Samstag, 23. Januar 2016
Europäischer Innovationsrat
Samstag, 16. Januar 2016
Daten und arabischer Frühling
Die Weltbank hat gerade einen interessanten Artikel zu Stärken und Schwächen von Daten bei der Interpretation politischer Situationen veröffentlicht. Anlass sind 5 Jahre arabischer Frühling. Dieser kam damals ziemlich plötzlich, zumindest aus Sicht der politischen Entscheider, die eigentlich von einer relativ stabilen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in den Ländern Nordafrikas ausgingen. Dazu verleiteten zumindest die klassischen Daten wie Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes, Kindersterblichkeit, Alphabetisierungsraten und ähnliches. Gleichzeitig waren andere Daten zur subjektiven Einschätzung der eigenen Lebenssituation, wie die Weltbank in Ihren Artikel zeigt, deutlich abgerutscht. Ein Anzeichen dafür, dass die Länder eine Krise entgegentaumelten? Aus dem Rückblick ist dies leicht gesagt. Damals wurde den Beratern der Weltbank von den politischen Entscheider Nordafrikas entgegengehalten, dass die objektiven Daten doch sehr positiv sein.
Man kann diese Daten allerdings auch anders interpretieren. Vor 4 Jahren, zum ersten Jahrestag der arabischen Revolution, erschien in der Zeit ein erstes Resümee, in dem der französische Soziologe Emmanuel Todd zu Wort kam. Dieser hatte mit eben jenen Daten zu einer steigenden Alphabetisierungsrate, sinkende Geburtenraten und ähnlichen soziodemografischen Trends vorausgesagt, dass sich ein Potenzial für soziale Unruhen in den arabischen Ländern aufbauten.
Noch stärker auf einen einzigen soziodemografischen Faktor verweisen Vertreter der sogenannte youth bulge -These wie Gunnar Heinsohn, die den Überschuss an insbesondere jungen Männern in den arabischen Ländern als Ursache für den arabischen Frühling ausgemacht haben. Die Zeit hatte Heinsohns Thesen bereits 2004 mit Verweis auf andere Studien sehr kritisch kommentiert.
Man muss aufpassen. Hier kommen zwei verschiedene Diskussionsstränge Zutaten zusammen. Auf der einen Seite werden Daten als Indikatoren genutzt, um bestimmte Situation richtig zu interpretieren. Zum Beispiel für die subjektive Einschätzung der eigenen Lebenssituation. Auf der anderen Seite verweisen Daten auf mögliche Faktoren, die zu diesem Situation geführt haben. Sind z.B. junge Männer in großer Zahl Schuld an sozialen Unruhen? Ist ein höherer Bildungsgrad, der sich an einer entsprechend steigenden Alphabetisierungsrate ablesen lässt, Ursache für mehr politische Beteiligung?
Da vermutlich nicht ein einziger Faktor zum Arabischen Frühling geführt hat, wird es schnell unübersichtlich. Es gibt eine ganze Reihe von "Stressfaktoren", die zu einer Situation führen, die plötzlich in einer Revolution mündete. Als Stressfaktoren im Zusammenhang mit dem arabischen Frühling genannt wurden natürlich diktatorische Regime, aber auch durchaus der Klimawandel.
Als Frühindikatoren eignen sich diese Faktoren allerdings nicht. In manchen Ländern führen sie zu Umwälzungen, in anderen nicht.
Einen anderen Weg gehen Ansätze der Big Data Analyse sozialer Systeme, wie sie beispielsweise im Projekt FutureICT in Zürich bearbeitet werden sollten. Äußerungen in sozialen Netzwerken sollen hier ausgewertet werden, um Ereignisse wie den arabischen Frühling vorauszusagen. Interessanter Weise ist der geistige Vater des Projekts Dirk Helbing einer der Initiatoren des "digitalen Manifests", über das ich kürzlich berichtete. Dort wird gerade vor der politischen Manipulation mithilfe digitaler Werkzeuge gewarnt. Ein gewisser Widerspruch?
Samstag, 9. Januar 2016
Künstliche Schönheit
Freitag, 1. Januar 2016
Zukunft 2016
Die Zeit zwischen den Jahren ist auch die Zeit der Jahresrückblicke und Ausblicke. Stolz präsentieren Autoren ihre besten Artikel und Videos des letzten Jahres. Und mehr oder minder mutig blicken sie voraus, um zu spekulieren, was uns die Zukunft im neuen Jahr wohl bringt. Oder kombinieren gar beide Ansätze, indem sie ihre alten Voraussagen überprüfen. Oder kommentieren die Voraussagen anderer Autoren. Da reihe ich mich natürlich gerne ein...
Der Guardian veröffentlicht wieder einen New Year Prediction Bot, der alle möglichen, im Netz auffindbaren Voraussagen für das Jahr 2016 per Zufallsgenerator zugänglich macht. Meine ersten Zufallstreffer führten mich zu Voraussagen über eine Monetarisierung von YouTube durch Google, den Durchbruch der virtual reality Gadgets und der großen Rückrufaktionen bei VW.
Ausnehmend gut gefallen hat mir auch der Foresight-Bericht der Stiftung Wissenschaft und Politik, die bereits vor ein paar Wochen nach den möglichen Krisen der nächsten Jahre fragte. Sehr Amerika zentriert ist in dieser Hinsicht der Bericht des Council on Foreign Relations zu 2016.
Die Technology Review fragt sich, was aus den breakthrough technologies von 2015 geworden ist, die sie im Februar letzten Jahres geschrieben hatte. Darunter waren Themen wie Entsalzungsanlagen im großen Stil, car-to-car-communication, die Versorgung durch Internet in den letzten Winkel der Welt, wie sie Google und Facebook planen, oder auch virtual reality Gadgets. Technology Review blickt auch noch einmal zurück auf wichtige Ereignisse im Bereich Robotik und künstliche Intelligenz des vergangenen Jahres.
Die TED Talks schauen zurück auf die besten Beiträge 2015. Und wer kleine Videobeiträge mag, dem kann ich auch den Jahresrückblick der beste Naturfilme von National Geographic empfehlen. Zum Beispiel die irren Zeitrafferaufnahmen, wie aus Bienenlarven Bienen werden.
Auch so etwas wie ein Rückblick, wenn auch kein Jahresrückblick, ist die neue EDGE-Frage für 2016: Was war die interessanteste wissenschaftliche Neuigkeit der jüngeren Vergangenheit? Es hatte ja schon das vergangene Jahr 2015 durch seine letzte Frage nachdenken den Maschinen ganz schön geprägt.
Die österreichische Akademie der Wissenschaften schließlich schaut zurück auf die Technologie - Voraussagen vor 30 Jahren und widmet sich dabei echten Klassikern wie dem papierlosen Büro oder der Kernfusion.
Selbst ein Bundesverkehrsminister waren sich über den Jahreswechsel mit mutigen Prognosen an die Öffentlichkeit. Der sollte allerdings kräftig mitwirken an der Realisierung seiner Prognosen...
Sonntag, 20. Dezember 2015
Neolitische Revolution und Innovationen
Gestern habe ich mir als Podcast den Vortrag eines Archäologen zum Thema Innovationen in der Frühgeschichte angehört. Ich beschäftige mich zwar beruflich schon wirklich lange mit Innovationen, und Geschichte, auch die Ur- und Frühgeschichte, fand ich schon immer spannend, aber diesem Zusammenhang hatte ich bisher noch nie gesehen. Dabei ist es eigentlich natürlich ziemlich einleuchtend. Archäologen machen sich Gedanken über frühe Kulturen. Sie versuchen also, menschliche Gesellschaften anhand ihrer kulturellen Eigenarten zu beschreiben und vor allen Dingen die Interaktion zwischen diesen Kulturen zu analysieren. Veränderungen in den Kulturen, die sich vor allen Dingen an Innovationen festmachen, sind dabei ein wichtiges Merkmal. Von daher müssen sich Archäologen zwangsläufig mit der Frage beschäftigen, was Innovationen sind, warum Gesellschaften Neues hervorbringen und warum sich dies durchsetzt, wie sich Innovationen verbreiten, und vor allen Dingen, wie diese Verbreitung zu interpretieren ist. Mindestens drei Fragen sind dabei zu beantworten, die sich auch die moderne Innovationsforschung stellt.
Warum wird überhaupt innoviert? Vermutlich sind es schon äußere Veränderungen, ist das der Stress, der Menschen dazu bringt, sich neue Lösungen zu überlegen. Not macht erfinderisch, wie der Autor in meinem Vortrag meint. Ich finde, das kann man schön sehen an der aktuellen Flüchtlingssituation, die ja auch Stress für unsere Gesellschaft ist, und in der unheimlich viel innovatives Potenzial freigesetzt wird.
Dann ist ja die Frage, ob Innovationen immer nützlich sind. Ob sie also einen wirtschaftlichen Vorteil bringen. Und da heutzutage vor allen Dingen innovationsökonomen das Geschäft der Innovationsforschung betreiben, fällt die Analyse häufig zu Gunsten des ökonomischen Nutzens aus. Aber die Geschichte, und zwar die lange Geschichte angefangen in der Jungsteinzeit zeigt wohl, dass die Nützlichkeit nicht immer der ausschlaggebende Grund ist, neues anzunehmen. Häufig sind dassoziale Prozesse, die mit Prestige zu tun haben, mit kultischen Fragen, oder einfach auch mit Geschmack. Das schönste Beispiel des Vortrags fand ich den Übergang von der Jäger- und Sammler-Gesellschaft zur Sesshaftigkeit mit Ackerbau und Viehzucht. Das war für den Einzelnen nicht wirklich ein positiver Wandel, da nun lange harte Arbeit den Tag strukturierte, während die Jäger und Sammler viel mehr freie Zeit gehabt hatten. Gesamtgesellschaftlich war das Ganze aber scheinbar schon ein Erfolgsmodell, sonst hätte es sich nicht durchgesetzt.
Und die dritte Frage ist vor allen Dingen für die Geschichtsforschung eine zentrale. Haben sich Innovationen ausgebreitet, weil sie von Menschen mit genommen wurden, oder sind nur Ideen gewandert. Haben wir es also mit einem Phänomen des Transfers zu tun oder der Migration. Das ist dann zentral, wenn man die Frage beantworten möchte, ob zum Beispiel der Ackerbau durch Menschen mitgebracht wurde die dann in Mitteleuropa sesshaft wurden, oder ob einfach die Technik des Ackerbaus Stück für Stück aus dem Balkan und Donauraum bis nach Mitteleuropa weitergegeben wurde. Ein anderes Beispiel sind die vielen Kulturen, die sich nur an unterschiedlichen Keramik -Stilen identifizieren lassen, Bandkeramik und so weiter. Auch hier kann man fragen, ob dahinter tatsächlich auch einheitliche Gruppen standen, die sich auch biologisch als miteinander verwandt festmachen lassen, oder ob ihr einfach eine Mode weitergegeben wurde. Sollten in der Zukunft Archäologen unsere Zivilisation ausgaben, würden sie vermutlich nicht davon ausgehen, das nur deshalb, weil Menschen fast auf der ganzen Welt iPhones benutzt haben, diese auch miteinander verwandt waren.
Die moderne Innovationsforschung setzt ihren Schwerpunkt also auf den Transfer von Wissen und Innovationen. Es sind die Produkte, die verkauft werden, sind die Ideen, die weitergegeben werden, es ist der spillover vom Innovator zu den vielen anderen Akteuren des Innovationssystems. Einzelne Menschen, die ihre Ideen mitnehmen, spielen keine große Rolle. Das hat sicher auch forschungspraktische Gründe. Nicht zuletzt der Datenschutz, aber einfach auch die Kosten zur Umsetzung einer solchen Methodik machen es praktisch unmöglich, Einzelpersonen in den Blick zu nehmen, wenn man Innovationsprozesse über längere Zeiträume verfolgen möchte.
Dabei wäre es schon interessant zu beobachten, wie sich Neues über den individuellen Werdegang der Beteiligten ausbreitet. Wie sich also zum Beispiel aus Forschungsprojekten durch den beruflichen Werdegang der Beteiligten, ihre Veränderungen des Arbeitsplatzes, ihren direkten Austausch mit Kollegen und Freunden Neues Stück für Stück verbreitet. Migration statt Wissenstransfer als wichtiges Element der Ausbreitung. Stattdessen schauen wir uns in der Regel an, wie sich die Kooperationsbeziehungen von Organisationen, von Forschungseinrichtungen und Unternehmen im Laufe der Zeit verändern und welchen Einfluss darauf die Beteiligung an Forschungsprojekten hat. Alles richtig, aber möglicherweise nur die halbe Geschichte.
Samstag, 12. Dezember 2015
Startups und Großkonzerne
P.S. Kleiner Nachschlag: jetzt machen sich die Konkurrenten von VW noch einen Spaß drauf und fordern den Konzern auf, statt teuer umzurüsten doch gleich in Elektromobilität zu investieren ...
Sonntag, 29. November 2015
Digitalmanifest
sogenannte sesame credits bei der Alibaba-Tochter Alipay, um insbesondere die Kreditwürdigkeit einzuschätzen. Mit dem neuen Chinesischen System beschäftigte sich zum Beispiel ein Artikel auf Netzpolitik. Die Zeit titelt in ihrem Blog-Beitrag sogar "China plant die totale Überwachung".
"Schon seit einigen Jahren ist die chinesische Führung dabei, ein System zu entwickeln, das das Verhalten seiner Bürger bewertet und öffentlich macht. Ausgangspunkt waren zahlreiche Berichte über das rüpelhafte Verhalten vieler chinesischer Touristen im Ausland."
Aber die finale Szene zur Doomsday-Maschine bleibt weiterhin die folgende:
Freitag, 13. November 2015
Bessere Politik durch Evaluation?
Samstag, 7. November 2015
Big Data?
Donnerstag, 5. November 2015
Ist Gründen ansteckend?
Ist Gründen ansteckend? Das fragen zwei Autoren in diesem Artikel. Sie stützen sich auf Erkenntnisse, die sie bei der Untersuchung der Gründerlandschaften in Mexico City, Buenos Aires und Istanbul gesammelt haben. Und sie gehen an die Daten mit einem netzwerkanalytischen Ansatz heran. Sie behaupten, dass immer dann, wenn einige wenige Gründer erfolgreich an einem Standort herangewachsen sind, weitere Gründen folgen, weil sie von deren Know-how und finanziellen Ressourcen profitieren. Das ist zunächst einmal nicht wirklich neu. Klar, erfolgreiche Gründer werden nicht selten zu VC-Investoren und finanzieren so neue Gründer. Und neue Gründer profitieren von Erfahrungswissen der alten Gründer, denen sie über Stammtische, Netzwerke, Mentoring-Programme, Startup-Verbände und vieles mehr verbunden sind. Nicht umsonst wird im genannten Artikel von einem Ökosystem gesprochen, ein Begriff, der auch in der sonstigen Gründerforschungsliteratur immer wieder verwendet wird.
Interessant finde ich den Artikel, weil er auf die persönliche eins-zu-eins-Beziehung zwischen individuellen Gründern hinweist. Es sind persönliche Beziehungsnetzwerke, die hier zum Tragen kommen, nicht Netzwerke zwischen Institutionen oder Firmen. Und das ist ein Aspekt, der mir in der Innovationsforschung noch zu selten analysiert wird. Die Weitergabe von Wissen, Erfahrung und Erkenntnissen läuft halt in der Regel über Köpfe, und zwar über einzelne Köpfe. Es sind Menschen, die ihr Wissen mitnehmen, wenn sie von einem Unternehmen zum nächsten wandern, oder aus einer Forschungseinrichtung in ein Unternehmen.
Bei der Evaluation von Innovationsförderprogrammen zum Beispiel wird dieser Aspekt praktisch nie untersucht. Das hat ganz forschungspraktische Gründe. Datenschutzrechtlich ist es schwierig, auf der Einzelpersonen -Ebene zu untersuchen, weil z.B. Adressen selten weitergegeben werden können und dürfen, wenn Mitarbeiter ein Unternehmen verlassen. Stattdessen werden Kooperationsstrukturen zwischen einzelnen Institutionen untersucht. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Der wesentliche spill over passiert über Köpfe, da bin ich mir ziemlich sicher.
Ach ja, wenn wir gerade bei Gründern, beim zwischenmenschlichen Miteinander und bei Ökosystemen sind. Kennen Sie den Kaffeekultur-Indikator? Im August schrieb Gründerszene über einen neuen Indikator, nachdem sich an der Kaffeekultur eine Hightech Metropole erkennen lässt. In den Index fliessen Verfügbarkeit, Qualität und Popularität von Cafes ein. Nach dem Motto Doppelpunkt je mehr Raum für ein nettes Miteinander der Gründer im lauschigen Kaffees ist, desto stärker prosperiert die Gründermetropole. Nach diesem Index liegt Berlin übrigens auch ganz vorne.
Wobei mir die Kausalität noch nicht ganz klar ist. Führt nun die Kaffeehauskultur zu einem erfolgreicheren Gründerstandort, oder zieht der Gründerstandort die entsprechende Kaffeehauskultur nach sich? Auf jeden Fall scheinen Kaffeehäuser echte Ansteckungsherde für Gründer zu sein. Also Vorsicht beim nächsten Kaffee.
Sonntag, 1. November 2015
Experimental design und Evaluation
Innovatives Hören
Thema des diesjährigen Wissenschaftsjahres war die Zukunftsstadt. Ich finde das Thema spannend und habe deshalb auch einige der Aktionen, die im Rahmen des Wissenschaftsjahres geplant waren, mitverfolgt.
Eigentlich ist das ja ein Thema, das extrem zum Mitmachen einlädt. So wahnsinnig viele Mitmach-Aktionen sind mir aber nicht aufgefallen. Man konnte mit Minecraft seine Stadt der Zukunft bauen. Das war eine Aktion, die sich eher an Jugendliche gerichtet hat. Man konnte auch Stadttöne aufnehmen und hochladen. Das war die Aktion Stadt Klang.
Ich dachte toll, endlich mal was, wo ich mich einbringen kann, und habe schnell ein Soundfile erstellt und hochgeladen. Dann habe ich mir die Website genauer angeschaut und auf andere Klänge geklickt, um sie mir anzuhören. Ganz Deutschland, oder vielmehr die großen Städte Deutschlands waren hier mit vielen vielen Klangbeispielen vertreten. Letztlich war es aber doch alles ziemlich ähnlich: Vögelgezwitscher (hatte ich selbst auch aufgenommen), Menschen, die sich unterhalten, Straßengeräusche, und in ländlichen Gebieten noch ein bisschen mehr Naturgeräusche. Wozu das alles aufgenommen wird, war mir nicht ganz ersichtlich. Die Text- und Video-Beiträge auf der Seite erläuterten eher alle möglichen anderen Themen zum Thema Lärm beziehungsweise Klang in der Stadt.
Ich hatte mir mehr erwartet. Irgendwelche soziologischen oder ökologischen Studien. Ich hatte nämlich gerade ein Buch gelesen, was mich sehr fasziniert hatte. Das große Orchester der Tiere von Bernie Krause. Krauses Idee ist es, dass man die Intaktheit eines Ökosystems anhand seine Klänge und Töne messen kann, da die Tiere sich alle in akustische Nischen eingerichtet haben. Und das hat er toll geschrieben, mit vielen Hörbeispielen und vielen persönlichen Erlebnissen. Aufmerksam geworden auf das Buch bin ich unter anderem über ein Radiofeature des Deutschlandfunk dazu. Das lohnt sich fast ebenso wie das Buch selbst, ist aber im Archiv nicht mehr zu finden. Stattdessen hier der Link auf einen ähnlichen Beitrag des SWR.
Und heute wird Krauses Ansatz auch von Zoologen in Deutschland ausprobiert, so zum Beispiel von der Uni Freiburg. Ein anderes soundscape Projekt will gleich die Klänge der ganzen Erde aufnehmen und ruft zum Mitmachen auf. Dagegen sind die Stadtklänge des Wissenschaftsjahres noch von bescheidenem Anspruch. Insgesamt tummeln sich da wohl einige Projekte. Auch die Universität Salford nimmt Klänge der ganzen Welt auf.
Aber natürlich geht es in diesen Projekten eher um ökologische Fragen und weniger um die Zukunft der Städte. Hier stehen vermutlich wirklich eher Fragen des Lärmschutzes und der klanglichen Stadtgestaltung im Vordergrund.
Und spannend wäre natürlich auch ein historischer Ansatz. Zu hören, wie sich die Klänge der Stadt im Zeitverlauf geändert haben. Wie die Stadt vor 20 Jahren klang. Und wie sie vielleicht in 20 Jahren klingen wird. Wenn zum Beispiel Elektroautos für leisen Straßenverkehr sorgen und die Klingel der vielen Fahrräder dafür den Klangraum bestimmen.
P.S. kleines Update mit toller Radioreportage des Tagesspiegel vom Dezember
Mittwoch, 28. Oktober 2015
Soziale Innovationen und Flüchtlinge
Freitag, 23. Oktober 2015
Innovationen - one size fits all?
Im Oktober, auf ihrem Ministertreffen in Korea, stellte die OECD ihre überarbeitete Innovationsstrategie 2015 vor. Im Vergleich zur ersten Innovationsstrategie von 2010 sind hier neueste Ergebnisse aus diversen OECD Projekten eingeflossen. Interessant ist, welche Punkte die OECD selbst auf ihrer Website hervorhebt.
Da ist einerseits die langfristige Orientierung staatlicher Investitionen in Forschung und Entwicklung. Mich erinnert das an die Argumentation von Marianna Mazzucato in ihrem Buch über den Entrepreneurial State, in welchem sie die besondere Bedeutung staatlicher Investitionen in Grundlagenforschung am Beispiel eines iPhones erklärt. Viele, viele Jahre, nachdem der Staat in diese Grundlagenforschung investiert hat, zeigt sich erst der marktwirtschaftliche Erfolg von Produkten, die diese Technologien implementiert haben.
Als zweiten Punkt hebt die OECD heraus, dass eine steuerliche F&E Förderung wohl doch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, dass also direkte Fördermaßnahmen möglicherweise eine zielgerichtetere Politik versprechen. Da steht Deutschland mit seinem aktuellen policy mix dieses Mal auf der richtigen Seite, wenn auch nicht ganz freiwillig.
Und schließlich betont die OECD einmal mehr die Wichtigkeit einer reflektierten Innovationspolitik, also die Rolle von Evaluation und Monitoring des eigenen Tuns. Das ist natürlich Musik in den Ohren eines Evaluators.
In den letzten Jahren stand die OECD zunehmend vor der Herausforderung, dass aufgrund der Aufnahme neuer Mitgliedstaaten die Gruppe ihre Mitglieder immer heterogener wird. Es wird schwieriger, einen gemeinsamen Nenner zu finden, Empfehlungen zu formulieren, die für alle Mitgliedstaaten gleichermaßen gelten. Diesen schmalen Grad versucht auch die neue OECD Innovationsstrategie. Möglicherweise ist das aber gar nicht die Lösung, möglicherweise liegt gerade in der Heterogenität, in den Unterschieden das Geheimnis des Erfolgs.
Auf diese Idee bin ich gekommen als ich kürzlich zwei sehr interessante Artikel las beziehungsweise wieder las. Der eine Artikel, der im April diesen Jahres erschien und von Alberto Botta ist, beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Ungleichheit und Innovation zusammenhängt. Schön ist der Artikel einerseits, weil er die Diskussion um Mazzucatos Buch ebenso aufgreift wie die Diskussion um evolutionäre Ansätze der volkswirtschaftlichen Betrachtung von Innovationssystemen (varieties of capitalism). Die Kernthese des Artikels ist, dass es mehrere Gleichgewichtszustände geben kann, die zum Teil zu mehr oder auch zu weniger Ungleichheit führen, unabhängig von der Leistungsfähigkeit des Innovationssystems. Dass die USA besonders innovativ und gleichzeitig besonders ungleich sind, ist für den Autor eher ein zufälliges Zusammentreffen unterschiedlicher Faktoren. Die Ungleichheit führt er wesentlich auf den Erfolg des Shareholder Value Ansatzes zurück, weniger auf die Frage, ob nur in Systemen, die Ungleichheit als Motivationsquelle für unternehmerisches Handeln sehen, Innovationsdynamik entfaltet werden kann. Innovationssysteme können also in ganz unterschiedlichen Modi stabil und funktional sein.
Ein zweiter Aufsatz mit dem schönen Titel "Können wir alle nicht etwas mehr wie Skandinavier sein", der aus dem Jahr 2012 stammt, beschäftigt sich noch expliziter mit unterschiedlichen Innovationsregimen und ihrer gegenseitigen Abhängigkeit. Die zentrale These lautet, dass die schöne heile Welt der skandinavischen Wohlfahrtsstaaten, die zwar innovativ, aber auch sehr teuer sind, nur deshalb funktioniert, weil es auf der anderen Seite aggressive, innovative und ungleiche Staaten wie die USA gibt, aus denen die echt radikalen Innovationen stammen. Implizit wird hier ein bisschen das Hohelied des amerikanischen Unternehmertums gesungen. Der erste Artikel, den ich oben erwähnte, setzt sich übrigens recht kritisch mit dieser Ausgangshypothese auseinander und zitiert eine ganze Reihe von Literatur, die zentrale Argumente entkräftet.
Mir geht es aber um einen anderen Punkt. Vielleicht müssen wir die Welt ja als ein großes Innovations-Ökosysteme verstehen, in dem unterschiedliche Staaten unterschiedliche Nischen besetzen und nur in der gegenseitigen Interaktion dauerhaft erfolgreich sein können.
In diesem Fall hätte Deutschland vielleicht schon seine Nische gefunden. Es wäre nicht notwendig, der amerikanischen Gründungskultur blind nachzueifern und zu erwarten, dass hier wie auf der anderen Seite des Atlantik junge Firmen auf dem Boden schießen, schnell wachsen, und endlich traditionelle Firmen verdrängen. Vielleicht ist die evolutionäre Anpassung des deutschen Mittelstands der angemessener Weg für die deutsche Innovations Nische?
Andererseits, wir wissen von Ökosystemen (wenn wir bei dieser Analogie bleiben wollen), dass es nie einen dauerhaften Gleichgewichtszustand gibt. Immer verändern sich einzelne Faktoren, Teile des Ökosystems müssen sich anpassen. Auf jeden Fall ist ein one size fits all nicht die richtige Devise.
Freitag, 25. September 2015
Superforecasting
Im Economist wurde gerade ein spannendes neues Buch rezensiert, dass sich mit sogenannten superforcasters beschäftigt. Ich muss zugeben, ich habe das Buch nicht gelesen, aber das Thema hat mich schon interessiert. Also habe ich gegoogelt.
Schon im Sommer hatte die Süddeutsche Zeitung über das Projekt berichtet, auch die BBC interessierte sich für das Thema. Der Sozialwissenschaftler Philip Tetlock beschäftigt sich schon lange Zeit wissenschaftlich mit der Möglichkeit und den Grenzen der Vorausschau. Er wurde bekannt mit der Einsicht, das sogenannte wissenschaftliche Vorausschauen, zum Beispiel zu Wirtschaftsentwicklung oder von Börsenmärkten, auch nicht besser sind als das Werfen von Dartpfeile. Sprich: da kann man auch gleich würfeln.
Im Moment leitet Tetlock ein entsprechendes Forschungsprojekt im Auftrag von IARPA, eine Forschungsagentur, die der berühmten DARPA nachgebildet ist und für den amerikanischen Geheimdienst Forschungsprojekte finanziert. Im Projekt werden Menschen identifiziert, die besonders gut und ideologiefrei Voraussagen zu politischen und sozialen Entwicklung in der näheren Zukunft treffen können. Und es scheint sie tatsächlich zu geben, die Supervorhersager.
Sie haben keine anderen Informationen zur Verfügung als eine normale Google Suche. Sie sind besser als die Spezialisten, die mit Fachwissen in die Tiefe gehen und in der Regel herangezogen werden, wenn es um eine wissenschaftlich fundierte Vorausschau geht. Auch für den amerikanischen Geheimdienst. Oder für das Außenministerium. Und deshalb sind diese Ministerien so interessiert an den Ergebnissen von Herrn Tetloc.
Natürlich ist der Blick in die Glaskugel immer faszinierend. Aber es gibt vier ganz konkrete, zugegebenermaßen etwas frei assoziierte Gründe, warum ich diesen Ansatz spannend finde.
Erstens: Finanziert das etwas verrückte Projekt wie gesagt durch eine Institution ähnlich der DARPA , die viele zukunftsweisende, innovative Projekte gefördert hat. Aber warum ist DARPA so erfolgreich? Vergleichbar mit Innovationspreisen wie dem X Prize wird hier das Risiko gegenüber dem möglichen Ertrag geringer geschätzt, so dass hier auch in spannende Projekte investiert wird, in die kein normales ziviles Forschungsministerium investieren würde. Das ist ein bisschen zu vergleichen mit den future and emerging technology flagship Projekten der EU, die ebenfalls ganz schön ins Risiko gehen und visionäre Forschungsprojekte wie das human brain project finanzieren. Vielleicht wird nichts draus, aber wenn, dann ist es wirklich was ganz Großes. Das ist echtes Risikogeld, Venture Capital, bei dem der Investor auch davon ausgehen muss, dass 9 von 10 Firmen, in die er investiert, pleite gehen. Aber wenn die eine Firma, die übrig bleibt, dann abgeht wie eine Rakete, dann hat sich das Investment gelohnt. Sollte so möglicher Weise nicht auch Forschungspolitik sein?
Zweiten: Im Fall der Superforcaster ist tatsächlich der Mensch der Maschine noch überlegen. Er kann die verwirrenden Informationen richtig deuten, er macht aus Chaos Ordnung, er findet die richtigen Muster. Die Mustererkennung ist tatsächlich eine Domäne, in der Menschen Computer noch schlagen können, deshalb werden Menschen auch so gerne von citizen science Projekten genutzt, um z.B. große Mengen von Bildern auf Muster zu untersuchen. Aber das ist möglicherweise nur eine Frage der Zeit, bis hier die Maschine den Menschen auch in Mustererkennung überlegen ist.
Drittens: Schließlich hat mich das Verhältnis von foresight und forcast interessiert. Während forcast nur auf die nähere Zukunft schaut, beschäftigt sich foresighte mit dem Blick in die weite Ferne, mit den nächsten 15 bis 20 Jahren. Meine Kollegen sagen immer, bei foresight geht es nicht darum, möglichst richtig zu liegen, die Zukunft korrekt vorauszusagen, sondern sich mit ihr zu beschäftigen, Szenarien durchzudenken und Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen. Aber natürlich wäre es schon schön, wenn foresight nicht vollkommen falsch läge. Also lohnt sich meiner Meinung nach durchaus die Frage, was man von den superforcasters lernen kann.
Viertens: Dieses Interview zum Thema zeigt: Superforcasting eignet sich sogar noch besser als sogenannte Vorhersagemärkte als Prognosetool. Aber auch diese sind interessant, weil sie manchmal besser als Experten Wahlergebnisse oder andere zukünftige Ereignisse voraussagen können. Das ist die Expertise der Vielen.
Und für alle die, die jetzt Interesse am Thema superforecast gefunden haben. Man kann sich auf der Website auch anmelden und bewerben als superforcaster. Nur zum Lotto spielen eignet sich die Methode nicht. Da geht es wirklich um Zufälle.