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Samstag, 25. August 2018

Wie beeinflusst Technologie Politik?

in den USA stehen im November die Wahlen zum Repräsentantenhaus an, und nach zwei Jahren Donald Trump ist die ganze Welt gespannt, ob er nun einen Denkzettel bekommt oder ob die Republikaner ihre starke Stellung halten können. Und wie bereits anlässlich der Präsidentenwahlen richtet sich die Aufmerksamkeit auch darauf, ob Technologie einen Einfluss auf Politik haben könnte. Immer noch sind die Amerikaner damit beschäftigt, die Einzelheiten möglicher Einflussnahme auf die letzten Wahlen durch soziale Medien und Akteure wie Cambridge Analytics zu klären. Bereits jetzt schon werden besorgte Stimmen laut, die eine Einflussnahme auf Wähler oder gar ein Hacken der Wahlmaschinen bei der kommenden Wahl fürchten. Erste Anzeichen dafür gibt es ganz aktuell.

Die amerikanische Ausgabe Technology Review hat sich nun in ihrer neuen Ausgabe ganz und gar dem Thema Technologie und Politik gewidmet. Das Editorial schlägt noch einmal den ganz großen Bogen von seiner optimistischen Perspektive auf politisch genutzte Technologie aus dem Jahr 2013, als Barack Obama auch mit der Hilfe neuer Wahlkampftechniken die Präsidentschaftswahlen gewann und der arabische Frühling auch durch die Möglichkeiten sozialer Netzwerke seine durchschlagende Kraft entfaltete. Heute hingegen scheint Technik nur noch als Bedrohung demokratischer politischer Prozesse zu funktionieren. Nur ein einziger Artikel der neuen Ausgabe widmet sich neuen, technologisch ermöglichten partizipativen Formaten, die hier am Beispiel Taiwans demokratische Prozesse bereichern können.

Am Beispiel Kenias skizziert ein Artikel z. B., wie bestimmte demokratieschädliche Tendenzen neuer Technologien nicht wirklich neu sind, sondern auch manchen Technologien des Vor-Internetzeitalters eigen waren. Hate-speech z. B. wurde in Kenia bereits früher durch lokale Radiostationen befördert, das Internet hat nun diese unheilvolle Funktion übernommen. Dabei war die Hoffnung in Kenia nach den Unruhen des Jahres 2007 groß, das mit neuer Wahltechnik eine Befriedung des Landes gelingen könnte. Der Autor des Artikels schließt, dass Technik in der Regel keine sozialen Probleme löst.

Diee repressive Politik der chinesische Regierung gegenüber den Uiguren in der westlichen Provinz Xinjiang, die immer stärker auf entsprechenden Überwachungs- und Analysetechnologien basiert und als Art Testlabor zum Funktionieren des technologisch ausgerüsteten autoritären Staates gesehen werden kann, greift die Zeitschrift The Atlantic auf. Besonders beeindruckt hat die Autoren eine neue Überwachungsdrohne, die sich als Taube tarnte und flattert wie ein echter Vogel. Diese Drohne wird auch in einigen anderen Medien aufgegriffen.

Die Technologiepolitik der chinesischen Regierung wird übrigens auch in der oben beschriebenen Ausgabe der Technology Review aufgegriffen, unter der schönen Überschrift 'Warum Demokratie, wenn es Technologie" gibt. Tatsächlich kann Überwachungstechnologie wie Gesichtserkennung oder das berühmt-berüchtigte social credit System ein zentrales Problem chinesischer Politik lösen helfen, nämlich das Fehlen von Informationen, die von unten nach oben fließen. Dies ist ja eine der wesentlichen Funktionen von Demokratie, dass nämlich aus der Breite der Bevölkerung über den Wahlakt und die damit verbundene Kommunikation Meinungen und Einstellungen an die politische Führung kommuniziert werden. Wer diese Mechanismen nicht hat, der ist auf andere Kanäle angewiesen um das Problem zu lösen.

Allerdings ist Demokratie keine Einbahnstraßenkommunikation wie die beschriebenen Überwachungstechnik.

Samstag, 3. März 2018

Produktivitätswachstum, das unbekannte Wesen

Donnerstag war ich bei der öffentlichen Vorstellung des Jahresgutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation - EFI. Ein Tag zuvor hatten die Experten ihr Gutachten der Bundeskanzlerin übergeben, so wie jedes Jahr. Jetzt stellten sie sich der Diskussion mit dem Fachpublikum. Versammelt waren die üblichen Verdächtigen, Vertreter von Wirtschaftsforschungsinstitute, Projektträger, Ministerien und ähnlichen Einrichtungen. Im Zentrum der Diskussion mit der Expertenkommission standen die Themen steuerliche FuE-Förderung, die Förderung radikaler Innovationen oder auch das Verhältnis von Nachhaltigkeit und Innovationspolitik. Ein Thema des aktuellen Gutachtens wurde allerdings nicht angesprochen, der langsame, aber beständige Rückgang des Produktivitätswachstum all überall auf der Welt. Die Experten hatten ihr entsprechend des Kapitels war kurz vorgestellt, das Publikum aber biss nicht wirklich an.

Vielleicht lag dies auch an der etwas enttäuschenden Generalaussage. Alle möglichen Fakturen kämen dafür infrage, diesen Rückgang des Produktivitätswachstum zu erklären, aber so richtig genaues weiß man nicht. Und auch die Handlungsempfehlungen blieben ein bisschen im Allgemeinen. Nicht zuviel regulieren, den Wissenstransfer unterstützen, überhaupt eine aktive Innovationspolitik machen. Das sind alles schöne fromme Wünsche, aber ob sie tatsächlich spezifisch einen Beitrag dazu leisten könnten, den langfristigen Rückgang des Produktivitätswachstum zu beeinflussen, ist doch eher fraglich.

Die Expertenkommission hatte übrigens zur Beantwortung dieser Fragen auch ein- sehr lesenswertes - Gutachten beim Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung ZEW in Auftrag gegeben, welches sich als Metastudie die breite Literatur zum Thema zu Gemüte führte.

Die Thesen zum Thema könnten unterschiedlicher nicht sein. Von der Annahme, dass einfach alle spannenden Innovationen jetzt schon verwirklicht sind, sozusagen die Idee vom Ende der Innovationsgeschichte, bis hin zur Hoffnung, dass die Produktivitätseffekte der digitalen Revolution einfach noch kommen und halt ein bisschen länger brauchen, also sozusagen das Prinzip Hoffnung, ist wirklich alles mit dabei. Auch Marktkonzentration und Plattformökonomie-Effekte könnten dafür verantwortlich sein, dass nur noch ein paar Top -Firmen schnelle Produktivitätszuwächse verwirklichen, während der Transfer und die Diffusion in die Breite der Unternehmenslandschaft ziemlich verwirrt und so der Abstand zwischen den sogenannten "frontier firms" und den sogenannten "laggarts" immer größer.

Man muss sagen, das Thema Produktivitätswachstumsrückgang ist im Moment ziemlich hip, so ziemlich jeder scheint sich damit zu beschäftigen. Letztes Jahr hatte das Bundeswirtschaftsministerium eine Studie in Auftrag gegeben, dabei lag der Fokus sehr spezifisch auf der deutschen Entwicklung, und die Studienehmer vom Institut für Weltwirtschaft haben ebenfalls ganz viele Hypothesen (etwas stärker als bei EFI hier die Untersuchung demographischer Effekte) getestet und sind zu dem etwas unbefriedigenden Schluss gekommen, das doch sehr unterschiedliche Faktoren in den letzten 20 Jahren für den Rückgang in Deutschland verantwortlich waren. Aber insgesamt sahen die Autoren keinen Grund zur Panik.

Unterm Strich scheint mir der Rückgang des Produktivitätswachstum kein Thema zu sein, mit dem man die Öffentlichkeit hinterm Ofen hervorlocken. Der Trend ist global, trifft auch die Wettbewerber, also kein Grund zur Panik? Und darüber hinaus bleibt ja immer noch die Hoffnung, dass die Digitalisierung alles regelt, dass künstliche Intelligenz den entsprechenden Schub gibt. Und das ist ja auch das Heilsversprechen der Digitalisierung, die der Angst vor Arbeitsplatzverlust entgegengesetzt wird. Wir brauchen Rationalisierungseffekte, um Produktivitätswachstum zu erreichen, sonst sind wir nicht wettbewerbsfähig. Und überhaupt droht ja eigentlich eher ein Mangel an qualifizierten Arbeitnehmern, die die ganze Arbeit machen können, angesichts des demografischen Wandels.

Das mag alles stimmen, unterm Strich sind es aber vermutlich eher nicht die Globalbetrachtungen, die uns weiterhelfen. Zur Herausforderung dürften vielmehr die Unterschiede zwischen einzelnen Sektoren, zwischen unterschiedlichen Qualifikationsprofil and, zwischen unterschiedlichen Regionen werden.

Und hier könnte es schon zum Problem werden, wenn die Produktivität in manchen Bereichen, in manchen Firmen, in manchen Regionen deutlich langsamer wächst als in anderen. Und hier könnte zudem die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz eher noch die Unterschiede vergrößern als einebnen.

Samstag, 20. Januar 2018

Ein metrisches Wir?

Vor etwa einem halben Jahr hat der Berliner Soziologie Professor Steffen Mau sein Buch "Das metrische Wir" veröffentlicht und damit ein nicht unerhebliches Medienecho ausgelöst. Nachdem ich durch ein Podcast-Beitrag erst kürzlich wieder darüber gestolpert bin, habe ich es nun auch selbst gelesen. Es geht darin um die Quantifizierung sämtlicher Bereiche des Lebens, vom Uni-Ranking über die Bewertungsplattform für Ärzte, von der Benotung des ebay-Verkäufers bis hin zur individuellen Datenerhebung - im wörtlichen Sinne Schritt für Schritt. Für Mau wird dadurch quantifiziert, was früher nur qualitativ beschrieben wurde, alles wird in einen Ranking einsortiert und als besser oder schlechter bewertet. Zudem werden die Daten verkauft und zusammengeführt, über uns alle wird ein in seinen feinen Verästelungen und Details kaum mehr Lücken aufweisende Netz von Daten geworfen, dass uns in allen Aspekten ebenfalls bewertbar macht und mit dem wir von allen möglichen Akteuren in Zukunft bewertet werden.

Die Beispiele, die Mau bringt, sind in ihrer Fülle und Verschiedenheit zunächst ziemlich bestechend und erschlagen. Allerdings wird mir nicht immer ganz klar, wo es sich um ein bereits breit durchgesetztes Phänomen handelt und wo Mau ganz einfach die Geschichte eines kleinen Startups nacherzählt, dass eine neue Idee hat, ohne sicher zu sein, dass diese irgendwann tatsächlich einen breiten Markt erreicht.

Auch bin ich mir nicht immer sicher, ob dieses Szenario, dass Mau beschreibt, tatsächlich so neu ist im Gegensatz zur guten alten Welt, in der wir ebenfalls sozialer Kontrolle ausgesetzt und im ständigen Wettbewerb mit unseren lieben Mitmenschen waren. Gibt es dieses individuelle Streben nach Aufstieg im sozialen Gefüge nicht auch jetzt schon, ohne Hilfe von neuen Daten?
Pierre Bourdieu, über den es kürzlich übrigens auch einen schönen zusammenfassenden Podcast-Beitrag gab, hat das in seinem Klassiker von den feinen Unterschieden sehr schön geschrieben. Soziales oder symbolisches Kapital kann man auf sehr unterschiedliche Weise anrufen und mit sehr diskreten Botschaften auch seiner Umwelt anzeigen.

Auch die Ungleichheiten in der sozialen Klassen und Gruppen, die sich nach Mau nun Stück für Stück auflösen und sich in individuellen Ungleichheiten jedes Einzelnen verwandeln, sind möglicherweise nicht neu und nicht wirklich schlimmer als der Status Quo Ante. Auch in der alten, analogen Welt waren die Beispiele ungezählt, die Diskriminierung aufgrund bestimmter Merkmale und Gruppenzugehörigkeiten belegten. Der ausländisch klingende Namen, der die Wohnungs- oder Arbeitssuche erschwert, der Bildungshintergrund der Eltern, der schlechtere Schulnoten mit sich bringt, oder einfach nur die fehlenden Tischmanieren, die den Aufstieg zur Führungskraft unwahrscheinlich machen.

Zumindest diese Diskriminierung aufgrund einer Gruppenzugehörigkeit wird durch das metrische Wir in Teilen aufgelöst oder zumindest verringert, und das kann für den ein oder anderen durchaus ein Segen sein. Die Versprechungen der Moderne, der Großstadt ist ja auch, seinen sozialen Hintergrund zurückzulassen und ganz neu zu beginnen, sich durch Leistung den sozialen Aufstieg selbst zu erarbeiten.

Ein weiterer Kritikpunkt von Mau ist aus meiner Sicht ebenfalls zu diskutieren. Handelt es sich beim metrischen Wir tatsächlich um eine Aufkündigung der Solidargemeinschaft oder eher doch eher um den zunehmenden Druck, "sozial schädigendes" Verhalten zu sanktionieren. Wer risikobereit fährt, könnte tatsächlich Kosten für die Allgemeinheit verursachen. Immer weniger toleriert wird also ein Verhalten, das einen selbst in Gefahr bringt. Und außerdem wird die Gesellschaft insgesamt immer risikoaverser.

Ein weiterer Aspekt, der von Mau nur am Rande angesprochen wird, ist der geradezu unbegrenzte Erfindungsreichtum des Menschen, wenn es darum geht, soziale Regeln und Kontrolle zu "optimieren", um gut dazustehen. Auch für ein metrisches Wir dürfte es vielfältige Möglichkeiten der Manipulation und damit Optimierung der Daten geben, um den eigenen Score zu verbessern. Solche Effekte werden übrigens auch aus China beschrieben, dessen Social Scoring System von Mau gleich in der Einleitung seines Buches als Schreckgespenst herhalten muss, dass dystopisch unsere nahe Zukunft beschreibt.

Ein interessanter Moment in Maus Argumentation kommt immer dann, wenn er mit seiner ebenfalls auf quantitativen Daten basierenden Rolle als Sozialwissenschaftler hadert. Auf Daten basierende Empirie ist schon gut, aber alles messen dann doch nicht, bzw kommerziellen Nutzen daraus ziehen auch nicht. Andererseits, in Zeiten des postfaktischen ist ein wenig datenbasierte Empirie doch ganz dankbar.

Ein wenig kommt mir diese Ambivalenz aus den Diskussionen innerhalb der Evaluations-Community bekannt vor. Dort wird immer wieder diskutiert, ob wir alles messen müssen, ob wir immer Kontrollgruppen-Daten brauchen und am besten mit ökonometrischen Methoden zu einer Zahl als Ergebnis kommen. Oder ist es besser, zu verstehen, was eigentlich passiert, dies mit Fallstudien oder mit anderen qualitativen Zugängen aufzuarbeiten und ein Gefühl dafür zu entwickeln, warum etwas so ist, wie es ist. Und letztlich ist die Umfrage, die Befragung von Zielgruppen auch ein geschickter Weg, um aus qualitativen, ganz subjektiven Einschätzungen zu quantitativen Daten zu kommen, die die Auftraggeber so gerne sehen.

Samstag, 30. April 2016

Auf die Perspektive kommt es an

Heute Nacht ist nicht nur Walpurgisnacht, nein, in Berlin beginnt ein neues Zeitalter.  Ab 1. Mai ist es in Berlin verboten,  kommerziell Ferienwohnungen über Airbnb anzubieten, oder zumindest ist es deutlich eingeschränkt.  Grund dafür ist die Sorge des Berliner Senats, dass zunehmend Wohnraum aus dem Markt für normale Mieter genommen wird und nur noch Touristen zur Verfügung steht.
Die Zeit stellt besonders die Strategie des Senats heraus, die Nachbarn zur Unterstützung bei der Umsetzung einzuladen. Der Artikel geht soweit, das potenzielle Denunziantentum mit der DDR zu vergleichen, bleibt aber insgesamt eher verständig. Die Welt brachte bereits vor einem Jahr einen Beitrag zu Paris, nachdem nach der Gentryfizierung nun die Touristifizierung droht. Aktuell hat die Zeit in ihrer Printausgabe einen Artikel zu London, in dem die amerikanische Soziologin Saskia Sassen durch die Stadt wandelt und die Zerstörung  (hier allerdings durch die globalen Investitionen der durch die Finanzkrise auf der Suche nach neuen Investitionen befindlichen Reichen weltweit ) einer bunten und vielfältigen Stadt klagt. Man kann das natürlich auch etwas neutraler sehen. Gerade hat sich auch das ZEW in einem Working Paper dem Thema Sharing Economy angenommen. Dies wird nach allen Regeln der ökonomischen Kunst auseinander genommen. Unterm Strich finden die Autoren, dass mit ein wenig Regulierung der Mehrwert der neuen Techniken durchaus gehoben werden könnte. Insgesamt aber scheint der Zeitgeist der Sharing Economy im Moment allerdings eher ins Gesicht zu blasen, wie zum Beispiel diese Kritik zu einem neuen Buch über die Sharing Economy zeigt .

Eine andere Alltagserfahrung der digitalen Revolution betrifft sozusagen den digitalen Wiedergänger des alten Mixtape. Ich habe vor kurzem zwei ganz unterschiedliche Beiträge dazu gelesen. Der eine kommt aus der Süddeutschen Zeitung, die seit ein paar Monaten eine schöne Serie zum Thema Digitales hat. Hier äußert sich der Autor ziemlich fasziniert von seinem wöchentlichen Mix-Vorschlag, die in ihm Spotify macht. Der Lernalgorithmus der Maschine scheint nach seiner Sicht tatsächlich dazu zu führen, dass Spotify ihn besser kennt, als er selbst. Die Vorschläge an neuen Musikstücken treffen erschreckend oft ins Schwarze. Dieser Autor des Blogs fivethirtyeight ist da allerdings anderer Ansicht. Er versteht Musik hören als kreativen Akt und will sich das nicht durch einen Algorithmus vorkauen lassen. Ist mir ein wenig zu affektiert, aber es kommt halt auf die Perspektive an ...

Dienstag, 5. April 2016

average is over

Tag 1 nach einem denkwürdigen Wahlsonntag. Fast 25% für die AfD in Sachsen-Anhalt. Die internationalen Kommentatoren überschlagen sich. Hat Deutschland jetzt auch ereilt, was in vielen anderen europäischen Ländern bereits Alltag ist, der Aufstieg rechter Parteien vom Splitterdasein zur politischen Relevanz?
Der Aufstieg der AfD hat sicher ganz viel mit der Flüchtlingskrise zu tun, aber erklärt das wirklich alles? In leider ziemlich vielen europäischen Ländern nimmt ja die Rechte seit längerem schon beständig zu. Eine jüngst erschienene Studie versucht dies mit den Auswirkungen der Finanz und Wirtschaftskrise zu erklären. Die Analyse der letzten 140 Jahre habe gezeigt, dass nach wirtschaftlichen Krisen rechte Parteien immer einen stärkeren Zulauf haben. Okay, für Frankreich kann ich mir das gut vorstellen, aber Deutschland ist ja eigentlich recht gut durch die Finanzkrise gekommen. Allerdings steht Ostdeutschland wirtschaftlich gesehen deutlich schlechter als der Westen der Republik da, und in Ostdeutschland haben rechte Parteien einen deutlich höheren Zulauf. Einen gewissen Erklärungsgehalt scheint die Krisenhypothese also schon zu haben.
Für die Zukunft verheißt das allerdings schlechte Zeiten. Denn möglicherweise hat diese Entwicklung einiges mit der Digitalisierung zu tun. Und das ist dann auch zu die Brücke zum Thema meines Blogs. Denn das ist hier ja ein Innovationsblog und kein Politikblog.
Heute wurde auch die CeBIT eröffnet, und Bundesminister Gabriel stellte seine neue Digitalisierungsstrategie vor (was zu folgendem eher enttäuschten Kommentar führte). Seid spätestens zwei Jahren ist Digitalisierung das Megathema, auch für die Bundesregierung. Digitalisieren wird alles verändern, das Arbeitsleben (siehe Arbeit 4.0), die wirtschaftlichen Chancen großer und kleiner, alter und neuer Unternehmen, und auch die Kommunikation über Politik und die Mobilisierung der Gesellschaft.
Die Digitalisierung wird auch für ein erhebliches Potenzial zu mehr Ungleichheit verantwortlich gemacht. Interessanterweise wird unsere Welt ja immer gleicher, allerdings eher zwischen Staaten und nicht innerhalb nationaler Gesellschaften. Da nimmt die Ungleichheit eher zu, das ist ein weiteres Megathema. Geradezu mit morbidem Vergnügen werden fast im Wochenrhythmus neue Studien dazu veröffentlicht, wie die Digitalisierung die Mittelschicht auf breiter Front aushöhlen könnte. Das muss natürlich nicht so kommen, aber wer weiß? Die Kommentatoren des amerikanischen Vorwahlkampfes scheinen sich auch sicher zu sein, dass Arbeitsplatzverluste durch die Industrialisierung und Automatisierung mit zur Radikalisierung des Vorwahlkampf beigetragen haben. Früher hätte man wohl von  Modernisierungsverlierern gesprochen. Heute oder spätestens morgen ist es möglicherweise eher die digitale Spaltung der Gesellschaft in digitale Gewinner und digitale Verlierer.
Das kann dann ganze Regionen betreffen. Ein Artikel im Economist verweist aktuell auf das zunehmende Auseinanderdriften der amerikanischen Bundesstaaten. Diejenigen Bundesstaaten, in denen aufstrebende Städte liegen, in denen sich Technologiefirmen ansiedeln, wo Forschungszentren prosperieren, haben ein deutlich höheres Wirtschaftwachstum als andere Bundesstaaten, die systematisch abgehängt werden.
Droht uns sowas auch in Deutschland, schon jetzt ist ja ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen den Bundesländern zu beobachten, zum Beispiel was die FuE-Quote angeht? Wird hier vielleicht sogar ein sich selbst verstärkender Teufelskreis in Gang gesetzt? Der BDI verweist in seiner ersten Reaktion zur gestrigen Wahl darauf, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland durch Erfolge der AfD nachhaltig gefährdet sein könnte. Das trifft auf einige Regionen sicher noch stärker zu als auf andere. Und in Dresden beschwören die dort ansässigen Forschungsinstitute, dass international renommierte Forscher immer schwerer für Ostdeutschland zu gewinnen sind.
Hier nur von den Folgen der Digitalisierung zu sprechen ist sicher arg verkürzt. Aber die digitale Postmoderne weist auf jeden Fall einigen sozialen Sprengstoff auf, der sich politisch sehr unschön entladen könnte.
Der Economist übrigens schließt seinen Artikel mit einem Verweis auf das 2013 erschienene Buch von Tyler Cowen "average is over". Ich habe es noch nicht gelesen, aber der englischsprachigen Wikipedia zufolge scheint das eine eher gruselige Dystopie zu sein. Oder doch ein realistischer Blick in die Zukunft?
P.S. im weiteren Sinne zum Thema gibt es einen Haufen weiterer interessanter Link:
Wie das Risiko von Jobverlust und die Neigung, Republikaner zu wählen, in den USA korrelieren
Eine in meinen Augen nur halb gelungene Foresight-Studie zur Zukunft der Arbeit in Zeiten der Digitalisierung und mögliche soziale und politische Konsequenzen

Sonntag, 6. März 2016

digitale Produktivität

Beim Thema digitale Revolution ist zurzeit ein interessantes Paradox in der Diskussion zu beobachten. Einerseits wird mit der Digitalisierung aller Wirtschaft und Gesellschaft Bereiche große Hoffnung verbunden. Wachstumsszenario gibt es aktuell für ganz Deutschland oder zum Beispiel auch für Berlin.
Andererseits wird in den Wirtschaftswissenschaften schon länger das Paradox beobachtet, dass sich die Wachstumseffekte der Digitalisierung in den amtlichen Statistiken nur schwer ablesen lassen. Dies hat zu einigen Vermutung darüber geführt, ob entweder die Digitalisierung doch kein so wichtiger Wachstumstreiber ist wie zunächst gedacht, oder ob es einfach ein wenig länger dauert bis die Effekte auch in der ganzen Wirtschaft sichtbar werden.
Aktuelle Artikel bringen noch einen dritten Aspekt in die Debatte ein. Möglicherweise sind Wachstumseffekte der digitalen Wirtschaft mit den klassischen Instrumenten der volkswirtschaftlichen Rechnung gar nicht so leicht zu messen. Möglicherweise entstehen Güter, die nicht in Euro und Cent übersetzt werden können und nicht in die Berechnung mit einfließen. Dies war wohl auch ein Thema, das auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos diskutiert wurde. Vielleicht hat das Bruttoinlandsproduktes als zentrale Maßzahl ja auch ausgedient.
Ein bisschen bleibt natürlich trotzdem der Eindruck, wir rechnen uns das Leben schön, wenn uns die Daten nicht gefallen. Macht uns die schöne neue digitale Welt nicht reicher, sind wir einfach zu undankbar und messen dem unbegrenzten Zugang zum Wissen der Welt nicht den nötigen Mehrwert bei. Hat nicht jede erfolgreiche Google Anfrage irgendwie doch auch ihren eigenen Wert? Müsste man nicht jedes gratis YouTube Video auch als Geschenk sehen?
Für Deutschland gilt sicher auch, dass die digitale Transformation noch nicht wirklich überall angekommen ist. In diesem Sinne sagt auch die Expertenkommission für Forschung und Innovation, die in der letzten Woche ihr neues Jahresgutachten vorgestellt hat, dass die Umsetzung der digitale Agenda noch zu zögerlich erfolgt.
Und jenseits der Frage, ob die gesamten Volkswirtschaft in nennenswertem Maße von der Digitalisierung profitieren, ist die Frage der Verteilung dieser digitalen Dividende auch noch nicht geklärt. Führt die Digitalisierung zu einem größeren Ungleichheit, wirkt sich dies möglicherweise auch regional aus?
In diesem Sinne sind die Wachstumsszenarien für Berlin, das sich als digitale Start-Up-Metropole Deutschland sieht, vielleicht dann doch nicht so unrealistisch.

P.S. hier kam aktuell noch ein Blogbeitrag von Tyler Cowen rein derauch ziemlich skeptisch hinsichtlich einer reinen Rechenproblematik ist...

Samstag, 9. Januar 2016

Künstliche Schönheit

Digitale Technologien und Schönheit stehen ja in einem recht ambivalenten Verhältnis zueinander. Schaut man auf die Cover von Zeitschriften, so schauen einen lauter mit Digitaltechnik künstlich schöner gemachte Menschen an. Keine Fältchen, die Proportionen etwas zurecht gerückt, Photoshop oder ähnliche Programme machen praktisch alles möglich.
Gestern nun schaffte es eine neue Software in zahlreiche Online-Ausgaben (z.B. hier und hier), die nicht Schönheit produziert, sondern Schönheit erkennt. Ein Projekt der ETH Zürich, in Zusammenarbeit mit einer Partnerbörse. Der Algorithmus erkennt nicht nur, ob ein Gesicht schön ist, sondern kann auch Geschlecht und Alter einschätzen. So zumindest die Hoffnung seiner Schöpfer. Ich habe es ausprobiert, zwischen 32 und 42 hat mich der Algorithmus geschätzt. Ja, männlich bin ich, und auch zwischen 20 und 60. Aber die Einschätzung meiner Schönheit, da war ich doch anderer Meinung. Aber es ist ja noch ein Forschungsprojekt, und es gibt noch andere Computer basierte Schönheitswettbewerbe ...
Eine andere Software, über die ich gerade gestolpert bin, erkennt angeblich, ob etwas lustig ist. Das schien doch eigentlich die letzte Bastion des menschlichen Geistes zu sein. Der Witz und seine Beziehung zum Unterbewusstsein. Können das jetzt auch Computer? Der Artikel, der darauf Bezug nimmt, ist da letztendlich skeptisch. Aber auch hier ist es vermutlich erst der erste Schritt eines langen Weges.
Und dann gab es da noch vor Weihnachten den Artikel im Guardian über eine Software, die selber Kunst macht. Oder zumindest ganz normale Fotos in Kunstwerke verwandelt. In Kunstwerke, die sich an klassischen Vorbildern der Moderne orientieren. Eigentlich gestaltet der Algorithmus das Foto nur nach einem bestimmten Schema um, sodass die Technik dem der Kunstwerke ähnelt. Aber ist das nicht auch das Prinzip gewesen, nachdem die großen Werkstätten der Renaissancekünstler arbeiten? Unser Kater Leo zum Beispiel sieht jetzt wirklich sehr künstlerisch aus, oder?
Schließlich sind da die vielen Beispiele von dichtenden oder komponierenden Computern. Wirklich überzeugend sind all diese Beispiele noch nicht. Im Bereich der Kunst wird uns der Computer so schnell nicht ersetzen. Aber das einfache Kunsthandwerk? Die Fabrikarbeit unter den künstlerischen Berufen? Ja ja, so fängt alles an.