Samstag, 15. Februar 2014

Innovation, Einwanderung und Gründer

Vor einer Woche haben sich die Bürger der Schweiz in einem Referendum für eine Beschränkung der Zuwanderung ausgesprochen. Seitdem wird auch in deutschen Zeitungen heftig über das Thema gestritten. Hingewiesen wird immer wieder darauf, das die Wirtschaft der Schweiz immer wieder vor einem positiven Referendum gewarnt hatte. Die Schweizer Volkswirtschaft habe massiv von der gestiegenen Zuwanderung der letzten Jahre profitiert. Und auch der Wissenschaft habe der Zuzug von hochkarätigen Wissenschaftlern an die attraktiven Schweizer Universitäten nicht geschadet.

Deutlich hatte sich der verstärkte Zuzug vielleicht auch in der Schweizer Gründungsszene niedergeschlagen. Seit 2000 ist der Anteil der Ausländer an den Schweizer Gründern von 22 auf 40% gestiegen (in Deutschland liegt der Anteil sogar bei 44,8%). Nach dem Referendum (und insbesondere wenn klar ist, wie dieses Ergebnis in tatsächliche Politik umgesetzt wird), wird sich zeigen, ob auch die Gründungsdynamik in der Schweiz unter einer stärkeren Begrenzung der Zuwanderung leiden wird.  

In jüngster Zeit haben sich einige Studien mit dem Thema Gründung durch Migranten in Deutschland beschäftigt, allerdings in der Regel ohne Fokus auf innovative Gründungen. Herausgearbeitet wurde dabei unter anderem, dass Migranten eher gründen, allerdings innerhalb spezifischer Rahmenbedingungen handeln, die ihnen erfolgreiche Gründungen erschweren. Das ZEW berechnete sogar den Wohlstandsverlust, der sich aus nicht realisierten Gründungen durch Ausländer in Schlüsselbranchen ergibt.  

Liest man die einschlägigen Beschreibungen von Startup-Zentren wie Berlin, dann wird immer wieder die Attraktivität für Kreative aus der ganzen Welt hervorgehoben, die in das hippe Berlin kommen und dann auch dort bleiben und gründen. Allerdings bleiben auch für sie hohe Hürden, über die sie sich bei entsprechenden Befragungen negativ äußern. 43% der Berliner Startups geben im Deutschen Startup Monitor an, dass sich die Regelungen zur Beschäftigung von Nicht-EU Ausländern negativ auf ihre Unternehmensperformance auswirken.

Gründernationen wie die USA oder Israel profitieren enorm von ihrem Status als Einwanderungsländer. In den USA wird gerade zu diesem Thema heftig debattiert, schon länger gibt es diverse Vorschläge, dieses Kapital als attraktives Einwanderungsland noch besser zu nutzen. Israel hat massiv vom Zuzug osteuropäischer Neubürger nach dem Zusammenbruch des Ostblocks profitiert, wie zum Beispiel im Buch "Startup Nation" ausgeführt wird.

Im aktuellen Koalitionsvertrag sind übrigens beide Themen - Gründung und Zuwanderung - prominent behandelt. Gründungen in Deutschland sollen weiterhin aktiv gefördert werden, der Zuzug ausländischer Fachkräfte erleichtert und eine Willkommenskultur geschaffen werden. Verknüpft werden die beiden Themen allerdings im Koalitionsvertrag noch nicht.

Samstag, 1. Februar 2014

Innovation und Zuwanderung

Schon vor einiger Zeit veröffentlichte das amerikanische Think-Tank ITIF einen Artikel, der sich mit der positiven Wirkung der Einwanderung auf das amerikanische Innovationssystem beschäftigt. Die Einwanderung bringen nicht nur hochqualifizierte in die USA, sie sorgt auch für eine beständige Aufbruchsdynamik, weil die Zuwanderer sich nicht auf ein gewachsenes soziales Netz verlassen können, sondern Erfolg und sozialen Aufstieg erarbeiten müssen. Die Gründerkultur der USA profitiert von dieser Dynamik nicht unerheblich.
 
Gerade ist ein interessanter Artikel in Foreign Policy zum ambivalenten Verhalten chinesischer Akademiker erschienen, die einerseits die Chance zu Ausbildung und Karrierestart im Ausland (vor allem den USA) suchen, dann aber zurückkehren. Eigentlich gelten die "Sea Turtels" als echte Vorbilder, die Erfolgsgeschichten chinesischer Privatfirmen sind nicht selten eng mit Rückkehrern verbunden. Entgegen der Bemühungen der chinesischen Regierung, mit attraktiven Angeboten chinesische Spitzenforscher zurückzuholen, bereuen allerdings nicht wenige Rückkehrer ihren Entschluss, weil sie die Vorteile ihrer Gastländer (weniger Einfluss persönlicher Beziehungen, saubere Luft, bezahlbare Kinderbetreuung und Wohnung ...) schätzen gelernt haben. Während die USA vom Brain Gain profitieren, sucht China weiterhin ein effektives Mittel gegen den Brain Drain.

Deutschland liegt irgendwo dazwischen. Die aktuelle Zuwanderungswelle aus den Krisenländern Europas wird das deutsche Innovationssystem tendenziell stärken (eine kurze ökonomische Analyse zur "Krisenzuwanderung" findet sich hier, eine eher journalistische Aufbereitung durch das Magazin Clavis des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge hier, und Arte hatte schon letzten Sommer eine Webdoku hier). Auch deutsche Auswanderer kommen im Moment verstärkt zurück, worunter Nachbarn wie die Schweiz, die bislang vom deutschen Brain Drain profitiert hatten, auf Dauer leiden könnten. Vor zwei Wochen stellte die Bundesregierung ihren neuesten Migrationsbericht vor und verwies auf den erfreulichen Trend eines verstärkten Fachkräftezuzugs. Die Freude war aber nicht überall ungetrübt, wie ein Artikel der FR zeigt. GAIN wiederum, ein staatlich gefördertes Netzwerk deutscher Wissenschaftler in den USA, versucht mit Vernetzungsaktivitäten und Informationen über die Attraktivität des deutschen Wissenschaftssystems deutschen Forschern eine Rückkehr zu erleichtern.

Sonntag, 26. Januar 2014

OECD, Davos und die Innovation Policy Platform

Anknüpfend an meinen gestrigen Block greife ich einen Beitrag von Uwe Jean Heuser aus der Zeit auf, der ebenfalls das Thema Gründungsförderung anspricht, und zwar mit Blick auf die in Davos geäußerte These, dass die westlichen Industrieländer wachstumsmäßig immer weiter zurückfallen. Grund sei  unter andere die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung, die immer mehr Jobs quer über die ganze Wertschöpfungskette vernichte dieses Thema hatte ich ja bereits in einigen Blogbeitträgen, z.B. hier angesprochen). Um als Westen nicht vollständig zurückzufallen, müsste Deutschland jetzt massiv den Fachkräftemangel in den MINT-Fächern angehen und Gründer unterstützen. Aha...

Davos wurde übrigens begleitet von einer eigenen Blogreihe, in der auch zum ThemInnovation lesenswerte Beiträge erschienen, z.B. zu "Future of Manufacturíng" oder zur Frage, welch disruptive Wirkung die Digitale Revolution auf Unternehmen haben könnte. Der schönste Blogbeitrag zu Davos kam allerdings von der OECD, zum Thema Ungleichheit. Er ließ sich nicht nur über das Davoser Topthema aus, sondern verpackte dies auch herrlich in einen ironischen Überblick über die Rankings dieser Welt zu allen möglichen Themen.

Die OECD ist natürlich selbst ein wichtiger Player beim weltweiten Rankingspiel, mit vielen vielen Daten, Fakten und eigenen Indikatoren. Den Draufblick auf die vielen Informationen hat sie jetzt - zusammen mit der Weltbank - mit ihrer neuen Innovation Policy Platform erleichtert, die alles, was es zum Thema gibt, übersichtlich zusammenfassen und an einem Ort zugänglich machen möchte. Vielleicht bricht die OECD damit auch mittelfristig mit ihrer Politik, Informationen praktisch nur gegen Einwurf kleiner Münze zugänglich zu machen? Die Zielsetzung der neuen Plattform wird auch in zwei Blogbeiträgen (hier und hier) der beiden Trägerinstitutionen kurz erläutert. Noch ist die Plattform nicht komplett "gefüllt", das kommt aber in den nächsten Monaten...


Samstag, 25. Januar 2014

Crowdfunding, Deutschland und China

Als der vormalige Wirtschaftsminister Rösler sein Amt aufgeben musste, reagierte die deutsche Start-up Szene leicht beunruhigt. Rösler hatte sich das Thema Gründung in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit sehr zu eigen gemacht und den engen Kontakt mit Gründern gesucht.

Nun, nachdem der Koalitionsvertrag geschrieben und der neue Minister Gabriel ins Amt eingeführt ist, können Deutschlands Jungunternehmen einigermaßen aufatmen. Auch in Zukunft wird das BMWi die Gründung von Unternehmen in Deutschland unterstützen und dabei auch neue Maßnahmen entwickeln.

Ein interessanter Punkt des Koalitionsvertrag bezog sich auf Crowdfunding. Dazu heiß es:

"Auch neue Finanzierungsformen wie Crowdfunding („Schwarmfinanzierung“) brauchen einen verlässlichen Rechtsrahmen." und später "Wir wollen bewährte Instrumente der Gründer-unterstützung in Zusammenarbeit mit der KfW weiter entwickeln. Die Gewährung der Instrumente kann dabei an die Nutzung von Crowdfunding („Schwarmfinanzierung“) geknüpft werden."

Die Bundesregierung greift damit einen der heißen Trends des vergangenen Jahres auf, den die Plattform "Gründerszene" z.B. in ihrem aktuellen Jahresrückblick 2013 als eine der wichtigsten Veränderungen beschreibt. Bislang überwiegen klassische Finanzierungsformen zwar bei weitem die Finanzierung über Crowdfunding, der Trend ist aber weiter positiv und die öffentliche Wahrnehmung riesig. Wie das Trendbaormeter Junge IKT-Wirtschaft auf S. 22/23) zeigt, überstieg im vergangenen Jahr auch der Wunsch nach Crowdfinanzierung  die Nutzung durch Gründer erheblich, was für eine weiter wachsende Nutzung spricht.

Crowdfunding ist aber nicht nur in Deutschland ein Thema. Ein Artikel in Foreign Policy beschreibt mögliche Effekte eines wachsenden Crowdfunding Marktes in China. Der chinesische Kapitalmarkt ist ja bislang praktisch ausschließlich durch staatliche Banken geprägt, der Zugang für Gründer zu Geld schwierig. Da bietet Crowdfunding ganz neue Chancen. Die Wachstumschancen für Crowdfunding sind dabei riesig, das zeigen verschieden Artikel, unter anderem auch ein Bericht der Weltbank. Und gesellschaftlich schafft Crowdinvestment für die vielen Privatfinanzierer auch ganz neue Möglichkeiten der individuellen Einflussnahme. Mittelfristig, so die Autoren, wird das auch Konsequenzen auf die Einstellung zur politischen Teilhabe nach sich ziehen können. Die demokratisierende Wirkung der neuen IKT-Technologien könnte dann über den Umweg Crowd einmal mehr auch bis ins Reich der Mitte wirken.



Samstag, 18. Januar 2014

Chinas unbekannte Seite der Innovationen

Der Aufstieg Chinas zu einem global Player der Innovationspolitik hat in den letzten Jahren viele westliche Medien bewegt. Publikumswirksame Erfolge wie die Landung der Mondfähre Ende letzten Jahres, Erfolge bei internationalen Rankings wie der OECD-PISA-Studie, stetig wachsende Zahlen in den internationalen Patentstatistiken und nicht zuletzt innovative Produkte Made in China in westlichen Geschäften machen deutlich, dass Stück für Stück gleichzieht.

Ein Aspekt des chinesischen Innovationssystems bleibt bei diesen Betrachtungen meist im Dunkeln, die militärische Forschung. Ähnlich wie in den USA, wo militärische Forschung eine extrem wichtige Rolle für die Dynamik des nationalen Innovationssystems spielt (kein Silicon Valley ohne die Militärforschung der 50er Jahre), spielt auch in China militärisch orientierte (und entsprechend finanzierte) FuE eine wichtige Rolle. Zuletzt hat der erfolgreiche Start einen Hyperschall-Flugkörper getestet. Der China-Blog der Zeit nimmt diesen Test zum Anlass, ausführlicher über die Erfolge der chinesischen Militärforschung zu berichten.

Die USA hat auf die Stärke der chinesischen Militärforschung bereits reagiert und wird sie sich in einem neuen Programm (Technology Watch / Horizon Scanning) in Zukunft noch genauer anschauen. Das Programm klingt nach einem Artikel in The Capital ein bisschen wie Foresight im Dienste des Geheimdienstes.

Auch auf einem ganz anderen Gebiet scheinen sich China und die USA zunehmend anzunähern. Ein neuer Artikel von Foreign Policy befasst sich mit dem Erfolg der Fernsehserie "The Big Bang Theory" in China. Der Autorin zufolge spiegeln sich im Erfolg der Serie sowohl soziale Verwerfungen wie der Überschuss an Männern, steigende Lebenskosten in den Städten und die geringe soziale Mobilität in China, aber auch der Erfolg des Typus Nerd als sozial angesehener Charakter. Auch hier schlägt der Erfolg des Innovationssystems durch.

Mittwoch, 15. Januar 2014

Google und das Internet of Things

Gestern und heute wurden deutsche Zeitschriften und Blogs durch den Kauf des Rauchmelder- und Thermostatherstellers Nest aufgeschreckt. Dieser "zweitgrößte Übernahmedeal" in Googles Geschichte war Anlass für einige Spekulationen über Googles Strategie hinter diesem Kauf. Neben der Befürchtung, dass die Datenkrake Google jetzt auch unsere Häuser ausspionieren möchte, wenn wir mal nicht mit unserem Tablett online sind (so z.B. die Süddeutsche), spekulieren andere Kommentatoren einfach arauf, dass Google hier einen sehr lukrativen Markt nicht schon wieder verschlafen möchte (so der Blog der FAZ) und dafür auch auf das hippe Design à la Apple setzt (so der FAZ-Artikel). Nest war übrigens schon vor einiger Zeit von Brand eins  portraitiert worden, die Kollegen von Brand eins hatten also mal wieder die beste Nase...

Interessant wird sein, ob mit der Google-Übernahme das Thema Smart Home, das bislang in Deutschland eher ein Mauerblümchendasein fristete (immer wieder für Morgen angekündigt, nie wirklich aus den Pantoffeln gekommen), endlich den Durchbruch schafft. Die letzten Versuche, z.B. mit Smart Metering Tatsachen zu schaffen - auch mit gesetzlicher Hilfe - haben bislang nicht gerade einen Boom ausgelöst und auch in der Medienberichterstattung zuletzt eher ernüchternde Berichte produziert. Vielleicht braucht es da doch etwas ansprechendere und einfach zu bedienende Gadgets, wie sie Nest bietet. In Deutschland haben sich bereits viele Unternehmen zu Plattformen für eine abgestimmte Hausvernetzung zusammengetan, z.B. bei der Plattform Connected Living. Deutschlands Unternehmen sollten den Schwung nutzen, der jetzt möglicherweise mit Googles Kauf ausgelöst wurde. Dann könnte ebenso wie für Industrie 4.0 Deutschland einen Zukunftsmarkt der Vernetzung im Internet der Dinge besetzten. Im neuen Koalitionsvertrag kommt das smarte home bislang nur im Zusammenhang mit Telemedizin und Unterstützung für Ältere und Menschen mit körperlichen Einschränkungen (sogenannte ambient assisted living Lösungen). Da sind schick designte Heizknöpfe doch mal ein anderer Ansatz, auch wenn sie direkt mit Googles Datencentern vernbunden sind.

P.S.: Die Diskussion im deutschen Blätter- und Blogwald geht weiter: "neuerdings" sieht beim der Heimvernetzung eine verfrühte Goldgräberstimmung, verweist auf den wenig einsichtigen Nutzen vieler potenzieller Anwendungsfelder und auf Unterschiede zwischen den USA und Europa. Und der Spiegel schriebt von Kühlschränken, die in Zeiten des Internet der Dinge Spammails verschicken.

PPS. ... und hier ein noch neuerer Artikel von Hyperland, der sich vor allem alternativen Anbietern der Heimvernetzung widmet und zeigt, dass das nicht nur die Amerikanischen Platzhirsche können.

PPPS. auf keinen Fall unterschlagen wollte ich nun auch den Beitrag von Neuerdings, der auf ein open source NEST Thermostat verweist, das findige Ingenieure in den USA an einem Tag entwickelt und ins netz gestellt haben. Wenn das kein gutes Beispiel für rasanten Innovationsspillover ist...

PPPPS: ... und Gründerszene schließlich sieht im Feld smart home ein enormes Potenzial für Gründer, da die etablierten doch nur alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen würden...

Freitag, 3. Januar 2014

Innovation 2014

Nachdem ich Mitte Dezember selbst einen ersten Ausblick für 2014 gewagt hatte, sind eine Reihe weiterer Ausblicke für 2014 erschienen, zumeist in englischsprachigen Journalen, weniger in der deutschen Presse. Die deutsche Ausgabe von Technology Review schreibt in seiner Januar-Ausgabe unter anderem über steckerloses Aufladen von Smartphones und 3D-Scannen mit diesen, über gentechnisch veränderte Lachs und über schottische Gezeitenkraftwerke. Mehr deutsche Beispiele lassen sich auch nach längerer Internetrecherche nicht finden.

Deutlich aktiver sind da die englischsprachigen Magazine und Onlinemedien. Mashable z.B. erwartet den Durchbruch bei Smart Home Technologien, mehr Schutz der Privatsphäre bei Online-Medien, gleichzeitig aber mehr Werbung allüberall, eine echte Cloud-Offensive, weitere Anwendungen für Flugdronen und neue Durchbrüche der Nanotechnologie. Juniper sieht 2014 smartere Städte, den entscheidenden Durchbruch für wearable devices wie Google Glass, mehr virtuelles Geld und Bezahlung per Smartphone, Tablets in Schulen, schnelleres Internet mit LTE, viel mehr Kontextsensitivität aller unserer Geräte, die jetzt noch besser wissen, wo wir und sie sind und was wir warum tun, ganz neue Spielekonsolen, die Cloud zuhause und zu guter Letzt (wie viele anderen Trendartikel) den Durchbruch bei 3D-Printern. ABS schließt sich vielem an und ergänzt um neue Gesundheits- und Fitness-Monitoring Geräte und Anwendungen. In Siliconrepublic wird noch der Siegeszug der Roboter ergänzt.

Man könnte diese Liste an Vorausschauen noch eine ganze Weile ergänzen, die Lust am Blick in die Kristallkugel scheint andernorts unbegrenzt zu sein (z.B. hier und hier).

Die meisten Artikel gleichen sich, beziehen sich auf Meldungen zu neuen Technologien der letzten Monate. Etwas differenzierter und mit Blick auf die sozialen Konsequenzen ist da nur der bereits zitierte Ausblick von Nesta. Und Nesta bewertet auch seine Vorhersagen vom letzten Jahr. Wo lag man richtig, wo hat man sich geirrt. Das könnten wir bei den vielen Vorhersagen zum kommenden Jahr in 12 Monaten doch auch mal wiederholen...



Sonntag, 29. Dezember 2013

Urbanisierung Chinas

Die neue chinesische Staatsführung hat die weitere Urbanisierung Chinas als wichtiges Ziel erklärt. Außerdem will sie den Weg eines möglichst grünen Wachstums weitergehen, allein schon um die wachsende Unruhe der städtischen Bevölkerung über die massive Umweltverschmutzung der Städte aufzugreifen. Hierbei möchte China auch verstärkt mit europäischen Partnerländern zusammenarbeiten, die sich dem Thema Stadt und "Green Growth" ebenfalls, wenn auch mit komplett anderer Ausgangslage, gegenübersehen.

Deutschland und China kooperieren seit einiger Zeit im Bereich der Urbanisierung und haben mehrere gemeinsame Projekte begonnen. Auch die EU ist ein wichtiger Partner Chinas bei entsprechenden Projekten, die Zusammenarbeit wurde erst kürzlich bekräftigt und ausgebaut. Beim letzten europäisch-chinesischen Gipfeltreffen wurden neue Initiativen verkündet, ein Urbanisierungsforum begleitete den Gipfel.
Das Beijing-Humboldt Kolleg 2013 zum Thema "Green Economy and Urbanization", das Ende November 2013 stattfand, präsentierte unter anderem Forschungsergebnisse zur Energiewende in Deutschland.

Neue Technologien und Innovationen werden sicher eine wichtige Rolle spielen, um die Probleme der wachsenden chinesischen Städte in den Griff zu bekommen. "Smart Cities" werden aber nicht nur auf neuen Technologien, sondern auch auf verändertem Verhalten aufbauen müssen. Ob Car-Sharing in China eine Chance hat, wurde zum Beispiel erst jüngst sehr kontrovers diskutiert. Die verstärkte Urbanisierung wird auch den Druck in Richtung einer effektiveren Umweltpolitik erhöhen, wie erst vor kurzem eine Studie von Accenture und der chinesischen Akademie der Wissenschaft beschrieben hat.

Der Economist hatte bereits vor einiger Zeit einen großen Artikeln zu "Smart Cities" veröffentlicht und nun mit einer seiner Debates Anfang Dezember die Frage gestellt, ob das Konzept nur ein leeres Hypethema ist (die Mehrheit der Teilnehmer stimmte dafür, das smart cities kein leeres Hypethema ist...). Auf jeden Fall werden die smarten Städte in China und Deutschland für ihre Intelligenz smarte digitale Vernetzungen brauchen, die heute schon entwickelt werden müssen. Die hierfür dringend benötigten Startups entstehen in Deutschland wie in China zurzeit mit erhöhter Dynamik. Ein aktueller Artikel, der sich mit der Startup-Szene in Peking beschäftigt, fragt sogar, ob das chinesische Silicon Valley sein namensgebendes Vorbild bereits überholt hat. Für die smarte Stadt der Zukunft wäre das eher ein positives Signal...

P.S.: In einem Artikel skizzieren auch die VDI-Nachrichten aktuell die Anstrengungen Chinas zur Entwicklung von "Öko-Städten" und der Kooperation mit Deutschland in diesem Feld. Und auch Großbritannien verstärkt die Kooperation mit China im Bereich der grünen Städte, wie dieser Artikel zeigt.

P.P.S. Hier und hier noch zwei neue Artikel zum Thema Grünes Bauen im Chin.:

Dienstag, 24. Dezember 2013

Google Roboter

Kurz vor Weihnachten schaffte es Google noch einmal in die deutschen Medien - mit seiner Roboter-Offensive (hier die Artikel von Zeit, Süddeutsche und FAZ). Sieben auf Robotik spezialisierte Firmen hat Google binnen kurzem erworben, und den Erfinder des Smartphone Systems Android, Andy Rubin, mit der Leitung der neuen Konzernsparte betraut. Der spricht von einem langfristigen Engagement und lässt die Ziele der neuen Google-Aktivität noch etwas im ungefähren. Herstellung von Elektronikprodukten, also Manufacturing, oder doch Handel (also Amazons Dronenansatz?), oder doch humanoide Roboter für ganz andere Anwendungen? Rubin vergleicht das Engagement des Software-Riesen mit den Aktivitäten rund ums autonome Fahren. Hier setzte Google auf einen Trend, der nun auch bei allen großen Automobilkonzernen angekommen ist. Mit Boston Dynamics ist übrigens auch ein Hersteller im neuen Google Portfolio, der vor allem über seine militärischen Prototypen von sich Reden machte (hier ein Video von WildCat, hier eins von BigDog, die Verwendung niedlicher Tiernamen für Kriegsgerät hat ja auch in Deutschland eine lange Tradition). Bei einem aktuellen Darpa-Robotik-Wettbewerb zeigt ein anderer Google-Neuling, Schaft auf Japan, dass er die Konkurrenz locker in die Tasche steckt (hier der Bericht von Spiegel Online). Die Kommentatoren wetten aber insgesamt eher auf eine Strategie, die auf die industrielle Fertigung zielt, hier wären dann auch deutsche Unternehmen wie Kuka direkt betroffen von einem sehr mächtigen Quereinsteiger.

Sonntag, 22. Dezember 2013

Innovative China

Vor einer Woche landete der Jadeshase, das erste chinesische Mondfahrzeug, auf dem Mond und löste in China Begeisterungsstürme aus. Die Landung wurde auch international stark diskutiert. Handelt es sich einfach nur um eine gute PR-Show der neuen Parteiführung oder ist sie der Beweis für die technologische Leistungsfähigkeit Chinas? Felix Lee beschrieb in seinem China-Blog recht anschaulich, dass China mit der Mondlandung insbesondere seine Fähigkeiten unter Beweis stellt, in der Luft- und Raumfahrt Spitzentechnologie zu entwickeln und mit den etablierten Technologienationen aus Europa und Amerika gleichzuziehen.

Im Schienenbereich hat China das bereits geschafft. Ebenfalls im ZEIT China-Blog wird Anfang Dezember geschildert, wie China heute seine Hochgeschwindigkeitszüge in alle Welt verkauft. Da deutsche Patente genutzt werden, verdienen auch Firmen wie Siemens und Bombardier.

Der Beitrag zeigt auch, wo neben technologischer Stärke ein wesentliches Erfolgsmoment des chinesischen Exports teurer Hochtechnologie liegt - im Finanzierungsmodell. Aufgrund ihrer riesigen Finanzreserven können die Chinesen die Anschaffung vorfinanzieren. Mit diesem neuen Geschäftmodell werden die traditionellen Technologienationen kaum mithalten können. Staatliche Kredite an Drittstaaten sind zwar auch in westlichen Ländern immer wieder genutzt worden, um heimischen Unternehmen den Markt international zu erschließen. In Zeiten knapper Kassen sind die Ressourcen hier allerdings höchst beschränkt.

Die chinesischen Geldreserven werden nicht nur für Finanzierungsmodelle zur Absatzstärkung genutzt, sondern auch ganz direkt, um in ausländische Unternehmen zu investieren. Hierzu gab es in den letzten Jahren in Deutschland immer wieder aufgeregte Artikel, diese Rolle war man in Deutschland nicht gewöhnt. Inzwischen hat sich diese Aufregung etwas gelegt, Erfolgsbeispiele wie der Fall Putzmeister haben die Gemüter etwas beruhigt, in Deutschland kann man mittlerweile sogar drüber lachen, wie der Film Global Player zeigt. Mal funktioniert es, mal nicht so richtig.

Bei allen Erfolgen ist China noch immer nicht vergleichbar mit den westlichen Industrieländern. China ist ein Schwellenland, der wirtschaftliche Aufstieg geht mit wachsender Ungleichheit einher, der Gini-Koeffizient wächst. Die Weltbank hat aktuell eine Studie zu Inclusive Innovation in China veröffentlicht, in der sie auf diese Gefahren hinweist und Handlungsempfehlungen für die Innovationsstrategie Chinas formuliert. Es bleibt spannend.

Sonntag, 15. Dezember 2013

Innovationspolitik 2014


Das Jahr neigt sich dem Ende zu, in Berlin haben die Partner der großen Koalition die Posten verteilt. Zeit für einen mutigen Ausblick, was das Jahr 2014 für die Innovationspolitik bringen wird. Drei große Trends scheinen mir recht wahrscheinlich zu sein: die Innovationspolitik wird europäischer, internationaler und digitaler.

Im Dezember sind die finalen Entscheidungen für das große neue Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont 2020 der EU gefallen. Das Budget wurde deutlich aufgestockt, der Fokus auf die Wirtschaft erweitert. Schon heute sind deutsche Unternehmen und Forschungseinrichtungen sehr erfolgreich in Brüssel, dieser Erfolg dürfte sich eher noch verstärken und der Druck daheim zunehmen, Forschungsprojekte mit europäischem Geld zu finanzieren. Die große Koalition hat sich zum 3%-Ziel bekannt, welches Deutschland aber schon jetzt erreicht hat. Vor diesem Hintergrund wird ein weiterer Anstieg des nationalen Forschungsbudgets nur schwer gegenüber den Haushältern durchzusetzen sein, eine alternative Finanzierung durch Brüssel also attraktiver. Auf der anderen Seite sind viele Wettbewerber um die Forschungsförderung in Europa zurzeit durch die Krise geschwächt. Einige Länder haben ihre Forschungsausgaben eher zurückgefahren und damit ihr Forschungs- und Innovationssystem nachhaltig geschwächt. Das letzte Innovation Union Scoreboard machte diesen Trend schon deutlich. Und zu guter Letzt wird die Strukturförderung jetzt auch stärker auch Innovation ausgerichtet, der schon heute zu etwa 1/4 auf Innovationspolitik ausgerichtet ist. 

Die internationale Ausrichtung deutscher Innovationsakteure wird sich aber nicht nur auf den engeren europäischen Raum beschränken. Wertschöpfungsketten und Forschungsvorhaben werden zunehmend in globalen Netzwerken realisiert. Bislang zeigt sich Deutschland in vielen Indikatoren als ausgesprochen national, aber diese Selbstbezogenheit könnte sich jetzt mit mehr Dynamik ändern. Der weltweite Trend hin zu internationalen Ko-Publikationen, der ein guter Indikator für eine wachsende internationale Arbeitsteilung der Forschung ist, wird auch für Deutschland weiter ansteigen. Auch ausländische Direktinvestitionen werden weiter ansteigen, interessant wird sein, wie z,B. Partnern aus China verstärkt in deutsche Forschung investieren. Schließlich wird auch der Trend anhalten, dass Deutschland sich weiter öffnet für ausländische Akademiker, die dann auch in Deutschland bleiben. Die akademischen "Flüchtlinge" der Wirtschaftskrise Südeuropas, aber auch die wachsende Zahl asiatischer Studierender sind wohl ein erster Anzeichen.

Schließlich wird auch die flächendeckende Digitalisierung aller Prozess der deutschen Innovationslandschaft diese ziemlich umkrempeln. Open Access und Open Science werden durch die neue Regierung in Berlin weiter gefördert, Crowdsourcing und Crowdfunding wird die Umsetzung innovativer Ideen in Produkte stärken. In Horizont 2020 wird Open Access für geförderte Forschung verpflichten sein, die Bundesregierung plant laut Koalitionsvertrag eine nationale Strategie und ein entsprechendes Förderprogramm. Forscher vernetzen sich zunehmend über Portale wie ResearchGate. Industrie 4.0 ist ebenfalls ein Thema des Koalitionsvertrags und damit auch der nächsten Legislaturperiode ein Schwerpunkt der Innovationspolitik.

P.S. Als Lesetip für den Jahresauftakt hier noch der Links zu NESTAs Vorhersagen für 2014, einschließlich eines selbstkritischen Kommentars zur Treffsicherheit der letztjährigen Vorhersagen... 

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Updates

Die Zukunft holt ihre Voraussage manchmal schneller ein als gedacht. Hatte ich vor einem Monat noch begeistert vom neuen Roman "The Circle" geschrieben, so scheinen manche utopischen Aspekte schneller in der Gegenwart anzukommen als befürchtet. Im Circle arbeitete der allmächtige Internetgigant der nahen Zukunft unter anderem an einer Social-Network basierten Verbrechersuche. Nach einem aktuellen Artikel bei GOLEM, will auch die deutsche Polizei nun verstärkt auf Facebook-Fahndung setzen . Noch mit großer Zurückhaltung, ohne Einschränkung von Persönlichkeitsrechten und ohne "Hexenjagten" zu provozieren. Aber der Schritt geht in die Richtung der vor kurzem noch fiktiven Zukunft.
Auch die digitale Schulbuchreform kommt vielleicht schneller als gedacht und in meinem letzten Blog als zaghafter Versuch beschrieben. Die neue große Koalition hat jetzt in ihrem Koalitionsvertrag ein explizites Bekenntnis zu digitalen Lehrmaterialen abgegeben. Naht das Ende der Schulbuchverlage? So schnell sicher nicht, aber auch hier werden die Trippelschritte raumgreifender.

Sonntag, 24. November 2013

Digitale Bildungsrevolution?

In der letzten Woche berichtete die Zeit in ihrer gedruckten Ausgabe vom neuen Berliner Startup Schulbuch-O-Mat, nachdem sie bereits Ende 2012 erstmals auf ihrer Internetseite dazu schrieb. Die beiden Gründer Hans Hellfried Wedenig und Heiko Przyhodnik wollen in Deutschland eine neue Schulbuchkultur etablieren, die es so bislang nur in anderen Ländern gab. Nach dem Vorbild von Crowdsourcing-Plattformen wie Wkipedia wollen mit Hilfe von Gleichgesinnten ein digitales Schulbuch für Biologie und dann auch weitere Schulbücher für andere Klassen angehen. Ihr erstes Werk, das Schulbuch Biologie 7./8. Klasse liegt jetzt zum Download vor. Bislang sind ja digitale Schulbücher weitgehend ein exklusiver Markt der etablierten Schulbuchverlage geblieben, die den Zugriff auf ihr Monopol den Scülern, Lehrern und Eltern nur gegen Einwurf kleiner Münze gestatteten. Kündigt sich jetzt eine digitale Revolution an, die mit der Götterdämmerung der gedruckten Lexika zu vergleichen ist und die etablierten Verlage hinwegspülen wird?

Wohl kaum, Wikipedia war in dieser Hinsicht sicher einzigartig, da hier eine einheitliche Plattform alle Energien der Crowd bündeln konnte. Der neue Berliner Ansatz könnte die Landschaft gleichwohl nachhaltig verändern. Leidensdruck dürfte insbesonder auf Seiten der Lehrer und Schüler schon da sein. Erstere suchen sich immer mehr digitale Unterrichtsinhalte weiterhin in mühsame Kleinarbeit der Eigenrecherche zusammen. Auch Plattformen wie der Bildungsserver Berlin-Brandenburg ändern das nicht wirklich. Und Schüler schleppen jeden Morgen gefühlte Tonnen an Schulbüchern in ihren Ranzen durch die Gegend, während sie nachmittags immer häufiger für ihre Privatlektüre auf Ebooks und Tablets zurückgreifen. Hans Hellfried Wedenig und Heiko Przyhodnik haben auch schon erste Aktivitäten in Richtung Kulturveränderung gestartet und zu Schulbuch-Hacking-Tagen aufgerufen, auf denen sie insbesondere Schüler anregen und anleiten wollen, neue Inhalte zum wachsenden digitalen Schulbuch selbst zu formulieren.

Interessant ist auch die Finanzierung des Schulbuchprojekts. Hinter dem Schulbuch steht kein Geschäftsmodell, der Zugang soll ja gerade frei sein. Dennoch müssen natürlich Kosten refinanziert werde. Die Gründer haben ihr Geld erfolgreich auf der Crwodfunding-Plattrom Startnext gesammelt, einer Plattform, die vor allem kulturelle Projekte, aber auch soziale Innovationen umfasst. Gerade für Projekte, die nach Mittmachern suchen, ist eine Finanzierung über Startnext oder vergleichbare Plattformen ein doppelter Gewinn, da sie Geld und ideelle Unterstützung einwerben.

In der eingangs genannten Printausgabe der Zeit, in der zuletzt der Artikel zu Schulbuch-O-Mat erschien, war auf der nächsten Seite übrigens auch ein Artikel zur digitalen Hochschule (MOOCs etc.) zu lesen. Auch hier sind noch Quasi-Monopolisten - die Universitäten - am Werke. Vielleicht sehen wir auch hier demnächst neue Bündnisse, vielleicht tun sich ja die Hochschuldozenten eines Faches universitätsübergreifend zusammen und bündeln ihr Wissen und ihren Input zu gemeinsamen Angeboten für Studenten.

Im September fand in Berlin übrigens die erste deutsche Open Educational Ressources -Konferenz statt, über die die Werkstadt bpb und der Wikimedi-Blog der Macher von Wikipedia berichtete und die zum Beispiel einen Vergleich der Schulsituation und Deutschland und Großbritannien oder auch Beiträge zur Finanzierung umfasste.

Dienstag, 19. November 2013

The Circle und Foresight

Dave Eggers hat vor kurzem seinen neuen Roman "The Circle" herausgebracht (eine deutsche Ausgabe liegt noch nicht vor), in der er die Zukunft der Internetgiganten Gooogle, Facebook, Twitter und Co in einer herrlichen Dystopie beschreibt. Deutsche Rezensenten (z.B. der FAZ und der Süddeutschen) waren begeistert, und tatsächlich gelingt Eggers eine schöne Gradwanderung zwischen Science Fiktion und aktueller Gesellschaftskritik. Von der namensgebenden Firma und ihren neuen Features abgesehen spielt die Geschichte quasi in der Jetztzeit, Irakkrieg und Afghanistan sind auch den Romanfiguren aktueller politischer Hintergrund. Die allmächtige Internetfirma Circle hat die totale Transparenz zu ihrer Ideologie gemacht und beherrscht sie zunehmend technisch. Ihre Mitarbeiter sind die ersten, die den Segen und Fluch der Transparenzmanie erleben, aber auch die politische Landschaft wird erfolgreich bearbeitet. Laut Rezension der Süddeutschen reiht sich das Buch in einen wachsenden Chor an kritischen Intellektuellenäußerungen in den USA ein, für die mögliche soziale Folgen der neuesten Internettechnologien nicht nur erstrebenswert sind. Nach den ökonomischen  Befürchtungen der Neo-Ludditen (siehe auch meinen Blogbeitrag hier) wachsen demnach sozialkritische Maschinenstürmer heran, die die Allmacht der Internetkonzerne sehr skeptisch sehen. In Europa wird man diese Skepsis nach den aktuellen NSA-Skandalen vermutlich eher teilen...

Letztlich reiht sich Eggers Roman aber ein in eine schöne Tradition der Science Fiction Literatur, die soziale Trends der Gegenwart, leicht verfremdet und zugespitzt, in einer nahen Zukunft auf den Punkt bringt. Einige der Technologien des Buchs scheinen auch gar nicht mehr so weit weg zu sein. Vielleicht lesen gerade die Entwickler von Google und Facebook die Technologiephantasien von Eggers mit großem Interesse und lassen sich eher anregen. Die Rolle des Science Fiction als Foresight-Instrument wäre nicht neu. Die Technology Review (und später auch die Süddeutsche) haben z.B. erst jüngst die Science-Fiction-Archiv in Wetzlar beschrieben, dass hieraus ein echtes Geschäftsmodell gemacht hat und den Blick in die Kristallkugel der Literatur an Unternehmen verkauft.

Zukunftsliteratur kann also zweifach die Zukunft mitbeeinflussen: als Ideengeber und als kritische Intervention gegenüber unerwünschten Entwicklungstrends. Ganz die Rolle, die das traditionelle Foresight letztlich auch übernimmt. Der Blick in die Zukunft ist kein Selbstzweck, sondern soll Handlungsanregungen für die Gegenwart bieten. Ein schönes und aktuelles Beispiel ist das Futurium der EU-Kommission, in dem aktuell (noch bis Ende November) 11 Zukünfte zur Wahl stehen. Der "hyperconnected human" ist übrigens auch mit dabei. Da schließt sich dann der Kreis zum Circle...

Donnerstag, 7. November 2013

Hellsehende Roboter

Japanische Forscher haben nach folgender Meldung einen Roboter gebaut, der Menschen immer bei Schere, Stein und Papier schlägt. Das Wunder erklärt sich aus der enorm schnellen Wahrnehmungsfähigkeit des Roboters, der schon erste Muskelbewegungen richtig interpretiert und entsprechend handelt. Er ist uns also immer ein kleines Schrittchen voraus.

Noch schneller könnte ein solcher Roboter nur sein, wenn er unseren Entscheidungsprozess schon beim entstehen beobachten und interpretieren könnte. Tatsächlich haben Wissenschaftler schon seit längerem diejenige Stelle im Gehirn identifiziert und auslesen können, in der eine Entscheidung gespeichert ist, bevor sie in die Tat umgesetzt wird. Wenn jetzt noch der Zeitvorteil genutzt würde, der zwischen dem Treffen der Entscheidung und der Bewusstseinswerdung derselben liegt (dazu der klassische Aufbau im Libet-Experiment), müsste dann der Roboter nicht quasi unsere Handlungen voraussehen und entsprechend reagieren können, bevor wir es selbst merken?

Und wenn unser Roboter dann noch alle verfügbaren Informationen über uns auswerten und uns damit fast besser kennen würde als wir uns selbst (hier der Link zur notwendigen App), wäre das nicht echt unheimlich? Aber eigentlich geht es ja den eingangs erwähnten japanischen Forschern nur darum, schnelle Reaktionen von Maschinen zum Beispiel zur Unfallvermeidung zu demonstrieren und keine Monster zu bauen. Es drohen also keine allwissenden Maschinenzombis, zumindest nicht allzu bald. Halloween war ja auch schon vor einer Woche. Wir haben noch fast ein Jahr Zeit...