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Samstag, 21. Oktober 2017

Nudging und Europa

Das Thema Nudging hat wieder Konjunktur. Seit der amerikanische Ökonom Richard Thaler Anfang Oktober den Wirtschaft Nobelpreis gewonnen hat , wird nicht nur die Verhaltensökonomie in vielen Blog-Beiträgen erläutert , sondern auch der Ansatz von Thaler, unvernünftige Menschen durch einen kleinen Stups wieder in Richtung rationalem Verhalten und damit zurück zum homo oeconomicus zu bringen. Manche Beiträge unterstellen Thaler deswegen ein dezidiert technokratisches Politikverständnis, und dies ist dann nicht unbedingt nett gemeint.

Wobei Technokratie nicht in allen Weltgegenden einen schlechten Ruf hat. Eine aktuelle Studie von Pew Research sagt, dass insbesondere in Ländern, in denen die Bevölkerung eher enttäuscht von ihrer Regierung ist, eine technokratische Regierung von Experten durchaus große Sympathien hätte.  Demokratie alleine macht nicht glücklich, wenn die demokratisch gewählten Volksvertreter nur Mist bauen. Und es gibt viele Länder, in denen man diese Haltung sehr gut verstehen kann. In anderen hat man so seine Zweifel.

Bis zu einem gewissen Grad reitet auch Donald Trump auf dieser Welle, wenn er gegen das Polit-Establishment wettert. Und andere tun es ihm nach. Heute abend erst wurden die Ergebnisse der Wahlen in Tschechien bekannt, und auch hier scheint ein Populist, der sich als Politik-Outsider, als Unternehmer, als Experte geriert, erfolgreich. Das ist die populistische Seite des technokratischen Versprechens. Die andere ist die autoritäre, wie in Russland oder Peking, oder eben die der Sachverständigen Verwaltung.

Es gab einen nette Studie, die zeigen wollte, dass Belgien, das lange Zeit auf eine funktionierende Regierung wartete, in dieser Interims-Periode deutlich besser und erfolgreicher regiert wurde, als in der Zeit, als Politiker tatsächlich das Sagen hatten. Allerdings, glaubt ernsthaft jemand, das Verwaltung Politiker setzen kann? Zeigt das, dass Experten die besseren Politiker sind? Zeigt das, das Platon doch recht hatte?

Zumindest ist die Expertokratie in solchen Beispielen eher ein Pluspunkt. Sachwissen ist der Schlüssel für die richtige Entscheidung. Da würde sich die Europäische Kommission sicher freuen, wenn solch ein Politikverständnis auch in Europa etwas weitere Verbreitung finden würde. Natürlich nicht ein antidemokratisches, aber eines, das die Vorzüge technokratischer Politikgestaltung zumindest etwas würdigt. Denn nichts anderes ist die Kommission im Moment, ein im Guten wie im Schlechten Sinne technokratisch Institution. Zwar kämpft sie darum, ihre demokratische Legitimität zu steigern, indem z.B. der Kommissionspräsident vom Europäischen Parlament gewählt wird. Aber gegen die Mitgliedstaaten, die den intergouvernementalen Ansatz in den letzten Jahren noch gestärkt haben, kommt die Kommission kaum an. Im Moment hat die Diskussion in Europa wieder etwas an Schwung gewordenen, nach Jean-Claude Juncker hat sich Emmanuel Macron zu Wort gemeldet, hier hat die Zeit die unterschiedlichen Visionen von Europa zusammengetragen.

Damit hier keine Missverständnisse aufkommen. Europa ist der richtige Weg, um Politik zu gestalten. Und Fachkompetenz innerhalb der Europäischen Verwaltung ist sicher eine zentrale Voraussetzung dafür, dass gute Politik gemacht wird. Aber weiterhin steht die europäische Politik unter dem Generalverdacht, Technokraten-Politik zu sein. Und weiterhin sind alle Versuche, die Bürger mit einem kleinen Stups zum richtigen Verhalten zu bewegen, schnell der Auslöser für einen großen Shitstorm.

in diesem Sinne hat Richard Thaler uns Europäern viel zu sagen.

Sonntag, 30. April 2017

Demokratie und Wissenschaft

Im Moment beschäftigt ja der Populismus im Allgemeinen und der Konflikt zwischen Populismus und Wissenschaft im Besonderen die digitalen Medien. Gefährden populistische Parteien die Demokratie? Wird insbesondere die Forderung der Populisten nach mehr Volksabstimmungen zu einem Probleme für die repräsentative Demokratie? Kapern die Populisten die Demokratie? Wird die rational begründete Entscheidung, am besten auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse, durch Bauchgefühl, durch Emotionen an den Rand gedrängt?

Man kann das auch anders sehen. Es gibt in jüngster Zeit einige Artikel, die vermuten das Problem genau dort, wo andere die Lösung sehen. Nämlich in der repräsentativen Demokratie, die nicht mehr so funktioniere, wie ursprünglich gedacht, oder die sogar nie die beste aller Lösungen gewesen sei. Bereits im Februar diesen Jahres hat die Zeit ein langes Dossier veröffentlicht, indem sie Autoren zu Wort kommen lässt, die sich gegen die klassische repräsentative Demokratie wenden und dafür plädieren, zurück zum Original der Antike, zur Athener Demokratie zu kommen, wo Repräsentanten nicht gewählt, sondern gelost wurden.

Es gebe auch aktuell ein Beispiel dafür, wie so etwas funktionieren solle, nämlich die Bürgerversammlungen in Irland, wo tatsächlich durchs Los bestimmte Bürger entscheiden. Sie werden beraten und informiert von Experten, ähnlich wie sich auch Abgeordnete in Ausschüssen mit Expertenmeinungen beschäftigen. Dann sollen sie am Ende Entscheidungen treffen, und tatsächlich hielt sich die irische Regierung an Entscheidungen solche Bürgerversammlungen.

Es gibt auch in Deutschland ähnliche Prozesse, wo die Beteiligung von Bürgern angestrebt wird, wo diese eingeladen werden, gemeinsam mit Experten schwierige Probleme zu diskutieren und sich eine Meinung zu bilden. Meistens stehen auch sogenannte Handlungsempfehlungen am Ende solcher Prozesse. Ich meine die vielen partizipativen Prozesse, die sich mittlerweile in verschiedenen Politikfeldern gebildet haben, auch im Bereich der Forschungs- und Innovationspolitik.

Aber dort käme niemand auf den Gedanken, hier tatsächlich verbindliche Entscheidungen durch Bürgerinnen und Bürger treffen zu lassen. Im Moment experimentiert man noch mit den verschiedenen Beteiligungsmodellen. Ein Grund dafür, dass bindende Entscheidungen solche Gremien bisher undenkbar scheinen, ist auch die Auswahl der Beteiligten. Hier wird ja nicht per Los ein zufälliger Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung gebildet, sondern es sind Freiwillige, die sich aus persönliche Motivation heraus an solchen Prozessen beteiligen. Und da ist es, wie so häufig, eher eine sehr wenig repräsentative Auswahl, es sind dann doch eher die Gebildeten und Interessierten, die in solchen Gremien sitzen. Die Entscheidungen sollen dann doch die gewählten Vertreter des Volkes, die Parlamentarierinen und Parlamentarier, die Ministerinnen und Minister treffen.

Es sieht also so aus, als wenn wir erstmal bei der repräsentativen Demokratie bleiben. Aber ist diese wenigstens funktional? Führt sie zur Auswahl der Besten, und bleibt trotzdem ein Spiegel der Gesellschaft? Für Schweden hat dieser Artikel versucht, eine Antwort zu geben. Interessanterweise in einem Ökonomen-Blog veröffentlicht, untersucht der Artikel, ob durch demokratische Auswahl von Vertretern auch wirklich gute Leute in entsprechende Funktionen kommen. Schließlich seien andere Posten ja subjektiv gesehen durchaus lukrative. Aber das scheint nicht wirklich abzuschrecken. Und außerdem fragt der Autor, ob nur solche Menschen Politiker werden, deren Väter/Mütter und Großmütter/Großväter schon aus gebildeteren und reicheren Schichten stammen. Für Schweden scheint dies nicht der Fall zu sein. Für Deutschland allerdings erinnere ich mich an Artikel, die durchaus im Vergleich früherer Bundestage mit dem von heute zu dem Schluss kommen, dass eine sehr spezielle Auswahl an Personen in unserem Parlament sitzt. Hier haben sich Sozialwissenschaftler recht kritisch zur soziodemografischen Zusammensetzung des aktuellen Bundestags geäußert. Und in diesem Zusammenhang ist sicher auch die Debatte um den Reichtumsbericht der Bundesregierung relevant. Die Positionen ärmere Bevölkerungsschichten zu politischen Fragen würden nicht in gleichem Maße durch die Volksvertreter berücksichtigt wie die reichere Bevölkerungsgruppen. Zu diesem Schluss kam ein Gutachten für besagten Reichtumsbericht, das aber in der Endversion wohl nur noch in Teilen wiedergegeben wurde.

Ein anderer Diskussionspunkt um repräsentative Demokratie zielt auf den Wahlakt als solchen. Seit vielen Jahren geht die Wahlbeteiligung in den meisten Industrieländern zurück. Sind die Leute wahlmüde, funktioniert der Transmissionsriemen der repräsentativen Demokratie nicht mehr? Die aktuell hoch emotionalen Wahlen zum Beispiel bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Frankreich zeigen, dass dann, wenn es um etwas zu gehen scheint, die Wähler durchaus mobilisiert werden können.

Aber brauche ich überhaupt Wahlen, wenn ich durch Umfragen doch schon vorab weiß, wie sie ausgehen? Zwar war gerade in den letzten Monaten die ein oder andere Wahl dabei, wo Umfragen und echtes Wahlergebnis deutlich voneinander abzuweichen schienen. Doch das Beispiel der französischen Präsidentschaftswahlen zeigte, dass Umfrageinstitute auch ziemlich punktgenaue Voraussagen machen können. Und auch wenn Prognosen den einen oder anderen Wähler zu taktischen Wahlverhalten bringen, scheint das Prinzip Wahlen bisher noch zu funktionieren, so zumindest dieser Meinungsbeitrag in einer der letzten Ausgaben der Zeit.

Mit den Möglichkeiten neuer Umfragetools hatte ich mich ja bereits in einem meiner letzten Blogs auseinandergesetzt. Da scheint noch einiges auf uns zu warten.

Was heißt das nun alles für Forschungs- und Innovationspolitik? Z.b., dass parlamentarische Vertretung und repräsentative Demokratie nicht das allein seligmachende Prinzip sind, dass die direkte Beteiligung der Bevölkerung durchaus interessant sein kann, dass es dafür auch spannende neue Formate gibt, das Umfragen hergebrachte Strukturen und Prozesse in Frage stellen und das insgesamt das Thema Partizipation auf der Agenda bleibt. Beteiligung wird noch viel wichtiger werden. In diesem Sinne erwarte ich mir, dass wir in den nächsten Jahren auch im Bereich der Forschungs- und Innovationspolitik noch einiges an neuen Beteiligungsformen sehen werden. Nicht nur wird Open Innovation die Innovationsstrategien der Unternehmen bestimmen, nein auch Open Participation bestimmt die Politik der Zukunft.

Und auch die Wissenschaft muss und demokratisch bleiben. Da wiederum hat die Diskussion rund um den March for Science einiges in Bewegung gesetzt.

Samstag, 22. April 2017

Und noch mal March for Science

Eigentlich wollte ich ja nicht über den March for Science schreiben, dazu sind doch eigentlich schon genug Beiträge in den letzten Tagen und Wochen erschienen. Aber als ich mir heute früh noch einmal meine Bookmarks dazu angeschaut habe, fand ich die Vielfalt der Beiträge doch bemerkenswert, daher hier ein Überblick über die besonders interessanten Aspekte.

Es gibt eigentlich kaum einen Beitrag, der das Anliegen grundsätzlich in Frage stellt. Alle finden das Motiv richtig und wichtig. Wissenschaft muss gestärkt werden. Dennoch finden sich viele skeptische Beiträge, die ein Haar in der Suppe finden.

Wie kann man sich gegen eine Vereinnahmung durch das Wissenschafts-Establishment wehren, und gegen den Eindruck, hier nur gegen Trump zu demonstrieren?

Verschleiert eine solche Demonstration nicht gerade, dass Wissenschaftler natürlich auch parteiisch ist und dass sie immer nur vorläufige Wahrheiten produziert?

Dieser Beitrag weist darauf hin, dass die Situation in Deutschland aktuell ganz anders ist als in den USA. Das nämlich Wissenschaft immer stärker auch als Partner der Politik genutzt wird, um Handeln zu legitimieren. Also nicht gerade eine wissenschaftsfeindliche Haltung hierzulande. Das erklärt sicher auch, dass die deutschen Organisatoren des March for Science kräftige Unterstützung von allen Seiten des Wissenschafts-Establishments bekamen.

Dieser Beitrag befürchtet, dass die Demo der Politisierung von Wissenschaft Vorschub leisten wird und unterm Strich der Wissenschaft eher schadet. Besser wäre demnach, die Beteiligung der Gesellschaft an Wissenschaft zu stärken, durch citizen science oder durch ein gesellschaftliches Engagement von Wissenschaftlern.

Und dieser Beitrag aus den USA wiederum geht ganz nüchtern wissenschaftlich an die Sache heran und vergleicht die aktuelle Aktionen mit Demonstrationen der vergangenen 40 Jahre, Daten gibt es hier zu genug. Und der Artikel kommt zu dem Schluss, dass die Wissenschaftsaktion doch einige Parallelen zu den Bauernprotesten früherer Jahre hat, wo ebenfalls ein Berufsstand befürchtete, marginalisiert und finanziell abgehängt zu werden. Vielleicht ein etwas harter Vergleich, aber nicht ganz von der Hand zu weisen, zumindest für die Situation in den USA.

Und es gibt auch den selbstreflexiven Ansatz, wenn der March of Science zum Objekt wissenschaftlicher Forschung wird.

Spannend wird nun vor allen Dingen sein, wie die Berichterstattung über die Demonstration ausfallen wird, insbesondere in den USA. In Deutschland gibt es heute noch andere politische Großveranstaltungen, die vermutlich die Berichterstattung etwas überlagern.

P.S. in der Süddeutschen las ich gestern noch diese lange und teilweise sehr witzig geschriebene Reportage über die Wissenschaftsfeindlichkeit in den USA (online nur gegen Geld, aber in diesem Fall würde ich sagen, es lohnt sich). Der Autor reist erst zu den fundamentalen Christen, die Evolutionstheorie für Unsinn halten. Dann spricht er mit Wissenschaftlern über die Macht großer Konzerne, die bewusst Unsicherheit säen und wissenschaftliche Erkenntnisse in Zweifel ziehen. Er schreibt über das tief verwurzelte Misstrauen gegenüber der Politik und den Eliten in Washington, und wiederholt noch einmal, wie tief die Spaltung in der Gesellschaft und den politischen Lagern ist. Vier Faktoren, die mit dazu beitragen, dass Wissenschaft in den USA deutlicher umstritten ist als z.b. in Deutschland.

Samstag, 8. April 2017

Frühling der Wissenschaft

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, so ruft Faust in seinem Osterspaziergang. Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, ist es zwar ziemlich grau und kalt, die letzten Wochen konnten wir aber schon angenehme Frühlings- bis Frühsommertage genießen, mit Temperaturen deutlich über 20 Grad. In anderen Weltgegenden ist es nicht der Osterspaziergang, sondern das Kirschblütenfest, dass die Menschen nach draußen in die Sonne lockt. Der Economist hat gerade eine wunderhübsche und gleichzeitig erschreckende Grafik veröffentlicht, auf der er den Zeitpunkt des Kirschblütenfest in den letzten 1200 Jahren in Japan nachzeichnet. So weit reichen dort die Aufzeichnungen zurück. Und was man sieht, ist das dieser Zeitpunkt im letzten Jahrhundert immer weiter nach vorne gerückt ist, der Klimawandel lässt grüßen.

Wie gesagt, die Grafik ist bezaubernd, und das bringt mich zur jährlichen Verleihung der besten Infografiken, die in diesem Artikel kurz skizziert wird. Es gibt auch einen Preisträger aus Deutschland dabei, aber insgesamt muss man doch sagen, dass anderenorts die hohe Kunst der Infografik stärker gelebt wird als hierzulande. Dabei sind Infografiken ein wunderbarer Weg, Daten und Informationen an Lieschen Müller zu bringen. Wissenschaftskommunikation und Design, Hand in Hand. Brauchen wir nicht mehr davon, angesichts der Herausforderungen, denen sich die Wissenschaft gegenüber sieht? Angesichts des Sperrfeuers, das jetzt aus Washington kommt? Naja, die Infografik wird die Wissenschaft nicht retten, sie dient mir aber als Überleitung zu einem weiteren Thema, dass mich zur Zeit beschäftigt.

Wissenschaft ist unter Druck, und jetzt schlägt die Wissenschaft zurück, spätestens im Mai werden sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf den Straßen der Metropolen dieser Welt vereinen zum march for science.

Das Thema hat interessante Debatten angestoßen, auch in Deutschland sind einige spannende Beiträge dazu erschienen. Lesenswert fand ich z.b. den Beitrag von Herrn Schneidewind, den Chef des Wuppertal Instituts, der auf die enge Verknüpfung von Wissenschaft und Gesellschaft hinwies. Wissenschaft können sich nicht auf ihre neutrale Rolle als Beobachter und Erklärer der Welt zurückziehen. Wissenschaft handle nicht nur von objektiven Fakten, nein sie beeinflusse mit werthaltigen Aussagen auch die Gesellschaft und werde ihrerseits von der Gesellschaft beeinflusst. In diesem Sinne ist es wohl normal, dass sie auch Teil gesellschaftlicher Konflikte wird, wie wir es zur Zeit in den USA segen. Also kein Fundamentalangriff auf die Wissenschaft?

Lesenswert fand ich ebenfalls den Beitrag von Peter Weingart, der sich wissenschaftstheoretisch mit der Beziehung zwischen Wissenschaft und Wahrheit auseinandersetzt und auf die Theorien des Konstruktivismus und des Paradigmenwechsels  verweist. Während der Konstruktivismus - stark vereinfacht und verkürzt gesagt - davon ausgeht, dass Erkenntnis immer nur ein temporäres soziales Konstrukt ist, also subjektiv eine Theorie von der Welt schafft, beschreibt die Theorie von Paradigmenwechsel wissenschaftliche Erkenntnisse als temporäre Übereinkünfte von Wissenschaftscommunitys über ihre gemeinsame Sicht der Welt, die in Phasen des Paradigmenwechsels in sehr kurzer Zeit in Frage gestellt und durch neue Theorien über die Welt ersetzt werden.

Beiden Ansätzen ist gemeinsam, dass sie der Laiensicht auf Wissenschaft widersprechen, die eher davon ausgeht dass Wissenschaft tatsächlich absolute, ewig gültige Wahrheiten entdeckt. Ist der Konstruktivismus damit der Wegbereiter von alternativen Fakten, da ja sowieso jede wissenschaftliche Aussagen nur ein zeitlich befristetes Konstrukt ist?

Natürlich nicht. Und um an einem Beispiel deutlich zu machen, wie segensreich und erhellend es manchmal sein kann, jenseits von scheinbar allseits geteilten Überzeugungen auf die Fakten zu prüfen und bestimmte Gemeinplätze in Frage zu stellen, hier noch die Empfehlung auf einen Artikel, der deutlich macht, dass die Osterweiterung der EU keineswegs dazu geführt hat, dass die Entscheidungsfindung im Europäischen Rat schwieriger wurde, Gesetzgebungsverfahren länger dauerten oder dass die osteuropäischen Neumitglieder als Block am laufenden Band Entscheidungen der Altmitglieder torpedierten. Und das ist nicht nur interessant zu erfahren, das ist möglicherweise auch entscheidungsrelevant, wenn es darum geht, ob die EU offen bleibt für Neumitglieder.

Nicht nur die Klimaforschung, auch die Sozialwissenschaften können also manchmal eine wichtige Rolle spielen und zu besserem politischen Handeln beitragen. In diesem Sinne dann doch "raus auf die Straßen, Ihr Freunde der Wissenschaft, zum march for science. Vom Eise befreit sind Strom und Bäche ...

Samstag, 11. März 2017

Schostakowitsch und das Zeitalter des Postfaktischen

Gerade lese ich das neue Buch von Julian Barnes ("Der Lärm der Zeit") über Schostakowitsch und den Stalinismus. Ich finde es faszinierend und erschreckend, wie ein totalitäres Regime tatsächlich totalitär, also alle Lebensbereiche umfassend bestimmt. Ich hatte schon vor einigen Jahren eine Biografie über Schostakowitsch gelesen und zwar "Stalin und Schostakowitsch" von Solomon Wolkow. Ich konnte es damals kaum fassen, dass Musik, eine der abstraktesten Ausdrucksformen, so politische sein soll, dass sie Menschen das Leben kostet. Bei der Lektüre von Barnes überkam mich nun die Analogie zur aktuellen Diskussion um die Wissenschaft, die auch unerwarteterweise ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung geraten ist.

Klar ist mir soweit, dass Musik ein höchst identitätsstiftendes, soziale Gruppen integrierendes (bzw. auch ausgrenzendes) Moment hat, das manche Gruppen erst definiert, wie ein kurzer Blick auf Jugendkulturen zeigt. Rocker, Teds oder Punks sind ja quasi synonym zu ihrer Musik. Und vor 50 Jahren oder noch weiter zurück war eben die Klassik eine ähnlich identitätsstiftende Musikgattung. Vor 2-3 Jahren war ich in einer szenischen Aufführungdes sogenannten Watschenkonzerts, in dem das Wiener Bürgertum Arnold Schönberg und seinen Schülern ziemlich deutlich zeigte, wo der Hammer hängt. Ein echter gesellschaftlicher Skandal. Gleichzeitig bleibt Musik abstrakt. Eine Sinfonie ist eine Sinfonie, und kein Buch über ein Thema. Ich kann lautmalerisch Regen darstellen, oder spielende Katzen, der Karneval der Tiere malt gleich eine ganze Menagerie. Aber politische Statements drücken Musik doch eigentlich nicht aus. Oder?

Zurück zu Schostakowitsch. Beim Lesen des erwähnten Buchs musste ich an die aktuelle Diskussion um die Rolle von Wissenschaft denken. Wissenschaft, die auch für sich in Anspruch nimmt, unpolitisch zu sein, weil sie sich ja mit objektiven Fakten beschäftigt. Da mögen die Sozialwissenschaften politischen Lagern sehr nahe sein, aber wenigstens die Naturwissenschaften sind doch Politik frei, oder? Stattdessen das Entsetzen der Wissenschaft, plötzlich auf eine vermeintlich breite gesellschaftliche Ablehnung zu stoßen und von Politikern wie der aktuellen amerikanischen Regierung - zumindest in der eigenen Wahrnehmung - schikaniert und degradiert zu werden.

Bevor ich aber zum Zeitalter des Postfaktischen komme, muss ich doch noch einmal zurückgehen in die Zeit des Stalinismus. Nicht nur Schostakowitsch lit an dem totalitären Anspruch der sozialistischen Regierung, auch die Wissenschaft musste sich der absoluten Deutungshoheit des Staates beugen, wie die abstruse Geschichte des Lyssenkoismus zeigt.

Sicher hinkt der Vergleich ziemlich, aber bis zu einem gewissen Grad kommen sich heutige amerikanische Wissenschaftler ähnlich vor, wenn der Klimawandel geleugnet wird, um handfesten wirtschaftlichen Interessen zu entsprechen. Oder wenn der Kreationismus fröhliche Urstände feiert. Allerdings hat sich mittlerweile Widerstand formiert, der March of Science wird zeigen, wie breit dieser Widerstand mittlerweile ist. Im Deutschlandfunk gab es gerade eine interessante Sendung darüber, wie sich  die Wissenschaft gegen das Postfaktische wehrt.

Hinter dieser Schale von Interessen und Intrigen, die in der Sowjetunion der 40er Jahre nicht anders war als im Amerika der 2010er Jahre, liegt aber eine zweite Schicht, bei der es stärker um soziale Identifikationen geht, und hier liegt für mich die Analogie zum Drama um Schostakowitsch.

So wie diesem seiner Nähe zum intellektuellen Bürgertum fast zum Verhängnis wurde, die aus seinem musikalischen Werk sprach, so leidet die Wissenschaft heute daran, das sie von gewissen sozialen Schichten als Komplize der Macht wahrgenommen wird. Populistische Kräfte unterstellen der Wissenschaft, nur Erfüllungsgehilfe der aktuell Herrschenden zu sein. Und wenn man diese bekämpfen möchte, so muss man halt auch den Deutungsanspruch der Wissenschaft in Frage stellen. Aus einer ähnlichen Quelle speist sich die Ablehnung gegenüber der europäischen Politik, die pauschal als technokratisch verdammt wird. Oder das Unbehagen gegenüber der Bundesregierung, wenn sie bestimmte Entscheidungen (Griechenland ...) als alternativlos bezeichnet. Kann eine rationale, evidenzbasierte Politik, die sich auf wissenschaftliche Politikberatung stützt, falsch sein? Kann die Wissenschaft zum Komplizen einer herrschenden Elite werden?

Nein, ich halte das für ein Zerrbild, das seinerseits instrumentalisiert wird von den Lautsprechern eines Populismus, die selbst nur ihren Weg an die Macht finden wollen. Aber es ist höchst gefährlich, wenn so wissenschaftliche Erkenntnis negiert wird und Entscheidungen objektiv falsch getroffen werden. Wenn die Politik sich davon verabschiedet, etwas gegen den Klimawandel zu machen. Da ist möglicherweise ziviler Widerstand gefragt. Und die ersten Whistleblower aus der Wissenschaft sind ja schon aktiv, um weiterhin Klimadaten an die Öffentlichkeit weiterzugeben.

Zuletzt aber noch etwas versöhnliches. Am Ende hat es Shostakovich trotz aller widrigen Umstände geschafft, wunderschöne Musik zu schreiben: David Oistrakh spielt das erste Violinkonzert, und hier spielt   Schostakowitsch selbst sein Klavierkonzert.

Sonntag, 19. Februar 2017

Wissenschaft gegen Technologie gegen Ökonomie

Gestern habe ich einen interessanten und ein wenig skurrilen Artikel im Blog SciLog gelesen. Es ging dabei um die Sicht eines eingefleischten Naturwissenschaftlers auf die aktuelle wirtschaftswissenschaftliche Debatte um den Rückgang des Produktivitätswachstum. Der Autor war perplex, nein er war empört. Zunächst einmal über die Uneinigkeit der Ökonomenzunft über zentrale Aspekte der Wirtschaft. Wie könne es sein, dass die eine Hälfte der Ökonomen davon ausgehe, mit dem ständigen Wachstum der Produktivität sei es nur vorbei, während die andere Hälfte genau das Gegenteil behaupte. Noch viel stärker kränkte den Autor allerdings die Annahme einiger Ökonomen, der technologische Fortschritt sei heute im Vergleich zu früher nur noch eine Schnecke, die Früchte dieses Fortschritts sein nicht der Rede wert und dies der wesentliche Grund für den Rückgang des Wachstums. Der Autor bezog sich dabei auf Robert Gordon und seine etwas polemischen Ausführungen über den gesellschaftlichen Nutzen des Kühlschranks gegenüber dem Nutzen das Online-Pizzabringdienstes.

Der Autor des besagten Artikels konterte diese unverschämten Aussagen mit den aktuellen und zu erwarteten Fortschritten in der naturwissenschaftlichen Forschung. Möglicherweise war dies schon der erste Keim des Missverständnisses. Die zitierten Ökonomen behauptet nämlich nicht, dass es keinen wissenschaftlichen Fortschritt, dass es keine neuen, atemberaubenden Erkenntnisse gäbe. Die Frage stellt sich aber, ob diese neuen Erkenntnisse auch in neue Produkte und Dienstleistungen übersetzbar sind, die tatsächlich zu einem Produktivitätswachstum führen und gesellschaftlichen Mehrwert stiften.

Ein wenig steckt in Gordons Polemik meiner Meinung nach auch ein Angriff auf die Technologie-Szene aus dem Silicon Valley, die in all ihrer Hybris der festen Überzeugung ist, dass mit neuen Technologien alle Probleme dieser Welt lösbar sind. Und wenn nicht, und wenn der Untergang der Welt droht, dann wandern wir halt aus ins All oder ziehen uns in unsere Bunker zurück.

Die Süddeutsche Zeitung hat gerade erst eine hübsche Reportage über den kuscheligen Weltuntergang im Bunker geschrieben. Es scheint gerade hip zu sein in der neureichen Techie-Szene, sich seinen kleinen Luxus-Hightech-Bunker-Platz zu kaufen, wenn es mit der Rettung der Welt doch nicht geklappt hat. Elon Musk wiederum arbeitet auf den Exodus der Menschheit ins Exil auf den Mars hin. Ein ziemlich polemischer Artikel in Aeon wirft Musk vor, dass man mit diesem Aufwand lieber unsere Erde retten sollte als den Mars kolonisieren zu wollen.

Na ja, die Silicon Valley Firmenbosse stehen im Moment eh etwas unter Beschuss, seitdem Trump das Ruder in Washington übernommen hat. Ihr Taktieren gegenüber der neuen Regierung wird sehr kritisch verfolgt, jede kritische Meinungsäußerung wird als taktisch motiviert und auf äußeren Druck entstanden interpretiert.

Demgegenüber tut sich auf Seiten der sonst eher unpolitischen Wissenschaft Erstaunliches. Ein Marsch der Wissenschaft auf Washington ist angekündigt, in einer Art Guerilla-Taktik sichern Wissenschaftler Daten, die die Regierung jetzt zurückhalten möchte.

Die Wirtschaftswissenschaften, die im eingangs zitierten Artikel so schlecht abschnitten, lassen übrigens kaum ein gutes Haar an der neuen amerikanischen Regierung.

Und die Moral von der Geschicht? Wissenschaft und Technologie wird wieder politisch, zumindest auf der anderen Seite des Atlantik. Für den Bundestagswahlkampf kann ich mir eine solche Diskussion allerdings nicht vorstellen. Aber man weiß ja nie, so manches schien unvorstellbar vor nicht allzu langer Zeit.

Samstag, 17. September 2016

Schon wieder wissenschaftliche Politikberatung

Im Moment lässt mich das Thema wissenschaftliche Politikberatung nicht los. Als vor einigen Wochen die Erde in Mittelitalien bebte und die Stadt Amatrice  verwüstete, war gerade in den ersten Stunden und Tagen noch unklar, wie  wahrscheinlich schwere Nachbeben sein könnten. Angefragt wurden hierzu natürlich wissenschaftliche Experten, also Geologen, aber die konnten auch nur sehr unbefriedigende Antworten geben.

Wie schwierig es ist, wissenschaftliche Politikberatung über Risiken von Naturkatastrophen richtig zu machen, zeigt dieser Artikel zu Beratungsdilemata der Fachleute. Letztendlich schildert er ein Problem, das nicht neu ist. Schon das Erdbeben in L'Aqilla führte die Schwierigkeiten, statistische Wahrscheinlichkeiten und Risiken verständlich zu kommunizieren, mehr als deutlich vor Augen. Damals kamen bei Nachbeben viele Menschen ums Leben, und einige Geologen wurden daraufhin strafrechtlich belangt (aber mittlerweile freigesprochen), weil sie falschen Rat gegeben hätten.

Eine Studie der OECD zur wissenschaftlichen Politikberatung,  an der ich auch teilnehmen konnte, nahmen diese Entwicklungen zum Ausgangspunkt einer Untersuchung über Herausforderungen der wissenschaftlichen Politikberatung. In der Studie ging es auch, aber nicht nur um Politikberatung hinsichtlich von Risiken und Katastrophen.

Letztere sind auch in Deutschland in den letzten Tagen intensiver diskutiert worden. Das neue Konzept der Bundesregierung zur zivilen Verteidigung hat ganz schön Staub aufgewirbelt. Die Diskussion drehte sich insbesondere darüber, wie weit der Einzelnen vorsorgen muss und wie er die ganzen Lebensmittelvorräte dann lagern soll. Ich habe es mal nachgerechnet: allein Wasser müsste ich nach diesem Konzept etwa 40 Liter im Keller haben. Andererseits ist das alles nicht neu. Das Bundesamt für Bevölkerungsschichten und Katastrophenhilfe hat entsprechende Ratschläge schon seit langem auf seiner Homepage.

Wie schnell in einer Katastrophensituation sämtliche Systeme zusammenbrechen können, hat Marc Elsberg sehr schön in seinem Roman blackout vor einigen Jahren geschrieben, dass auch bei professionellen Katastrophenschützern heiß diskutiert wurde.

Katastrophenschutz ist also okay, aber wie realistisch ist das Ausgangsszenario der Bundesregierung. Hier setzte die zweite Dimension der Kritik ein. War das Panikmache, jetzt von einer militärischen Bedrohung auszugehen? Oder greift hier nur die Verantwortung der Bundesregierung, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein? Schließlich gab es auch schon zuvor ein Konzept zur zivilen Verteidigung, es wurde ja nur aktualisiert. Und wie wichtig unterschiedliche Szenarien sind, hatte ich ja gerade erst in einem meiner letzten Blogs zum Thema foresight thematisiert.

Irgendwie bleibt aber schon ein komischer Nachgeschmack, aber seis drum. Mich erinnern solche Bedrohungsszenarien irgendwie an die frühen 80er Jahre, als sich Ost und West noch sehr kriegerisch gegenüberstanden. Aus dieser Zeit ist mir noch ein wirklich lustiger, sehenswerter Film in Erinnerung geblieben, der die Schizophrenie am Beispiel der Atombegeisterung und Atomangst der 50er bis 70er Jahre deutlich macht. Der Film "The Atomic Cafe" hat zum Beispiel herrliches Sehnen, wie laienhaft und skurril der Schutz vor einem atomaren Angriff in den 50er Jahren in Aufklärungsfilmen bebildert wurde.

Der nahenden Katastrophe lassen sich also durchaus auch lustige Seiten abgewinnen. Der Tagesspiegel zeigte gerade in einem Bericht,  dass sich aus den Vorräten des Katastrophenschutzes leckere Gourmet-Menues kochen lassen. Und dann gibt es natürlich noch die lustigen Prepper. Das Leben wird komplett der Vorsorge für den individuellen Katastrophenfall untergeordnet. Mich erinnert das ein wenig an die netten Abenteurer und Aussteiger Bücher zum Überleben in der Wildnis, Rüdiger Nehberg oder so.

Aber solche Bücher sind heutzutage auch von ganz anderem Kaliber. Gerade habe ich das Handbuch für den Neustart der Welt gelesen, mit dem wir uns nach der totalen Katastrophe, den globalen Mega-Virus zum Beispiel, langsam wieder technologisch hoch arbeiten sollen. Das ist natürlich nur Verpackung, die Rahmenhandlung sozusagen, um dann einen Rundumschlag über die technologischen Errungenschaften unserer Zivilisation zu starten. Mein Sohn fand das sehr spannend. Mir war es manchmal zu enzyklopädisch. Aber dann doch wieder gute wissenschaftliche Politikberatung?

Samstag, 6. August 2016

Zeigt der Brexit das Versagen wissenschaftlicher Politikberatung?

Das ist ein ganz schön langer Kater. Auch Wochen nach dem Brexit-Referendum hält der Kopfschmerz an. Die britische Wissenschaft macht sich massive Sorgen um die Folgen für Forschung in Großbritannien. Ich hatte darüber in einem früheren Blogbeitrag berichtet. Und aktuelle Artikel zeigen, dass diese Sorgen eher zu nehmen. Britische Wissenschaftler fragen sich mittlerweile aber auch, warum ihre guten Argumente gegen einen Brexit nicht ausreichend dafür gesorgt haben, die Bevölkerung umzustimmen. Honorige Nobelpreisträger hatten alle Argumente zusammengetragen, warum der Brexit wirtschaftlich eine Katastrophe sein könnte. Ohne Erfolg. Sozialwissenschaftler hatten gezeigt, dass Einwanderung kein Problem, sondern ihr eine Lösung für das britische Sozialsystem sein könnte. Die Mehrheit der Wähler und insbesondere die meinungsgebenden Medien waren anderer Ansicht. Ist wissenschaftliche Politikberatung also unnütz und ohne Effekt?

Es gibt durchaus die Meinung, dass der Konsensus der Wissenschaft über die wirtschaftlichen Folgen eines Brexit so groß durchaus nicht wahr.  Die Aussagen über mögliche Folgen wichen relativ stark voneinander ab, und dies hat  die Wirkung der  wissenschaftlichen Expertise auf die Debatte durchaus geschwächt.

Andere Wissenschaftler haben den Eindruck, dass ein ausreichender Konsens der Wissenschaft über die wirtschaftlichen Folgen eines Brexit durchaus da waren, dass die Medien aber der wissenschaftlichen Meinung zu wenig Platz eingeräumt hätten.

Angesichts der Welle rechtspopulistischer Erfolge in anderen europäischen Staaten und des Erfolgs von Donald Trump im PräsidentschaftsVorwahlkampf geht eine weitere Diskussion darüber, ob Globalisierungsverlierer ausschlaggebend für den Brexit -Erfolg waren. Eine Reihe sozialwissenschaftlichen Analysen des Wählerverhaltens in unterschiedlichen britischen Regionen scheint diese These zu stützen. Andere Studien  beschreiben die Gruppe der  Brexit-Befürworter etwas allgemeine als  "left behind". Dieser Artikel wiederum geht davon aus dass spezifische Werteinstellung ausschlaggebend für das Abstimmungsverhalten waren. Bei der Suche nach den Gründen für das Brexit-Desaster scheint die Wissenschaft also etwas erfolgreicher zu sein.

Etwas hilflos ist "die Wissenschaft", soweit es die denn gibt, bei der Frage, was für Lehren denn aus dem Brexit zu ziehen sind. Diese Frage stellte die Zeitschrift Science fünf renomierten Wissenschaftlern aus Europa, und die Antworten sind, folgt man diesem Blogbeitrag, eher enttäuschen. In der Regel plädieren die Wissenschaftler dafür, ihr spezielles Steckenpferdchen mit noch mehr Fördergeldern zu stärken. Einen wirklichen Lösungsansatz hatten sie nicht parat.

P.S.  ... und die Debatte um notwendige Änderungen bei der wissenschaftlichen Politikberatung geht weiter, hier z.B. für die Ökonomen ...