Sonntag, 7. Februar 2016

Startup-Alarm

Vor ein paar Tagen übertrumpfte Alphabet, die Firma, die einst Google hieß, zum ersten Mal für kurze Zeit Apple als wertvollste Firma der Welt. Zeitungskommentare wunderten sich ein wenig, dass eine Firma, die nichts Materielles produziert, im Gegensatz zu Apples Handys, Tablets und SmartWatchs, tatsächlich diesen Spitzenplatz erreichen kann. Das Wunder der digitalen Ökonomie... Dabei ist Google mittlerweile mehr als die Suchmaschine: Eine Firma, die autonome Autos entwickelt, die Roboterfirmen kauft, und vieles mehr.
Derade diese Angewohnheit, junge Firmen, aufstrebendes Startups zu kaufen, um sein Geschäftsfeld zu erweitern, um mit den Milliarden, die den Großkonzern zur Verfügung stehen, Entwicklungen zu beschleunigen, macht den deutschen Behörden scheinbar Angst.
Anders ist es nicht zu erklären, dass die Bundesregierung jetzt im Jahreswirtschaftsbericht angekündigt, das Kartellrecht so zu ändern, dass auch junge Firmen, die noch scheinbar ohne wert sind, nur aufgrund ihres zukünftigen Potenzials kontrolliert werden. Man möchte verhindern, dass sogenannte Plattform Firmen, also Google Apple und Co, marktbeherrschende Stellung erreichen, indem sie neue Geschäftsfelder durch diesen Aufkauf schnell für sich entscheiden. Damit die großen Internetkonzerne sich also nicht zusammen kaufen, was sie aus der Portokasse bezahlen können.
Die Kritik der deutschen Startup-Szene war abzusehen. Hier werde ein sowieso sehr schwacher Markt systematisch kaputt gemacht. Ohne Exit-Option wäre es noch schwerer für deutsche Firmen, an Wachstumskapital zu gelangen. Stattdessen sollte sich die Politik lieber bemühen, ihre Hausaufgaben zu machen, und den Startups ein einigermaßen attraktives Umfeld zum Wachsen und Gedeihen zu schaffen.
Die Intention der Bundesregierung ist schon zu verstehen. Es gedeihen nur sehr wenige, kleine, zarte Pflänzchen auf dem deutschen Startup-Acker. Die würde man doch eigentlich gerne zu deutschen Internetgrößen weiterentwickeln, als Gazellen hegen und pflegen. Und wenn sie dann weggekauft werden von den amerikanischen Internet-Giganten, was bleibt dann für Deutschland? Die traditionellen Mittelständler, die sogenannten hidden champions, die aber möglicherweise die Digitalisierung verschlafen?
Solange aber die Bedingungen für ein schnelles Wachstum in Deutschland nicht gegeben sind, bleibt den meisten deutschen Startups nur die Hoffnung, den Exit über den Aufkauf durch die Großen zu realisieren. In diesem Sinne werden tatsächlich letzte Optionen abgebaut durch diese neue Regelung. Wenn sie denn kommt.
P.S.  jetzt geht auch die Diskussion auf Gründerzeit zu dem Thema los, mit einem kritischen und einem wirklich lesenswerten positiven Artikel

Montag, 1. Februar 2016

Randomized Controlled Trials

Aktuell jährt sich die Einführung des Mindestlohns in Deutschland, und damit auch erste Bilanzen, ob hier Jobs flöten gegangen sind oder nicht. Entgegen mancher Unkenrufe wohl nicht, im Gegenteil wurden nicht wenige Minijobs in richtige Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt. Vor einem Jahr war die Aufregung noch groß, und so mancher Ökonom war sich sicher, dass der Mindestlohn der große Jobkiller würde. Jetzt wird sich rausgeredet, zum Beispiel mit der guten Konjunktur. Aber auch für die weitere Entwicklung gehen die Meinungen auseinander. Letztlich kann keiner genau sagen, wo die kritische Grenze liegt, wie hoch der Mindestlohn steigen darf. Man muss es halt ausprobieren, so wie auch der Mindestlohn selbst ein großes Experiment war. (Ähnlich wilde Spekulationen gibt es übrigens zu den Kosten der Flüchtlingskrise.)

Als ich diese Artikel las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Daher kommt also die Begeisterung der Arbeitsmarkt- und Sozialforscher für randomized controlled trials  (rct), die jetzt auch in die Innovationspolitik ausstrahlen. Gerade erst hatte ich im Januar einen Workshop für TAFTIE, das europäische Netzwerk der Innovationsagenturen (oder Projektträger) moderiert. Es war zwar nur einer von vielen Beiträgen, aber der Vortrag vom Innovation Growth Lab aus UK wurde deutlich am längsten diskutiert. Mir wurde erneut deutlich, dass sich rct vor allem für neue Maßnahmen eignet, um kontrolliert, z.B im Rahmen eines Piloten zu klären, wie eine neue Politikintervention eigentlich wirkt.

Darum werden rct auch in der Arbeitsmarktpolitik so gerne genutzt. Weil man eben nicht weiß, ob und wie neue Ansätze wirken. Und das ist in der Innovationspolitik meist anders. Da sind die meisten Instrumente gut bekannt und gut beforscht. Ein bisschen mehr Lust zum Experimentieren würde der Innovationspolitik zwar manchmal ganz gut tun, für das aktuelle Instrumentarium wäre eine Sammlung aller bereits vorliegenden Erkenntnisse und ganz neue Forschungsdesigns wichtiger als das  Abkupfern von Evaluationsdesigns aus der Arbeitsmarktpolitik, die meist nicht wirklich passen. 

Samstag, 23. Januar 2016

Europäischer Innovationsrat

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des europäischen innovationsrats. Zwar ist die Idee nicht ganz neu, sie wurde schon vor ungefähr fünf Jahren zum Beispiel durch die Fraunhofer-Gesellschaft geäußert. Seitdem aber ruhte sie in einem sanften Dornröschenschlaf, bis sie Mitte letzten Jahres durch EU-Kommissar Moedas erweckt wurde. Seitdem dient sie als Projektionsfläche, um allerhand interessante oder abstruse Ideen zu ventilieren, wie Europa seinen Innovationsdefizit beheben könnte.
Soll der Innovationsrat ähnlich wie der Forschungsrat individuelle Stipendien vergeben? Soll er vergleichbar der amerikanischen DARPA als großer Beschaffung gehen, aber für wen und was? Soll der Innovationsrat große Innovationspreise ausschreiben, ähnlich wieder X-Preis in den USA? Oder soll der Innovationsrat als Ratgeber der europäischen Innovationspolitik fungieren, als Expertengremium, ähnlich der deutschen EFI? Im Beratenlassen ist die Europäische Kommission ja eher groß. Oder soll der Rat den großen nächsten Fünfjahresplan der Innovationsförderung, nach asiatischem Modell, entwickeln und durchsetzen?
Ein klein wenig Schwung ist schon in die Debatte gekommen. Beate, der europäische Verband der Gesellschaften für Forschung und Technologie, hat sich in ein Positionspapier positiv zu dem Vorschlag geäußert. Peter Tindemans von Euroscience hingegen kann der Idee nichts abgewinnen Komma aus seiner Sicht braucht es für die Förderung von Innovationen vor allen Dingen privates Kapital. Es gäbe nirgendwo auf der Welt ein vergleichbares öffentliches Gremium. Das stimmt vielleicht nicht ganz, Science/Business zumindest hat eine ganze Reihe von Beispielen zusammengetragen.
Ein wenig scheint mir, als wenn nun eine Diskussion ähnlich der auflegt, die wir schon über das europäische MIT erlebt haben. Wie jeder weiß, kam am Ende das EIT raus, etwas doch ziemlich anderes.
Wer sich an der Diskussion beteiligen möchte, kann das jetzt tun. Science/Business hat gerade auch eine Umfrage veröffentlicht, in der jeder seinen Senf dazu geben kann.

Samstag, 16. Januar 2016

Daten und arabischer Frühling

Die Weltbank hat gerade einen interessanten Artikel zu Stärken und Schwächen von Daten bei der Interpretation politischer Situationen veröffentlicht. Anlass sind 5 Jahre arabischer Frühling. Dieser kam damals ziemlich plötzlich, zumindest aus Sicht der politischen Entscheider, die eigentlich von einer relativ stabilen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in den Ländern Nordafrikas ausgingen. Dazu verleiteten zumindest die klassischen Daten wie Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes, Kindersterblichkeit, Alphabetisierungsraten und ähnliches. Gleichzeitig waren andere Daten zur subjektiven Einschätzung der eigenen Lebenssituation, wie die Weltbank in Ihren Artikel zeigt, deutlich abgerutscht. Ein Anzeichen dafür, dass die Länder eine Krise  entgegentaumelten? Aus dem Rückblick ist dies leicht gesagt. Damals wurde den Beratern der Weltbank von den politischen Entscheider Nordafrikas entgegengehalten, dass die objektiven Daten doch sehr positiv sein.

Man kann diese Daten allerdings auch anders interpretieren. Vor 4 Jahren, zum ersten Jahrestag der arabischen Revolution, erschien in der Zeit ein erstes Resümee, in dem der französische Soziologe Emmanuel Todd zu Wort kam. Dieser hatte mit eben jenen Daten zu einer steigenden Alphabetisierungsrate, sinkende Geburtenraten und ähnlichen soziodemografischen Trends vorausgesagt, dass sich ein Potenzial für soziale Unruhen in den arabischen Ländern aufbauten.

Noch stärker auf einen einzigen soziodemografischen Faktor verweisen Vertreter der sogenannte youth bulge -These wie Gunnar Heinsohn, die den Überschuss an insbesondere jungen Männern in den arabischen Ländern als Ursache für den arabischen Frühling ausgemacht haben. Die Zeit hatte Heinsohns Thesen bereits 2004 mit Verweis auf andere Studien sehr kritisch kommentiert.

Man muss aufpassen. Hier kommen zwei verschiedene Diskussionsstränge Zutaten zusammen. Auf der einen Seite werden Daten als Indikatoren genutzt, um bestimmte Situation richtig zu interpretieren. Zum Beispiel für die subjektive Einschätzung der eigenen Lebenssituation.  Auf der anderen Seite verweisen Daten auf mögliche Faktoren, die zu diesem Situation geführt haben. Sind z.B.  junge Männer in großer Zahl Schuld an sozialen Unruhen? Ist ein höherer Bildungsgrad, der sich an einer entsprechend steigenden Alphabetisierungsrate ablesen lässt, Ursache für mehr politische Beteiligung?

Da vermutlich nicht ein einziger Faktor zum Arabischen Frühling  geführt hat, wird es schnell unübersichtlich. Es gibt eine ganze Reihe von "Stressfaktoren", die zu einer Situation führen, die plötzlich in einer Revolution mündete. Als Stressfaktoren im Zusammenhang mit dem arabischen Frühling genannt wurden natürlich diktatorische Regime, aber auch durchaus der Klimawandel.

Als Frühindikatoren eignen sich diese Faktoren allerdings nicht. In manchen Ländern führen sie zu Umwälzungen, in anderen nicht.

Einen anderen Weg gehen Ansätze der Big Data Analyse sozialer Systeme, wie sie beispielsweise im Projekt FutureICT in Zürich bearbeitet werden sollten. Äußerungen in sozialen Netzwerken sollen hier ausgewertet werden, um Ereignisse wie den arabischen Frühling vorauszusagen. Interessanter Weise ist der geistige Vater des Projekts Dirk Helbing einer der Initiatoren des "digitalen Manifests", über das ich kürzlich berichtete. Dort wird gerade vor der politischen  Manipulation mithilfe digitaler Werkzeuge gewarnt. Ein gewisser Widerspruch?

Samstag, 9. Januar 2016

Künstliche Schönheit

Digitale Technologien und Schönheit stehen ja in einem recht ambivalenten Verhältnis zueinander. Schaut man auf die Cover von Zeitschriften, so schauen einen lauter mit Digitaltechnik künstlich schöner gemachte Menschen an. Keine Fältchen, die Proportionen etwas zurecht gerückt, Photoshop oder ähnliche Programme machen praktisch alles möglich.
Gestern nun schaffte es eine neue Software in zahlreiche Online-Ausgaben (z.B. hier und hier), die nicht Schönheit produziert, sondern Schönheit erkennt. Ein Projekt der ETH Zürich, in Zusammenarbeit mit einer Partnerbörse. Der Algorithmus erkennt nicht nur, ob ein Gesicht schön ist, sondern kann auch Geschlecht und Alter einschätzen. So zumindest die Hoffnung seiner Schöpfer. Ich habe es ausprobiert, zwischen 32 und 42 hat mich der Algorithmus geschätzt. Ja, männlich bin ich, und auch zwischen 20 und 60. Aber die Einschätzung meiner Schönheit, da war ich doch anderer Meinung. Aber es ist ja noch ein Forschungsprojekt, und es gibt noch andere Computer basierte Schönheitswettbewerbe ...
Eine andere Software, über die ich gerade gestolpert bin, erkennt angeblich, ob etwas lustig ist. Das schien doch eigentlich die letzte Bastion des menschlichen Geistes zu sein. Der Witz und seine Beziehung zum Unterbewusstsein. Können das jetzt auch Computer? Der Artikel, der darauf Bezug nimmt, ist da letztendlich skeptisch. Aber auch hier ist es vermutlich erst der erste Schritt eines langen Weges.
Und dann gab es da noch vor Weihnachten den Artikel im Guardian über eine Software, die selber Kunst macht. Oder zumindest ganz normale Fotos in Kunstwerke verwandelt. In Kunstwerke, die sich an klassischen Vorbildern der Moderne orientieren. Eigentlich gestaltet der Algorithmus das Foto nur nach einem bestimmten Schema um, sodass die Technik dem der Kunstwerke ähnelt. Aber ist das nicht auch das Prinzip gewesen, nachdem die großen Werkstätten der Renaissancekünstler arbeiten? Unser Kater Leo zum Beispiel sieht jetzt wirklich sehr künstlerisch aus, oder?
Schließlich sind da die vielen Beispiele von dichtenden oder komponierenden Computern. Wirklich überzeugend sind all diese Beispiele noch nicht. Im Bereich der Kunst wird uns der Computer so schnell nicht ersetzen. Aber das einfache Kunsthandwerk? Die Fabrikarbeit unter den künstlerischen Berufen? Ja ja, so fängt alles an.

Freitag, 1. Januar 2016

Zukunft 2016

Die Zeit zwischen den Jahren ist auch die Zeit der Jahresrückblicke und Ausblicke. Stolz präsentieren Autoren ihre besten Artikel und Videos des letzten Jahres. Und mehr oder minder mutig blicken sie voraus, um zu spekulieren, was uns die Zukunft im neuen Jahr wohl bringt. Oder kombinieren gar beide Ansätze, indem sie ihre alten Voraussagen überprüfen. Oder kommentieren die Voraussagen anderer Autoren. Da reihe ich mich natürlich gerne ein...

Der Guardian veröffentlicht wieder einen New Year Prediction Bot,  der alle möglichen,  im Netz auffindbaren Voraussagen für das Jahr 2016 per Zufallsgenerator zugänglich macht. Meine ersten Zufallstreffer führten mich zu Voraussagen über eine Monetarisierung von YouTube durch Google, den Durchbruch der virtual reality Gadgets und der großen Rückrufaktionen bei VW.

Ausnehmend gut gefallen hat mir auch  der Foresight-Bericht der Stiftung Wissenschaft und Politik, die bereits vor ein paar Wochen nach den möglichen Krisen der nächsten Jahre fragte. Sehr Amerika zentriert ist in dieser Hinsicht der Bericht des Council on Foreign Relations zu 2016.

Die Technology Review fragt sich, was aus den breakthrough technologies von 2015 geworden ist, die sie im Februar letzten Jahres geschrieben hatte. Darunter waren Themen wie Entsalzungsanlagen im großen Stil, car-to-car-communication, die Versorgung durch Internet in den letzten Winkel der Welt, wie sie Google und Facebook planen, oder auch virtual reality Gadgets. Technology Review blickt auch noch einmal zurück auf wichtige Ereignisse im Bereich Robotik und künstliche Intelligenz des vergangenen Jahres.

Die TED Talks schauen zurück auf die besten Beiträge 2015. Und wer kleine Videobeiträge mag, dem kann ich auch den Jahresrückblick der beste Naturfilme von National Geographic empfehlen. Zum Beispiel die irren Zeitrafferaufnahmen, wie aus Bienenlarven Bienen werden.

Auch so etwas wie ein Rückblick, wenn auch kein Jahresrückblick, ist die neue EDGE-Frage für 2016: Was war die interessanteste wissenschaftliche Neuigkeit der jüngeren Vergangenheit? Es hatte ja schon das vergangene Jahr 2015 durch seine letzte Frage nachdenken den Maschinen ganz schön geprägt.

Die österreichische Akademie der Wissenschaften schließlich schaut zurück auf die Technologie - Voraussagen vor 30 Jahren und widmet sich dabei echten Klassikern wie dem papierlosen Büro oder der Kernfusion.

Selbst ein Bundesverkehrsminister waren sich über den Jahreswechsel mit mutigen Prognosen an die Öffentlichkeit. Der sollte allerdings kräftig mitwirken an der Realisierung seiner Prognosen...

Sonntag, 20. Dezember 2015

Neolitische Revolution und Innovationen

Gestern habe ich mir als Podcast den Vortrag eines Archäologen zum Thema Innovationen in der Frühgeschichte angehört. Ich beschäftige mich zwar beruflich schon wirklich lange mit Innovationen, und Geschichte, auch die Ur- und Frühgeschichte, fand ich schon immer spannend, aber diesem Zusammenhang hatte ich bisher noch nie gesehen. Dabei ist es eigentlich natürlich ziemlich einleuchtend. Archäologen machen sich Gedanken über frühe Kulturen. Sie versuchen also, menschliche Gesellschaften anhand ihrer kulturellen Eigenarten zu beschreiben und vor allen Dingen die Interaktion zwischen diesen Kulturen zu analysieren. Veränderungen in den Kulturen, die sich vor allen Dingen an Innovationen festmachen, sind dabei ein wichtiges Merkmal. Von daher müssen sich Archäologen zwangsläufig mit der Frage beschäftigen, was Innovationen sind, warum Gesellschaften Neues hervorbringen und warum sich dies durchsetzt, wie sich Innovationen verbreiten, und vor allen Dingen, wie diese Verbreitung zu interpretieren ist. Mindestens drei Fragen sind dabei zu beantworten, die sich auch die moderne Innovationsforschung stellt.

Warum wird überhaupt innoviert? Vermutlich sind es schon äußere Veränderungen, ist das der Stress, der Menschen dazu bringt, sich neue Lösungen zu überlegen. Not macht erfinderisch, wie der Autor in meinem Vortrag meint. Ich finde, das kann man schön sehen an der aktuellen Flüchtlingssituation, die ja auch Stress für unsere Gesellschaft ist, und in der unheimlich viel innovatives Potenzial freigesetzt wird.

Dann ist ja die Frage, ob Innovationen immer nützlich sind. Ob sie also einen wirtschaftlichen Vorteil bringen. Und da heutzutage vor allen Dingen innovationsökonomen das Geschäft der Innovationsforschung betreiben, fällt die Analyse häufig zu Gunsten des ökonomischen Nutzens aus. Aber die Geschichte, und zwar die lange Geschichte angefangen in der Jungsteinzeit zeigt wohl, dass die Nützlichkeit nicht immer der ausschlaggebende Grund ist, neues anzunehmen. Häufig sind dassoziale Prozesse, die mit Prestige zu tun haben, mit kultischen Fragen, oder einfach auch mit Geschmack. Das schönste Beispiel des Vortrags fand ich den Übergang von der Jäger- und Sammler-Gesellschaft zur Sesshaftigkeit mit Ackerbau und Viehzucht. Das war für den Einzelnen nicht wirklich ein positiver Wandel, da nun lange harte Arbeit den Tag strukturierte, während die Jäger und Sammler viel mehr freie Zeit gehabt hatten. Gesamtgesellschaftlich war das Ganze aber scheinbar schon ein Erfolgsmodell, sonst hätte es sich nicht durchgesetzt.

Und die dritte Frage ist vor allen Dingen für die Geschichtsforschung eine zentrale. Haben sich Innovationen ausgebreitet, weil sie von Menschen mit genommen wurden, oder sind nur Ideen gewandert. Haben wir es also mit einem Phänomen des Transfers zu tun oder der Migration. Das ist dann zentral, wenn man die Frage beantworten möchte, ob zum Beispiel der Ackerbau durch Menschen mitgebracht wurde die dann in Mitteleuropa sesshaft wurden, oder ob einfach die Technik des Ackerbaus Stück für Stück aus dem Balkan und Donauraum bis nach Mitteleuropa weitergegeben wurde. Ein anderes Beispiel sind die vielen Kulturen, die sich nur an unterschiedlichen Keramik -Stilen identifizieren lassen, Bandkeramik und so weiter. Auch hier kann man fragen, ob dahinter tatsächlich auch einheitliche Gruppen standen, die sich auch biologisch als miteinander verwandt festmachen lassen, oder ob ihr einfach eine Mode weitergegeben wurde. Sollten in der Zukunft Archäologen unsere Zivilisation ausgaben, würden sie vermutlich nicht davon ausgehen, das nur deshalb, weil Menschen fast auf der ganzen Welt iPhones benutzt haben, diese auch miteinander verwandt waren.

Die moderne Innovationsforschung setzt ihren Schwerpunkt also auf den Transfer von Wissen und Innovationen. Es sind die Produkte, die verkauft werden, sind die Ideen, die weitergegeben werden, es ist der spillover vom Innovator zu den vielen anderen Akteuren des Innovationssystems. Einzelne Menschen, die ihre Ideen mitnehmen, spielen keine große Rolle. Das hat sicher auch forschungspraktische Gründe. Nicht zuletzt der Datenschutz, aber einfach auch die Kosten zur Umsetzung einer solchen Methodik machen es praktisch unmöglich, Einzelpersonen in den Blick zu nehmen, wenn man Innovationsprozesse über längere Zeiträume verfolgen möchte.

Dabei wäre es schon interessant zu beobachten, wie sich Neues über den individuellen Werdegang der Beteiligten ausbreitet. Wie sich also zum Beispiel aus Forschungsprojekten durch den beruflichen Werdegang der Beteiligten, ihre Veränderungen des Arbeitsplatzes, ihren direkten Austausch mit Kollegen und Freunden Neues Stück für Stück verbreitet. Migration statt Wissenstransfer als wichtiges Element der Ausbreitung. Stattdessen schauen wir uns in der Regel an, wie sich die Kooperationsbeziehungen von Organisationen, von Forschungseinrichtungen und Unternehmen im Laufe der Zeit verändern und welchen Einfluss darauf die Beteiligung an Forschungsprojekten hat. Alles richtig, aber möglicherweise nur die halbe Geschichte.

Samstag, 12. Dezember 2015

Startups und Großkonzerne

Anfang Dezember stellte der Stifterverband wie jedes Jahr die neuesten F&E Zahlen für Deutschland vor. Demnach nähert sich Deutschland mit 2,87 Prozent weiter seinem drei Prozent Ziel an. Die Welt scheint in Ordnung. Noch. Allerdings macht der Stifterverband auch deutlich, dass ein Großteil der privaten F&E Investitionen auf das Konto der großen Konzerne geht. Und die sind aktuell mitten in einem Umbau, von dem man nicht weiß, wie er sich zum Beispiel schon nächstes Jahr auf die Statistik auswirken wird.

Beispiel VW: Hier gab es diese Woche eine Pressekonferenz, wie der Konzern auf den Abgaskanal reagieren und seine Strukturen umbauen möchte. Zwar wiegelt die Konzernspitze ab. Die drohenden Kosten zur Bewältigung des Skandals sind scheinbar geringer, als zunächst gedacht. Aber das wahre Ausmaß der finanziellen Belastungen ist aufgrund der anstehenden Klagen in den USA noch nicht wirklich abzusehen. Und damit auch nicht, ob der Konzern mehr finanzielle Ressourcen aus der Forschung in solche Zahlungen umwidmen muss als heute schon absehbar. Und das könnte sich tatsächlich in der Statistik niederschlagen. Jedes Jahr aufs Neue zeigt die Kommission in ihrem European Industrial R&D Scoreboard, das VW mit Abstand der größte Investor in Forschung und Entwicklung und das weltweit, andere Quellen wie PwC bestätigen das. Aber vielleicht steigert das Unternehmen ja auch seine Forschungsaufwendungen, zum Beispiel im Bereich Elektromobilität, die erst kürzlich verkündet. Und das wäre möglicherweise auch dringend, da ganz aktuell eher die Meldungen über chinesische Erfolge bei der Elektromobilität durch den Blätterwald rauschen als deutsche. Hierzulande scheinen die Verkaufszahlen sogar noch zurückzugehen.

Ein anderer zentraler Spieler ist Siemens. Der neue Unternehmenschef hat gerade erst ziemlich vollmundig verkündet, dass Siemens in Zukunft mehr in Forschung und Entwicklung investieren wird als bislang. Außerdem möchte Siemens die kreative Kraft seiner eigenen Mitarbeiter neu nutzen, indem so etwas wie interne Start-ups besser gefördert werden. Das ist jetzt kein neues Konzept, auch für Siemens nicht, aber es zeigt, wie man sich dort Sorgen macht, als Großkonzern die rasanten Technologieentwicklungen zu verschlafen. Außerdem soll, wie das aktuelle Magazin von Siemens pictures of the future zeigt, noch stärker mit anderen Start-ups zusammen gearbeitet werden.

Das zeigt sich in letzten Jahren sowieso immer stärker als drin, dass Großkonzerne zum Beispiel über corporate venture den Kontakt zu jungen Unternehmen suchen. Auch wenn diese Zusammenarbeit nicht immer von Erfolg gekrönt ist, wie diese Meldung zeigt.

P.S. Kleiner Nachschlag: jetzt machen sich die Konkurrenten von VW noch einen Spaß drauf und fordern den Konzern auf, statt teuer umzurüsten doch gleich in Elektromobilität zu investieren ...

Sonntag, 29. November 2015

Digitalmanifest

Vor kurzem erschien ein sogenanntes digitales Manifest in der deutschen Ausgabe der Spektrum der Wissenschaft. Es ging nicht wie so häufig in aktuellen Artikeln zur digitalen Revolution darum, inwieweit Deutschland Nachholbedarf habe, zu wenig auf digitale Veränderung vorbereitet seit oder sogar kulturell geprägt zu große Ängste vor den Segnungen der digitalen Revolution habe. Nein ganz im Gegenteil: Eine ganze Reihe namhafter und honorige Wissenschaftler warnen darin vor dramatischen Konsequenzen der Digitalisierung, insbesondere im Hinblick auf einem Missbrauch durch den Staat.

Das klang alles gut gemeint, und natürlich möchten wir nicht, dass der Staat uns manipuliert, dass Allmachtsphantasien sich in Planungswut ausleben, das digitale Systeme über Menschen entscheiden. Aber mal davon abgesehen, dass eine ganze Reihe von Grundannahmen in meinen Ohren mehr als merkwürdig  klangen ( zum Beispiel die Kantsche These, dass Demokratien keine Kriege führen, was wie dieser Artikel zeigt nicht stimmt), fand ich auch den allgemeinen Tenor sehr alarmistisch, ja fast schon verschwörungstheoretisch.

Eine der größten Bedrohungen, die in dem Artikel gezeichnet wurden, stellte das sogenannte "big nudging" da. Zu denken ist big nudging als eine Verbindung von Big Data und dem klassischen nuging. Die Politik könnte versuchen, mit Hilfe intelligenter Algorithmen ganze Gesellschaften digital abzubilden und zu steuern. Natürlich würde das nach Ansicht der Autoren alles ziemlich schief gehen, wo ich Ihnen ausnahmsweise recht geben würde. Aber schon die Grundannahme, dass solche Steuerungsversuche in nächster Zukunft möglich oder gar wahrscheinlich wären, kann ich beim besten Willen nicht teilen. Mir scheinen auch die Indizien, die im Artikel genannt werden, wie die Buchempfehlungen von Amazon (andere Leser haben XY gekauft) oder die individualisierten Sucheinstellungen bei Google nicht wirklich zu tragen.

Und die bekannten nudging-Versuche der Regierungen nicht nur in Deutschland, sondern insbesondere in Großbritannien oder den USA sind mehr als harmlos. Da geht es dann eher darum, die Anschreiben zur Steuererklärung etwas umzuformulieren, um die Leute dazu zu bewegen, diese schneller auszufüllen. Das ist doch mehr auf der Ebene von Warenregalen in Supermärkten, in denen die Waren nicht zufällig sortiert sind, sondern so, dass der Kunde möglichst viel von den teuren Produkten kauft. Auch die Versuche, Gesellschaften digital zu erfassen,  waren  (siehe z.B. futureICT) eher nicht so erfolgreich.

Im Manifest wird ziemlich am Ende des Textes auch das abschreckende Beispiel China genannt, in dem jetzt alle Bürger mit ihrem Internet erhalten geraten werden sollen. Dieses Beispiel zirkuliert schon länger im Netz. Ein neues "social credit system" oder "citizen scoring"
sogenannte sesame credits bei der Alibaba-Tochter Alipay, um insbesondere die Kreditwürdigkeit einzuschätzen. Mit dem neuen Chinesischen System beschäftigte sich zum Beispiel ein Artikel auf Netzpolitik. Die Zeit titelt in ihrem Blog-Beitrag sogar "China plant die totale Überwachung".
"Schon seit einigen Jahren ist die chinesische Führung dabei, ein System zu entwickeln, das das Verhalten seiner Bürger bewertet und öffentlich macht. Ausgangspunkt waren zahlreiche Berichte über das rüpelhafte Verhalten vieler chinesischer Touristen im Ausland."
Kritische wäre es, wenn auch social media Aktivitäten Teil des Bewertungssystems würden. Die scheinen die Player in China aber bislang zu dementieren, wie einige Blogeinträge (z.B. hier ) melden. Inzwischen hat eine parallele Diskussion um die für November angekündigte App Peeple auch die deutsche Blog-Szene erreicht und sehr kritisch kommentiert. Das sind sicher Eindrücke, vor deren Hintesgrund das Manifest entstand.

Ich habe den Eindruck, dass digitale Manifest ist stark beeinflusst vom Buch von Nick Bostrom zur Superintelligenz. Da geht es allerdings in letzter Konsequenz eher um die Welt Vernichtungsmaschine. Ich hatte das Buch von Boston bereits vor einiger Zeit gelesen. Jetzt bin ich aber über einen schönen langen Artikel des New Yorker gestoßen, der nicht nur auf das Buch, sondern insbesondere auf die Person von Bostrom und die verschiedenen Diskussionsstränge, die zu seiner Idee führten, eingeht. Intern spekuliert Bostrom darüber, ob ein wirklich intelligenter Computer so schnell so viel lernen würde, dass er die Menschheit beherrschen kann. Bostrom selbst scheint mir ein sehr ambivalenter Charakter zu sein. Auf der einen Seite verliebt in die Frage, welches Ereignis zum Weltuntergang führen könnte. Auf der anderen Seite nach eigenem Bekenntnis an Anhänger des Transhumanismus. Also jene Bewegung die den Menschen mit Hilfe technischer Mittel und Errungenschaften der modernen Wissenschaft weiter verbessern vervollkommnen möchte. Bis hin zum ewigen Leben. Eine schöne Zusammenfassung des Transhumanismus findet sich in diesem Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Man sieht, die Zukunft scheidet die Geister.

Aber die finale Szene zur Doomsday-Maschine bleibt weiterhin die folgende:


 


Freitag, 13. November 2015

Bessere Politik durch Evaluation?


Gestern Abend war ich auf einer Podiumsdiskussion zum Thema „Bessere Politik durch Evaluation?“. Ich hatte Dir dazu ja schon die Veranstaltungseinladung geschickt.

 

Das Leitthema wurde gleich zu Beginn etwas in Frage gestellt, als der Moderator Dirk Asendorpf ins Publikum fragte, wie viele der Anwesenden Evaluatoren, wie viele Auftraggeber von Evaluationen und wie viele aus dem Bereich der Politik seien. Evaluatoren und ihre Auftraggeber verteilten sich in etwa hälftig, die Politik war praktisch nicht vertreten. Vielleicht machte das schon ein Problem deutlich (die Politik interessiert sich eigentlich nicht für Evaluation?), vielleicht lag es aber auch eher an der Frage, was überhaupt mit Politik in diesem Kontext gemeint ist. Prof. Thomas Widmer aus der Schweiz, einer der Diskutanten, brachte diese Frage gleich zu Beginn auf. Ist Politik die Verwaltung in den Ministerien, oder ist Politik nur die politische Leitung der Ministerien, ist sie die vielleicht auch nur die Parteipolitik in Person der Abgeordneten? Das ist eine durchaus relevante Frage, da davon auch die möglichen Wirkungen abhängen. Prof. Reinhard Stockmann vom Centrum für Evaluation der Universität des Saarlandes, ein weiterer Diskutant, zitierte amerikanische Studien, nach denen Evaluationen auf der Verwaltungsebene sehr wohl zu verändertem Handeln führen, während die Effekte auf der parteipolitischen Ebene praktisch gleich Null sind. Und Hr. Widmer ergänzt, dass dies auch möglicherweise sehr rational sei, da sich gute Politik durch Information, aber auch durch Ideologie und Interessen getrieben sei. Die „evidence based policy“ sei also gar nicht die perfekteste aller Welten (was er wörtlich nicht so sagte, ich aber zwischen den Zeilen raushörte).

 

Ein weiterer Diskussionsschwerpunkt widmete sich der Frage, ob wir mehr Evaluationen strategischer Politikansätze und ganzer Politikfelder brauchen, und dann auch andere Institutionen, die diese strategischen Evaluationen beauftragen und durchführen können. Mit auf dem Podium saß nämlich auch Michaela Zintl, die bis vor kurzem kommissarische Direktorin des Deutschen Evaluationsinstituts der Entwicklungszusammenarbeit (DEval). Dieses Institut wäre sicher besser in der Lage, solche übergreifenden Evaluierungen durchzuführen. Oder  vielleicht auch nicht? Zumindest hat das erst vor drei Jahren gegründete Institut wohl schon sehr turbulente Anfangstage hinter sich, mit einem nur kurz amtierenden Gründungsdirektor, mit einer kommissarischen Direktorin, die vom Hauptauftraggeber BMZ entsandt wurde und gestern wie gesagt auch auf dem Podium saß. Mit war diese Vorgeschichte nicht präsent gewesen (hier ein interessanter Artikel aus dem letzten  Jahr mit einem Interview des entlassenen Gründungsdirektors), gestern Abend schwang sie auf jeden Fall deutlich mit und führte zur wiederkehrenden Thematisierung des Frage nach Unabhängigkeit.

 

Ein kleines Nebengefecht entwickelte sich um das Verhältnis von Evaluation und Journalismus. Mehrere Diskutanten warfen dem Journalismus relativ plakativ vor, Evaluationsergebnisse zu verdrehen und nicht zu verstehen und so zu einer dramatisierenden Berichterstattung zu führen, die manchen Institutionen keine andere Wahl lasse als Evakuationsbericht nicht zu veröffentlichen. Von der anderen Seite wurde dagegengehalten, dass Evaluationsberichte ja häufig kaum lesbar und verständlich seien und die Zusammenfassungen in verständlicher (leichter?) Sprache dann nur noch weichgespülte Werbetexte für die Öffentlichkeitsarbeit enthielten.

 

Ein letztes Diskussionsschwerpunkt wurde durch den vierten Podiumsgast, Frau Angelika Flatz aus dem österreichischen Bundeskanzleramt, bestimmt, die das neue System der Wirkungsorientierten Haushaltsführung vertrat (hier eine Studie der Hertie School of Governance aus dem letzten Jahr zum Thema). Kurz gesagt geht es darum, für jedes Ressort verbindliche Ziele und Zielerreichungsindikatoren zu bestimmen und dies mit der Haushaltsführung (und ggf. auch der Budgetzuweisung) zu verknüpfen.  Frau Flatz war sehr enthusiastisch und pries vor allem die Veränderungen im Kopf der Beteiligten, die sich nun systematisch Gedanken machen müssen, welche Effekte sie mit ihrer Politik eigentlich erreichen wollen und welche Wirkannahmen diesem Handeln zugrunde liegen. Leider ging sie nicht wirklich auf die Frage des Moderators ein, ob ein solches Kennzahlen-basiertes Steuerungssystem nicht schnell zu einer Politik der einfachen (weil messbaren) Schritte führt. Mir sind aus Österreich im Politikfeld Innovations- und Technologiepolitik auch schon ein Reihe sehr kritischer Stimmen zu Ohren gekommen. Aber es war gestern ja kein österreichischer Abend, sondern ging vor allem um Deutschland.

 

Unterm Strich ein spannender Abend, aber ich bin eher mit Fragen als mit Antworten zum Thema „Bessere Politik durch Evaluation“ herausgekommen.

Samstag, 7. November 2015

Big Data?

Wenn sich die Qualität einer Veranstaltung an dem Grad bemisst, den sie zum Nachdenken anregt, so war ich letzte Woche auf einer wirklich interessanten Veranstaltung. Organisiert hatte sie das Alexander von Humboldt -Institut für Internet und Gesellschaft , eingeladen waren die neue Deutschland -Chefin des Google NewsLab und ein Soziologe der London School of Economics. Beide sollten über das Veranstaltungsthema Big Data sprechen, natürlich jeweils aus ihrer individuellen Perspektive und vor dem Hintergrund ihrer Tätigkeit. Und da lagen schon zwei Probleme der Veranstaltung. Beide Redner sprachen nur sehr bedingt über BIG Data, und beide hatten einander wenig zu sagen.
Die Google Frau spulte eher eine Werbepräsentation ab. Google hat ja in den letzten Monaten ein Angebote für Zeitungen bereitgestellt, um die Journalisten dort im Umgang mit Daten und Grafiken und der Visualisierung zu schulen. Wenn man auf die Website schaut, sieht das wirklich auch ganz beeindruckend aus. Aber natürlich sind auch eine Reihe von kritischen Fragen damit verbunden, zum Beispiel, ob hier ein Konzern nicht sehr viel Einfluss bekommt auf die sogenannte vierte Gewalt.
Entsprechend wurde auch nach dem Vortrag letzte Woche nachgefragt. Und Zahlen sind natürlich nicht alles, wie dieser Artikel zu Pegida zeigt. Aber Datenjournalismus führt auch zu sehr ansprechenden und informativen Ergebnissen. Wobei sie nicht unbedingt etwas mit Big Data zu tun haben, also mit wirklich großen Datenmengen und einer analytischen Auswertung. Es geht eher deskriptiv um die Beschreibung von Daten in ansprechenden Bildern. Letztlich war auch der Vortrag des Londoner Soziologen auf einer ähnlichen Ebene angesiedelt. Auch hier ging es leider nicht darum, wie sie wirklich große Datenmengen zum Beispiel aus sozialen Netzwerken durch soziologische Analysen genutzt werden können, sondern eher darum, wie man Daten schöner darstellen und damit seine Aussagen besser untermauern kann. Zumindest waren das die Beispiele, die de Herr aus London uns präsentierte.
Dass das auch anders geht, blitzt an einer Stelle der Diskussion auf. Unser britischer Gast gab zu, dass er am liebsten Zugriff auf die Daten von Tesco hätte, der britischen Einzelhandelskette, um hier auch Sozialdaten nutzen zu können. Woran sich sogleich die Nachfrage anschloss aus dem die Publikum, ob es denn ethisch zulässig sei, Daten von Unternehmen zu nutzen, deren Kunden nie eingewilligt hätten, Objekt einer soziologischen Untersuchung zu werden.
Wie fruchtbar der kontroverse Dialog zwischen Sozialwissenschaft und Datenjournalismus sein kann, zeigt dieser Bericht über eine Tagung im Herbst. Da versuchen Sozialwissenschaftler, ihren privilegierten Zugang zur Datengenerierung und Interpretation tapfer zu verteidigen, während Journalisten die neuen Möglichkeiten nutzen, um selbst zu einer quasi sozialwissenschaftlichen Rolle zu kommen. Die Grenzen zwischen Wissenschaft und Nichtwissenschaft verschwimmen.
Sei's drum, mich hat die Veranstaltung angeregt. Und Datenjournalismus finde ich eh super. Tollen Datenjournalismus und interaktive Graphiken bietet z. B. die Berliner Morgenpost mit ihrem interaktiven Team. Sonst nicht meine Zeitung, aber das machen sie gut.

P.S. Hier ganz  neu ein Artikel der Veranstalter zur soziologischen Seite des ganzen

Donnerstag, 5. November 2015

Ist Gründen ansteckend?

Ist Gründen ansteckend? Das fragen zwei Autoren in diesem Artikel. Sie stützen sich auf Erkenntnisse, die sie bei der Untersuchung der Gründerlandschaften in Mexico City, Buenos Aires und Istanbul gesammelt haben. Und sie gehen an die Daten mit einem netzwerkanalytischen Ansatz heran. Sie behaupten, dass immer dann, wenn einige wenige Gründer erfolgreich an einem Standort herangewachsen sind, weitere Gründen folgen, weil sie von deren Know-how und finanziellen Ressourcen profitieren. Das ist zunächst einmal nicht wirklich neu. Klar, erfolgreiche Gründer werden nicht selten zu VC-Investoren und finanzieren so neue Gründer. Und neue Gründer profitieren von Erfahrungswissen der alten Gründer, denen sie über Stammtische, Netzwerke, Mentoring-Programme, Startup-Verbände und vieles mehr verbunden sind. Nicht umsonst wird im genannten Artikel von einem Ökosystem gesprochen, ein Begriff, der auch in der sonstigen Gründerforschungsliteratur immer wieder verwendet wird.

Interessant finde ich den Artikel, weil er auf die persönliche eins-zu-eins-Beziehung zwischen individuellen Gründern hinweist. Es sind persönliche Beziehungsnetzwerke, die hier zum Tragen kommen, nicht Netzwerke zwischen Institutionen oder Firmen. Und das ist ein Aspekt, der mir in der Innovationsforschung noch zu selten analysiert wird. Die Weitergabe von Wissen, Erfahrung und Erkenntnissen läuft halt in der Regel über Köpfe, und zwar über einzelne Köpfe. Es sind Menschen, die ihr Wissen mitnehmen, wenn sie von einem Unternehmen zum nächsten wandern, oder aus einer Forschungseinrichtung in ein Unternehmen.

Bei der Evaluation von Innovationsförderprogrammen zum Beispiel wird dieser Aspekt praktisch nie untersucht. Das hat ganz forschungspraktische Gründe. Datenschutzrechtlich ist es schwierig, auf der Einzelpersonen -Ebene zu untersuchen, weil z.B. Adressen selten weitergegeben werden können und dürfen, wenn Mitarbeiter ein Unternehmen verlassen. Stattdessen werden Kooperationsstrukturen zwischen einzelnen Institutionen untersucht. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Der wesentliche spill over passiert über Köpfe, da bin ich mir ziemlich sicher.

Ach ja, wenn wir gerade bei Gründern, beim zwischenmenschlichen Miteinander und bei Ökosystemen sind. Kennen Sie den Kaffeekultur-Indikator? Im August schrieb Gründerszene über einen neuen Indikator, nachdem sich an der Kaffeekultur eine Hightech Metropole erkennen lässt. In den Index fliessen Verfügbarkeit, Qualität und Popularität von Cafes ein. Nach dem Motto Doppelpunkt je mehr Raum für ein nettes Miteinander der Gründer im lauschigen Kaffees ist, desto stärker prosperiert die Gründermetropole. Nach diesem Index liegt Berlin übrigens auch ganz vorne.

Wobei mir die Kausalität noch nicht ganz klar ist. Führt nun die Kaffeehauskultur zu einem erfolgreicheren Gründerstandort, oder zieht der Gründerstandort die entsprechende Kaffeehauskultur nach sich? Auf jeden Fall scheinen Kaffeehäuser echte Ansteckungsherde für Gründer zu sein. Also Vorsicht beim nächsten Kaffee.

Sonntag, 1. November 2015

Experimental design und Evaluation

Vor gut zwei Wochen war ich auf einem Fachgespräch eingeladen, um ein Statement zum Thema Experimente Design aus Sicht der Evaluation zu geben. Als Hauptreferent eingeladen war Albert Bravo-Biosca von NESTA, einem britischen think tank zum Thema Innovationspolitik. Er arbeitet gleichzeitig beim Innovation Growth Lab, einer kleinen Agentur, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Thema Experimente Design in die Welt zu tragen. Als dritter Gast war eine Wirtschaftsprofessorin aus München zugegen, deren Arbeitsschwerpunkt ebenfalls im Bereich der Innovationspolitik liegt und die sich als Mitglied diverser Beratungsgremien schon des öfteren für neue methodische Ansätze der Evaluation, insbesondere auch Experimental Design eingesetzt hatte.

Hinter Experimente Design verbirgt sich die Idee, ein und dasselbe politische Ziel mit unterschiedlichen Methoden anzustreben, also sozusagen auszuprobieren, auf welchem Weg man am besten, schnellsten und billigsten ans Ziel kommt. Und gleichzeitig gehört zu Experimente Design auch, dieses unterschiedliche Vorgehen quasi wissenschaftlich zu begleiten und zu analysieren, um zu messen, wo die höchste Wirkung mit erzielt wird.

Experimente Design wird insbesondere im Bereich der Entwicklungspolitik immer häufiger eingesetzt, um methodische wasserdicht zu zeigen, das Hilfe wirkt. Häufig werden auch wie in der medizinischen Forschung Kontrollgruppen geschaffen, denen eine andere oder keine entsprechende Maßnahme zuteil wird. Diese Kontrollgruppe wird zufällig ausgewählt, da heißt das Verfahren randomized controlled trial. Bekannt sind z.B. die Ansätze von Esther Duflo.

In der Innovationspolitik gibt es für randomized controlled trials oder Experimental Design Ansätze in Deutschland keine Beispiele. Deswegen hatte ja eines der innovationspolitisch verantwortlichen Ministerien zu diesem Fachgespräch eingeladen. Herr Bravo-Biosca schilderte eindrücklich, wie viele gute Beispiele es weltweit schon gebe und wie hilfreich ein solcher Ansatz sei.

Gleichwohl gibt es auch eine ganze Reihe von Faktoren dafür, dass dies bislang noch nicht umgesetzt wird. Zum Beispiel ist die Förderkultur hierzulande auf die Auswahl von Erfolgreichen, von Gewinnern ausgelegt. Hierfür wird der ganze Aufwand getrieben, Experten zur Bewertung von Förderanträgen zu finden, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu prüfen und Verwertungspläne auszuwerten. Kurzfristig in Kauf zu nehmen, dass man die Falschen auswählt, nur um mittelfristig ein besseres Förderinstrument zu erhalten, ist hier eher unwahrscheinlich.

Zweitens wird es nicht leicht sein, die Unterschiede bei einer abweichenden Verriegelung auf die Wirkung des Programms überhaupt zu messen. Evaluation sind hierzulande sehr früh angesetzt, zu einem Zeitpunkt, zu dem man echte Wirkungen kaum messen, sondern nur antizipieren kann.

Gleichwohl ist es ein faszinierender Ansatz, und wenn Förderpolitik neu gedacht würde, könnte ich mir Experimental Design in der Evaluationspraxis gut vorstellen. Vermutlich muss die Risikobereitschaft der Fördergeber auf kurz oder lang sowieso überdacht werden, um risikohaftere, disruptive Innovationen zu fördern.

Innovatives Hören

Thema des diesjährigen Wissenschaftsjahres war die Zukunftsstadt. Ich finde das Thema spannend und habe deshalb auch einige der Aktionen, die im Rahmen des Wissenschaftsjahres geplant waren, mitverfolgt.

Eigentlich ist das ja ein Thema, das extrem zum Mitmachen einlädt. So wahnsinnig viele Mitmach-Aktionen sind mir aber nicht aufgefallen. Man konnte mit Minecraft seine Stadt der Zukunft bauen. Das war eine Aktion, die sich eher an Jugendliche gerichtet hat. Man konnte auch Stadttöne aufnehmen und hochladen. Das war die Aktion Stadt Klang.

Ich dachte toll, endlich mal was, wo ich mich einbringen kann, und habe schnell ein Soundfile erstellt und hochgeladen. Dann habe ich mir die Website genauer angeschaut und auf andere Klänge geklickt, um sie mir anzuhören. Ganz Deutschland, oder vielmehr die großen Städte Deutschlands waren hier mit vielen vielen Klangbeispielen vertreten. Letztlich war es aber doch alles ziemlich ähnlich: Vögelgezwitscher (hatte ich selbst auch aufgenommen), Menschen, die sich unterhalten, Straßengeräusche, und in ländlichen Gebieten noch ein bisschen mehr Naturgeräusche. Wozu das alles aufgenommen wird, war mir nicht ganz ersichtlich. Die Text- und Video-Beiträge auf der Seite erläuterten eher alle möglichen anderen Themen zum Thema Lärm beziehungsweise Klang in der Stadt.

Ich hatte mir mehr erwartet. Irgendwelche soziologischen oder ökologischen Studien. Ich hatte nämlich gerade ein Buch gelesen, was mich sehr fasziniert hatte. Das große Orchester der Tiere von Bernie Krause. Krauses Idee ist es, dass man die Intaktheit eines Ökosystems anhand seine Klänge und Töne messen kann, da die Tiere sich alle in akustische Nischen eingerichtet haben. Und das hat er toll geschrieben, mit vielen Hörbeispielen und vielen persönlichen Erlebnissen. Aufmerksam geworden auf das Buch bin ich unter anderem über ein Radiofeature des Deutschlandfunk dazu. Das lohnt sich fast ebenso wie das Buch selbst, ist aber im Archiv nicht mehr zu finden. Stattdessen hier der Link auf einen ähnlichen Beitrag des SWR.

Und heute wird Krauses Ansatz auch von Zoologen in Deutschland ausprobiert, so zum Beispiel von der Uni Freiburg. Ein anderes soundscape Projekt will gleich die Klänge der ganzen Erde aufnehmen und ruft zum Mitmachen auf. Dagegen sind die Stadtklänge des Wissenschaftsjahres noch von bescheidenem Anspruch. Insgesamt tummeln sich da wohl einige Projekte. Auch die Universität Salford nimmt Klänge der ganzen Welt auf.

Aber natürlich geht es in diesen Projekten eher um ökologische Fragen und weniger um die Zukunft der Städte. Hier stehen vermutlich wirklich eher Fragen des Lärmschutzes und der klanglichen Stadtgestaltung im Vordergrund.

Und spannend wäre natürlich auch ein historischer Ansatz. Zu hören, wie sich die Klänge der Stadt im Zeitverlauf geändert haben. Wie die Stadt vor 20 Jahren klang. Und wie sie vielleicht in 20 Jahren klingen wird. Wenn zum Beispiel Elektroautos für leisen Straßenverkehr sorgen und die Klingel der vielen Fahrräder dafür den Klangraum bestimmen.

P.S. kleines Update mit toller Radioreportage des Tagesspiegel vom Dezember

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Soziale Innovationen und Flüchtlinge

Wenn wir eines fernen Tages auf den Sommer 2015 zurückblicken werden, dann wird dieser Sommer vermutlich der Sommer der Flüchtlinge heißen. Das ist das zentrale  Ereignis, welches Deutschland nachhaltigst verändern wird.
Eine Reihe von Fragen sind heute noch offen. Wird die neue Zuwanderung die Wende in der demografischen Entwicklung Deutschlands bringen? Wird die Fachkräftelücke geschlossen? Folgt auf die Flüchtlingswelle eine Gründungswelle? Lassen sich die vielen Menschen aus anderen Regionen der Welt hier relativ konfliktfrei integrieren? Wie wird sich die Kultur in Deutschland durch diese Menschen verändern?
Auf all diese Fragen habe ich natürlich auch keine Antwort. Spannend finde ich die aktuelle Entwicklung aber auch aus einem anderen Grund. In diesem Thema wird deutlicher als sonst, wie Technologie soziale Entwicklungen beeinflussen kann oder auch könnte.
Das ganze fängt schon an mit der Rolle von Smartphones, die in einer ganzen Reihe von Artikeln herausgegeben wurde. Sascha Lobo schlug auf Spiegel Online einen etwas abenteuerlichen Bogen von Flüchtlingen, die Smartphones zur Orientierung nutzen, hin zu technikfeindlichen Deutschen. Und die Zeit bekräftigt jüngst: Natürlich brauchen Flüchtlinge Handys. Zur Orientierung, als Übersetzungshilfe, mit einer Lernapp zum Deutschlernen, zur Suche der richtigen Himmelsrichtung für das Gebet, und so weiter und so fort. Das Smartphone ist zum Zauberkasten geworden. Es ist das ultimative Werkzeug, um sich in einer fremden Welt zu orientieren.
Und es ist sehr anpassungsfähig. Neue Apps  werden für neue Situationen entwickelt, und das geht heute sehr schnell. In Dresden wurde eine Willkommens-App entwickelt, die mittlerweile auch in anderen Städten aufgegriffen wird. Und für Helfer gibt es eine App, die zeigt, wo welche Dinge noch gebraucht werden.
Ich habe selbst kürzlich gemerkt, wie hilfreich ein Handy zur Kommunikation ist. Mit syrischen Flüchtlingen hier in Pankow, die nur Arabisch sprachen, konnte ich mich unter Nutzung von Google Translate zumindest einigermaßen unterhalten.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat angekündigt, eine Sprachapp zum Deutschlernen in Auftrag zu geben. Und Norwegen hat die Entwicklung einer App angekündigt, die Flüchtlingskindern das Lesen lernen erleichtern soll.
Hier wird echter kreativer Geist freigesetzt, der zu echten Innovationen für die Gesellschaft, zu sozialen Innovationen im besten Sinne führt. Erste Preise sind für die besten Ideen ausgelobt worden. Ich habe jetzt ein wenig besser verstanden, wie unmittelbar soziale Innovationen im Sinne technologischer Innovationen für die Gesellschaft wirken können.

P.S.: hier ein neuer Spiegel-Artikel mit einer ganzen Reihe von guten Beispielen von einem Refugee-Hackathon in Berlin

P.P.S.: Wenn man erstmal darauf achtet, sieht man immer mehr spannende Beispiele, wie z. B. die Kiron Universität Berlin, die das Potenzial der bereits existierenden Online Kurse von Universitäten,  also der MOOCS, für Flüchtlinge öffnen möchte. Oder das Startup-Boat, von dem der Tagesspiegel am Wochenende berichtete.

P.P.P.S. die Artikelserien reißen nicht ab, wie auch folgendes Beispiele hier
 zeigt