Sonntag, 23. Juli 2017

Warum die Außerirdischen immer noch nicht da sind




Ein Lieblingsthema der Science Fiction Literatur und ihrer Verfilmung ist der Kontakt mit Außerirdischen. Entweder wir kommen durch die unendlichen Weiten des Weltraums zu ihnen, oder sie besuchen die Erde. Das geht dann meist unschön aus, aber aus Gründen eines notwendigen Happy End eher zu Lasten der Außerirdischen. Der Haken in der realen Welt ist nur, hier wurden bislang keine Außerirdischen gesichtet.

Milliarden und Abermilliarden werden in die planetare Raumfahrt gesteckt, vielleicht auch ein wenig in der Hoffnung, hier zumindest etwas Leben zu finden, wenn auch nicht echte Marsmenschen. Oder aber, man horcht mithilfe der Radioastronomie ins All und hofft auf Signale. Viele Menschen haben sich hier freiwillig im Rahmen des SETI-Projektes beteiligt, aber auch hier blieb der Erfolg aus, keine Botschaft, die Außerirdischen bleiben stumm. Vielleicht muss man ja auch nach ihnen rufen? So einige Botschaften wurden schon gesendet, von dem Pioneer-Sonden angefangen, die entsprechende Informationen über das Leben auf der Erde bei sich tragen, bis hin zu Botschaften per Radiofrequenz. Aktuell macht eine neue Diskussion hierzu die Runde. Astrophysiker wollen aufs Neue eine Nachricht hinaus ins All senden und rufen damit erhebliche Kritik hervor. Was ist, wenn wir gefährliche Wesen draußen im All damit auf uns aufmerksam machen, die dann schnell herein geflogen kommen, um die Menschheit zu versklaven oder gar auszulöschen? Dürfen Privatpersonen überhaupt ein solches Risiko für die Menschheit auf sich nehmen? Muss nicht die Menschheit als Ganzes entscheiden, und wer ist dann dafür verantwortlich, vielleicht die UNO? Naja, sei es drum, andere Wissenschaftler bezweifeln eher, dass das so überhaupt funktioniert mit dem Botschaften aussenden.

Manchmal ist die Kunst auch weiter als die Wissenschaft, der chinesische Roman Die drei Sonnen schaffte es Ende letzten Jahres auf die Bestenlisten, sogar Barack Obama habe ihn gelesen und wäre begeistert. Auch dort ging es darum, dass Menschen so leichtfertig sind, Außerirdischen eine Botschaft zu schicken und sie auf die Erde zu locken. In diesem Fall waren es frustrierte Chinesen, die traumatisiert durch die Kulturrevolution und die Umweltzerstörung von heute nur noch diesen Ausweg sahen.

Aber trotzdem bleibt die Frage, wo sind die Außerirdischen? Eine neue Theorie machte die letzten Tage die Runde. Demnach schlafen sie, und zwar nicht mehr als physische Lebewesen, sondern schon digital hochgeladen in die Cloud. Und die braucht Energie, und dafür wäre es schön, wenn das Weltall einfach schon ein wenig kälter wäre. Ein kleiner Winterschlaf, oder sollte man eher sagen Sommerschlaf, wäre da von Vorteil. Eine verrückte Theorie, dass geben sogar die Autoren zu, aber da wäre sie ja nicht die einzige. Vor einigen Jahren machte Nik Bostrom Schlagzeilen mit seinem Buch Superintelligence, und da ging es auch im Grunde um die Frage, warum wir von den Außerirdischen noch nichts gehört haben. Seine These war anders, nämlich: jede Zivilisation würde nicht lange überleben, weil sie zuvor schon die Box der Pandora geöffnet und künstlich Intelligenz geschaffen habe.

Da haben wir jetzt die Qual der Wahl. Die fiesen Außerirdischen rufen oder lieber von unseren eigenen digitalen Sklaven hingemeuchelt werden.

Samstag, 22. Juli 2017

Bildungsrevolution per Facebook?

Manchmal erscheint es geradezu zauberhaft, welche Segnungen uns die moderne Technologie verheißt. Sie kuriert uns von allen Krankheiten, sie bringt uns zum Mars, und auch Bildung für die Ärmsten der Armen wird plötzlich möglich. So zumindest erscheint es, wenn man den langen Artikel liest, den die Süddeutsche Zeitung heute früh veröffentlicht hat. Es geht um eine Bildungsrevolution in Afrika. Private Schulen, von Philanthropen aus dem Silicon Valley finanziert, mit Tablets ausgestattet und einer Standleitung nach Cambridge, USA, krempeln den Bildungsmarkt in den ärmsten Ländern Afrikas um und konkurrieren erfolgreich gegen das staatliche Schulsystem. Dahinter stecken Social Entrepreneurs, also Gründer, die sich sozialen Zielen verschrieben haben, gleichwohl aber auch ein bisschen Gewinn machen wollen. Der Erfolg dieser Schulen beruht auf mindestens vier Säulen: zum einen auf standardisierten Komponenten, gleiche Schuluniformen, gleiche Gebäude, gleiche Lernsoftware, das lässt sich gut skalieren und wird damit immer preiswerter. Zum zweiten eine bessere Organisation, die dafür sorgt, dass die Lehrer tatsächlich zum Unterricht erscheinen und nicht wie in den staatlichen Schulen oft zu Hause bleiben, weil sie nicht bezahlt werden. Hier schafft die internationale Organisation stabilere Strukturen, und die Schüler freut es. Zum dritten ist da die Software selbst, die eine individualisierte Lernbetreuung der Schüler möglich macht, und auch eine permanente Evaluation des Schulkonzepte selber. Und schließlich profitieren die Schuhe natürlich davon, dass sie potente Geldgeber im Rücken haben, Mark Zuckerberg von Facebook oder Bill Gates. Der Artikel der Süddeutschen Zeitung bleibt ambivalent, auf der einen Seite spricht der Erfolg der Schulen für sich, auf der anderen Seite werden auch Kritiker zitiert, die vor einer Privatisierung des Schulwesens warnen und sich Sorgen, dass die Silicon Valley -Größen jetzt auch die weltweite Bildung monopolisieren wollen.

Es mag ein Zufall sein, aber just diese Woche veröffentlichte auch der Economist einen langen Artikel zu der technologischen Revolution des Bildungsmarktes, in diesem Fall mit einem Schwerpunkt auf die USA, wo viele private Schulen mittlerweile entsprechende Software einsetzen, um ihren Schülern eine individualisierte Betreuung zu ermöglichen. Auch hier wird der Trend natürlich getrieben vom Silicon Valley, dort sind auch wieder die Schulen angesiedelt. Und auch hier verheißt die  technologiegetriebene Bildungsrevolution einen besseren Zugang insbesondere für die Armen und Vernachlässigten. Der Economist zitiert mehrere Studien, die den Erfolg dieser Technologien zu belegen scheinen. Und alle Verantwortlichen beteuern, dass die Zeit, die die Lehrkräfte durch ihre digitalen Assistenten sparen, selbstverständlich zu Wohle der Schüler und für eine individualisierte Betreuung derselben eingesetzt wird.

Von solchen Experimenten scheint Deutschland weit entfernt zu sein, hier stehen die meisten Verantwortlichen einem Einsatz digitaler Technologien in Schulen eher konservativ gegenüber. Gerade erst laufen erste Pilotprogramme zur Digitalisierung der Bildung in Schulen, aber über den Einsatz von Whiteboards oder der gelegentliche Nutzung des Handys sind die Schulen in der Regel nicht hinaus. Individualisiertes Training durch Lernalgorithmen? Zumindest nicht in staatlichen Schulen. Vielleicht hat ja der Misserfolg der Sprachlabore, die in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts fast  flächendeckend installiert wurden, die Verantwortlichen derart abgeschreckt, dass sie nicht schon wieder in nutzlose Technologie investieren wollen.

Vielleicht ist das Ganze aber auch nur ein Hype, der bald wieder in sich zusammenfällt. So wie massiv open online courses (MOOCS) an Universitäten 2013 und 2014 das Trendthema waren, von dem heute kein Mensch mehr spricht. Und trotzdem hatte die Digitalisierung der universitären Lehre riesige Fortschritte gemacht Ähnlich wird es sicher auch im Schulbereich sein.

Und bis es soweit ist, wird sich Bildungssoftware wohl weitgehend auf den Privatmarkt konzentrieren. Und hier auch ganz erfolgreich sein, wie es das Beispiel der Berliner Firma Babble zeigt, die von Deutschland aus den Weltmarkt mit ihrem Sprachlernprogramm erobert.

Samstag, 15. Juli 2017

Amerikas Big Brother schaut auch auf Deine Daten

Vor kurzem hatte ich über das Social Credit System in China berichtet.  Eigentlich könnte ich jetzt schon wieder ein Update schreiben bei den vielen Meldungen, die es über China als großes Experiment im Feld der künstlichen Intelligenz gibt. Zum Beispiel Gesichtserkennung, die quasi überall und ständig eingesetzt wird, um Menschen zu identifizieren und ihnen Zugang zu geben, sie zu verhaften oder einfach um zu wissen, was sie machen. Ein bisschen frage ich mich schon, warum die Meldungen über China in dieser Größenordnung erscheinen. Einerseits sicher, weil China in Sachen künstliche Intelligenz zu einer Supermacht geworden ist. Andererseits aber auch, weil China im kollektiven Unterbewussten des Westens ein wenig die Rolle der alten Sowjetunion übernommen hat. Groß und mächtig, mit einem anderen politischen und gesellschaftlichen Systemen, bedrohlich und faszinierend. Aber dann doch ganz anders als die Sowjetunion, weil China vielleicht in vielem die Zukunft unserer eigenen Gesellschaft widerspiegelt.

Aber heute möchte ich nicht weiter über China schreiben, sondern über den Antipoden, über die USA. Mit der Wahl Donald Trumps schickt sich unser transatlantischer Partner ein wenig an, auch zu einem Gegenmodell zu werden. Und in Sachen künstliche Intelligenz und Überwachung ist die USA schon länger ein gern gesuchtes Thema in deutschen Medien.

Neulich hörte ich eine interessante Reportage im Radio über den Einsatz von Algorithmen bei der Bewertung von Strafmaßen im amerikanischen Justizsystem. Es ging darum, die Wahrscheinlichkeit für die Resozialisierung der Straftäter abzuschätzen und sich dabei nicht mehr auf ein menschliches Urteil, sondern auf die Auswertung von größeren Daten und typischen Merkmalen einzelner Personen zu verlassen. Während die Chinesen also das Sozialverhalten ihrer Bürger allumfassend messen und bewerten, versuchen die Amerikaner gleich, ist vorauszusagen, zumindest für diese spezielle Zielgruppe. Schon in der Vergangenheit hatten ähnliche Ansätze für ziemliche Aufregung gesorgt, man denke nur an predictive policing, also den Versuch, der Polizei bei ihrer Arbeit dadurch zu helfen, dass man Straftaten schon vorab identifiziert, oder zumindest ihre Wahrscheinlichkeit hinreichend gut ab schätzt. Da dies Thema in Hollywood spätestens mit Minority Report vorweggenommen wurde, hatte die Fantasie des geneigten Leser viel Stoff, um sich die unerwünschten Folgen eines solchen Systems vorzustellen.

Der Clou des Radiobeitrags war aber eigentlich ein ganz anderer, nämlich die Tendenz solche Algorithmen, menschliche Vorurteile aus den riesigen Datenmengen, die sie für ihre Arbeit nutzen, quasi unbemerkt in ihre Entscheidungsalgorithmen zu übernehmen und damit ebenso vortureilsbeladen zu urteilen, wie dies ein Mensch tun würde. Mittlerweile habe ich zu diesem Thema eine Reihe andere Artikel gefunden, es scheint sich hier eine Diskussion abzuzeichnen, die zumindest in den USA recht erheblich ist. Bekanntgeworden war vor einiger Zeit der Fall einer Bilderkennungssoftware, die Menschen mit dunkler Hautfarbe als Affen bezeichnete! Ein mehr als peinlicher Fehler, der aber aus genau diesem Problem resultiert, dass Vorurteile allgegenwärtig sind, und auch in den vielen Daten stecken, die Systeme zum Training brauchen.

Ja, der große Bruder schaut auf uns alle, aber noch scheint er nicht schlau genug zu sein, um das, was er sieht, auch richtig zu interpretieren. Bislang plappert er noch zuviel einfach nach.

Samstag, 8. Juli 2017

Sex als Motor des Innovationsgeschehens (?)

Gewöhnlich verbindet man mit Hightech ja Autos, Medizintechnik oder Maschine und ähnliches. Das sind die innovativen Wachstumsbranchen in Deutschland, auf die auch die Politik ihr Augenmerk richtet. Dabei liegen die Treiber innovativer Prozesse häufig ganz woanders. Es sind die enormen Rechenleistungen, die moderne Computerspiele erfordern, die eine Generation nach der anderen von Laptops und PCs hervorbringen. Nur für Textverarbeitung würde auch das Modell von 1995 reichen. Wer bringt das erste Produkt aus dem 3D Druck auf den Massenmarkt? Adidas mit einem Turnschuh. Und die Sicherheitstechnik findet sich in einem steten Rüstungs- und Technologie Wettlauf mit der organisierten Cyberkriminalität.
Eine der schon fast klassischen Geschichten ist in diesem Kontext auch die Rolle der Sexindustrie für Innovationsprozesse. Immer wieder erzählt wird z.b., wie die Pornoindustrie an der Entwicklung der Videokassette mitwirkte und ausschlaggebend für denSieg des VHS Formats war. Ähnliches scheint sich heute im Bereich der Virtual Reality zu wiederholen. Brand Eins hat dem Thema im letzten Sommer einen schönen Artikel gewidmet. Deutlich beschrieben wird daher auch, unter welch enormen Druck diese Industrie heute steht, um nicht dasselbe Schicksal wie die Musikindustrie nach Einführung kostenloser Musikstreams zu erleiden. Die Süddeutsche hat das Thema Anfang diesen Jahres ebenfalls in  einem langen Artikel ausgebreitet, mit denen schon im Brand Eins beschrieben Themen und anderen Details der Innovationsgeschichte der Pornografie. Erste Bezahlmöglichkeiten im Internet oder Video Chats im Netz, alles eingeführt von den Trendsettern dieser Branche. Ähnliche Artikel finden sich in allen großen Medien, aber bis zu einem gewissen Grad mag da auch eine Rolle spielen, dass sich solche Artikel eben auch besonders gut verkaufen. Sex sells!
Im Moment sind Robotik und Sex die großen Trendthemen. Die Zeit schreibt darüber, welche neuen ethischen Fragen moderne Sexroboter aufwerfen. Eine gerade veröffentlichte Studie aus London zur sexuellen Zukunft mit Robotern mit mit sich dem Thema eher abwägend, sieht Vorteile (für Schüchterne, Ältere ...), aber auch große Gefahren (Missbrauch, Verrohung) einer solchen Entwicklung. Filmisch umgesetzt könnte ein oder andere dieses Szenario z.b. aus Westworld, wo das Ausleben von rohen Trieben an Robotern ein zentrales Motiv ist und schreckliche Folgen nach sich zieht. Etwas näher am realen Alltag ist das Szenario von real humans, eine Serie, die vor vier Jahren auf Arte lief. Auch hier spielt der sehr körperliche Kontakt mit Robotern eine entscheidende Rolle bei Miteinander zwischen Mensch und Maschine. Schließlich spielte ein sehr verführerische weibliche Roboter die Hauptrolle in Ex Machina. Aber auch James Brown sieht sich als unsere Sex Machine.

Kommt das jetzt wirklich? Bei den genannten Preisen für einen solchen Roboter wohl eher nur für eine sehr kleine Käufergruppe, aber die Phantasie scheint es halt doch anzuregen. Mir scheinen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität auch bei den Berichterstattung und diese echten Versuche von Sexrobotern doch weiterhin noch sehr unscharf.
Die Arte-Miniwebserie Cyberlove setzt das ganze Panoptikum der Wechselwirkungen von neuen Technologien und unserem Liebesleben in kurzen Filmen um, darunter auch zu Robotersex, aber ebenso zu Sextoys für die Fernbeziehung oder virtuellen Beziehungen in virtuellen Welten wie Second Life. Mit einem etwas anderen Dreh hat sich auch die re:publica, die große Konferenz zu den digitalen Themen von heute, mit Innovationen und ihrem Verhältnis zu Liebe und zwischenmenschlichen Beziehungen, auch auf einer sehr körperlichen Ebene, beschäftigt. Auch hier geht es darum, wie Dating Apps und Sexspielzeuge, unser aller Beziehungen verändern können. Hier scheint das Körperliche Phantasie,  Kreativität und Innovation durchaus anzuregen.
Vielleicht hat die etwas obsessive Beschäftigung der Technologie-Szene mit Sex aber auch etwas mit einer Kultur zu tun, die gerade eher durch Sexismus auffällt. Erst wurde der Uber Chef entlassen,  jetzt mehren sich die Meldungen über eine frauenfeindliche Technologie- und Gründerszene in den USA wie in Deutschland.
Kann denn Liebe Sünde sein?

Samstag, 1. Juli 2017

Ungleichheit II

Vor kurzem erst hatte ich mich zum Thema Ungleichheit ausgelassen, die eng verknüpft ist mit Technologiewandel und Innovation, aber auch mit der Globalisierung. Noch wird die Debatte auch in Deutschland kontrovers geführt, ob wir überhaupt eine steigende Ungleichheit beobachten können. Ich hatte in meinem letzten Blogartikel die OECD Studie "Skills Outlook" zitiert, die für die OECD-Lände in den letzten 10 Jahren ein deutliches Auseinanderentwickeln der oberen und unteren Qualifikationsgruppen beschrieb und insbesondere für den mittleren Qualifikationsbereich einen Rückgang feststellte. Kurz darauf veröffentlichte die Zeit einen Beitrag, indem diese OECD Ergebnisse zumindest für Deutschland in Frage gestellt wurden. Mit dem Ausgangsdaten der OECD und Daten des Institut für Arbeitsmarktforschung zeigten die Autoren, dass es zwar zu Beginn der untersuchten Periode tatsächlich einen Rückgang der mittleren Qualifikationsniveaus zugunsten der unteren und oberen Qualifikationsniveaus gab, seitdem aber eher ein Trend zur Aufwärtsqualifizierung zu beobachten ist. Und dies hat natürlich auch Folgen für die Entlohnung und damit für die potentielle Ungleichheit in Deutschland.

Trotz dieser Scharmützel ist es aber auch in Deutschland mittlerweile angekommen, dass insbesondere in Zeiten der Digitalisierung und Automatisierung eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden besteht, weil Ungleichheiten tendenziell zunehmen. Interessant fand ich daher die letzten Tage, dass es durchaus Bemühungen gibt, hier noch regelnd einzugreifen oder zumindest die Folgen zu lindern.

Für Aufsehen hat die Entscheidung der EU-Kommission zum Monopolverfahren gegen Google gesorgt. Dazu trug insbesondere die enorme Summe des verhängten Strafgeldes bei, die alle bisherigen Ausmaße überstieg. Manche Kommentatoren sehen hier aber auch einen Meilenstein des Wettbewerbsrechts, um die großen Plattformbetreiber in ihre Schranken zu weisen und zumindest etwas Waffengleichheit der verschiedenen Anbieter zu garantieren. Auch das deutsche Kartellamt begrüßt diesen Kurs und war in die Untersuchungen der Europäischen Kommission eingebunden. Gleichwohl fragt sich, ob damit auch systematisch der Trend eingeschränkt wird, das große Anbieter in der digitalen Plattformökonomie immer größer und mächtiger werden. Vermutlich nicht, aber zumindest zeigt der Staat als Garant des Wettbewerbs ein klein wenig seine Zähne. In den USA wird das europäische Urteil übrigens meist ziemlich kritisch gesehen, nur im New Yorker habe ich einen sehr wohlwollenden Kommentar gefunden, der die europäischen Wettbewerbshüter ihr auf der Höhe des digitalen Zeitalters sieht, als die amerikanischen. Auch der wirtschaftsliberale Economist scheint eher abgetan vom europäischen Kampf gegend die Netzwerkeffekte der digitalen Ökonomie.

Eine zweite Meldung kam zu Anfang der Woche, als sich die Koalitionsverhandlungen der neuen Partner in Schleswig-Holstein langsam ihrem Ende näherten. Für einen Moment sah so aus, als wenn Schleswig-Holstein als erstes Land ein Experiment in Sachen bedingungsloses Grundeinkommen starten würde. Am Ende trauten sich die Koalitionspartner zwar nicht, aber zumindest ein Prüfauftrag ist im Koalitionsvertrag vermerkt, und damit rückt ein solches Experiment auch in Deutschland in etwas größere Nähe. Privat gibt es ein solches Experiment auch in Deutschland schon, und in anderen Ländern wird munter experimentiert. In der Diskussion um die digitale Revolution und wachsende Ungleichheit wird das bedingungslose Grundeinkommen immer wieder als Instrument angeführt, um den sozialen Ausgleich zumindest im Nachhinein wieder etwas herzustellen.

Unterm Strich also zwei kleine Indizien, dass die Auseinandersetzung mit den Folgen der digitalen Revolution an Fahrt aufnimmt. Wir dürfen gespannt sein was die nächsten Monate und Jahre bringen.

Samstag, 17. Juni 2017

Ungleichheit

Vor ein paar Wochen war ich auf einem interessanten Workshop, den eine große deutsche Stiftung und die OECD ausgerichtet hatten. Es ging um das Thema Innovation und Ungleichheit. Die Veranstalter hatten den Teilnehmern im Vorfeld 2 Paper zukommen lassen, die zwei recht gegensätzliche Positionen zu diesem Thema vertraten.

Das eine der beiden Papiere ging davon aus, dass nur Innovationen nachhaltiges Wachstum schaffen, und dass wir hiervon gerade in Deutschland leider zu wenig haben. Ohne Wachstum kein Wohlstand, also ohne Innovation und Technologie auch nicht. Die zunehmende Ungleichheit in Deutschland, so sie es denn gibt, sei eher auf eine Mangel Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen zurückzuführen, die durch Lohnzurückhaltung und rückläufige Sozialausgaben aufgefangen wurden.

Das andere Papier nahm insbesondere die digitalen Technologien und Unternehmen des Silicon Valley in den Blick, die globale Monopole geschaffen und enormen Reichtum angehäuft hätten. Sie würden von den Effekten der Plattform-Ökonomie profitieren und ihren Firmenchefs und den Investoren enorme Renditen bringen.

Die anschließende Diskussion machte deutlich, dass zwar beide Papiere ihre Schwächen haben, das eine Papier eigentlich nichts zum Thema Ungleichheit sagt, das andere hingegen die Situation im Silicon Valley zu sehr verallgemeinert. Aber beide Papiere sprechen auch richtige Punkte an, die parallel zueinander zu beobachten sind. Einerseits die Abhängigkeit von Innovationen und technologischen Fortschritt, um Wachstum sicherzustellen. Das gilt insbesondere für das demografisch schnell alternde Deutschland. Andererseits die sozialen Ungleichheiten, die sich fast zwangsläufig aus dem Siegeszug der digitalen Technologien und ihrer Unternehmen ergeben und die ein deutliches Eingreifen des Staates im Bereich der Sozialpolitik, vielleicht aber auch in der Wettbewerbspolitik verlangen.

Zusätzlich wird die Diskussionen dadurch komplexer, dass es nicht nur um technologischen Fortschritt geht, sondern auch darum, ob und wie sehr die Globalisierung ihren Beitrag zu Ungleichheit leistet. Auch hierzu hat sich die OECD vor kurzem geäußert und deutlich gemacht, dass insbesondere der technologische Fortschritt dazu beiträgt, dass die Mittelschicht immer dünner und die soziale Ungleichheit immer größer wird

Auch die Wochenzeitung die Zeit hat sich kürzlich zur Kehrseite der Globalisierung ausgelassen.
Auf jeden Fall scheint die Globalisierung zum schnellen Anwachsen des Reichtums der Top 1% beizutragen, wie z.B. dieser Artikel zeigt. Außerdem vergrößert sich der Abstand zwischen einigen wenigen Top-Firmen und der breiten Masse. Das wirkt sich dann entscheidend auf die Einkommensunterschiede zwischen Firmen aus. Vielleicht ist dies ja auch ein Faktor, der zum im Hinblick auf seine Innovationsorientierung zunehmend schwächelnden deutschen Mittelstand mit beiträgt. Der Wissens und Technologietransfer scheint in der Breite nicht mehr zu funktionieren wie früher.

Aber was kann der Nationalstaat tun, um diesen Effekten des technologischen Wandels und der Globalisierung entgegenzuwirken? Zumindest bei den globalen Technologieunternehmen gibt es Mittel und Wege. Eines der wenigen scharfen Schwerter bleibt das Kartell- und Wettbewerbsrecht. Und zunehmend wird es auch genutzt. Allerdings wird dafür auch die internationale Zusammenarbeit verstärkt werden müssen. Dieser Artikel plädiert dafür, den Rahmen der G20 zu nutzen.

Samstag, 27. Mai 2017

Chinas big brother schaut auf deine Daten

Kürzlich habe ich im Deutschlandfunk einen Beitritt gehört, der sich mit dem neuen chinesischen Social Credit System beschäftigt. Im Grundsatz geht es darum, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Vertrauenswürdigkeit von Personen mit einem einheitlichen Bewertungssystem zu erfassen und davon abhängig den Zugang zu Privilegien wie Krediten, aber auch Flugtickets und ähnlichem zu regeln. Erfasst werden dabei insbesondere auch Aktivitäten in sozialen Netzwerken und auf Online-Plattformen, auch Kaufgewohnheiten, Aktivitätsmuster und ähnliches. Die offizielle Begründung des chinesischen Staates ziel stark auf ein funktionierendes System, um die Kreditwürdigkeit von Personen festzustellen. Ein System ähnlich dem deutschen, wo die Schufa diese Funktion übernimmt, gibt es bislang noch nicht. Aber eigentlich sind sich alle Kommentatoren einig, dass die Ambitionen des Staates weit über diesen wirtschaftlichen Aspekt hinausgehen. Und jetzt schlagen die Wellen der Diskussion tatsächlich etwas höher. Auch in deutschen Medien ist die Diskussion angekommen, ganz zu schweigen von der angelsächsischen Welt.

Der Economist hatte im Dezember letzten Jahres hierzu einem langen und sehr lesenswerten Artikel veröffentlicht. Er zeigte sich noch unsicher, ob es die technischen Hürden, die in der Tat enorm sind, wirklich überwunden werden können. Auch verwies er darauf, dass die Parteiführung ein erstaunlich offene Diskussion um das Social Credit System zuließ. Und in Deutschland taucht ein Artikel zu diesem Thema mindestens schon ein Jahr früher auf. Die Blogplattform Netzpolitik z.b. beschrieb 2015, wie einerseits regierungsseitig auf das neue System hingearbeitet wird, andererseits auch die großen chinesischen Technologiekonzerne bereits mit ihrem Ratingsystemen entscheidende technische Vorarbeiten geleistet haben. Den schönsten Beitrag aber fand ich einen langen Artikel in der Süddeutschen (deutsch nur kostenpflichtig erhältlich, aber hier auf englisch) vor zwei bis drei Wochen, in dem Kai Strittmatter ausführlich über eine Reise in die chinesische Provinz berichtet, wo das Social Credit System bereits Wirklichkeit geworden ist.

Dreierlei Aspekte finde ich an dieser Entwicklung besonders interessant:

Wird es der chinesischen Regierung gelingen, die technischen Herausforderungen zu meistern? Schon andere Regime sind an der schieren Datenmenge eines allumfassenden Überwachungssystems gescheitert, da haben wir Deutschen auch unsere Erfahrung mit gesammelt. Technologisch zumindest scheinen die Chinesen kräftig aufzurüsten. Es wird erheblich in Forschungskapazitäten zur künstlichen Intelligenz investiert, und bei den Supercomputern legen die Chinesen auch ganz vorne. Das passiert natürlich nicht alles nur, um das Social Credit System aufzubauen. Aber hilfreich kann es sicher sein.

Wird es den Chinesen gelingen, ein in sich abgeschlossenes System aufzubauen? Nur dann kann ein solches Credit System wirklich funktionieren, weil nur dann alle relevanten Aktivitäten und Informationen wirklich getrackt werden. Moment bemüht sich auch hier die chinesische Regierung, z.B. durch den Ausbau der sogenannten Great Firewall oder durch eine Art chinesisches Wikipedia, alles unter Kontrolle zu bekommen. Und sie scheint mit diesem Ansatz in anderen Ländern durchaus Nachahmer zu finden.

Angesichts des Rückzugs der Vereinigten Staaten von der Weltbühne fragt sich, ob China hier stärkeres Gewicht bekommt und sein Rollenmodell der digitalen Steuerung durchsetzt. Wird der chinesische Weg zum Vorbild für andere Länder? Die Diskussion läuft, wie diese interessante Diskussion der China-Plattform chinafile zeigt. aber die Ausstrahlungswirkung hängt natürlich stark davon ab, ob dieses Modell der digitalen top-down Steuerung einer Gesellschaft auch funktioniert. Letztendlich sind das vielleicht auch Größenphantasien, die sich in der Realität als nicht umsetzbar erweisen. Der gescheiterte Ansatz des Kommunismus, Planung in alle Aspekte des Lebens zubringen, durch die digitale Revolution nun doch verwirklicht?

Das alles ist ein riesiges Experiment, dessen Ausgang auch unsere Zukunft beeinflussen wird. Nur wir selbst haben herzlich wenig Einfluss darauf.

Sonntag, 21. Mai 2017

Frühjahrstreffen des Arbeitskreises Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik der DeGEval, einige erste Eindrücke​aus deutscher Perspektive

Der nachfolgende Beitrag erschien zuerst auf dem Blog des AK FTI der DeGEval

Gestern, am 19.Mai 2017, fand das diesjährige Frühjahrstreffen des AK FTI der DeGEval statt. Wir haben uns dieses Jahr in Wien getroffen, entsprechend war auch das Programm deutlich österreichisch geprägt, genauso wie die Teilnehmer. Aber es waren auch ein paar deutsche Teilnehmer dabei, und für die waren die Präsentationen möglicherweise sogar noch interessanter als für ihre österreichischen Kollegen, die einiges doch schon gekannt haben dürften. Gerade im Kontrast zur deutschen Evaluationswirklichkeit hatten viele Beiträge ihren besonderen Reiz.

So berichtete Brigitte Ecker (WPZ Research) von der gerade abgeschlossenen Evaluation der österreichischen steuerlichen F&E Förderung. In Deutschland wird das Thema gerade mal wieder heiß diskutiert, und mein Tipp ist schon, dass wir nach der Bundestagswahl eine solche steuerliche Förderung sehen werden. Brigitte Ecker legte den Schwerpunkt ihres Vortrags allerdings weniger auf die inhaltlichen Ergebnisse, sondern vielmehr auf die methodischen Herausforderungen. Und die waren beträchtlich, da die eigentlich interessanten Datensätze kaum miteinander verknüpft werden konnten. Unterm Strich kommt die Evaluation aber durchaus zu dem Ergebnis, dass sich eine steuerliche FuE-Förderung auf das Innovationsverhalten der Unternehmen auswirkt, in diesem Sinne interpretierten die österreichischen Auftraggeber wohl auch die Evaluationsergebnisse als Auftrag, die Förderung weiter auszubauen. Aber aufgepasst, in der deutschen Diskussion wird ja insbesondere ein Effekt für kleine und nur unregelmäßig innovierende KMU erwartet. Und hier scheinen die österreichischen Ergebnisse eine solche Erwartungen nicht unbedingt zu bestätigen. Es lohnt also die Lektüre des Evaluationsberichts.

Sascha Ruhland (KMU Forschung Austria) präsentierte eine Evaluation der Garantieinstrumente der AWS. Der Schwerpunkt lag auf der methodischen Herausforderung eines Kontrollgruppenansatzes, der sich auf einen ​sogenannten propensity score match Ansatz stützte. Der Beitrag zeigte, wie aufwendig und damit kostspielig so ein Vorgehen letztlich ist. Möglich war es in diesem Fall auch nur, weil die Evaluationseinrichtung (KMU Forschung Austria) Zugang auf einen langjährigen und breiten Datensatz hatte, der für die Auswahl der Kontrollgruppe herangezogen werden konnte. Deutlich ergiebiger war nach Einschätzung des Referenten allerdings der Zugang über Befragung und Interviews, weil nur hier die Wirkungszusammenhänge aufgearbeitet werden konnten. Für die in deutschen Evaluationsausschreibungen mittlerweile fast standardmäßig enthaltene Forderung nach Kontrollgruppen ansetzen ist dies eine interessante Praxiserfahrung gewesen.

Einen in Deutschland eher unbekannten Sachverhalt schilderte der Beitrag von Rupert Pichler und Mario Steyer (BMVIT) zur wirkungsorientierten Haushaltsführung. Über alle Ressorts hinweg muss in Österreich seit ein paar Jahren ein auf verschiedenen Hierarchieebenen gegliedertes System an Zielformulierungen und Indikatoren zur Überprüfung der Zielerreichung formuliert werden. Die Formulierung von Oberzielen der Innovationspolitik ist für das Politikfeld nicht wirklich neu, man denke nur an das 3% Ziel in Deutschland. Möglicherweise ist das in anderen Ressorts anders, daher ist auch die wirkungsorientierte Haushaltsführung vielleicht eine gute Idee, um für konkrete Zielformulierungen zu sensibilisieren. Für die Frühjahrstagung interessierte uns insbesondere, ob dieses übergreifend installierte System Rückwirkungen auf die Evaluationspraxis im Politikfeld hat. Um es kurz zu machen: Hat sie im Moment noch nicht. Während Monitoringdaten, die z.b. die FFG in ihrem Wirkungsmonitoring erheben lässt, auch in das Indikatorensystem der wirkungsorientierten Haushaltsführung einfließen (können), sind Evaluationsergebnisse von klassischen Maßnahmenevaluation in vollkommen losgelöst von diesem System. Hier läuft alles wie bisher.

Ein Vortrags-Block des Frühjahrstreffen widmete sich sogenannten missionsorientierten Programmen und ihrer Evaluation. Die übergreifende Frage war, ob es Unterschiede zu klassischen Programmen z.b. der Technologieförderung gibt. Ein wesentliches Problem solcher missionsorientierten Programme ist, das zeigte sehr schön der Beitrag von Marianne Kulicke (FhG ISI), dass Ziele relativ vage formuliert und kaum in Indikatoren zu operationalisieren sind. Die Ziele haben außerdem einen sehr langfristigen Charakter, sodass sie in Hinblick auf die Zielerreichung kaum evaluierbar sind. Und was auch fehlt, ist häufig ein Wirkmodell, wie klassische F&E Förderung eigentlich zur Erreichung solcher übergeordneten, gesellschaftlichen Ziele beitragen soll.

Friedemann Call vom Projektträger DLR präsentierte eine Evaluation aus Baden-Württemberg zu Maßnahmen im Bereich der Klimaanpassung. Interessant war z.b., dass hier eine ganze Reihe von Maßnahmen schon seit längerer Zeit gefördert werden, während eine übergreifende Strategie auf Landesebene erst nachträglich beschlossen wurde. Entsprechend schwierig war es, hier wieder den Bezug zwischen übergreifender politischer Zielsetzung im Bereich gesellschaftliche Herausforderungen und konkreter Projektförderung zu operationalisieren.

Der letzte Beitrag von Norbert Knoll (AWS) beschäftigte sich mit den Folgen der Digitalisierung auf das Fördergeschäft. Im Moment geht es hier vor allen Dingen um eine Prozessoptimierung und Effizienzsteigerung. Inwiefern hier mittelfristig auch neue Monitoringdaten erzeugt werden, die langfristig bestimmte Evaluationsinhalte versetzen, konnten wir in der Diskussion nur anreißen.

In der abschließenden Diskussion brachten die deutschen Teilnehmer zunächst einmal den Eindruck ein, dass vieles in Österreich doch anders läuft, vermutlich auch bedingt durch die etwas zentralen Strukturen, die sich aus den beiden Agenturen FFG und AWS ergeben. Andererseits ist dann die Evaluationspraxis, sind die Evaluationsberichte in Österreich gar nicht so viel anders als die in Deutschland.

Dienstag, 9. Mai 2017

Die europäische Innovations-Spaltung

Heute, am 9. Mai ist Europatag. Nach dem aufreibenden, emotionalen Kampf um Europa in den letzten Wochen geht dieser Gedenktag heute ein wenig unter. Gerade erst gab beruhigende Nachrichten aus der Politik, z.B. die proeuropäisch verlaufenen Wahlen in Frankreich. Mit Macron scheint Europa ja gewonnen zu haben. Vorher haben die Niederländer brav europäische gewählt, und davor die Österreicher sich für den richtigen Präsidenten entschieden.

Ausgerechnet heute bin ich über eine Meldung gestoßen, die von einem informellen Treffen der Wissenschaftsminister auf Malta in der vergangenen Woche berichtet. Darin wurde unter anderem das Thema der Divergenz in der Forschungs- und Innovationspolitik diskutiert. Die Maltesische Präsidentschaft hat das Thema für die Öffentlichkeit aber nur sehr kurz aufbereitet, auch von den Ergebnissen des Treffens wurde nicht viel bekannt. Tatsächlich klafft nicht nur die Wirtschaftsleistung der noch 28 Mitgliedstaaten gehörig auseinander, nein, auch die Innovationskraft und Forschungsexzellenz ist sehr ungleich verteilt.

Bereits vor einem guten Jahr hatte Reinhilde Veugelers vom Think Tank bruegel über die größer werdenden Abstände zwischen den Mitgliedstaaten berichtet. In einer Präsentation vom November 29016 zeigt Fr. Veugelers noch mehr Zahlen und belegt, dass die Heterogenität nicht wirklich abnimmt, und zwar in den unterschiedlichsten Dimensionen.

Letzten Oktober kam diese Studie zu dem Schluss, dass sich Nord- und Südeuropa in Hinblick auf Forschung und Entwicklung weiter auseinander entwickeln, während Ost und West zusammenwachsen.

Und das ist insofern bedenklich, als wirtschaftliche Entwicklung, Wohlstand und Zufriedenheit eng mit Innovationsfähigkeit verknüpft sind. Wenn Unternehmen nicht mehr innovativ sind, sind sie auf Dauer nicht zukunftsfähig, und damit verlieren auch die Menschen ihre Perspektive.

Eigentlich sollte ja die Europäische Union mit ihren Forschungsförderprogrammen, mit Horizon 2020, aber auch mit der Regional- und Strukturförderung, mit dem Prinzip der smart specialization ausgleichend wirken und den schwächeren Mitgliedstaaten helfen, zu den Innovationsführer aufzuschließen. Nun ja, das scheint im Moment nicht wirklich zu funktionieren. Und insofern ist es nur folgerichtig, dass sich die Forschungsminister hier über eine Strategie unterhalten.

Wie ehrlich man sich dort auf Malta in die Augen geschaut hat, weiß ich allerdings nicht, denn wie gesagt, über Ergebnisse wurde nicht wirklich etwas berichtet. Und so manches Mal neigen die Europäer auch dazu, sich das Leben schöner zu reden. Der Innovationsanzeiger der EU (European Innovation Scoreboard) sieht übrigens in seiner letzten Ausgabe vom Sommer 2016 eher einen Konvergenztrend, allerdings auf niedrigem Niveau.

Na dann ist doch alles gut, oder?

Sonntag, 30. April 2017

Demokratie und Wissenschaft

Im Moment beschäftigt ja der Populismus im Allgemeinen und der Konflikt zwischen Populismus und Wissenschaft im Besonderen die digitalen Medien. Gefährden populistische Parteien die Demokratie? Wird insbesondere die Forderung der Populisten nach mehr Volksabstimmungen zu einem Probleme für die repräsentative Demokratie? Kapern die Populisten die Demokratie? Wird die rational begründete Entscheidung, am besten auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse, durch Bauchgefühl, durch Emotionen an den Rand gedrängt?

Man kann das auch anders sehen. Es gibt in jüngster Zeit einige Artikel, die vermuten das Problem genau dort, wo andere die Lösung sehen. Nämlich in der repräsentativen Demokratie, die nicht mehr so funktioniere, wie ursprünglich gedacht, oder die sogar nie die beste aller Lösungen gewesen sei. Bereits im Februar diesen Jahres hat die Zeit ein langes Dossier veröffentlicht, indem sie Autoren zu Wort kommen lässt, die sich gegen die klassische repräsentative Demokratie wenden und dafür plädieren, zurück zum Original der Antike, zur Athener Demokratie zu kommen, wo Repräsentanten nicht gewählt, sondern gelost wurden.

Es gebe auch aktuell ein Beispiel dafür, wie so etwas funktionieren solle, nämlich die Bürgerversammlungen in Irland, wo tatsächlich durchs Los bestimmte Bürger entscheiden. Sie werden beraten und informiert von Experten, ähnlich wie sich auch Abgeordnete in Ausschüssen mit Expertenmeinungen beschäftigen. Dann sollen sie am Ende Entscheidungen treffen, und tatsächlich hielt sich die irische Regierung an Entscheidungen solche Bürgerversammlungen.

Es gibt auch in Deutschland ähnliche Prozesse, wo die Beteiligung von Bürgern angestrebt wird, wo diese eingeladen werden, gemeinsam mit Experten schwierige Probleme zu diskutieren und sich eine Meinung zu bilden. Meistens stehen auch sogenannte Handlungsempfehlungen am Ende solcher Prozesse. Ich meine die vielen partizipativen Prozesse, die sich mittlerweile in verschiedenen Politikfeldern gebildet haben, auch im Bereich der Forschungs- und Innovationspolitik.

Aber dort käme niemand auf den Gedanken, hier tatsächlich verbindliche Entscheidungen durch Bürgerinnen und Bürger treffen zu lassen. Im Moment experimentiert man noch mit den verschiedenen Beteiligungsmodellen. Ein Grund dafür, dass bindende Entscheidungen solche Gremien bisher undenkbar scheinen, ist auch die Auswahl der Beteiligten. Hier wird ja nicht per Los ein zufälliger Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung gebildet, sondern es sind Freiwillige, die sich aus persönliche Motivation heraus an solchen Prozessen beteiligen. Und da ist es, wie so häufig, eher eine sehr wenig repräsentative Auswahl, es sind dann doch eher die Gebildeten und Interessierten, die in solchen Gremien sitzen. Die Entscheidungen sollen dann doch die gewählten Vertreter des Volkes, die Parlamentarierinen und Parlamentarier, die Ministerinnen und Minister treffen.

Es sieht also so aus, als wenn wir erstmal bei der repräsentativen Demokratie bleiben. Aber ist diese wenigstens funktional? Führt sie zur Auswahl der Besten, und bleibt trotzdem ein Spiegel der Gesellschaft? Für Schweden hat dieser Artikel versucht, eine Antwort zu geben. Interessanterweise in einem Ökonomen-Blog veröffentlicht, untersucht der Artikel, ob durch demokratische Auswahl von Vertretern auch wirklich gute Leute in entsprechende Funktionen kommen. Schließlich seien andere Posten ja subjektiv gesehen durchaus lukrative. Aber das scheint nicht wirklich abzuschrecken. Und außerdem fragt der Autor, ob nur solche Menschen Politiker werden, deren Väter/Mütter und Großmütter/Großväter schon aus gebildeteren und reicheren Schichten stammen. Für Schweden scheint dies nicht der Fall zu sein. Für Deutschland allerdings erinnere ich mich an Artikel, die durchaus im Vergleich früherer Bundestage mit dem von heute zu dem Schluss kommen, dass eine sehr spezielle Auswahl an Personen in unserem Parlament sitzt. Hier haben sich Sozialwissenschaftler recht kritisch zur soziodemografischen Zusammensetzung des aktuellen Bundestags geäußert. Und in diesem Zusammenhang ist sicher auch die Debatte um den Reichtumsbericht der Bundesregierung relevant. Die Positionen ärmere Bevölkerungsschichten zu politischen Fragen würden nicht in gleichem Maße durch die Volksvertreter berücksichtigt wie die reichere Bevölkerungsgruppen. Zu diesem Schluss kam ein Gutachten für besagten Reichtumsbericht, das aber in der Endversion wohl nur noch in Teilen wiedergegeben wurde.

Ein anderer Diskussionspunkt um repräsentative Demokratie zielt auf den Wahlakt als solchen. Seit vielen Jahren geht die Wahlbeteiligung in den meisten Industrieländern zurück. Sind die Leute wahlmüde, funktioniert der Transmissionsriemen der repräsentativen Demokratie nicht mehr? Die aktuell hoch emotionalen Wahlen zum Beispiel bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Frankreich zeigen, dass dann, wenn es um etwas zu gehen scheint, die Wähler durchaus mobilisiert werden können.

Aber brauche ich überhaupt Wahlen, wenn ich durch Umfragen doch schon vorab weiß, wie sie ausgehen? Zwar war gerade in den letzten Monaten die ein oder andere Wahl dabei, wo Umfragen und echtes Wahlergebnis deutlich voneinander abzuweichen schienen. Doch das Beispiel der französischen Präsidentschaftswahlen zeigte, dass Umfrageinstitute auch ziemlich punktgenaue Voraussagen machen können. Und auch wenn Prognosen den einen oder anderen Wähler zu taktischen Wahlverhalten bringen, scheint das Prinzip Wahlen bisher noch zu funktionieren, so zumindest dieser Meinungsbeitrag in einer der letzten Ausgaben der Zeit.

Mit den Möglichkeiten neuer Umfragetools hatte ich mich ja bereits in einem meiner letzten Blogs auseinandergesetzt. Da scheint noch einiges auf uns zu warten.

Was heißt das nun alles für Forschungs- und Innovationspolitik? Z.b., dass parlamentarische Vertretung und repräsentative Demokratie nicht das allein seligmachende Prinzip sind, dass die direkte Beteiligung der Bevölkerung durchaus interessant sein kann, dass es dafür auch spannende neue Formate gibt, das Umfragen hergebrachte Strukturen und Prozesse in Frage stellen und das insgesamt das Thema Partizipation auf der Agenda bleibt. Beteiligung wird noch viel wichtiger werden. In diesem Sinne erwarte ich mir, dass wir in den nächsten Jahren auch im Bereich der Forschungs- und Innovationspolitik noch einiges an neuen Beteiligungsformen sehen werden. Nicht nur wird Open Innovation die Innovationsstrategien der Unternehmen bestimmen, nein auch Open Participation bestimmt die Politik der Zukunft.

Und auch die Wissenschaft muss und demokratisch bleiben. Da wiederum hat die Diskussion rund um den March for Science einiges in Bewegung gesetzt.

Mittwoch, 26. April 2017

Brexit und das Pfeifen im Walde

Vor einer Woche veröffentlichte Innovate UK, die Innovationsagentur Großbritanniens, einem Blogbeitrag. Darin wurde mit blumigen Worten beschworen, was für ein exzellentes Wissenschaftssystem Großbritannien doch habe, was für ein leistungsfähiges Innovationssystem, und natürlich was für eine tolle innovationsagentur, die nur die besten Projekte fördere. Und dann berichten die Autoren voller Stolz, wie viele EU-Projekte britische Forscher und Unternehmen doch eingeworben hätten. Na, das wird in Zukunft möglicherweise etwas schwieriger werden. Bzw. schon jetzt haben es britische Partner immer schwerer, in neue EU-Projekte hineinzukommen. Und als letztes Argument wurde die große internationale Verflechtung Großbritanniens mit Partnern weltweit ausgeführt. Wenn wir nicht mehr mit den Europäern spielen dürfen, dann halten wir uns halt an das alte Commonwealth. So klang das in meinen Ohren. Ein Pfeifen im Wald.
Eigentlich lese ich eher andere Artikel, die vor den Folgen des Brexit warnen und eine Gefahr für das britische Wissenschafts- und Innovationssystem sehen. Artikel wie diesen hier, der vor ein paar Tagen erschienen ist und die möglichen Folgen für das britische Wissenschaftssystem eher nicht in rosigen Farben malt.
Aber was soll eine Agentur auch machen, deren Auftrag es ist, das Innovationssystem zu stärken. Psychologie kann da ein wichtiger Faktor sein. Sich das Leben schön reden. Denn es hilft nichts, mit den jetzt kurzfristig angesagten Wahlen wird sich die britische Regierung neue Mehrheiten verschaffen und auch die Resteuropäer sehen nicht so aus, als wenn sie zimperlich verhandeln wollten.
Ganz andere Implikationen befürchtet dieser Artikel. Nämlich, dass die britische Regierung, befreit von den Restriktionen des europäischen Beihilferechts und der strengen Kontrolle der Kommission, Industrien nicht künstlich zu subventionieren, nun eine sehr aktive Industriepolitik betreiben wird. Und da haben Ökonomen meist Zweifel, ob der Staat der Richtige ist, Gewinner und Zukunftstechnologien zu fördern, und nicht Rückzugsgefechte slter Industrien auszufechten.
Es bleibt also spannend.

Samstag, 22. April 2017

Und noch mal March for Science

Eigentlich wollte ich ja nicht über den March for Science schreiben, dazu sind doch eigentlich schon genug Beiträge in den letzten Tagen und Wochen erschienen. Aber als ich mir heute früh noch einmal meine Bookmarks dazu angeschaut habe, fand ich die Vielfalt der Beiträge doch bemerkenswert, daher hier ein Überblick über die besonders interessanten Aspekte.

Es gibt eigentlich kaum einen Beitrag, der das Anliegen grundsätzlich in Frage stellt. Alle finden das Motiv richtig und wichtig. Wissenschaft muss gestärkt werden. Dennoch finden sich viele skeptische Beiträge, die ein Haar in der Suppe finden.

Wie kann man sich gegen eine Vereinnahmung durch das Wissenschafts-Establishment wehren, und gegen den Eindruck, hier nur gegen Trump zu demonstrieren?

Verschleiert eine solche Demonstration nicht gerade, dass Wissenschaftler natürlich auch parteiisch ist und dass sie immer nur vorläufige Wahrheiten produziert?

Dieser Beitrag weist darauf hin, dass die Situation in Deutschland aktuell ganz anders ist als in den USA. Das nämlich Wissenschaft immer stärker auch als Partner der Politik genutzt wird, um Handeln zu legitimieren. Also nicht gerade eine wissenschaftsfeindliche Haltung hierzulande. Das erklärt sicher auch, dass die deutschen Organisatoren des March for Science kräftige Unterstützung von allen Seiten des Wissenschafts-Establishments bekamen.

Dieser Beitrag befürchtet, dass die Demo der Politisierung von Wissenschaft Vorschub leisten wird und unterm Strich der Wissenschaft eher schadet. Besser wäre demnach, die Beteiligung der Gesellschaft an Wissenschaft zu stärken, durch citizen science oder durch ein gesellschaftliches Engagement von Wissenschaftlern.

Und dieser Beitrag aus den USA wiederum geht ganz nüchtern wissenschaftlich an die Sache heran und vergleicht die aktuelle Aktionen mit Demonstrationen der vergangenen 40 Jahre, Daten gibt es hier zu genug. Und der Artikel kommt zu dem Schluss, dass die Wissenschaftsaktion doch einige Parallelen zu den Bauernprotesten früherer Jahre hat, wo ebenfalls ein Berufsstand befürchtete, marginalisiert und finanziell abgehängt zu werden. Vielleicht ein etwas harter Vergleich, aber nicht ganz von der Hand zu weisen, zumindest für die Situation in den USA.

Und es gibt auch den selbstreflexiven Ansatz, wenn der March of Science zum Objekt wissenschaftlicher Forschung wird.

Spannend wird nun vor allen Dingen sein, wie die Berichterstattung über die Demonstration ausfallen wird, insbesondere in den USA. In Deutschland gibt es heute noch andere politische Großveranstaltungen, die vermutlich die Berichterstattung etwas überlagern.

P.S. in der Süddeutschen las ich gestern noch diese lange und teilweise sehr witzig geschriebene Reportage über die Wissenschaftsfeindlichkeit in den USA (online nur gegen Geld, aber in diesem Fall würde ich sagen, es lohnt sich). Der Autor reist erst zu den fundamentalen Christen, die Evolutionstheorie für Unsinn halten. Dann spricht er mit Wissenschaftlern über die Macht großer Konzerne, die bewusst Unsicherheit säen und wissenschaftliche Erkenntnisse in Zweifel ziehen. Er schreibt über das tief verwurzelte Misstrauen gegenüber der Politik und den Eliten in Washington, und wiederholt noch einmal, wie tief die Spaltung in der Gesellschaft und den politischen Lagern ist. Vier Faktoren, die mit dazu beitragen, dass Wissenschaft in den USA deutlicher umstritten ist als z.b. in Deutschland.

Sonntag, 9. April 2017

Unsterblichkeit und Ostern


Die aktuelle Ausgabe der Zeit fragt sich, ob wir in Zukunft dank den Erkenntnissen der Wissenschaft dem Tod ein Schnippchen schlagen können. Dazu schreibt die Zeit in ihrer aktuellen Ausgabe (neuerdings für Nicht-Abonenten hinter einer Bezahl-Schranke) einen längeren Eröffnungsartikel. Der Zeitpunkt ist vermutlich nicht zufällig. Wir haben Ostern. Zeit des Todes und der Auferstehung. Im genannten Artikel werden zwei Erzählstränge miteinander verwoben. Es geht einmal um einen Wissenschaftler, der ein Verfahren zur exakten Messung des echten biologischen Alters gefunden hat. Ein anderer Wissenschaftler wiederum hat durch die Transfusion von Blut junger Menschen alte Menschen wieder jung gemacht. Oder im Moment eher mit der Transfusion des Blutes junger Mäuse alte Mäuse verjüngt. Bereits vergangenen Sommer machte die Meldung die Runde, der Internet-Milliardär Peter Thiel nehme an einer entsprechenden klinischen Studie teil. Durch das Trinken von Blut (na gut, die Transfusion) das ewige Leben gewinnen? Ist das nicht eine christliche Metapher? Wird nicht Wein zu Blut in der Wandlung? Hat dies nicht mit Ostern zu tun? 

Vielleicht ist das jetzt dann doch zu blaspemisch. Dann bleibe ich lieber im Bereich der Popkultur. Die zweite Assoziation ist die von Vampiren, die Blut saugen, um am Leben zu bleiben. Aber nein, hier handelt es sich um echte Wissenschaft. Beim Lesen des Artikels war ich geradezu euphorisiert. Das ist wirklich möglich? Das kommt jetzt ganz bald? Bluttransfusion, und damit werde ich jünger?

Leider hatte ich vorher schon einen Artikel des New Yorker gelesen, der ein wenig Wasser in den Wein goss. Im New Yorker wurde die ganze Geschichte um die Hoffnung, den Tod zu besiegen, aus einer etwas anderen Perspektive erzählt. Hier in geht es um die Internet-Größen des Silicon Valley. Um Biotechnologie, aber auch um Big Data und künstliche Intelligenz. Um Milliardäre, die Angst vor dem Tod haben. Die als Kinder oder Jugendliche ihren Vater verloren haben. Im Gegensatz zum Artikel in der Zeit wird hier eine deutlich breitere Palette an Zugängen gezeigt, aber auch an Hoffnungen und Enttäuschungen. So einfach scheint das ewige Leben nicht zu haben zu sein. Die Fantasien reichen davon, Zellen zu reparieren und zu verjüngen, bis dahin, den menschlichen Geist in Computer zu transferieren. Und wer nicht wirklich daran glaubt, dass all diese Versuche in absehbarer Zeit zu brauchbaren Resultaten führen, der lässt sich halt einfrieren.

Der Artikel war faszinierend, aber irgendwie dann doch etwas ernüchternder als die euphorischen Schilderungen in der Zeit. Nun ja, im Zweifelsfall ist da ja noch Ostern, zumindest für die Christen unter uns. 

Samstag, 8. April 2017

Frühling der Wissenschaft

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, so ruft Faust in seinem Osterspaziergang. Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, ist es zwar ziemlich grau und kalt, die letzten Wochen konnten wir aber schon angenehme Frühlings- bis Frühsommertage genießen, mit Temperaturen deutlich über 20 Grad. In anderen Weltgegenden ist es nicht der Osterspaziergang, sondern das Kirschblütenfest, dass die Menschen nach draußen in die Sonne lockt. Der Economist hat gerade eine wunderhübsche und gleichzeitig erschreckende Grafik veröffentlicht, auf der er den Zeitpunkt des Kirschblütenfest in den letzten 1200 Jahren in Japan nachzeichnet. So weit reichen dort die Aufzeichnungen zurück. Und was man sieht, ist das dieser Zeitpunkt im letzten Jahrhundert immer weiter nach vorne gerückt ist, der Klimawandel lässt grüßen.

Wie gesagt, die Grafik ist bezaubernd, und das bringt mich zur jährlichen Verleihung der besten Infografiken, die in diesem Artikel kurz skizziert wird. Es gibt auch einen Preisträger aus Deutschland dabei, aber insgesamt muss man doch sagen, dass anderenorts die hohe Kunst der Infografik stärker gelebt wird als hierzulande. Dabei sind Infografiken ein wunderbarer Weg, Daten und Informationen an Lieschen Müller zu bringen. Wissenschaftskommunikation und Design, Hand in Hand. Brauchen wir nicht mehr davon, angesichts der Herausforderungen, denen sich die Wissenschaft gegenüber sieht? Angesichts des Sperrfeuers, das jetzt aus Washington kommt? Naja, die Infografik wird die Wissenschaft nicht retten, sie dient mir aber als Überleitung zu einem weiteren Thema, dass mich zur Zeit beschäftigt.

Wissenschaft ist unter Druck, und jetzt schlägt die Wissenschaft zurück, spätestens im Mai werden sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf den Straßen der Metropolen dieser Welt vereinen zum march for science.

Das Thema hat interessante Debatten angestoßen, auch in Deutschland sind einige spannende Beiträge dazu erschienen. Lesenswert fand ich z.b. den Beitrag von Herrn Schneidewind, den Chef des Wuppertal Instituts, der auf die enge Verknüpfung von Wissenschaft und Gesellschaft hinwies. Wissenschaft können sich nicht auf ihre neutrale Rolle als Beobachter und Erklärer der Welt zurückziehen. Wissenschaft handle nicht nur von objektiven Fakten, nein sie beeinflusse mit werthaltigen Aussagen auch die Gesellschaft und werde ihrerseits von der Gesellschaft beeinflusst. In diesem Sinne ist es wohl normal, dass sie auch Teil gesellschaftlicher Konflikte wird, wie wir es zur Zeit in den USA segen. Also kein Fundamentalangriff auf die Wissenschaft?

Lesenswert fand ich ebenfalls den Beitrag von Peter Weingart, der sich wissenschaftstheoretisch mit der Beziehung zwischen Wissenschaft und Wahrheit auseinandersetzt und auf die Theorien des Konstruktivismus und des Paradigmenwechsels  verweist. Während der Konstruktivismus - stark vereinfacht und verkürzt gesagt - davon ausgeht, dass Erkenntnis immer nur ein temporäres soziales Konstrukt ist, also subjektiv eine Theorie von der Welt schafft, beschreibt die Theorie von Paradigmenwechsel wissenschaftliche Erkenntnisse als temporäre Übereinkünfte von Wissenschaftscommunitys über ihre gemeinsame Sicht der Welt, die in Phasen des Paradigmenwechsels in sehr kurzer Zeit in Frage gestellt und durch neue Theorien über die Welt ersetzt werden.

Beiden Ansätzen ist gemeinsam, dass sie der Laiensicht auf Wissenschaft widersprechen, die eher davon ausgeht dass Wissenschaft tatsächlich absolute, ewig gültige Wahrheiten entdeckt. Ist der Konstruktivismus damit der Wegbereiter von alternativen Fakten, da ja sowieso jede wissenschaftliche Aussagen nur ein zeitlich befristetes Konstrukt ist?

Natürlich nicht. Und um an einem Beispiel deutlich zu machen, wie segensreich und erhellend es manchmal sein kann, jenseits von scheinbar allseits geteilten Überzeugungen auf die Fakten zu prüfen und bestimmte Gemeinplätze in Frage zu stellen, hier noch die Empfehlung auf einen Artikel, der deutlich macht, dass die Osterweiterung der EU keineswegs dazu geführt hat, dass die Entscheidungsfindung im Europäischen Rat schwieriger wurde, Gesetzgebungsverfahren länger dauerten oder dass die osteuropäischen Neumitglieder als Block am laufenden Band Entscheidungen der Altmitglieder torpedierten. Und das ist nicht nur interessant zu erfahren, das ist möglicherweise auch entscheidungsrelevant, wenn es darum geht, ob die EU offen bleibt für Neumitglieder.

Nicht nur die Klimaforschung, auch die Sozialwissenschaften können also manchmal eine wichtige Rolle spielen und zu besserem politischen Handeln beitragen. In diesem Sinne dann doch "raus auf die Straßen, Ihr Freunde der Wissenschaft, zum march for science. Vom Eise befreit sind Strom und Bäche ...

Sonntag, 2. April 2017

Wer gewinnt die nächste Bundestagswahl?

.... das weiß ich leider auch nicht. Aber die Wahl wird wieder spannender, als z.b. noch vor 3 Monaten gedacht. Und damit werden auch Umfragen und Wahlprognosen wieder interessanter. Nach dem doch etwas überraschenden Ergebnisse der Wahl im Saarland wurde in Kommentaren Häme über die Demoskopen ausgegossen, die sich so geirrt hätten. So wurde in manchen Artikeln behauptet, dass Meinungsforschungsinstitute ein Problem damit hätten, dass mittlerweile viele Bürger keinen Festnetzanschluss, sondern fast ausschließlich Mobilfunk nutzen. Das stimmt so natürlich nicht. Der Politologe Oskar Niedermayer stellte zudem in einem Interview mit dem Deutschlandfunk klar, dass die Befragungszahlen kurz vor der Wahl gar nicht so schlecht gewesen sein, dass aber nicht mehr alle Prognosen veröffentlicht wurden. In einem Interview machten Manfred Güllner noch einmal deutlich, dass Wahlumfragen Augenblicksbeobachtungen sind und keine Prognosen.

Spannend finde ich das Thema Umfragen und Prognosen aber insbesondere deshalb, weil hier neue Anbieter mit neuen Technologien auf den Markt drängen. Beim letzten Bundestagswahlkampf waren es insbesondere die wettbasierten Ansätze (siehe auch meinen damaligen Blogbeitrag), heute gibt es neue Technologien.

Zum Beispiel das Berliner Startup Civey, das den Umfragemarkt nach eigenen Angaben revolutionieren und um Fragen für jedermann anbieten möchte. Das Unternehmen setzt auf Online-Panel, die zu allen möglichen Fragen jederzeit Auskunft geben. Genutzt wird civey z.b. von Spiegel Online, auch für die Bundestagswahl.

Ein weiteres Berliner Unternehmen im Bereich Datenanalyse orientiert sich an Nat Silver, dem Prognose-Guru aus den USA. In ähnlicher Weise hat das Unternehmen ein Datenmodell entwickelt, mit dem es Wahrscheinlichkeitsprognosen zum Ausgang der Bundestagswahl erstellt. Wir dürfen gespannt sein, ob diese Prognosen besser sind als die klassischen Sonntagsfragen der Meinungsforschungsinstitute. Diese fließen übrigens in die Prognosen des genannten Berliner Unternehmens mit ein.

Und die Zeit berichtete (online leider hinter der Bezahlschranke) in einer ihrer letzten Ausgaben von einem französischen Startup, dass mit Datenanalyse den Wahlkampf von Emmanuel Macron möglich macht, indem es diejenigen Regionen für den Straßenwahlkampf vorbereitet, in denen eine Wechselstimmung herrscht oder das Ergebnis noch offen ist. Das Prinzip erinnert natürlich stark an den amerikanischen Wahlkampf, von dem tatsächlich die Anregung stammt. Es ist aber weit entfernt von dem was Cambridge Analytics (siehe mein Blogbeitrag hier) angeblich für das Trump-Team macht hat. Die französischen Kollegen sind in Deutschland noch nicht aktiv, das kann aber laut dem Zeit-Artikel kurzfristig noch kommen.

Es wird also nicht nur die Wahl spannend, sondern auch die Prognostik als solche.

P.S. kleines Update: zur französischen Wahl zitiert die Zeit den Economist mit einer Metaanalyse von Umfragedaten, demnach dürfen wir den Frühling sehr hoffnungsfroh entgegen schauen