk, immer besonders viele nette Wissenschaftssendungen. Dieses Mal war ein Kleinod über virtuelle Realität und das, was sie mit unseren Köpfen machen, im Angebot. Wer die Erfahrung noch nie gemacht hat, der wird es nicht verstehen. Aber tatsächlich ist eine 3D Brille wie Google Cardboard, die virtuelle Welten praktisch zum Nulltarif aus dem Smartphone ins Hirn zaubert, eine ziemlich atemberaubende Erfahrung. Und das ist nur die low cost Variante. Mit High-Tech Geräten und dem, was uns in ziemlich naher Zukunft noch erwartet, werden wir wirklich das Gefühl haben, in anderen Realitäten zu leben.


Möglicher Weise beeinflusst dieses "echte" Erleben aber ziemlich fundamental unser Bild von uns selbst, verändert unser Erleben von Realität und unserem Platz darin. Denn die neue virtual reality kommt möglicherweise dem ziemlich nahe, was unser Hirn bereits seit Jahrtausenden als virtuelle Realität in unserem Geist erzeugt. denn natürlich erleben wir die Welt immer sehr vermittelt über unsere Sinnesorgane, und zwischen Auge, Ohr und Gehirn wird so manches angepasst, verändert und hinzugefügt, was eigentlich nicht da ist. Sonst ließen sich einfache Phänomene wie der unsichtbare "blinde Fleck" kaum erklären. Eine geschickte Sinnestäuschung lässt uns sogar glauben, dass ein Gummi-Arm wie festgewachsen zu unserem Körper gehört.


Der Philosoph Thomas Metzinger, der mir schon vor einigen Jahren mit anderen Ausführungen zur manipulativen Bewusstseinsveränderung und interessanten Selbsterfahrungen auffiel, hat sich jetzt mit den Folgen der virtual reality auf unsere "phänomenale Selbstwahrnehmung" bzw. unser Bewusstsein beschäftigt und mit Kollegen ein Manifest veröffentlicht. Dies wurde bereits in mehreren interessanten und lesenswerten Artikel hier und hier verarbeitet. Ein Artikel in der deutschen Ausgabe von Wired zitiert ebenfalls insb. Metzinger, der unter anderem davor  warnt, dass die Langzeitfolgen von virtual reality noch nicht bekannt sind und das vr nicht nur zur Trauma-Behandlung, sondern auch zur Traumatisierung bzw. gezielten Persönlichkeitsbeeinflussung und "Reprogrammierung" genutzt werden könnte. Vielleicht macht uns die virtual reality also krank?


Um das neue Jahr optimistisch zu beginnen, will ich aber nicht zu lange über solche düsteren Perspektiven schreiben, sondern lieber auch den Lichtstreif am Horizont besingen. Zum Beispiel, wie man mit virtual reality Höhenangst und andere Phobien behandeln kann. Manchmal muss die virtuelle Realität auch keine optische Sinnestäuschung sein, sondern kann auch in einer sozialen Konstruktion bestehen, wenn beispielweise ein Algorithmus einen menschlichen Gesprächspartner simuliert. Im New Yorker wurde kürzlich eine Geschichte über ein Startup veröffentlicht, das Therapieprogramme für traumatisierte syrische Flüchtlinge entwickelt, um diesen eine preiswerte und einfache Möglichkeit der Unterstützung bei der Verarbeitung ihrer Traumata zu bieten. Schon am Beginn der Beschäftigung mit Dialogsoftware stand das Erstaunen, wie leicht Menschen sich auf die Situation einlassen und den künstlichen Gesprächspartner als echte Person begreifen. Es ist wohl kein Zufall, dass das berühmte "Täuschungs-"Programm Eliza von Joseph Weizenbaum einen Psychotherapeuten simulierte. Möglicherweise kann sein Nachfahre ihn jetzt nicht ersetzen, aber zumindest ehrlich unterstützen.


Es gibt aber auch etwas skurrilere bis bizarre Trauma-Behandlungen per Chatbot. Die Programmiererin Eugenia hat aus Konversationen einen Chatbot programmiert, der ihren toten Freund simuliert. Auch hier steht wohl die Motivation dahinter, das traumatische Erlebnis des Todes einer geliebten Person zu verarbeiten. Wenn jetzt für die Sprachausgabe noch das neue Adobe-Programm genutzt wird, das täuschend echt beliebige Sprachen aus Text generieren kann und dabei bestimmte Sprecher imitiert, ist die Illusion schon fast perfekt...

Sonntag, 25. Dezember 2016

Vertrauen?

Das Jahr 2016 neigt sich seinem Ende zu und allgemeine Unsicherheit scheint vorzuherrschen. Die Demoskopen waren scheinbar nicht in der Lage, den BREXIT und den Sieg Donald Trumps vorherzusagen, außerdem haben falsche Nachrichten, durch Hacker veröffentlichte geheime E-Mails  und durch Social Bots generierte Kampagnen in sozialen Medien das Manipulationspotential digitale Diskurse deutlich gemacht. Kann man denn niemandem mehr vertrauen?
Vertrauen scheint zum Schlüsselbegriff zu werden, mindestens drei verschiedene Stränge der Diskussion sind mir in den letzten Tagen aufgefallen.

Zunächst geht es um das notwendige Vertrauen zwischen Personen bei Geschäften im Internet. Das ist eine Herausforderung, der sich auch normale Marktplätze im Internet wie eBay stellen müssen. Über die gegenseitige Bewertung von Verkäufern und Käufern zum Beispiel wird dieses Vertrauensproblem gelöst. In China scheint eine ziemlich radikale Lösung in der Diskussion zu sein. Außerdem scheint eine Rolle zu spielen, dass es in China kein System der objektiven Prüfung der Kreditwürdigkeit gibt, wie z.B. in Deutschland das Schufa-System. Hierfür hat der "allmächtige" chinesische Staat nun eine patente Lösung parat. Der Economist schreibt in einer seiner neuesten Ausgabe über ein sogenanntes social-credit System in China, dass einem digitalen totalitären Staat eine perfekte Grundlage bieten würde. Zwar gibt es noch eine offen ausgetragene Diskussion innerhalb Chinas, was dafür spricht, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Aber sollte das kommen, wäre es schon eine ziemlich "schöne neue Welt".

Auch in den Ländern des alten Westend ist die Vertrauensfrage noch nicht abschließend gelöst. Hier verspricht die neue Technologie Blockchain eine interessante Lösung. Blockchain kann dazu dienen, Vertrauen ohne den lästigen und teuren Mittler Bank herzustellen und bedroht so das Kerngeschäft genau diese Banken. Ein Artikel des World Economic Forum darüber, wie Blockchain das Alltagsleben in vielen anderen Feldern beeinflussen könnte, von öffentlichem Nahverkehr bis hin zur Energieversorgung, zeigt aber auch, dass Blockchain das Vertrauensdilemma ganz grundsätzlich lösen und so viele Lebensbereiche entinstitutionalisieren könnte.

Zu guter Letzt: Nachdem Postfaktisch das Wort des Jahres wurde, passt dieser Chanson des Monats von Thomas Pigor zur schwindenden Wirkung von Zahlen, Daten und Fakten.

 

Montag, 12. Dezember 2016

Trendbarometer junge IKT Wirtschaft 2016

Während die Gründungszahlen in Deutschland weiterhin stagnieren oder rückläufig sind, haben wir (Leo Wangler, Kristina Brylla und ich vom IIT sowie Christiane Kerlen) im Rahmen unserer Wirkungsanalyse des Gründerwettbewerbs Digitale Innovationen in der letzten Woche unser neues Trendbarometer Junge IKT-Wirtschaft veröffentlicht.


Für das aktuelle Trendbarometer des Gründerwettbewerb – Digitale Innovationen wurden erneut Gründer in 10 Themenbereichen nach ihrer Einschätzung des Gründungsgeschehens befragt: Auch wenn viele Start-ups die externe Finanzierung und die Mitarbeitergewinnung weiterhin als Herausforderung einschätzen, sind, ist ihre Zukunftserwartung insgesamt doch positiv. Chancen sehen viele Gründer bei der Einstellung von Mitarbeitern aus dem Ausland und beim Entstehen von Ökosystemen für Gründer in Großstädten wie Berlin, Hamburg und München.
Deutschland verfügt über wachsende, international wahrgenommene Start-up-Metropolen wie Berlin, München oder Hamburg, zeitweise konnte Berlin sogar den Titel einer europäischen Start-up-Hauptstadt für sich in Anspruch nehmen. Ein wichtiger Faktor hierfür ist der intensive Austausch zwischen den Start-ups und ihren Förderern in lebendigen Ökosystemen. Wie eng die Zusammenarbeit ist, zeigen einige Antworten der von uns befragten Unternehmen, zum Beispiel zum Erfahrungsaustausch über Köpfe. Immerhin 18 Prozent der Antwortenden kommen selbst aus einem anderen Start-up und konnten diese Erfahrung für die eigene Neugründung nutzen. Ebenso viele Unternehmen haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt, die aus anderen Start-ups kommen.


Eine wichtige Erkenntnis bei der Analyse funktionierender Start-up-Ökosysteme ist, dass sie sich ab einem gewissen Punkt aus sich selbst heraus weiter stärken, da ehemalige Gründerinnen und Gründer nun in neue Start-ups investieren oder diese als Mentoren stützen. Relativ neu ist der Ansatz, Start-up-Metropolen international miteinander zu vernetzen, um im Sinne eines Positiv-Summen-Spiels Mehrwert für beide Seiten zu generieren. So kooperieren beispielsweise Berlin und Tel Aviv, um den Austausch von Ideen, Köpfen und Kapital zu beschleunigen. 49 Prozent der von uns Befragten sehen hierin eher eine Chance, nur 19 Prozent eher eine Gefahr für deutsche Gründungsstandorte.
 
Das sind die zehn Thesen, die wir im Rahmen des Trendbarometers überprüft haben:
  1. Das aktuelle Geschäftsumfeld hat sich gegenüber dem Vorjahr leicht verschlechtert, die Erwartungen an die zukünftige Auftragsentwicklung sind hingegen ungebrochen positiv.
  2. Der Erfolg des bisherigen Gründerwettbewerbs hat zu einer Fortsetzung mit neuer Ausrichtung auf „Digitale Innovationen" geführt.
  3. Trotz historisch niedriger Zinsen bestehen für Start-ups weiterhin schwierige Finanzierungsbedingungen.
  4. Mit neuen Instrumenten der Wachstumsfinanzierung hat die Bundesregierung attraktive Angebote für die junge IKT-Wirtschaft entwickelt, die nun in die Breite getragen werden müssen.
  5. Der Mittelstand entwickelt sich zu einem interessanten und relevanten Kooperationspartner für die junge IKT-Wirtschaft mit erheblichem Potenzial.
  6. Fachkräfte weiterhin gesucht – insbesondere Entwickler, Programmierer und andere IT-Spezialisten fehlen der jungen IKT-Wirtschaft.
  7. Die aktuelle Migration nach Deutschland wird von der jungen IKT-Wirtschaft überwiegend als Chance wahrgenommen.
  8. Enge Verflechtungen in Start-up-Ökosystemen stärken den Gründungsstandort Deutschland zunehmend.
  9. Die Kooperation zwischen internationalen Start-up-Zentren wird als positiver Trend gesehen.
  10. Die Geschäftsmodelle der jungen IKT-Wirtschaft sind zukunftsweisend auf die Plattformökonomie ausgerichtet. Digitale Plattformen werden von den jungen IKT-Unternehmen überwiegend als Chance für das eigene Geschäftsmodell verstanden.

Freitag, 9. Dezember 2016

Magischer Digitalismus und Donald Trump

Hat schon mal jemand den Begriff "magischer Digitalismus" gehört? Ich bin erst kürzlich zum ersten Mal darüber gestolpert, und zwar in einem sehr lesenswerten Beitrag der Spiegel-Kolumne von Sascha Lobo. Es geht dabei um eine aufgeregte Diskussion in deutschen Medien rund um einen Beitrag des Schweizer Magazins, in dem die Praktiken einer datenbasierten Beratungseinrichtung im amerikanischen Wahlkampf debattiert wurde.

Viele hatten sich ja in der Zwischenzeit kritisch dazu geäußert, darunter "Gründerzeit" als Sprachrohr der Gründerszene. Die Plattform Carta meint in einem Beitrag, einen datengetrieben Mikro-Wahlkampf hätte es doch schon lange gegeben. In einem anderen Beitrag stellt sie die Wirksamkeit selbst in Frage bzw. fragt hier, was Psychologen wohl zu den angeblichen Persönlichkeits-Analysetechniken sagen. Die Seite "Netzpolitik" hat vorsorglich schon mal die deutschen Parteien befragt, ob sie vorhaben, ein solches "Wähler-Targeting" einzusetzen. Die Zeit hat sich dazu geäußert, der Spiegel und so weiter.

Sascha Lobo nun meinte, dass hinter der aufgeregten Diskussionen mal wieder ein Unverständnis digitaler Technologien stecke. Diesen würden erneut geradezu magische Fähigkeiten zugeschrieben, was die Durchleuchtung jedes einzelnen angehe genauso wie die Möglichkeiten der Manipulation.

Tatsächlich scheint die deutsche Bevölkerung ein wenig verunsichert zu sein ob der Möglichkeiten, die digitale Technologien bei der Beeinflussung, Verfälschung und Verdrehung von Tatsachen wie auch der Provokation von hasserfüllten Diskussionen bieten.

Schon länger gährt in Deutschland z.B. die Debatte um Filterblasen und Echokammern, in denen der arme Leser soziale Medien gefangen ist und nur noch das mitbekommt, was er sowieso schon weiß und immer dachte. Die Wissenschaft ist zwar mehr als unsicher ob es diese Filterblasen im beschriebenen Ausmaße tatsächlich gibt. Zumindest scheint der Effekt nicht unbedingt etwas mit Technologie zu tun haben, sondern eher in der Natur des Menschen begründet zu sein, und vermutlich dürften Filterblasen im deutschen Kontext, in dem sich die Menschen (noch) etwas anders informieren als in den USA, noch weniger wirksam sein.

Im deutschen Kontext spielte dann auch das Thema Social Bots eine Rolle, das nach einer Meldung über den drohenden Einsatz durch die AfD schnell in den politischen Diskurs aufgenommen wurde.  

Ein Thema, was in diesem Zusammenhang bislang nicht angesprochen wurde, betrifft den Einfluss von außen mit illegal erworbenen Informationen. Im amerikanischen Wahlkampf hatte es ja lange Zeit die Sorge vor massiven Störungen durch Russland gegeben. Und tatsächlich tauchten reihenweise Informationen auf, die nur durch Hacker-Angriffe besorgt werden konnten. Sie betrafen immer Hillary Clinton, und der Verdacht wurde in mehreren Artikeln gelehrt, dass dahinter der russische Geheimdienst stecke. War das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und Hillary den Sieg kostete? Ist vielleicht auch der deutsche Bundestagswahlkampf bedroht?

Hysterie und echte Herausforderung scheinen eng beieinander zu liegen.

P.S. kurz nachdem ich diesen Blog veröffentlicht habe, ist gerade das Thema der russischen Einflussnahme omnipräsent in der deutschen Medien Berichterstattung. Und auch die Diskussionen um Cambridge Analytics und andere Möglichkeiten der Manipulation sind weiterhin breit diskutiert, wie zum Beispiel dieser lesenswerte Artikel zeigt, drr einige Annahmen über Gerüchte im digitalen Zeitalter in Fragen stellt.

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Neues von der Gründungsfront

In den letzten Wochen ist wieder eine Reihe von neuen Studien über Startups und Gründer erschienen, über die es sich zu bloggen lohnt. Nicht dass sich besonders viel Sensationelles getan hätte. Zumindest für Deutschland gilt weiterhin, eine echte Dynamik und Steigerung der Gründungszahlen ist nicht zu erwarten. Aber trotzdem, ein paar Details sind durchaus interessant.

Zum Beispiel wurde im November der European Startup Monitor veröffentlicht, der in den meisten europäischen Ländern ein stärkere Internationalisierung der Gründung beobachtet. Deutlich mehr Gründer haben eine andere Nationalität als die des Landes, indem sie gründen. Eine stärkere Internationalisierung lässt sich auch für Deutschland beobachten, wie der ebenfalls vor kurzem erst veröffentlichte Deutsche Startup Monitor fest stellt, hier allerdings insbesondere für die stärker internationale Belegschaft der Startups. Und auf diesem Zug sind ja auch eine Reihe von Initiativen aufgesprungen, die, wie zum Beispiel in Berlin, Gründer weltweit vernetzten und für ihren jeweiligen Standort gewinnen wollen.

Erst in der vergangenen Woche hatte das Bundeswirtschaftsministerium eine neue Studie veröffentlicht, die zeigt, wie Gründung aktiv die Menschen mit ausländischen Wurzeln in Deutschland sind. Ein Kollege von mir war auf der Veranstaltung, auf der die Studie präsentiert wurde. Er war insbesondere beeindruckt von den persönlichen Berichten einiger Gründerinnen und Gründer, die auf der Veranstaltung auftraten. Die Botschaft wird in Deutschland gern gehört, wie diverse Medienberichte über die Studie zeigen, ich zum Beispiel hier im Spiegel oder auf bento. Allerdings muss man auch sehen, dass die allermeisten Gründungen von Personen mit ausländischer Herkunft in Deutschland im Bereich Handel oder Dienstleistungen liegen, also nicht unbedingt bei den Hochtechnologien. Aber das ist natürlich auch für deutsche Gründerinnen und Gründer so. Würde man die leicht ansteigende Zahl der ausländischen Gründungen aus der Gesamtzahl herausrechnen, so wäre der deutsche Gründungstrend übrigens noch negativer.

Lustig fand ich, wie der deutsche Startup Monitor aus der wachsenden Zahl an Startups, die er mittlerweile auf seinem Radar hat, auf eine Diversifizierung der Szene schließt. Aus eine Dominanz weniger Gründungsmetropolen wie Berlin und München wird jetzt eine vielfältige Landschaft, die sich über diverse Städte in ganz Deutschland erstreckt. Mir scheint dies eher eine Frage der Methodik und der damit erreichten Grundgesamtheit zu sein als tatsächlich ein Indiz für einen Trend hin zu einer vielfältigeren Szenen. Andere Medien jedoch machen daraus den Aufruf an potentielle Gründerinnen und Gründer, nicht nach Berlin zu gehen, sondern nach zum Beispiel Aachen.

Und tatsächlich ähnlicher praktisch flächendeckend alle Kommunen, Regionen, Länder und Staaten darum, ihre lokale Gründerszene zu stärken. Ob das aber manchmal vergebliche Liebesmüh ist, fragt sich die nachfolgende Studie, die Faktoren zur Gründungsneigung untersucht hat und zu dem Schluss kommt, dass der familiäre Hintergrund, aber sogar auch grundsätzliche Dispositionen die Gründungsneigung befördern sollen. Zum Gründer geboren? Dann wäre möglicherweise tatsächlich so manche politische Initiative vollkommen vergeblich, weil an ein Zielpublikum gerichtet, dass nie zum Gründer entwickelt werden kann. Und dann wäre natürlich auch der letzte Hoffnunganker ein Zuzug vieler gründungsgeeigneter Menschen.

Ich vermute hinter den unterschiedlichen Gründungsdynamiken ja eher systemische Faktoren, die von Arbeitsmarktregelungen über kulturelle Wertungen hinsichtlich der Selbständigkeit bis hin zu vorherrschenden Branchenstrukturen reichen. Und außerdem lässt sich zumindest für die westlichen Industrieländer auch ein ziemlich ähnlicher Trend, wenngleich auch von einem unterschiedlichen Ausgangsniveau, beobachten. Nämlich der Trend nach unten.

Ich war kürzlich auf einer Veranstaltung von Innovationsökonomen, die darin zum Teil einen weiterer Beleg dafür gesehen haben, dass wir es tatsächlich mit so etwas ähnlichem wie einer sekulären Stagnation zu tun haben, dass also der Innovationsmotor insgesamt mehrere Gänge zurückgeschaltet hat. Am zurückgehende Produktivitätswachstum können man das gut festmachen.

Womit ich bei meinem letzten Thema wäre. Die OECD hatte im vergangenen Jahr dem Produktivitätswachstum eine eigene größere Studie gewidmet. Bislang ist sie in deutschen Medien nur wenig rezipiert worden, gerade erst habe ich einen Artikel im Economist gelesen, der jetzt, ein Jahr später, auf diese Studie verweist. Und auf der eben erwähnten Veranstaltung war auch ein Vertreter der OECD, der seine persönliche Meinung zum rückläufigen Produktivitätswachstum und insbesondere zur rückläufigen Innovationsneigung deutscher mittelständischer Unternehmen kundtat. Seiner Meinung nach könnte dies auch durch den zu schwachen Innovationsdruck auf deutsche Unternehmen kommen, der insbesondere in den letzten 10 bis 15 Jahren durch den Euroraum und den daraus für deutsche Unternehmen stehenden Wettbewerbsvorteil entstanden ist. Fehlt es also an Krisen, um wieder innovativ zu werden? Dann wären ja die letzten Meldungen aus Wolfsburg und anderen automobilen Zentren eher Anlass zur Hoffnung. Aber das ist dann doch irgendwie paradox.

 

Samstag, 19. November 2016

Google, Trump, Merkel und der Untergang des Automobillandes Deutschland

Irgendwie hängt ja alles mit allem zusammen, wenn man nur genügend Bindeglieder dazwischen sucht. Ein schönes Beispiel für diese Erkenntnis hat Google gerade spielerisch ins Netz gestellt und gleichzeitig bewiesen, dass seine künstliche Intelligenz im Bereich der Bilderkennung schon beachtliche Fortschritte macht. Der menschliche Mitspieler soll zwei beliebige Kunstwerke benennen, Google zeigt dann, wie diese über mehrere Zwischenschritte miteinander zusammenhängen könnten. Ich habe ein bisschen damit rumgespielt, mich überzeugt nicht jeder Zwischenschritt, aber sei es drum.

Was hat das nun mit dem Titel des heutigen Blogeintrags zu tun? Beginnen wir mit einer Meldung, die gestern über den Äther ging und schon heute die Kommentatoren der meisten Medien beschäftigt. Volkswagen hat das Ergebnis seiner Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Unternehmensführung zum so genannten Zukunftspakt bekannt gegeben. Demnach werden bis zu 30.000 Arbeitsplätze in den nächsten Jahren wegfallen, davon etwa zwei Drittel, in einigen Berichten werden etwa 23.000 Land, auch in Deutschland. Als Begründung wird nicht allein das Problem mit den manipulierten Abgaswerten in den USA genannt, wesentlich scheint die Umorientierung des Konzerns auf die Elektromobilität sowie auf eine digitalisierte Fertigung im Zeichen von Industrie 4.0 zu sein, die zu einer deutlich weniger arbeitsintensiven Fertigung führen dürfte. Ein schönes Beispiel dafür, wie Automatisierung und technologischer Wandel auch in Deutschland zu einem Rückgang an Arbeitsplätzen führen könnte. Und dies ist noch das optimistisches Szenario, dass VW grundsätzlich seine Marktanteile behält.

Das ist genau die Art von Szenarien, die weite Teile der Gesellschaft in der Zwischenzeit doch ein wenig verunsichert. Und möglicherweise auch zum Anstieg des Populismus in vielen Ländern beigetragen hat, wir Donald Trump. Weniger technologiepolitisch, als vielmehr sozialpolitisch scheint nun die CDU reagieren zu wollen, zumindest legen das die ersten Berichte über das kommende Wahlprogramm der CDU nahe, das gerade diskutiert wird. Die CDU will sich darin insbesondere der verunsicherten Mittelschicht, den Modernisierungsverlierern annehmen.

Und auch die Europäische Kommission versucht gerade in ihren Haushaltsbeschlüssen für das nächste Jahr, zumindest symbolisch deutlich zu machen, dass sie auch in eine nachhaltige, sozial ausgewogene Wachstumspolitik investieren möchte.

Und was hat das jetzt alles mit Google zu tun? Diesen Bogen muss ich noch bekommen. Gleichzeitig zu dem oben genannten Bilderverkettungsspiel hat Google auch ein anderes Spielchen veröffentlicht, indem der menschliche Nutzer mit seinem künstlichen Gegenüber digitale Montagsmaler spielen kann. Begriffe müssen auf den Bildschirm schnell skizziert werden, die KI sagt dann, was das Ganze darstellen soll. Probieren Sie's, es ist beeindruckend, wie gut die Trefferquoten des Google-Algorithmus sind. Und das sind natürlich genau die Technologien der Bilderkennung, die zum Durchbruch des autonomen Fahrens führen werden. Dem nächsten Technologie Schwenk, wo wir die Elektromobilität noch gar nicht richtig verarbeitet haben.

Angesichts dieser technologischen Umwälzungen und der drohenden Populismusflut wird einem ganz Angst und Bange, wie wäre es damit ein wenig Hygge, dem neuen dänischen Exportschlager zum Wohlfühlen und glücklich werden. Die Süddeutsche hat in ihrer Wochenendausgabe gerade diesen Hype ein wenig demontiert und seine regressiven Momente aufgedeckt. Die rechte Lektüre für ein kuscheliges Wochenende auf dem Sofa.

Samstag, 12. November 2016

Trump und nun

Das erschütternde Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen beschäftigt die Medien landauf und landab, und irgendwie komme auch ich nicht drumherum, meinen Senf dazu zu geben. Im Moment wird wirklich jedes Detail des Wahlkampf und das Wahlergebnis sowie alle möglichen Zukünfte heiß diskutiert. In diesem Kontext sind natürlich auch viele spannende Fragen rund um die Rolle von Technik oder die Zukunft von Wissenschaft und Innovation mit dabei.
Zunächst beschäftigt uns alle natürlich die Frage, wie es dazu kommen konnte dass diese Person die Wahlen gewonnen hat. Ein Erklärungsansatz ist wie schon beim Brexit die sogenannte Filter bubble, also das Phänomen, dass in elektronische Medien vor allen Dingen die eigene Meinungen und Ansichten widergespiegelt werden und jeder glücklich in seiner Blase die Welt nur noch so sieht, wie er sie sowieso schon immer zu sein glaubte. Das Konzept Filter Bubble ist zwar beliebt, aber deswegen nicht unbedingt richtig, wie die Seite gezeigt. Gleichwohl macht die monopolartige Stellung der Internetkonzerne gehörig Angst, und so gibt es eine Reihe von Vermutungen über technisch bedingte oder absichtliche Manipulation des Informationszugang per Google Suche oder Facebook. Zuckerberg hat diese Unterstellung gerade entrüstet von sich gewiesen.
Oder ist es kein Problem der Wahrnehmung, sondern handfester Realitäten? Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass die Profiteure des technologischen Wandels in den Metropolen der West- und Ostküste Leben und die sogenannte abgehängte Mittelschicht in der Mitte nun genug hatte und für einen Sieg von Trum gesorgt hat. Das Silicon Valley scheint jedenfalls gehörig geschockt zu sein. Oder ist es doch die Finanzkrise? Studien zeigen ja, dass nach solchen Finanz- und Wirtschaftskrise nimmer die extrem Positionen Zulauf bekommen. Findet hier eine Rebellion gegen die Globalisierung statt? Was ist eine ganze vierte diese, es gibt aber auch eine Reihe von Autoren, die solchen wirtschaftlichen Faktoren weniger Gewicht beimessen und stärker eine Art Kulturkampf gegen die Moderne am Werke sehen.
Da man über Trump und seine konkreten Ziele so wenig weiß, beschäftigt sich das politische Amerika im Moment vor allen Dingen damit, wie sein Team aussehen wird. Und das ist aus der Sicht von Wissenschaft, Forschung und Innovation einigermaßen beunruhigend. So wird beispielsweise ein dezidierter Leugner des Klimawandels als Chef der Umweltbehörde gehandelt, oder dem legendäre Newt Gingrich eine wichtige Rolle in der Wissenschaftspolitik zugeschrieben. Aber auch die Wahlkampfäußerungen machen nicht gerade Lust auf einen Präsidenten Trump und seine Forschungs- und Innovationspolitik. Dabei kommen möglicherweise enorme Herausforderungen und weitreichende Entscheidungen in der Wissenschaftspolitik auf den neuen Präsidenten zu.
Die Wissenschaft hat nicht nur Angst vor einem Präsidenten Trump, nein, sie fühlt sich auch ein klein wenig mit schuldig. Wenn nun Klimawandelleugner und andere Realitätsverweigerer die amerikanische Politik bestimmen, liegt dies auch an einer gescheiterten Wissenschaftskommunikation? Naja, ich weiß nicht.



Update: Hier noch eine sehr lesenswerte Zusammenstellung der aktuellen Diskussion um Trump und die Wissenschaft von den Kollegen von "Kooperation International"

2. Update: Und hier noch ein Artikel der FAZ zum Entsetzen der TechnoBranche des Silicon Valley über den Wahlausgang
3. Update: Und hier noch ein etwas skurriler (oder wenn er den Kern treffen sollte eher erschreckender) Bericht darüber, dass ein Algorithmus angeblich für Clintons gescheiterte Wahlkampfstrategie verantwortlich sei - und Trump einfach den besseren Algorithmus hatte?
4. Update: Auch wenn es langsam zur Linksammlung wird, hier noch der Hinweis auf ein Zusammenstellung von ITIF, einem amerikanischen Think Tank zur Innovationspolitik, zu den Positionen des neuen Präsidenten zur Innovations- und Technologiepolitik. Zwar drückt sich ITIF etwas um die explizite Bewertung, scheint aber zwischen den Zeilen not amused ...

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Gescheiterte Innovationen

Letzte Woche war ich auf der Jahrestagung des Programms ZIM des Bundeswirtschaftsministeriums, des großen Mittelstands-Innovationsförderprogramms. Die Keynote hielt Professor Reinhold Bauer, seines Zeichens Technikhistoriker. Thema war wenn innovationen scheitern. Professor Bauer illustrierte in einem launigen Vortrag, wie gute Ideen aufgrund widriger Rahmenbedingungen oder eines schlechten Timings dann doch kein Markterfolg werden, oder wie Ideen an Nutzern und Nutzen vorbei entwickelt werden. Seine zentrale Motivation für diesen Vortrag war, am Beispiel der gescheiterten innovationen zu zeigen, dass auch erfolgreiche Innovationen nur aus ihrem historischen und gesellschaftlichen Kontext heraus zu verstehen sind. Sie sind nicht perse Objektiv gut, sondern eben zum richtigen Zeitpunkt mit Glück und Verstand zu erfolgreichen Innovationen geworden. Diese These vertritt Professor Bauer übrigens nicht nur Zeit vielen Jahren in Büchern, Aufsätzen oder Vorträgen. Sie sind auch in diversen Artikel und Interviews nachzulesen, zum Beispiel hier in der Süddeutschen oder hier auf brand eins.

Kurz zuvor hatte ich eine zweiteiligen Blogbeitrag (hier und hier) zum Thema technischer Rückschritt gelesen, der ganz gut zu diesem Beitrag passt. Es ging darum, dass Innovationen nicht immer nur einen gesellschaftlichen Fortschritt bedeuten, dass sie nicht immer wohltuend und Segen bringend sind, sondern z.B. auch zu Pfadabhängigkeiten führen können. Beispiele sind Druckerpatronen zu überhöhten Preisen, Geräte, die sich nicht reparieren lassen, rebound-Effekte und so weiter und so fort.

Mir war gerade der zweite Beitrag ein bisschen zu Technik-pessimistisch. Klar, nicht alles was neu ist, ist immer auch sinnvoll. Und natürlich handeln Firmen zweckrational und nutzen mögliche Abhängigkeiten der Kunden zu ihrem eigenen Vorteil aus. Ob sie nun neue Technologie dafür nutzen oder andere Mechanismen, ist letztendlich egal. Aber zusammen mit dem erstgenannten Vortrag wird für mich dann doch ein rundes Bilder raus. Innovationen sind weder dann immer gut und richtig, wenn sie sich am Markt durchgesetzt haben. Noch sind in einem konkreten historischen Moment und  an einem Ort gescheiterte Innovationen per se untauglich.

Ist halt irgendwie doch alles relativ ...

Dienstag, 18. Oktober 2016

Vom Ende der Arbeit? Elektromobilität

Am Beispiel der Mobilität kann man schön sehen, wie regulative politische Instrumente zum Treiber innovativer Prozesse werden können. Am Anfang stand das politische Ziel, die Belastung von Mensch, Umwelt und Klima durch die Abgase klassischer Verbrennungsmotoren deutlich zu reduzieren. Insbesondere in den USA waren einige Bundesstaaten Vorreiter dabei, durch äußerst strenge Vorgaben zu Abgasemissionen die Automobilindustrie unter Druck zu setzen. Die Idee dahinter war, die Automobilindustrie zur Entwicklung neuer Motorkonzepte zu zwingen, die weniger Abgase verursachen. Bei einem namhaften deutschen Unternehmen hat dies leider innovative Energie in ganz ungeahnter Richtung freigesetzt. Besagter Konzern muss jetzt mit den Folgen dieser Richtungsentscheidung umgehen.

Gleichzeitig wird der Konzern von den Folgen technologischer Entwicklungen in mindestens zwei Dimensionen überholt, oder zumindest befürchtet dies der Betriebsrat, der diesen Konzernen eine ziemlich starke Rolle hat. Zum einen könnte ein heute erst am Horizont abziehbarer, durchschlagender Erfolg der Elektromobilität dazu führen, dass klassische Verbrennungsmotoren kaum noch gebaut werden. Die Produktion von Elektromotoren hingegen braucht deutlich weniger Arbeitskräfte. Wie schafft man es aber, trotzdem Arbeit am Standort Deutschland zu sichern? Möglicherweise durch den Aufbau einer Batterieproduktion? Das wäre ein Novum in Deutschland, andere Autokonzerne sprechen sich bislang dezidiert dagegen aus.

Aber ganz abgesehen von diesem Schwenk hin zur Elektromobilität wird die Produktion in Zeiten von Industrie 4.0 voraussichtlich weniger menschliche Arbeit in Anspruch nehmen als bislang. Auch dies beschäftigt den oben genannten Betriebsrat und soll Teil des Zukunftspaktes mit der Geschäftsführung werden. Weiterbildungsmaßnahmen und um Qualifizierungen sollen dazu beitragen, dass auch der Teil der Belegschaft, der durch die weitere Automatisierung nicht mehr gebraucht wird, an anderen Prozessen umgesetzt wird.

Die ARD hat übrigens in der nächsten Woche einen Themenschwerpunkt zur Zukunft der Arbeit in Zeiten von Industrie 4.0. Viele Sendungen im Fernsehen und im Radio sind zu erwarten, ich habe mir schon einmal die Hintergrundreportage angeschaut, aber in der Langversion, wie sie vor einiger Zeit auf Arte lief. Eine gute Zusammenfassung der aktuellen Situation mit, wie ich finde, schön illustrierten Beispielen.

Samstag, 15. Oktober 2016

Was bedeuten die Wirtschaftsnobelpreise für die Innovationspolitik,

Im Herbst ist Nobelpreis-Zeit. Jedes Jahr aufs Neue kürt die Schwedische Akademie der Wissenschaften die Nobelpreisträger, und da Alfred Nobel für die Wirtschaftswissenschaften einen solchen Preis nicht vorgesehen hatte, heilt die schwedische Reichsbank dieses bedauerliche Versehen durch einen eigenen Preis, den Alfred Nobel Gedächtnispreis, landläufig als Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften bezeichnet.

Ob diese Preisstiftung nun ein fieses, neoliberales Komplott gegen die Sozialdemokratie war, wie dieser Artikel behauptet, oder nicht, kann ich nicht einschätzen. Ich merke nur jedes Mal aufs Neue, dass ich ein einfacher Feld-Wald-Wiesen-Politologe bin und von den ausgezeichneten Wissenschaftlern in der Regel noch nie gehört habe. Und ich glaube nicht, dass das daran liegt, dass in der Regel Arbeiten ausgezeichnet werden, die schon 20 Jahre zurückliegen, damit da Preiskomitee sicher sein kann, nicht aufs falsche Pferd zu setzen.

Dabei lohnt sich auch aus Innovationspolitischer Sicht ein Blick auf die Thesen der jeweiligen Preisträger. Zum Beispiel habe ich zufällig gerade ein Buch des Nobelpreisträgers von 2012, Alvin E. Roth, gelesen, der sich mit Marktdesign beschäftigt. Gott sei Dank war es ein populärwissenschaftliches Buch, also auch für Politologen verständlich. Das Buch hat in der Tat, wie auch diese Rezension meint, einige Längen, trotzdem fand ich es erhellend. Zum Beispiel hat es mir noch einmal deutlich gemacht, wie stark die meisten Internet-Geschäftsmodelle, vor allem natürlich die digitale Marktplätze, auf neues Marktdesign setzen. Ein echtes Déjà Vue beschlich mich bei der Schilderung der Vergabe von Schulplätzen in den USA. Gleichen die beschriebenen Marktversagen nicht der Situation in Berlin, wo Kinder schon vor der Geburt für Kita und Schule angemeldet sein müssen, und dennoch ein chaotischer und ungeregelter Prozess dazu führt, dass bis zur letzten Minute keiner weiss, wer welchen Platz bekommt. Hier hätte ein wenig Politikberatung durch Herrn Roth gutgetan ..

Auch der Jahrgang 2016 ist nicht uninteressant. Dieser Beitrag von SWR2 versucht, die Kernthemen der aktuellen Nobelpreisträger zu erklären. Dabei scheinen die Steckenpferde der beiden frisch gekürte Nobelpreisträger durchaus Relevanz für das Innovationsgeschichte zu haben. Zum Beispiel, was die Beziehungen zwischen Gründern und Investoren angeht. So zumindest fasst der Blog von Gründerszene die Äußerungen von Oliver Hart zusammen. Wer in welcher Situation wie viele Anteile bekommt, scheint ein entscheidender Faktor zu sein. Und die Botschaft scheint laut des zitierten Artikel zu lauten: seid nicht zu gierig.

Ein anderer Beitrag verweist auf den Erklärungsgehalt der aktuellen Nobelpreisträger und ihre Theorien für eine sehr beschränkte Risiko- und Innovationsorientiertung in größeren Unternehmen, die ebenfalls auf ein Principal-Agent-Dilemma zurückgeht.

Über den letztjährigen Preisträger Angus Deaton hatte ich auch noch nicht gebloggt, aber schon zu einem seiner Themen, den randomised controlled trials. Hier noch ein Link auf ein neues Papier von ihm zu eben diesen randomised controlled trials.

Und nun eine letzte Bitte an die schwedische Reichsbank. Bitte akzeptiert nur Preisträger, die ihre Theorien auch im allgemein verständlichen Büchern vorab publiziert haben. Den Politologen zuliebe.

Samstag, 8. Oktober 2016

Matrix und Cyborgs

Wer einmal einen Fiebertraum hatte, weiß, dass die Unterscheidung zwischen Realität und Traum manchmal schwer fällt. Im normalen Wachzustand sollte dies dann aber doch klar und eindeutig sein, außer ... Außer die Illusion ist so perfekt, dass man darauf reinfallen muss. Das ist der Kern der Simulations-Hypothese, die seit geraumer Zeit insbesondere in den USA ihr Unwesen treibt. Gerade erst habe ich wieder einen Artikel gelesen, der behauptet, zwei Multimilliardäre aus dem Silicon Valley würden jetzt Wissenschaftler bezahl, die Simulation-Hypothese zu beweisen. Zitiert wird dabei ein Artikel im New Yorker. Es ist nur ein sehr kleiner Abschnitt in einem sehr langen Text:

Many people in Silicon Valley have become obsessed with the simulation hypothesis, the argument that what we experience as reality is in fact fabricated in a computer; two tech billionaires have gone so far as to secretly engage scientists to work on breaking us out of the simulation.

Ich hielt die ganze Diskussion bis vor kurzem für einen ziemlich spinnerte Idee einzelner Verrückter. Dann habe ich nachgegoogelt und gemerkt, dass dies eine seit langem mit überraschender Ernsthaftigkeit geführte Debatte ist (was natürlich weiterhin nicht in Frage stellt, daß es eine ziemlich spinnerte Idee ist). Hier ist eine Website, die alle möglichen Quellen und Artikel zum Thema zusammengestellt hatten.

Ich habe mich dann als nächstes gefragt, was eigentlich gerade heute zum aufpoppen solche Fantasien geführt hat. Natürlich ist es möglich, dass der absurde Wahlkampf um das Präsidentenamt in den USA die Amerikaner zu der Einsicht gebracht hat, dass dies nicht die Wirklichkeit sein kann. Na ja, wirklich plausibel ist das natürlich nicht.

Vielleicht sind es ja auch die ersten Erfahrungen in der Virtual Reality, die mit den neuen 3D Brillen von Google, Samsung und Oculus Rift möglich sind. Ich habe zwar nur mit der Billigvariante von Google herumexperimentiert, fand aber die Erfahrungen wirklich beeindruckend. Eine Achterbahnfahrt mit Google Cardboard, da bin ich ganz froh, dass das nur eine Simulation ist und ich die Brille wieder absetzen kann. Man kann aber auch in andere Menschen schlüpfen und spannende Erfahrungen machen,
zum Beispiel die Welt aus der Perspektive eines Autisten erfahren.

Vielleicht sind die Vertreter der Simulationshypothese aber auch nur, nun ja, ein wenig verrückt? In der klinischen Psychologie wird ja der krankhafte Realitätsverlust als Psychose bezeichnet. Andererseits ist die philosophische Auseinandersetzung mit der Realität sowohl in Europa wie auch im fernen Osten seit der Antike verbreitet. In China zum Beispiel gibt es hier für die Metapher des Schmetterlingstraums, über den ein chinesischer Philosoph im dritten Jahrhundert vor Christus berichtet. Er träumt, er sei ein Schmetterling, erwacht daraus und ist wieder er selbst. Oder ist er nur der Schmetterling, der davon träumt ein Mensch zu sein?

Das Zweifeln an der Wirklichkeit der Realitätswahrnehmung hat also eine lange Tradition und kann nicht gleich als Spinnerei abgetan werden. Und auch der Auftrag an die Wissenschaftler reiht sich ein in eine solche Tradition. Was hier die Suche nach den Schöpfern der Matrix ist, war in der christlichen Tradition die Frage nach dem Gottesbeweis, die manchmal ganz logisch-mathematisch gelöst wurde.

Die Frage nach Wirklichkeit oder Simulation durchzieht die Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Wenn Maschinen intelligent werden, kann ich dann mit ihnen einen Dialog führen wie mit einem normalen Menschen? Entscheidet meine Illusion über die Menschennatur meines Gegenüber, ob dieser Gegenüber intelligent ist? Ist das nicht der tiefere Sinn des Turing-Tests?

Vielleicht ist aber die eigentliche Simulation diejenige, die wir in unserer Fantasie vornehmen oder in Filmen und Büchern Wirklichkeit werden lassen. Und diese Fantasien nehmen wir dann auch mit in die Wirklichkeit, sie sind unsere 3D Brillen, die dem Blick auf die reale Welt um schreiben.

Wie Science Fiction -Fantasien instrumentalisiert werden, um neue Wirklichkeiten zu schaffen, lässt sich meiner Meinung nach ganz schön am Beispiel des Cybathlon zeigen, der gerade in Zürich stattgefunden hat. Es ist eine Art Leistungsschau der Prothetik, die als Wettkampf, als Challenge inszeniert wurde und mit den Begriffen des Cyborg spielt. Dabei sind die Aufgaben, die hier in Wettkämpfen zu meisten sind, sehr nah an den Alltagsherausforderungen von Menschen mit Einschränkungen. Es sind keine europäischen Paralympics, sondern ein publikumswirksame Testlauf alltagstauglicher Assistenzsysteme. Aber die Inszenierung hat funktioniert, die Medienresonanz war ziemlich groß. Und wenn Prothetik hip Stadt tabuisiert wird, ist das ein schöner Erfolg. Die schönsten Beiträge zum Cybathlon finden sich hier, hier, hier, hier und hier.

Donnerstag, 29. September 2016

Jahrestagung der EES: Tag 2

(dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog des AK FTI der DeGEval)

Auch der zweite Tag der europäischen Evaluationskonferenz war wieder sehr dicht gepackt, mit bis zu 20 nebeneinander laufenden Parallelsession. Entsprechend gering war zum Teil auch der Zulauf, sodass manchmal mehr Präsentator als Zuhörer in einem Raum waren. Gleichwohl waren die Diskussionen in diesen kleinen Gruppen bisweilen intensiver als in gut gefüllten Vortragssälen. Und Anregendes gab es genug zu hören.

Gut gefallen hat mir zum Beispiel der Beitrag über ein Evaluationskonzept, das Startup-Inkubatoren in den Fokus nimmt. Die Herausforderung ist dabei wie so oft, kausale Zusammenhänge zwischen der Intervention und der später gemessenen Wirkung herzustellen. Der Präsentator betonte daher, dass es nicht um "attribution", sondern nur um "contribution" gehen können, also um den Beitrag, die eine Intervention zu einer gemessenen Wirkung voraussichtlich leisten kann. Zum Einsatz kam in diesem Fall die qualitative comparative analysis Technik.

In einer weiteren Session wurde ein Evaluationsansatz vorgestellt, der die Konzeptionsphase von der eigentlichen Evaluation abtrennt. In Großbritannien scheinen zunehmend Projekte ausgeschrieben zu werden, die zunächst einmal potentiell zu evaluierende Maßnahmen oder Politikfelder daraufhin untersuchen, welche Voraussetzungen für die spätere Evaluation vorhanden sein müssen. Sind zum Beispiel Zugänge zu notwendigen Daten gesichert, werden entsprechende Prozesse auch gemonitort, gibt es eine Programmtheorie, die Wirkvermutungen widerspiegelt? Am Ende steht ein Evaluationsdesign, das auch Angaben zu den am besten geeigneten methodischen Zugängen macht. Die eigentliche Evaluation wird dann erneut ausgeschrieben, und der Auftragnehmer der Vorstudie kann sich natürlich wieder bewerben. Nach Angaben des Präsentators werden mittlerweile 10% aller Evaluationen in Großbritannien entsprechend vorbereitet. Zwei seiner Beispiele betrafen Evaluation im Bereich FTI, eine eine Gründungsförderungsmaßnahme, eine andere ein Luftfahrtforschungsprogramm. Der Vorteil gegenüber einer integrierten Evaluation sei, dass diese Vorstudien relativ früh erfolgten, dass keine sehr lang laufenden Evaluationsprojekte ausgeschrieben werden müssten und dass der / die Programmverantwortliche eventuell einen neuen Auftragnehmer auswählen können, falls er/sie mit den Auftragnehmern der Vorstudie unzufrieden ist.

Ich selbst hatte heute auch zwei aktive Beiträge, den einen zu einem Ansatz der Analyse von spezifischen Technologie-Wertschöpfungsketten, die gerade bei der Technologieförderung beeinflusst werden sollen. Zusammen mit meiner Kollegin Christiane Kerlen haben wir ausgeführt, wie ein relativ erschöpfendes Mapping spezifischer Wertschöpfungsketten als Ausgangsdaten genutzt werden kann, um dann den Beitrag eines konkreten Programms zur Stärkung der selben zu argumentieren.

In einem zweiten Beitrag mit meiner Kollegin Sonja Kind haben wir beschrieben, wie die Nutzung unterschiedlicher methodischer Zugänge, in unserem Fall eines Online-Survey und qualitativer Fallstudien, zu widersprüchlichen Teilergebnisse führen kann, die dann erst in einer weiteren Interpretationsschleife, unter Zuhilfenahme von Experteneinschätzungen und Diskussionen mit dem Programmverantwortlichen, in einer final Interpretation des Endbericht münden.

Jahrestagung der EES - Tag 1

(dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog des AK FTI der DeGEval)

Nach der DeGEval-Konferenz in der letzten Woche startete heute die europäische Evaluationskonferenz in Maastricht. Die EES-Konferenz ist mit 600 Teilnehmern deutlich größer, entsprechend groß war auch die Herausforderung, im Konferenzprogramm die richtigen Sessions auszuwählen.

Schon der Auftakt war anders als in Salzburg. Es gab keine Keynote. In der Eröffnungssession wurde stattdessen die Simulation eines Evaluationsauftrags durch ein Panel von bekannten Evaluatoren diskutiert. Thema dieses fiktiven Auftrags war die Integration von Flüchtlingen in Armenien. Ich fand dies ein charmantes Design, um etwas grundsätzlicher typische Herausforderungen von Evaluationen zu diskutieren. Die Panel-Teilnehmer reagierten ganz unterschiedlich auf die Ausgangsfragestellung. Zwei von ihnen setzten auf Evidenz durch Sekundäranalyse. Im Sinne von "what works" (siehe hierzu auch die entsprechenden Institutionen in UK und den USA) plädieren sie z. B. dafür, erst mal zu sammeln, was es schon an Erkenntnissen gibt, oder mit Experten oder Institutionen zu reden, die zu dem Thema schon gearbeitet haben.

Elliot Stern, ebenfalls auf dem Panel, sprach sich als Anwalt der Politikberatung dafür aus, die Fallstudien eher als strategische Problemstellung zu behandeln und das Design der Evaluation entsprechend zukunftsgerichtet zu halten.

Tatsächlich war die ganze Fragestellung dieser hypothetischen Evaluationsaufgabe eher untypisch, weil sie nicht ein bestehendes Programm oder eine bereits umgesetzte Politikstrategie adressierte. Andererseits machte sie deutlich, wie nahe Evaluationen und in die Zukunft gerichtete Politikberatung eigentlich sind. Die Rekonstruktion von Programmtheorien und Modellen ist ja nichts anderes, als der Blick zurück auf die Strategieentwicklung der Vergangenheit zu werfen. Möglicherweise sollten Handlungsempfehlungen von Evaluationen stärker auch die Strategieentwicklung selbst in den Blick nehmen.

Am kontrovers in ganz Europa diskutierten Thema Flüchtlinge wurde auch ein anderer  Aspekt von Evaluationen deutlich. Evaluationen müssen in solchen Fällen Politik erklären, sie müssen deuten, framen, Geschichten erzählen. Die harten Fakten werden bei solch einem emotional diskutierten Thema nicht unbedingt überzeugen.

Eine weitere Session beschäftigte sich mit der Institutionalisierung von Evaluationskulturen in unterschiedlichen Ländern und der Rolle, die Evaluationsgesellschaften dabei spielen.

Mich hat dabei am meisten das Beispiel der Niederlande beeindruckt. Seit ein paar Jahren gibt es dort so genannte policy reviews, worunter Metaevaluation in ganzer Politikfelder zu verstehen sind, die auf Einzelevaluationen spezifischer Maßnahmen aufbauen und alle 7 Jahre erstellt werden sollten. Die Initiative hierzu ging vom Finanzministerium aus. Zuschnitt und Fokus solcher Politikfeldevaluation bleibt offen und in der Entscheidung des zuständigen Ressorts. Allerdings müssen die Ressorts in den Budgetverhandlungen jeweils einen Evaluationsplan für die nächsten 3 Jahre angeben. Den neuen Ansatz der policy Review es gibt es seit ein paar Jahren, heute sind es schon 20-25 pro Jahr. Ähnliches könnte man sich auch für Deutschland wünschen, zum Beispiel für die KMU-Förderung oder die Förderung im Bereich Elektromobilität.

Eine weitere Session des heutigen Tages stand im Zeichen einer begleitenden Programmevaluation in der Region Limburg, in der Maastricht liegt. Es geht um eine stärkere Unterstützung der Universitäten und ihrer Kooperationen untereinander und mit Unternehmen in den nächsten zehn Jahren. Ziel dieser Maßnahme ist es, das gesamte Innovationssystem der Regionen zu stärken und auf ganz unterschiedlichen Dimensionen Effekte zu erzielen. Entsprechend ambitiös ist auch das Evaluationskonzept, das diese Impacts mit einem sehr breiten Set an Indikatoren messen möchte und auch vor der Herausforderung steht, kausale Effekte in komplexen Systemen nachweisen zu können. Beeindruckend ist aber, dass schon jetzt Monitoringdaten gesammelt werden, und dies mit der Perspektive, erst in einigen Jahren (2024) die eigentliche Evaluation vorzunehmen.