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Samstag, 15. Dezember 2018

Fakten und Innovationen

Vor kurzem traf sich die Welt in Kattowitz, um über die Rettung des Klimas zu verhandeln. Das ist immer auch ein Anlass, um neue wissenschaftliche Berichte zur Entwicklung des Klimawandels zu veröffentlichen und darauf hinzuweisen, dass schnelles Handeln nun wirklich Not tut.

Der Economist hat gerade in einem sehr lesenswerten kleinen Artikel eine Reihe neuerer Studien vorgestellt, die Zweifel daran aufkommen lassen, ob rationale Einsicht in die Problemlage tatsächlich zu vernünftigem Handeln führen kann.

Eine der zitierten  Studien zeigt: Faktenwissen über den Klimawandel und wissenschaftliches Denken (science literacy) hat keinerlei Einfluss auf die persönliche Haltung gegenüber Politikern, die sich für eine Klimapolitik einsetzen oder eben auch nicht. Überspitzt könnte man auch sagen, in der politischen Auseinandersetzung macht Wissen nicht klug.

Eine Erklärung könnte eine der anderen Quellen bieten, die der Economist zitiert. Ein neues Buch von Hugo Mercier und Dann Sperber, "The Enigma of reasoning". Die zentralen Gedanken und eine sehr persönliche Herleitung finden sich in diesem Artikel auf Edge.com. demnach hat rationales Denken und argumentieren vor allen Dingen einen sozialen Zweck: Sich selbst zu rechtfertigen und den anderen zu überzeugen. Am Ende geht es darum, eine gemeinsame Sicht auf die Welt zu gewinnen, um sozial handeln zu können. Es geht also weniger darum, objektiv ein Problem zu verstehen. Und es kann dann durchaus passieren, dass sehr abstruse Positionen sehr überzeugend in solchen Argumentationen vertreten werden. Auch das ist dann sozial rational.

In eine ähnliche Kerbe schlägt das dieses Jahr auf deutsch erschienene Buch von Steven Pinker "Aufklärung jetzt". Ich war beim Lesen ernsthaft irritiert, als ich zu diesen Kapiteln am Ende des Buches kam. Nachdem ich hunderte von Seiten Statistiken über die positive Entwicklung der Welt in allen möglichen Lebensbereichen (Bildung, Gesundheit, Gewalt...) und den segensreichen Einfluss von Aufklärung und Wissenschaft durchgeackert hatte, zitierte Pinker plötzlich reihenweise Studien, wie unfähig Menschen doch sind, vernünftig Probleme zu analysieren und rational zu entscheiden. Stattdessen scheinen politische Einstellungen und emotionale Grundhaltungen alles zu überlagern und zu manchmal bizarren Entscheidungen zu führen.

Pinker sieht die Auflösung dieses Dilemmas in einer breiteren Basierung von Entscheidungen auf Fakten und einem systematischen Vorgehen der Abwägung und Bewertung, was man durchaus auch lernen könne. Er zitiert als Beispiel die Arbeiten von Philip Tetlock zu sogenannten Superforecastern. Tetlock hatte die unglaublich schlechten Prognosefähigkeiten von sogenannten Experten an Börsen und im Geheimdienst untersucht und festgestellt, dass ein kleiner Prozentsatz an Menschen deutlich bessere Prognosen abgeben können. Das Geheimnis des Erfolges ist es dabei, emotional relativ wenig engagiert zu sein und seine Einschätzung auf einer sehr breiten Basis an Fakten zu stützen.

Nach dieser Auffassung können Fakten also durchaus nutzen, um zu sinnvollen Entscheidungen zu kommen, die Frage ist, wie man möglichst neutral und breit diese Fakten in Rechnung sieht. Was liegt nun näher, als künstliche Intelligenz für eine breite und neutrale Entscheidungsfindung zu nutzen? Tatsächlich gibt es solche Visionen oder Fantasien, gutes Regieren zukünftig auf KI zu stützen. Kann sein, dass das zu besseren Entscheidungen führt. Die soziale Funktion der menschlichen Diskussion bleibt damit aber außen vor. Akzeptanz in der Gesellschaft wird so nicht gefördert. Und das war ja gerade das Ausgangsproblem.

Der Gipfel in Kattowitz übrigens scheint kein Beispiel dafür zu sein, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zu rationalem Handeln führen. Zumindest sind führende Klimaforscher ziemlich enttäuscht über die dürftigen Ergebnisse, obwohl doch die Notwendigkeit, schnell und massiv zu handeln, mehr als klar sei.

Samstag, 14. April 2018

Science Fiction und March for Science

Dieses Wochenende findet wieder der March for Science statt, die Großdemonstration für die Wissenschaft und gegen alternative Fakten. Ausgelöst wurde die Bewegung letztes Jahr durch die als wissenschaftsfeindlich erlebte Politik des neuen US-Präsidenten. Seitdem sind die Sorgen nicht kleiner geworden. Zwar sind die angekündigten Haushaltskürzungen im Bereich Wissenschaft in den USA ausgeblieben, gleichwohl sind wichtige Posten mit Personen besetzt worden, die nicht gerade als wissenschaftsfreundlich zu bezeichnen sind - wenn überhaupt Posten besetzt wurden. Es ist also zu erwarten, dass auch dieses Jahr wieder viele viele Menschen für die Wissenschaft auf die Straße gehen, und das weltweit.

In Deutschland wird dieses Jahr nicht nur demonstriert, in einigen Städten wie Berlin auch der Dialog mit der Gesellschaft gesucht, in Kneipen und Cafés, überall dort, wo sich Menschen begegnen. Eigentlich ist die deutsche Gesellschaft ja sehr wissenschaftsfreundlich eingestellt, auch die Politik tut ihr Bestes, sodass man hierzulande kaum Sorgen haben muss das ähnliche Zustände wie in den USA drohen. Trotz aller Klagen um die angebliche Technikskepsis der Deutschen hat Wissenschaft einen sehr guten Ruf. Daran ändern auch kleine und laute Gruppen nichts, die sich skeptisch gegenüber Fakten zeigen.

Um die Wissenschafts - und Technikbegeisterung einer Gesellschaft zu befördern, kommen manche Regierungen übrigens auf ganz sonderbar Ideen. Die chinesische Regierung z.B. scheint verstärkt die Produktion von Science Fiction zu fördern, um die Technikbegeisterung in der chinesischen Gesellschaft zu stärken. Das zumindest behauptet die Zeit, die sich mit dem Hype über chinesische Science Fiction beschäftigt und dabei insbesondere Bezug auf die Trisolaris-Reihe des chinesischen Autors Cixin Liu nimmt. Dieser frönt tatsächlich einer gewissen Technikeuphorie, um die aktuellen und zukünftigen Probleme dieser Welt zu lösen und der Bedrohung durch Außerirdische zu begegnen.

Die segenbringende Wirkung von Science Fiction - dazu passt auch die folgende Quelle: Technology Review berichtete gerade von einer amerikanischen Studie, nach der Science Fiction messbaren Einfluss auf reale Wissenschaft hat. Da kann man den Amerikaner nur raten, mehr Science Fiction zu schreiben und zu lesen. Der Economist hat gerade eine aktuelle Grafik online gestellt, auf der zu sehen ist, wie die Anhänger der Theorie, die Erde sei eine Scheibe, neuerdings an Einfluss gewinnen, während die Gläubigen der Chemtrail-Theorie zurückbleiben. Zumindest für die Trisolaris-Angreifer aus dem Weltraum ist ja vielleicht eine flache Erde schlechter zu finden als der gewohnte runde Ball.

Update: und so lief der March for Science dann gestern in den USA

Samstag, 17. März 2018

Steven Pinker oder wie schön ist die Welt

Eine meiner Entdeckungen im vergangenen Jahr ist die Website Our World in Data, auf der in regelmäßigen Abständen neue Datensätze darüber veröffentlicht werden, wie weit wir tatsächlich eine Verbesserung in unterschiedlichsten Politikfeldern erleben. Es ist die Optimisten-Website par excellence. Rückgang der Kindersterblichkeit, weniger Verkehrstote, alles wird immer besser, so hat man den Eindruck.
In eine ähnliche Kerbe haut bald wieder Steven Pinker, ein amerikanischer Experimentalpsychologe und Kognitionswissenschaftler, der schon 2011 mit seinem Buch "Gewalt. Eine Geschichte der Menschheit" für großes Aufsehen gesorgt hatte. In diesem Buch trug Pinker eine Unzahl an Daten und Statistiken zusammen, um zu beweisen, dass unsere Welt immer weniger gewalttätig wird, dass die Zahl der Kriegstoten und derjenigen, die Gewaltverbrechen zum Opfer fallen, zumindest aus der Distanz betrachtet kontinuierlich zurückgeht.
Pinker ist damals vorgeworfen worden, es mit den Zahlen nicht ganz so genau zu nehmen. Herfried Münkler hat in einer Rezension damals hierauf hingewiesen, aber auch herausgearbeitet, dass es Pinker eigentlich nicht zentral und diese Daten geht, sondern auf die dahinter liegenden Prozesse, die er für den Rückgang der Gewalt verantwortlich macht. Es ist einerseits die befreiende Rolle des Staates und andererseits etwas, was Norbert Elias schon vor vielen Jahren als den Prozess der Zivilisation geschrieben hat.
Sein neues Buch, das in Deutschland den Titel "Aufklärung jetzt" tragen wird und erst im September erscheint, hat in den USA erneut für eine intensive Diskussionen gesorgt. Vorgeworfen wird Pinker unter anderem, einer fortschrittsgläubigen Argumentation zu folgen und die Rolle von Wissenschaft und Technik zu überhöhen, während normative Aspekte und Religion hinten runterfallen. Es sei naiv zu glauben, dass ich alle Probleme der Menschheit mit Wissenschaft und Technik lösen lassen.
Ich muss zugeben, noch habe ich Pinkers Buch nicht gelesen, aber die Rezessionen und die Diskussion, die damit ausgelöst werden, scheinen mir einige der Kernauseinandersetzungen der letzten Jahre um Wissenschaft und Technik zusammenzufassen.
Das Thema Technikgläubigkeit wird heute ja insbesondere mit dem Anspruch der großen Technologiekonzerne aus Silicon Valley verbunden, die mit ihren Innovationen die Welt beglücken und alle Probleme für immer lösen wollen. Das ist sicher ein wenig überzeichnet, aber möglicherweise ist es doch ganz gut, mal einen Schritt zurück zu treten und zu sehen, inwieweit Wissenschaft und Technik tatsächlich unser Leben besser gemacht haben. Und für viele Bereiche, von der Gesundheitsvorsorge bis zu den Arbeitsbedingungen der meisten Menschen, trifft dies ja auch zu. Sicher, Umweltprobleme haben sich in vielen Bereichen verschärft, und nachhaltig ist die aktuelle Entwicklung auch nicht. Wir wissen nicht, ob der Klimawandel, der durch viele Technologien von der Dampfmaschine bis zum Verbrennungsmotoren ausgelöst wurde, uns nicht in naher Zukunft in die Katastrophe führen wird.
Einen originellen Ansatz zur Diskussion von Sinnfragen, Religion und der Rolle von Technik hat Yuval Noah Harari 2015 vorgelegt. Wie die Zeit in einer Rezension schreibt, sieht Harari die Welt zunächst durchaus aus einer Perspektive des Kontrollgeewinns durch Wissenschaft und Technik, dir aber bald verloren gehen dürfte durch die Übernahme der Kontrolle durch mächtige Algorithmen und Systeme, die uns auf eine subtile Art und Weise manipulieren und beeinflussen werden, die wir uns heute noch gar nicht richtig auszumalen trauen. Das ist zwar manchmal  ein bisschen im Stile der Katastrophenszenarien, die von einer Machtübernahme durch Superintelligenz schwadronieren, gleichwohl ein interessanter Gedankengang um Kontrolle und Kontrollverlust durch Wissenschaft und Technik. Und eine Diskussion der Frage, inwieweit Sinnhaftigkeit so sehr notwendig ist, dass hier neue technologische Sinnstifter in die Rolle von Religion schlüpfen, um die aktuelle Leere zu füllen. Da ist sie dann wieder, die Diskussion um Sinn, um Religion und Vernunft, die auch Steven Pinker in seinem neuen Buch zu führen scheint.
Die Kritiker von Pinkers neuem Buch beschäftigen sich aber auch mit anderen Argumentationssträngen. So werfen sie ihm z.B. vor, das Thema Ungleichheit zu bagatellisieren, wenn er auf die Bekämpfung von Armut statt Ungleichheit hin argumentiert. Ungleichheit sei sehr wohl ein Problem, und außerdem hätten auch die Denker der Aufklärung, in deren Tradition sich Pinker sieht, den Finger in diese Wunde gelegt.
Andere wiederum werfen Pinker ein naives Verständnis der liberalen Weltordnung vor, die ein Ende der Geschichte suggeriere, das eher nicht zu erwarten sei.
Aber es gibt auch begeisterte Leser und Rezensionen, die Pinkers Versuch, die Wissenschaft vor den Zweiflern der Moderne zu retten, loben und preisen. Und vielleicht ist eine aufgeheizte, wissenschaftskritische Atmosphäre in den USA auch ein guter Grund, einmal dezidiert für rationales, wissenschaftliches Denken und Handeln zu plädieren.
Wer das Buch jetzt nicht auf Englisch lesen möchte und nicht bis September warten kann, dem sei diese Aufzeichnung eines öffentlichen Interviews von mehr als einer Stunde mit Pinker empfohlen:

Sonntag, 9. April 2017

Unsterblichkeit und Ostern


Die aktuelle Ausgabe der Zeit fragt sich, ob wir in Zukunft dank den Erkenntnissen der Wissenschaft dem Tod ein Schnippchen schlagen können. Dazu schreibt die Zeit in ihrer aktuellen Ausgabe (neuerdings für Nicht-Abonenten hinter einer Bezahl-Schranke) einen längeren Eröffnungsartikel. Der Zeitpunkt ist vermutlich nicht zufällig. Wir haben Ostern. Zeit des Todes und der Auferstehung. Im genannten Artikel werden zwei Erzählstränge miteinander verwoben. Es geht einmal um einen Wissenschaftler, der ein Verfahren zur exakten Messung des echten biologischen Alters gefunden hat. Ein anderer Wissenschaftler wiederum hat durch die Transfusion von Blut junger Menschen alte Menschen wieder jung gemacht. Oder im Moment eher mit der Transfusion des Blutes junger Mäuse alte Mäuse verjüngt. Bereits vergangenen Sommer machte die Meldung die Runde, der Internet-Milliardär Peter Thiel nehme an einer entsprechenden klinischen Studie teil. Durch das Trinken von Blut (na gut, die Transfusion) das ewige Leben gewinnen? Ist das nicht eine christliche Metapher? Wird nicht Wein zu Blut in der Wandlung? Hat dies nicht mit Ostern zu tun? 

Vielleicht ist das jetzt dann doch zu blaspemisch. Dann bleibe ich lieber im Bereich der Popkultur. Die zweite Assoziation ist die von Vampiren, die Blut saugen, um am Leben zu bleiben. Aber nein, hier handelt es sich um echte Wissenschaft. Beim Lesen des Artikels war ich geradezu euphorisiert. Das ist wirklich möglich? Das kommt jetzt ganz bald? Bluttransfusion, und damit werde ich jünger?

Leider hatte ich vorher schon einen Artikel des New Yorker gelesen, der ein wenig Wasser in den Wein goss. Im New Yorker wurde die ganze Geschichte um die Hoffnung, den Tod zu besiegen, aus einer etwas anderen Perspektive erzählt. Hier in geht es um die Internet-Größen des Silicon Valley. Um Biotechnologie, aber auch um Big Data und künstliche Intelligenz. Um Milliardäre, die Angst vor dem Tod haben. Die als Kinder oder Jugendliche ihren Vater verloren haben. Im Gegensatz zum Artikel in der Zeit wird hier eine deutlich breitere Palette an Zugängen gezeigt, aber auch an Hoffnungen und Enttäuschungen. So einfach scheint das ewige Leben nicht zu haben zu sein. Die Fantasien reichen davon, Zellen zu reparieren und zu verjüngen, bis dahin, den menschlichen Geist in Computer zu transferieren. Und wer nicht wirklich daran glaubt, dass all diese Versuche in absehbarer Zeit zu brauchbaren Resultaten führen, der lässt sich halt einfrieren.

Der Artikel war faszinierend, aber irgendwie dann doch etwas ernüchternder als die euphorischen Schilderungen in der Zeit. Nun ja, im Zweifelsfall ist da ja noch Ostern, zumindest für die Christen unter uns. 

Samstag, 8. April 2017

Frühling der Wissenschaft

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, so ruft Faust in seinem Osterspaziergang. Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, ist es zwar ziemlich grau und kalt, die letzten Wochen konnten wir aber schon angenehme Frühlings- bis Frühsommertage genießen, mit Temperaturen deutlich über 20 Grad. In anderen Weltgegenden ist es nicht der Osterspaziergang, sondern das Kirschblütenfest, dass die Menschen nach draußen in die Sonne lockt. Der Economist hat gerade eine wunderhübsche und gleichzeitig erschreckende Grafik veröffentlicht, auf der er den Zeitpunkt des Kirschblütenfest in den letzten 1200 Jahren in Japan nachzeichnet. So weit reichen dort die Aufzeichnungen zurück. Und was man sieht, ist das dieser Zeitpunkt im letzten Jahrhundert immer weiter nach vorne gerückt ist, der Klimawandel lässt grüßen.

Wie gesagt, die Grafik ist bezaubernd, und das bringt mich zur jährlichen Verleihung der besten Infografiken, die in diesem Artikel kurz skizziert wird. Es gibt auch einen Preisträger aus Deutschland dabei, aber insgesamt muss man doch sagen, dass anderenorts die hohe Kunst der Infografik stärker gelebt wird als hierzulande. Dabei sind Infografiken ein wunderbarer Weg, Daten und Informationen an Lieschen Müller zu bringen. Wissenschaftskommunikation und Design, Hand in Hand. Brauchen wir nicht mehr davon, angesichts der Herausforderungen, denen sich die Wissenschaft gegenüber sieht? Angesichts des Sperrfeuers, das jetzt aus Washington kommt? Naja, die Infografik wird die Wissenschaft nicht retten, sie dient mir aber als Überleitung zu einem weiteren Thema, dass mich zur Zeit beschäftigt.

Wissenschaft ist unter Druck, und jetzt schlägt die Wissenschaft zurück, spätestens im Mai werden sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf den Straßen der Metropolen dieser Welt vereinen zum march for science.

Das Thema hat interessante Debatten angestoßen, auch in Deutschland sind einige spannende Beiträge dazu erschienen. Lesenswert fand ich z.b. den Beitrag von Herrn Schneidewind, den Chef des Wuppertal Instituts, der auf die enge Verknüpfung von Wissenschaft und Gesellschaft hinwies. Wissenschaft können sich nicht auf ihre neutrale Rolle als Beobachter und Erklärer der Welt zurückziehen. Wissenschaft handle nicht nur von objektiven Fakten, nein sie beeinflusse mit werthaltigen Aussagen auch die Gesellschaft und werde ihrerseits von der Gesellschaft beeinflusst. In diesem Sinne ist es wohl normal, dass sie auch Teil gesellschaftlicher Konflikte wird, wie wir es zur Zeit in den USA segen. Also kein Fundamentalangriff auf die Wissenschaft?

Lesenswert fand ich ebenfalls den Beitrag von Peter Weingart, der sich wissenschaftstheoretisch mit der Beziehung zwischen Wissenschaft und Wahrheit auseinandersetzt und auf die Theorien des Konstruktivismus und des Paradigmenwechsels  verweist. Während der Konstruktivismus - stark vereinfacht und verkürzt gesagt - davon ausgeht, dass Erkenntnis immer nur ein temporäres soziales Konstrukt ist, also subjektiv eine Theorie von der Welt schafft, beschreibt die Theorie von Paradigmenwechsel wissenschaftliche Erkenntnisse als temporäre Übereinkünfte von Wissenschaftscommunitys über ihre gemeinsame Sicht der Welt, die in Phasen des Paradigmenwechsels in sehr kurzer Zeit in Frage gestellt und durch neue Theorien über die Welt ersetzt werden.

Beiden Ansätzen ist gemeinsam, dass sie der Laiensicht auf Wissenschaft widersprechen, die eher davon ausgeht dass Wissenschaft tatsächlich absolute, ewig gültige Wahrheiten entdeckt. Ist der Konstruktivismus damit der Wegbereiter von alternativen Fakten, da ja sowieso jede wissenschaftliche Aussagen nur ein zeitlich befristetes Konstrukt ist?

Natürlich nicht. Und um an einem Beispiel deutlich zu machen, wie segensreich und erhellend es manchmal sein kann, jenseits von scheinbar allseits geteilten Überzeugungen auf die Fakten zu prüfen und bestimmte Gemeinplätze in Frage zu stellen, hier noch die Empfehlung auf einen Artikel, der deutlich macht, dass die Osterweiterung der EU keineswegs dazu geführt hat, dass die Entscheidungsfindung im Europäischen Rat schwieriger wurde, Gesetzgebungsverfahren länger dauerten oder dass die osteuropäischen Neumitglieder als Block am laufenden Band Entscheidungen der Altmitglieder torpedierten. Und das ist nicht nur interessant zu erfahren, das ist möglicherweise auch entscheidungsrelevant, wenn es darum geht, ob die EU offen bleibt für Neumitglieder.

Nicht nur die Klimaforschung, auch die Sozialwissenschaften können also manchmal eine wichtige Rolle spielen und zu besserem politischen Handeln beitragen. In diesem Sinne dann doch "raus auf die Straßen, Ihr Freunde der Wissenschaft, zum march for science. Vom Eise befreit sind Strom und Bäche ...

Sonntag, 19. Februar 2017

Wissenschaft gegen Technologie gegen Ökonomie

Gestern habe ich einen interessanten und ein wenig skurrilen Artikel im Blog SciLog gelesen. Es ging dabei um die Sicht eines eingefleischten Naturwissenschaftlers auf die aktuelle wirtschaftswissenschaftliche Debatte um den Rückgang des Produktivitätswachstum. Der Autor war perplex, nein er war empört. Zunächst einmal über die Uneinigkeit der Ökonomenzunft über zentrale Aspekte der Wirtschaft. Wie könne es sein, dass die eine Hälfte der Ökonomen davon ausgehe, mit dem ständigen Wachstum der Produktivität sei es nur vorbei, während die andere Hälfte genau das Gegenteil behaupte. Noch viel stärker kränkte den Autor allerdings die Annahme einiger Ökonomen, der technologische Fortschritt sei heute im Vergleich zu früher nur noch eine Schnecke, die Früchte dieses Fortschritts sein nicht der Rede wert und dies der wesentliche Grund für den Rückgang des Wachstums. Der Autor bezog sich dabei auf Robert Gordon und seine etwas polemischen Ausführungen über den gesellschaftlichen Nutzen des Kühlschranks gegenüber dem Nutzen das Online-Pizzabringdienstes.

Der Autor des besagten Artikels konterte diese unverschämten Aussagen mit den aktuellen und zu erwarteten Fortschritten in der naturwissenschaftlichen Forschung. Möglicherweise war dies schon der erste Keim des Missverständnisses. Die zitierten Ökonomen behauptet nämlich nicht, dass es keinen wissenschaftlichen Fortschritt, dass es keine neuen, atemberaubenden Erkenntnisse gäbe. Die Frage stellt sich aber, ob diese neuen Erkenntnisse auch in neue Produkte und Dienstleistungen übersetzbar sind, die tatsächlich zu einem Produktivitätswachstum führen und gesellschaftlichen Mehrwert stiften.

Ein wenig steckt in Gordons Polemik meiner Meinung nach auch ein Angriff auf die Technologie-Szene aus dem Silicon Valley, die in all ihrer Hybris der festen Überzeugung ist, dass mit neuen Technologien alle Probleme dieser Welt lösbar sind. Und wenn nicht, und wenn der Untergang der Welt droht, dann wandern wir halt aus ins All oder ziehen uns in unsere Bunker zurück.

Die Süddeutsche Zeitung hat gerade erst eine hübsche Reportage über den kuscheligen Weltuntergang im Bunker geschrieben. Es scheint gerade hip zu sein in der neureichen Techie-Szene, sich seinen kleinen Luxus-Hightech-Bunker-Platz zu kaufen, wenn es mit der Rettung der Welt doch nicht geklappt hat. Elon Musk wiederum arbeitet auf den Exodus der Menschheit ins Exil auf den Mars hin. Ein ziemlich polemischer Artikel in Aeon wirft Musk vor, dass man mit diesem Aufwand lieber unsere Erde retten sollte als den Mars kolonisieren zu wollen.

Na ja, die Silicon Valley Firmenbosse stehen im Moment eh etwas unter Beschuss, seitdem Trump das Ruder in Washington übernommen hat. Ihr Taktieren gegenüber der neuen Regierung wird sehr kritisch verfolgt, jede kritische Meinungsäußerung wird als taktisch motiviert und auf äußeren Druck entstanden interpretiert.

Demgegenüber tut sich auf Seiten der sonst eher unpolitischen Wissenschaft Erstaunliches. Ein Marsch der Wissenschaft auf Washington ist angekündigt, in einer Art Guerilla-Taktik sichern Wissenschaftler Daten, die die Regierung jetzt zurückhalten möchte.

Die Wirtschaftswissenschaften, die im eingangs zitierten Artikel so schlecht abschnitten, lassen übrigens kaum ein gutes Haar an der neuen amerikanischen Regierung.

Und die Moral von der Geschicht? Wissenschaft und Technologie wird wieder politisch, zumindest auf der anderen Seite des Atlantik. Für den Bundestagswahlkampf kann ich mir eine solche Diskussion allerdings nicht vorstellen. Aber man weiß ja nie, so manches schien unvorstellbar vor nicht allzu langer Zeit.

Montag, 27. Juni 2016

Brexit und Wissenschaft

Jetzt ist es also passiert. Eine knappe Mehrheit der Briten hat sich für den brexit entschieden. Eine sehr weitreichende Entscheidung für die Zukunft aus sehr rückwärtsgewandten Motiven heraus. Eine Katastrophe für Großbritannien und für Europa.
Ziemlich eindeutig gegen den brexit und ziemlich deutlich entsetzt waren unter anderem Wissenschaftler auf der Insel (auch wenn es auch in dieser Community auch positive Stimmen gab). Aus ihrer Sicht profitiert Wissenschaft von internationalem Austausch und insbesondere vom europäischen Austausch in enormen Ausmaße. Der brexit trifft die Attraktivität des Wissenschaftssystems ebenso wie er die Chancen auf Austausch in gemeinsamen Projekten verringert.
Die Schweiz hat gerade erfahren, welche Probleme sich für das Wissenschaftssystem ergeben, wenn eine Bevölkerung in einem Referendum die Bande zu Europa lockert. Akzeptiert die Schweiz nicht die Freizügigkeit für das EU-Neumitglied Kroatien, so werden Schweizer Forscher in Zukunft nicht mehr am Forschungsrahmenprogramm teilnehmen können. Und war nicht gerade die Freizügigkeit eines der großen britischen Probleme?
Wenn auch die Überstürzung auf dem Kontinent allgemein sehr groß ist, so beginnen sich doch auch einige potentielle Krisengewinnler mehr oder minder heimlich die Hände zu reiben. Profitiert der Bankenplatz Frankfurt vom Abstieg des Bankenplatzes London? Wird Berlin zur Fintech-Metropole Europas? Wird die deutsche Gründerszene vielleicht ganz allgemein profitieren?
Vielleicht ist ja dieser ganze neumodische Technikkram überhaupt erst Schuld am brexit. Eine leicht verschwörungstheoretisch angehauchte Studie zumindest beschreibt, wie die Argumente für einen Ausstieg Großbritanniens in den sozialen Medien in den letzten Wochen dominierten, und das nicht wegen der menschlichen Kommentare, sondern wegen der bots. Bereits im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf gab es ja den Vorwurf, dass soziale Medien wie Facebook die politische Diskussion und potentiell damit auch das Wahlverhalten massiv beeinflussen könnten.
Vielleicht ist das Ergebnis des brexit-Referendums aber auch eine Verschwörung der Alten gegen die Jungen. Wie soll da noch zukunftsgewandte Politik gemacht werden? Einen gewagten Vergleich sieht angesichts dieser Diskussion Tyler Cowen  in seinem regelmäßigen Block und verweist auf eine in den letzten Tagen veröffentlichte Studie zum Verhalten unsere nächsten Verwandten.

Update: hier ist ein live blog von Science Business zum Thema brexit, science and technology