Samstag, 11. März 2017

Schostakowitsch und das Zeitalter des Postfaktischen

Gerade lese ich das neue Buch von Julian Barnes ("Der Lärm der Zeit") über Schostakowitsch und den Stalinismus. Ich finde es faszinierend und erschreckend, wie ein totalitäres Regime tatsächlich totalitär, also alle Lebensbereiche umfassend bestimmt. Ich hatte schon vor einigen Jahren eine Biografie über Schostakowitsch gelesen und zwar "Stalin und Schostakowitsch" von Solomon Wolkow. Ich konnte es damals kaum fassen, dass Musik, eine der abstraktesten Ausdrucksformen, so politische sein soll, dass sie Menschen das Leben kostet. Bei der Lektüre von Barnes überkam mich nun die Analogie zur aktuellen Diskussion um die Wissenschaft, die auch unerwarteterweise ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung geraten ist.

Klar ist mir soweit, dass Musik ein höchst identitätsstiftendes, soziale Gruppen integrierendes (bzw. auch ausgrenzendes) Moment hat, das manche Gruppen erst definiert, wie ein kurzer Blick auf Jugendkulturen zeigt. Rocker, Teds oder Punks sind ja quasi synonym zu ihrer Musik. Und vor 50 Jahren oder noch weiter zurück war eben die Klassik eine ähnlich identitätsstiftende Musikgattung. Vor 2-3 Jahren war ich in einer szenischen Aufführungdes sogenannten Watschenkonzerts, in dem das Wiener Bürgertum Arnold Schönberg und seinen Schülern ziemlich deutlich zeigte, wo der Hammer hängt. Ein echter gesellschaftlicher Skandal. Gleichzeitig bleibt Musik abstrakt. Eine Sinfonie ist eine Sinfonie, und kein Buch über ein Thema. Ich kann lautmalerisch Regen darstellen, oder spielende Katzen, der Karneval der Tiere malt gleich eine ganze Menagerie. Aber politische Statements drücken Musik doch eigentlich nicht aus. Oder?

Zurück zu Schostakowitsch. Beim Lesen des erwähnten Buchs musste ich an die aktuelle Diskussion um die Rolle von Wissenschaft denken. Wissenschaft, die auch für sich in Anspruch nimmt, unpolitisch zu sein, weil sie sich ja mit objektiven Fakten beschäftigt. Da mögen die Sozialwissenschaften politischen Lagern sehr nahe sein, aber wenigstens die Naturwissenschaften sind doch Politik frei, oder? Stattdessen das Entsetzen der Wissenschaft, plötzlich auf eine vermeintlich breite gesellschaftliche Ablehnung zu stoßen und von Politikern wie der aktuellen amerikanischen Regierung - zumindest in der eigenen Wahrnehmung - schikaniert und degradiert zu werden.

Bevor ich aber zum Zeitalter des Postfaktischen komme, muss ich doch noch einmal zurückgehen in die Zeit des Stalinismus. Nicht nur Schostakowitsch lit an dem totalitären Anspruch der sozialistischen Regierung, auch die Wissenschaft musste sich der absoluten Deutungshoheit des Staates beugen, wie die abstruse Geschichte des Lyssenkoismus zeigt.

Sicher hinkt der Vergleich ziemlich, aber bis zu einem gewissen Grad kommen sich heutige amerikanische Wissenschaftler ähnlich vor, wenn der Klimawandel geleugnet wird, um handfesten wirtschaftlichen Interessen zu entsprechen. Oder wenn der Kreationismus fröhliche Urstände feiert. Allerdings hat sich mittlerweile Widerstand formiert, der March of Science wird zeigen, wie breit dieser Widerstand mittlerweile ist. Im Deutschlandfunk gab es gerade eine interessante Sendung darüber, wie sich  die Wissenschaft gegen das Postfaktische wehrt.

Hinter dieser Schale von Interessen und Intrigen, die in der Sowjetunion der 40er Jahre nicht anders war als im Amerika der 2010er Jahre, liegt aber eine zweite Schicht, bei der es stärker um soziale Identifikationen geht, und hier liegt für mich die Analogie zum Drama um Schostakowitsch.

So wie diesem seiner Nähe zum intellektuellen Bürgertum fast zum Verhängnis wurde, die aus seinem musikalischen Werk sprach, so leidet die Wissenschaft heute daran, das sie von gewissen sozialen Schichten als Komplize der Macht wahrgenommen wird. Populistische Kräfte unterstellen der Wissenschaft, nur Erfüllungsgehilfe der aktuell Herrschenden zu sein. Und wenn man diese bekämpfen möchte, so muss man halt auch den Deutungsanspruch der Wissenschaft in Frage stellen. Aus einer ähnlichen Quelle speist sich die Ablehnung gegenüber der europäischen Politik, die pauschal als technokratisch verdammt wird. Oder das Unbehagen gegenüber der Bundesregierung, wenn sie bestimmte Entscheidungen (Griechenland ...) als alternativlos bezeichnet. Kann eine rationale, evidenzbasierte Politik, die sich auf wissenschaftliche Politikberatung stützt, falsch sein? Kann die Wissenschaft zum Komplizen einer herrschenden Elite werden?

Nein, ich halte das für ein Zerrbild, das seinerseits instrumentalisiert wird von den Lautsprechern eines Populismus, die selbst nur ihren Weg an die Macht finden wollen. Aber es ist höchst gefährlich, wenn so wissenschaftliche Erkenntnis negiert wird und Entscheidungen objektiv falsch getroffen werden. Wenn die Politik sich davon verabschiedet, etwas gegen den Klimawandel zu machen. Da ist möglicherweise ziviler Widerstand gefragt. Und die ersten Whistleblower aus der Wissenschaft sind ja schon aktiv, um weiterhin Klimadaten an die Öffentlichkeit weiterzugeben.

Zuletzt aber noch etwas versöhnliches. Am Ende hat es Shostakovich trotz aller widrigen Umstände geschafft, wunderschöne Musik zu schreiben: David Oistrakh spielt das erste Violinkonzert, und hier spielt   Schostakowitsch selbst sein Klavierkonzert.

Freitag, 10. März 2017

Zukunft der Evaluation

Die Jahrestagung der Gesellschaft für Evaluation (DeGEval) wird sich dieses Jahr mit dem Thema Evaluation in der Zukunft befassen. Anlass ist eigentlich das 20 jährige Jubiläum der DeGEval. Der Vorstand der DeGEval und die Sprecher der Arbeitskreis hatten diese Woche ihr jährliches Frühjahrstreffen, und neben vielen anderen Dingen haben wir auch ein kleines Brainstorming veranstaltet, wie wir die Zukunft der Evaluation sehen. Ich fand die Aufgabenstellung nicht einfach, die Zukunft der Evaluation? Was weiß denn ich? Vielleicht alles weiter wie bisher?

Je mehr ich aber darüber nachdenke, desto mehr Trends fallen mir ein, die man aus der Vergangenheit auch in die Zukunft extrapolieren kann. Zum einen glaube ich, dass Evaluationen eher noch wichtiger und nachgefragter werden. An Evaluationsaufträgen wird es nicht mangeln. Und warum ist das so?

Zumindest für die Technologie- und Innovationspolitik kann ich sagen, es wird absehbar mehr Geld ausgegeben werden (siehe zum Beispiel die Diskussion um ein 3,5% Ziel), und damit steigt auch die Rechenschaftspflicht und das Bedürfnis, diese durch Evaluation zu befriedigen. Außerdem begünstigt der technische Fortschritt, der Zugang zu Daten, die Digitalisierung und schnelle Auswertung von Sekundärquellen die Evaluation. Evaluationen werden tendenziell preiswerter und besser. Außerdem erleben wir seit längerem einen Trend hin zur kritischen Hinterfragung staatlichen Handelns, die diesen ebenfalls in Legitimationspflicht nimmt. Das ist eher ein kultureller Faktoren, den ich als Bauchgefühl umschreiben würde.

Der zentrale Treiber, der aus diesem Faktoren reales politisches Handeln generiert, ist der Bundesrechnungshof. Er hat mit seinem steten Nachbohren in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass die zuständigen Ressorts, also das Bundeswirtschaftsministerium und das Bundesforschungsministerium, ihre internen Strukturen professionalisiert und ausgebaut haben.

Damit sind auch die Grundlagen gelegt, nicht mehr nur auf Einzelmaßnahmen und Einzelevaluationen zuschauen, sondern ganze Politikfelder in den Blick zu nehmen und vergleichende Evaluationen zu beauftragen. Heute ist das noch kaum der Fall, aber für die nahe Zukunft sehe ich hier bessere Chancen.

Hieraus folgt direkt, dass wir standardisierter Erhebungsmethoden und Indikatoren brauchen, um den Vergleich überhaupt leisten zu können.

Gleichzeitig erhöht sich der Druck auf die Projektträger, die für die Umsetzung und Administration von Maßnahmen verantwortlich sind, ein kontinuierliches Monitoring aufzubauen und beständig Daten zu erheben, die dann einer Evaluation zur Verfügung gestellt werden können. Projektträger werden damit zu zentral Mitspielern der Evaluationskultur.

In einem solchen System, indem Monitoring und Evaluation miteinander verzahnt sind, steigen auch die Chancen, Evaluationen quasi in Echtzeit durchzuführen, also ganz am aktuellen Rand des Geschehens zu sein. Wenn man nun noch die Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, mitdenkt, und möglicherweise aus historischen Daten bessere Prognoseinstrumente für die Bewertung aktueller Daten schafft, dann werden aus Evaluationen echte Steuerungsinstrumente.

Viel wird standardisiert und quasi automatisiert ablaufen. Und damit eröffnet sich aus meiner Sicht auch wieder ein Fenster für stärker qualitative Ansätze, die in die Tiefe der zu untersuchenden Prozesse und Maßnahmen dringen und nicht nur die Frage beantworten, welche Wirkung ein bestimmtes Handeln hat, sondern auch echte Erkenntnis darüber bringen, warum dies so ist.

Das ist jetzt alles viel Glaskugel. Keine Ahnung, wann es soweit sein könnte. Aber ich bin mir zumindest sicher, dass der Zug in dieser Richtung unterwegs ist. Naja, vielleicht gibt uns ja die Jahrestagung im September darüber nähere Aufschlüsse.

Sonntag, 5. März 2017

Neues aus der Start-up -Welt

Wenn man sich ein wenig für Startups interessiert und wie ich eine Reihe von Newslettern und Newsfeeds abonniert hat, wird man fast erschlagen von der Flut der Meldungen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Da hilft es, ein wenig zurückzutreten und sich die Meldungen aus der Halbdistanz zu betrachten.

Ein schönes Beispiel dafür sind die Meldungen rund um Fintechs, also jungen, technologieorientierten Unternehmen im Finanzsektor, die den klassischen Banken mit Softwarelösungen Konkurrenz machen. Auf den ersten Blick scheint es verwirrend. Laut einer neuen KPMG-Studie brechen die Fintech-Investitionen weltweit ein. War vielleicht doch nur einer der typischen Medienhypes? Ist Legal-Tech das neue Fintech? Andere Medien sehen nicht ganz so schwarz. China scheint sich zu einem Mega-Player im Fintech-Bereich zu entwickeln, schreibt der Economist in einem langen Beitrag. Die NZZ empfiehlt den traditionellen Banken, die Anlaufschwierigkeiten der Fintechs nicht falsch zu interpretieren. Auf kurz oder lang könnte sich das Rennen noch ändern. Und vielleicht der fühlt sich ja doch die Hoffnung darauf, dass mit dem Brexit Fintech-Firmen in größerer Zahl auf den Kontinent wandern. Zumindest legt die ein aktueller Artikel im Guardian nahe. Umkrempeln könnten Fintechs möglicherweise auch schneller andere Weltregionen als ausgerechnet im gesetzten (verkrusteten?) Europa. Möglicherweise sind Fintechs gute Instrumente der Entwicklungshilfe

Und was folgt jetzt daraus? Es ist der langsame, der allmähliche, der schleichende Wandel. Die neuen Firmen führen nicht sofort zum Zusammenbruch der traditionellen Strukturen. Möglicherweise brauchen sie auch mehrere Anläufe. Oft folgt die Berichterstattung einem gewissen hypecycle, nach einer ersten Welle der Euphorie setzt die Ernüchterung ein und  der Trend wird  als beendet erklärt, bevor  die eigentliche Umwälzung  zu sehen ist.  Auch Fintechs scheinen sich im Moment  im Tal der Tränen zu befinden. Aber Stück für Stück werden sie wohl den traditionellen Bankensektor ziemlich radikal umkrempeln. Und möglicherweise sind es unerwartete Akteure, z.b. aus China, die mehr bewirken werden als die üblichen Verdächtigen aus den USA oder UK.

Eine ziemlich ähnliche Entwicklung könnte man für das Thema Crowdfunding beschreiben. Auch hier gibt es im Moment eher negative Meldungen wie diese: Der Crowdfunding-Hype scheint am Ende zu sein, schreibt z.B. die Wirtschaftswoche. Das Crowdfunding die klassischen Finanzierungsformen nicht ersetzen wird, überrascht mich nicht wirklich. Wir hatten das in unserer Analyse im Rahmen des Trendbarometer junge IKT Wirtschaft wiederholt beschrieben. Aber für manche Themen und manche Startups wird Crowdfunding auch in Zukunft spannend bleiben. 

Letzte Meldung zum Thema Startups: In Frankreich scheint die Startup-Welle ins Rollen zu kommen, meint zumindest der Economist in einem neuen Artikel. Es handelt sich, zumindest bei den im Artikel genannten Unternehmen, um eher technologieorientierte Gründungen, also nicht die üblichen Marktplätze, um Pizza oder Schuhe zu verkaufen. Eine spannende Entwicklung, die man hier in Deutschland in der Regel nicht so auf dem Schirm hat. Frankreich hat in Deutschland, das ist zumindest meine Wahrnehmung, nicht ein besonders ausgeprägtes Innovationsimage. Und vielleicht sind wir in Deutschland doch etwas zu berauscht vom Berlin-Hype um diese junge, spannende und kreative Hauptstadt, um die uns angeblich ganz Europa beneidet. 



Sonntag, 19. Februar 2017

Wissenschaft gegen Technologie gegen Ökonomie

Gestern habe ich einen interessanten und ein wenig skurrilen Artikel im Blog SciLog gelesen. Es ging dabei um die Sicht eines eingefleischten Naturwissenschaftlers auf die aktuelle wirtschaftswissenschaftliche Debatte um den Rückgang des Produktivitätswachstum. Der Autor war perplex, nein er war empört. Zunächst einmal über die Uneinigkeit der Ökonomenzunft über zentrale Aspekte der Wirtschaft. Wie könne es sein, dass die eine Hälfte der Ökonomen davon ausgehe, mit dem ständigen Wachstum der Produktivität sei es nur vorbei, während die andere Hälfte genau das Gegenteil behaupte. Noch viel stärker kränkte den Autor allerdings die Annahme einiger Ökonomen, der technologische Fortschritt sei heute im Vergleich zu früher nur noch eine Schnecke, die Früchte dieses Fortschritts sein nicht der Rede wert und dies der wesentliche Grund für den Rückgang des Wachstums. Der Autor bezog sich dabei auf Robert Gordon und seine etwas polemischen Ausführungen über den gesellschaftlichen Nutzen des Kühlschranks gegenüber dem Nutzen das Online-Pizzabringdienstes.

Der Autor des besagten Artikels konterte diese unverschämten Aussagen mit den aktuellen und zu erwarteten Fortschritten in der naturwissenschaftlichen Forschung. Möglicherweise war dies schon der erste Keim des Missverständnisses. Die zitierten Ökonomen behauptet nämlich nicht, dass es keinen wissenschaftlichen Fortschritt, dass es keine neuen, atemberaubenden Erkenntnisse gäbe. Die Frage stellt sich aber, ob diese neuen Erkenntnisse auch in neue Produkte und Dienstleistungen übersetzbar sind, die tatsächlich zu einem Produktivitätswachstum führen und gesellschaftlichen Mehrwert stiften.

Ein wenig steckt in Gordons Polemik meiner Meinung nach auch ein Angriff auf die Technologie-Szene aus dem Silicon Valley, die in all ihrer Hybris der festen Überzeugung ist, dass mit neuen Technologien alle Probleme dieser Welt lösbar sind. Und wenn nicht, und wenn der Untergang der Welt droht, dann wandern wir halt aus ins All oder ziehen uns in unsere Bunker zurück.

Die Süddeutsche Zeitung hat gerade erst eine hübsche Reportage über den kuscheligen Weltuntergang im Bunker geschrieben. Es scheint gerade hip zu sein in der neureichen Techie-Szene, sich seinen kleinen Luxus-Hightech-Bunker-Platz zu kaufen, wenn es mit der Rettung der Welt doch nicht geklappt hat. Elon Musk wiederum arbeitet auf den Exodus der Menschheit ins Exil auf den Mars hin. Ein ziemlich polemischer Artikel in Aeon wirft Musk vor, dass man mit diesem Aufwand lieber unsere Erde retten sollte als den Mars kolonisieren zu wollen.

Na ja, die Silicon Valley Firmenbosse stehen im Moment eh etwas unter Beschuss, seitdem Trump das Ruder in Washington übernommen hat. Ihr Taktieren gegenüber der neuen Regierung wird sehr kritisch verfolgt, jede kritische Meinungsäußerung wird als taktisch motiviert und auf äußeren Druck entstanden interpretiert.

Demgegenüber tut sich auf Seiten der sonst eher unpolitischen Wissenschaft Erstaunliches. Ein Marsch der Wissenschaft auf Washington ist angekündigt, in einer Art Guerilla-Taktik sichern Wissenschaftler Daten, die die Regierung jetzt zurückhalten möchte.

Die Wirtschaftswissenschaften, die im eingangs zitierten Artikel so schlecht abschnitten, lassen übrigens kaum ein gutes Haar an der neuen amerikanischen Regierung.

Und die Moral von der Geschicht? Wissenschaft und Technologie wird wieder politisch, zumindest auf der anderen Seite des Atlantik. Für den Bundestagswahlkampf kann ich mir eine solche Diskussion allerdings nicht vorstellen. Aber man weiß ja nie, so manches schien unvorstellbar vor nicht allzu langer Zeit.

Samstag, 11. Februar 2017

Robotergesetze - Parlamente diskutieren Zukunftstechnologien

Anfang des Jahres beschäftigte sich der Rechtsausschuss des Europäischen Parlamentes mit einem ganz großen Thema. Braucht die Europäische Union Robotergesetze? Ja Robotergesetze, genau solche, wie sie Isaac Asimov einst formuliert hatte. Es war überhaupt eine sehr denkwürdige Diskussion. Zumindest legen dass die vorbereitenden Dokumente nahe, einmal ein Rechtsgutachten des wissenschaftlichen Dienstes, einmal ein Entschließungsantrag.

Dieser Entschließungsantrag begann in seiner Einführung hoch dramatisch, er zitierte die großen Mythen der Menschheit wie Pygmalion, Frankenstein und den Golem.

Das Parlament diskutierte unter anderem, ob Roboter in Zukunft eine eigene juristische Person bekommen sollten, ob es einen ultimativen Ausschaltknopf geben muss, um sich gegen bösartige künstliche Intelligenz zu wehren oder wie mit der Frage Roboter-Sex umzugehen ist.

Es ging aber auch um etwas naheliegendere Fragen wie das Haftungsrecht autonome Systeme (Autos etc.), eine Frage die in Deutschland unter anderem durch eine Ethikkommission des Verkehrsministeriums debattiert wird.

Am Ende verabschiedet das Parlament tatsächlich einen Aufruf an die Kommission, eine eigene Behörde aufzubauen oder sich mit der Frage eines unbedingten Grundeinkommens zu beschäftigen.

Die deutschen Maschinenbauer zeigten sich übrigens schon Mitte letzten Jahres vor dem Hintergrund eines ersten Entwurfs dieser Entschließung recht kritisch. Statt über hypothetische Gefahren der fernen Zukunft zu diskutieren, sollte ein solcher erschließungsantrag lieber aktuelle Herausforderungen, aber auch die Perspektiven des Robotereinsatz ist in der Industrie berücksichtigen.

Die Medienresonanz auf die Diskussion im Europäischen Parlament war in Deutschland nicht besonders groß, aber es gab durchaus positive Kommentare, wie hier in der Süddeutschen Zeitung. Sonst erschienen vor allem Artikel in Medien, die sich immer mit Technologie und Innovation beschäftigen, wie Wired oder heise.

Viel intensiver war im Vergleich dazu die Mediendiskussion rund um einen Fachexperten-Workshops des Ausschusses für Bildung und Forschung des Deutschen Bundestags. Es ging hier nicht um Roboter im breiteren Sinne sondern um eine ganz spezielle Spezies, den socialbot. Der Ausschuss hat übrigens den gesamten Workshop online gestellt, man kann sich die Statements der Experten also alle in Ruhe anschauen. Vorbereitet wurde der Termin übrigens unter anderem von Kollegen, die im Rahmen des TAB mögliche Technologiefolgen für den Deutschen Bundestag diskutieren und zusammenfassen.

Die Diskussion war wohl nicht ganz konfliktfrei, und auch die Medienberichterstattung im Anschluss nicht. Der Freitag fand z.B. den Experten des CCC eher verharmlosend. Das Portal Netzpolitik wiederum zitierte insbesondere die abwartende Haltung mancher Experten, die vor Panikmache lernten. Bislang gebe es doch recht wenig wirklich belegbare Fälle von Manipulation.

Was nun an praktischer Politik aus diesen beiden Debatten folgt, ist noch schwer abzuschätzen. Während die Diskussion des EP tatsächlich noch ganz schön visionäre oder apokalyptische Aspekte betraf, war der Bundestagsausschuss schon sehr nahe an der Tagespolitik. Mal schauen, ob uns das alles noch die nächsten Monate im Wahlkampf beschäftigen wird.

Freitag, 6. Januar 2017

Technik, die gesund und krank macht

Zwischen Weihnachten und Neujahr bringt mein Lieblingssender, der Deutschlandfunk, immer besonders viele nette Wissenschaftssendungen. Dieses Mal war ein Kleinod über virtuelle Realität und das, was sie mit unseren Köpfen machen, im Angebot. Wer die Erfahrung noch nie gemacht hat, der wird es nicht verstehen. Aber tatsächlich ist eine 3D Brille wie Google Cardboard, die virtuelle Welten praktisch zum Nulltarif aus dem Smartphone ins Hirn zaubert, eine ziemlich atemberaubende Erfahrung. Und das ist nur die low cost Variante. Mit High-Tech Geräten und dem, was uns in ziemlich naher Zukunft noch erwartet, werden wir wirklich das Gefühl haben, in anderen Realitäten zu leben.


Möglicher Weise beeinflusst dieses "echte" Erleben aber ziemlich fundamental unser Bild von uns selbst, verändert unser Erleben von Realität und unserem Platz darin. Denn die neue virtual reality kommt möglicherweise dem ziemlich nahe, was unser Hirn bereits seit Jahrtausenden als virtuelle Realität in unserem Geist erzeugt. denn natürlich erleben wir die Welt immer sehr vermittelt über unsere Sinnesorgane, und zwischen Auge, Ohr und Gehirn wird so manches angepasst, verändert und hinzugefügt, was eigentlich nicht da ist. Sonst ließen sich einfache Phänomene wie der unsichtbare "blinde Fleck" kaum erklären. Eine geschickte Sinnestäuschung lässt uns sogar glauben, dass ein Gummi-Arm wie festgewachsen zu unserem Körper gehört.


Der Philosoph Thomas Metzinger, der mir schon vor einigen Jahren mit anderen Ausführungen zur manipulativen Bewusstseinsveränderung und interessanten Selbsterfahrungen auffiel, hat sich jetzt mit den Folgen der virtual reality auf unsere "phänomenale Selbstwahrnehmung" bzw. unser Bewusstsein beschäftigt und mit Kollegen ein Manifest veröffentlicht. Dies wurde bereits in mehreren interessanten und lesenswerten Artikel hier und hier verarbeitet. Ein Artikel in der deutschen Ausgabe von Wired zitiert ebenfalls insb. Metzinger, der unter anderem davor  warnt, dass die Langzeitfolgen von virtual reality noch nicht bekannt sind und das vr nicht nur zur Trauma-Behandlung, sondern auch zur Traumatisierung bzw. gezielten Persönlichkeitsbeeinflussung und "Reprogrammierung" genutzt werden könnte. Vielleicht macht uns die virtual reality also krank?


Um das neue Jahr optimistisch zu beginnen, will ich aber nicht zu lange über solche düsteren Perspektiven schreiben, sondern lieber auch den Lichtstreif am Horizont besingen. Zum Beispiel, wie man mit virtual reality Höhenangst und andere Phobien behandeln kann. Manchmal muss die virtuelle Realität auch keine optische Sinnestäuschung sein, sondern kann auch in einer sozialen Konstruktion bestehen, wenn beispielweise ein Algorithmus einen menschlichen Gesprächspartner simuliert. Im New Yorker wurde kürzlich eine Geschichte über ein Startup veröffentlicht, das Therapieprogramme für traumatisierte syrische Flüchtlinge entwickelt, um diesen eine preiswerte und einfache Möglichkeit der Unterstützung bei der Verarbeitung ihrer Traumata zu bieten. Schon am Beginn der Beschäftigung mit Dialogsoftware stand das Erstaunen, wie leicht Menschen sich auf die Situation einlassen und den künstlichen Gesprächspartner als echte Person begreifen. Es ist wohl kein Zufall, dass das berühmte "Täuschungs-"Programm Eliza von Joseph Weizenbaum einen Psychotherapeuten simulierte. Möglicherweise kann sein Nachfahre ihn jetzt nicht ersetzen, aber zumindest ehrlich unterstützen.


Es gibt aber auch etwas skurrilere bis bizarre Trauma-Behandlungen per Chatbot. Die Programmiererin Eugenia hat aus Konversationen einen Chatbot programmiert, der ihren toten Freund simuliert. Auch hier steht wohl die Motivation dahinter, das traumatische Erlebnis des Todes einer geliebten Person zu verarbeiten. Wenn jetzt für die Sprachausgabe noch das neue Adobe-Programm genutzt wird, das täuschend echt beliebige Sprachen aus Text generieren kann und dabei bestimmte Sprecher imitiert, ist die Illusion schon fast perfekt...

Sonntag, 25. Dezember 2016

Vertrauen?

Das Jahr 2016 neigt sich seinem Ende zu und allgemeine Unsicherheit scheint vorzuherrschen. Die Demoskopen waren scheinbar nicht in der Lage, den BREXIT und den Sieg Donald Trumps vorherzusagen, außerdem haben falsche Nachrichten, durch Hacker veröffentlichte geheime E-Mails  und durch Social Bots generierte Kampagnen in sozialen Medien das Manipulationspotential digitale Diskurse deutlich gemacht. Kann man denn niemandem mehr vertrauen?
Vertrauen scheint zum Schlüsselbegriff zu werden, mindestens drei verschiedene Stränge der Diskussion sind mir in den letzten Tagen aufgefallen.

Zunächst geht es um das notwendige Vertrauen zwischen Personen bei Geschäften im Internet. Das ist eine Herausforderung, der sich auch normale Marktplätze im Internet wie eBay stellen müssen. Über die gegenseitige Bewertung von Verkäufern und Käufern zum Beispiel wird dieses Vertrauensproblem gelöst. In China scheint eine ziemlich radikale Lösung in der Diskussion zu sein. Außerdem scheint eine Rolle zu spielen, dass es in China kein System der objektiven Prüfung der Kreditwürdigkeit gibt, wie z.B. in Deutschland das Schufa-System. Hierfür hat der "allmächtige" chinesische Staat nun eine patente Lösung parat. Der Economist schreibt in einer seiner neuesten Ausgabe über ein sogenanntes social-credit System in China, dass einem digitalen totalitären Staat eine perfekte Grundlage bieten würde. Zwar gibt es noch eine offen ausgetragene Diskussion innerhalb Chinas, was dafür spricht, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Aber sollte das kommen, wäre es schon eine ziemlich "schöne neue Welt".

Auch in den Ländern des alten Westend ist die Vertrauensfrage noch nicht abschließend gelöst. Hier verspricht die neue Technologie Blockchain eine interessante Lösung. Blockchain kann dazu dienen, Vertrauen ohne den lästigen und teuren Mittler Bank herzustellen und bedroht so das Kerngeschäft genau diese Banken. Ein Artikel des World Economic Forum darüber, wie Blockchain das Alltagsleben in vielen anderen Feldern beeinflussen könnte, von öffentlichem Nahverkehr bis hin zur Energieversorgung, zeigt aber auch, dass Blockchain das Vertrauensdilemma ganz grundsätzlich lösen und so viele Lebensbereiche entinstitutionalisieren könnte.

Zu guter Letzt: Nachdem Postfaktisch das Wort des Jahres wurde, passt dieser Chanson des Monats von Thomas Pigor zur schwindenden Wirkung von Zahlen, Daten und Fakten.

 

Montag, 12. Dezember 2016

Trendbarometer junge IKT Wirtschaft 2016

Während die Gründungszahlen in Deutschland weiterhin stagnieren oder rückläufig sind, haben wir (Leo Wangler, Kristina Brylla und ich vom IIT sowie Christiane Kerlen) im Rahmen unserer Wirkungsanalyse des Gründerwettbewerbs Digitale Innovationen in der letzten Woche unser neues Trendbarometer Junge IKT-Wirtschaft veröffentlicht.


Für das aktuelle Trendbarometer des Gründerwettbewerb – Digitale Innovationen wurden erneut Gründer in 10 Themenbereichen nach ihrer Einschätzung des Gründungsgeschehens befragt: Auch wenn viele Start-ups die externe Finanzierung und die Mitarbeitergewinnung weiterhin als Herausforderung einschätzen, sind, ist ihre Zukunftserwartung insgesamt doch positiv. Chancen sehen viele Gründer bei der Einstellung von Mitarbeitern aus dem Ausland und beim Entstehen von Ökosystemen für Gründer in Großstädten wie Berlin, Hamburg und München.
Deutschland verfügt über wachsende, international wahrgenommene Start-up-Metropolen wie Berlin, München oder Hamburg, zeitweise konnte Berlin sogar den Titel einer europäischen Start-up-Hauptstadt für sich in Anspruch nehmen. Ein wichtiger Faktor hierfür ist der intensive Austausch zwischen den Start-ups und ihren Förderern in lebendigen Ökosystemen. Wie eng die Zusammenarbeit ist, zeigen einige Antworten der von uns befragten Unternehmen, zum Beispiel zum Erfahrungsaustausch über Köpfe. Immerhin 18 Prozent der Antwortenden kommen selbst aus einem anderen Start-up und konnten diese Erfahrung für die eigene Neugründung nutzen. Ebenso viele Unternehmen haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt, die aus anderen Start-ups kommen.


Eine wichtige Erkenntnis bei der Analyse funktionierender Start-up-Ökosysteme ist, dass sie sich ab einem gewissen Punkt aus sich selbst heraus weiter stärken, da ehemalige Gründerinnen und Gründer nun in neue Start-ups investieren oder diese als Mentoren stützen. Relativ neu ist der Ansatz, Start-up-Metropolen international miteinander zu vernetzen, um im Sinne eines Positiv-Summen-Spiels Mehrwert für beide Seiten zu generieren. So kooperieren beispielsweise Berlin und Tel Aviv, um den Austausch von Ideen, Köpfen und Kapital zu beschleunigen. 49 Prozent der von uns Befragten sehen hierin eher eine Chance, nur 19 Prozent eher eine Gefahr für deutsche Gründungsstandorte.
 
Das sind die zehn Thesen, die wir im Rahmen des Trendbarometers überprüft haben:
  1. Das aktuelle Geschäftsumfeld hat sich gegenüber dem Vorjahr leicht verschlechtert, die Erwartungen an die zukünftige Auftragsentwicklung sind hingegen ungebrochen positiv.
  2. Der Erfolg des bisherigen Gründerwettbewerbs hat zu einer Fortsetzung mit neuer Ausrichtung auf „Digitale Innovationen" geführt.
  3. Trotz historisch niedriger Zinsen bestehen für Start-ups weiterhin schwierige Finanzierungsbedingungen.
  4. Mit neuen Instrumenten der Wachstumsfinanzierung hat die Bundesregierung attraktive Angebote für die junge IKT-Wirtschaft entwickelt, die nun in die Breite getragen werden müssen.
  5. Der Mittelstand entwickelt sich zu einem interessanten und relevanten Kooperationspartner für die junge IKT-Wirtschaft mit erheblichem Potenzial.
  6. Fachkräfte weiterhin gesucht – insbesondere Entwickler, Programmierer und andere IT-Spezialisten fehlen der jungen IKT-Wirtschaft.
  7. Die aktuelle Migration nach Deutschland wird von der jungen IKT-Wirtschaft überwiegend als Chance wahrgenommen.
  8. Enge Verflechtungen in Start-up-Ökosystemen stärken den Gründungsstandort Deutschland zunehmend.
  9. Die Kooperation zwischen internationalen Start-up-Zentren wird als positiver Trend gesehen.
  10. Die Geschäftsmodelle der jungen IKT-Wirtschaft sind zukunftsweisend auf die Plattformökonomie ausgerichtet. Digitale Plattformen werden von den jungen IKT-Unternehmen überwiegend als Chance für das eigene Geschäftsmodell verstanden.

Freitag, 9. Dezember 2016

Magischer Digitalismus und Donald Trump

Hat schon mal jemand den Begriff "magischer Digitalismus" gehört? Ich bin erst kürzlich zum ersten Mal darüber gestolpert, und zwar in einem sehr lesenswerten Beitrag der Spiegel-Kolumne von Sascha Lobo. Es geht dabei um eine aufgeregte Diskussion in deutschen Medien rund um einen Beitrag des Schweizer Magazins, in dem die Praktiken einer datenbasierten Beratungseinrichtung im amerikanischen Wahlkampf debattiert wurde.

Viele hatten sich ja in der Zwischenzeit kritisch dazu geäußert, darunter "Gründerzeit" als Sprachrohr der Gründerszene. Die Plattform Carta meint in einem Beitrag, einen datengetrieben Mikro-Wahlkampf hätte es doch schon lange gegeben. In einem anderen Beitrag stellt sie die Wirksamkeit selbst in Frage bzw. fragt hier, was Psychologen wohl zu den angeblichen Persönlichkeits-Analysetechniken sagen. Die Seite "Netzpolitik" hat vorsorglich schon mal die deutschen Parteien befragt, ob sie vorhaben, ein solches "Wähler-Targeting" einzusetzen. Die Zeit hat sich dazu geäußert, der Spiegel und so weiter.

Sascha Lobo nun meinte, dass hinter der aufgeregten Diskussionen mal wieder ein Unverständnis digitaler Technologien stecke. Diesen würden erneut geradezu magische Fähigkeiten zugeschrieben, was die Durchleuchtung jedes einzelnen angehe genauso wie die Möglichkeiten der Manipulation.

Tatsächlich scheint die deutsche Bevölkerung ein wenig verunsichert zu sein ob der Möglichkeiten, die digitale Technologien bei der Beeinflussung, Verfälschung und Verdrehung von Tatsachen wie auch der Provokation von hasserfüllten Diskussionen bieten.

Schon länger gährt in Deutschland z.B. die Debatte um Filterblasen und Echokammern, in denen der arme Leser soziale Medien gefangen ist und nur noch das mitbekommt, was er sowieso schon weiß und immer dachte. Die Wissenschaft ist zwar mehr als unsicher ob es diese Filterblasen im beschriebenen Ausmaße tatsächlich gibt. Zumindest scheint der Effekt nicht unbedingt etwas mit Technologie zu tun haben, sondern eher in der Natur des Menschen begründet zu sein, und vermutlich dürften Filterblasen im deutschen Kontext, in dem sich die Menschen (noch) etwas anders informieren als in den USA, noch weniger wirksam sein.

Im deutschen Kontext spielte dann auch das Thema Social Bots eine Rolle, das nach einer Meldung über den drohenden Einsatz durch die AfD schnell in den politischen Diskurs aufgenommen wurde.  

Ein Thema, was in diesem Zusammenhang bislang nicht angesprochen wurde, betrifft den Einfluss von außen mit illegal erworbenen Informationen. Im amerikanischen Wahlkampf hatte es ja lange Zeit die Sorge vor massiven Störungen durch Russland gegeben. Und tatsächlich tauchten reihenweise Informationen auf, die nur durch Hacker-Angriffe besorgt werden konnten. Sie betrafen immer Hillary Clinton, und der Verdacht wurde in mehreren Artikeln gelehrt, dass dahinter der russische Geheimdienst stecke. War das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und Hillary den Sieg kostete? Ist vielleicht auch der deutsche Bundestagswahlkampf bedroht?

Hysterie und echte Herausforderung scheinen eng beieinander zu liegen.

P.S. kurz nachdem ich diesen Blog veröffentlicht habe, ist gerade das Thema der russischen Einflussnahme omnipräsent in der deutschen Medien Berichterstattung. Und auch die Diskussionen um Cambridge Analytics und andere Möglichkeiten der Manipulation sind weiterhin breit diskutiert, wie zum Beispiel dieser lesenswerte Artikel zeigt, drr einige Annahmen über Gerüchte im digitalen Zeitalter in Fragen stellt.

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Neues von der Gründungsfront

In den letzten Wochen ist wieder eine Reihe von neuen Studien über Startups und Gründer erschienen, über die es sich zu bloggen lohnt. Nicht dass sich besonders viel Sensationelles getan hätte. Zumindest für Deutschland gilt weiterhin, eine echte Dynamik und Steigerung der Gründungszahlen ist nicht zu erwarten. Aber trotzdem, ein paar Details sind durchaus interessant.

Zum Beispiel wurde im November der European Startup Monitor veröffentlicht, der in den meisten europäischen Ländern ein stärkere Internationalisierung der Gründung beobachtet. Deutlich mehr Gründer haben eine andere Nationalität als die des Landes, indem sie gründen. Eine stärkere Internationalisierung lässt sich auch für Deutschland beobachten, wie der ebenfalls vor kurzem erst veröffentlichte Deutsche Startup Monitor fest stellt, hier allerdings insbesondere für die stärker internationale Belegschaft der Startups. Und auf diesem Zug sind ja auch eine Reihe von Initiativen aufgesprungen, die, wie zum Beispiel in Berlin, Gründer weltweit vernetzten und für ihren jeweiligen Standort gewinnen wollen.

Erst in der vergangenen Woche hatte das Bundeswirtschaftsministerium eine neue Studie veröffentlicht, die zeigt, wie Gründung aktiv die Menschen mit ausländischen Wurzeln in Deutschland sind. Ein Kollege von mir war auf der Veranstaltung, auf der die Studie präsentiert wurde. Er war insbesondere beeindruckt von den persönlichen Berichten einiger Gründerinnen und Gründer, die auf der Veranstaltung auftraten. Die Botschaft wird in Deutschland gern gehört, wie diverse Medienberichte über die Studie zeigen, ich zum Beispiel hier im Spiegel oder auf bento. Allerdings muss man auch sehen, dass die allermeisten Gründungen von Personen mit ausländischer Herkunft in Deutschland im Bereich Handel oder Dienstleistungen liegen, also nicht unbedingt bei den Hochtechnologien. Aber das ist natürlich auch für deutsche Gründerinnen und Gründer so. Würde man die leicht ansteigende Zahl der ausländischen Gründungen aus der Gesamtzahl herausrechnen, so wäre der deutsche Gründungstrend übrigens noch negativer.

Lustig fand ich, wie der deutsche Startup Monitor aus der wachsenden Zahl an Startups, die er mittlerweile auf seinem Radar hat, auf eine Diversifizierung der Szene schließt. Aus eine Dominanz weniger Gründungsmetropolen wie Berlin und München wird jetzt eine vielfältige Landschaft, die sich über diverse Städte in ganz Deutschland erstreckt. Mir scheint dies eher eine Frage der Methodik und der damit erreichten Grundgesamtheit zu sein als tatsächlich ein Indiz für einen Trend hin zu einer vielfältigeren Szenen. Andere Medien jedoch machen daraus den Aufruf an potentielle Gründerinnen und Gründer, nicht nach Berlin zu gehen, sondern nach zum Beispiel Aachen.

Und tatsächlich ähnlicher praktisch flächendeckend alle Kommunen, Regionen, Länder und Staaten darum, ihre lokale Gründerszene zu stärken. Ob das aber manchmal vergebliche Liebesmüh ist, fragt sich die nachfolgende Studie, die Faktoren zur Gründungsneigung untersucht hat und zu dem Schluss kommt, dass der familiäre Hintergrund, aber sogar auch grundsätzliche Dispositionen die Gründungsneigung befördern sollen. Zum Gründer geboren? Dann wäre möglicherweise tatsächlich so manche politische Initiative vollkommen vergeblich, weil an ein Zielpublikum gerichtet, dass nie zum Gründer entwickelt werden kann. Und dann wäre natürlich auch der letzte Hoffnunganker ein Zuzug vieler gründungsgeeigneter Menschen.

Ich vermute hinter den unterschiedlichen Gründungsdynamiken ja eher systemische Faktoren, die von Arbeitsmarktregelungen über kulturelle Wertungen hinsichtlich der Selbständigkeit bis hin zu vorherrschenden Branchenstrukturen reichen. Und außerdem lässt sich zumindest für die westlichen Industrieländer auch ein ziemlich ähnlicher Trend, wenngleich auch von einem unterschiedlichen Ausgangsniveau, beobachten. Nämlich der Trend nach unten.

Ich war kürzlich auf einer Veranstaltung von Innovationsökonomen, die darin zum Teil einen weiterer Beleg dafür gesehen haben, dass wir es tatsächlich mit so etwas ähnlichem wie einer sekulären Stagnation zu tun haben, dass also der Innovationsmotor insgesamt mehrere Gänge zurückgeschaltet hat. Am zurückgehende Produktivitätswachstum können man das gut festmachen.

Womit ich bei meinem letzten Thema wäre. Die OECD hatte im vergangenen Jahr dem Produktivitätswachstum eine eigene größere Studie gewidmet. Bislang ist sie in deutschen Medien nur wenig rezipiert worden, gerade erst habe ich einen Artikel im Economist gelesen, der jetzt, ein Jahr später, auf diese Studie verweist. Und auf der eben erwähnten Veranstaltung war auch ein Vertreter der OECD, der seine persönliche Meinung zum rückläufigen Produktivitätswachstum und insbesondere zur rückläufigen Innovationsneigung deutscher mittelständischer Unternehmen kundtat. Seiner Meinung nach könnte dies auch durch den zu schwachen Innovationsdruck auf deutsche Unternehmen kommen, der insbesondere in den letzten 10 bis 15 Jahren durch den Euroraum und den daraus für deutsche Unternehmen stehenden Wettbewerbsvorteil entstanden ist. Fehlt es also an Krisen, um wieder innovativ zu werden? Dann wären ja die letzten Meldungen aus Wolfsburg und anderen automobilen Zentren eher Anlass zur Hoffnung. Aber das ist dann doch irgendwie paradox.

 

Samstag, 19. November 2016

Google, Trump, Merkel und der Untergang des Automobillandes Deutschland

Irgendwie hängt ja alles mit allem zusammen, wenn man nur genügend Bindeglieder dazwischen sucht. Ein schönes Beispiel für diese Erkenntnis hat Google gerade spielerisch ins Netz gestellt und gleichzeitig bewiesen, dass seine künstliche Intelligenz im Bereich der Bilderkennung schon beachtliche Fortschritte macht. Der menschliche Mitspieler soll zwei beliebige Kunstwerke benennen, Google zeigt dann, wie diese über mehrere Zwischenschritte miteinander zusammenhängen könnten. Ich habe ein bisschen damit rumgespielt, mich überzeugt nicht jeder Zwischenschritt, aber sei es drum.

Was hat das nun mit dem Titel des heutigen Blogeintrags zu tun? Beginnen wir mit einer Meldung, die gestern über den Äther ging und schon heute die Kommentatoren der meisten Medien beschäftigt. Volkswagen hat das Ergebnis seiner Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Unternehmensführung zum so genannten Zukunftspakt bekannt gegeben. Demnach werden bis zu 30.000 Arbeitsplätze in den nächsten Jahren wegfallen, davon etwa zwei Drittel, in einigen Berichten werden etwa 23.000 Land, auch in Deutschland. Als Begründung wird nicht allein das Problem mit den manipulierten Abgaswerten in den USA genannt, wesentlich scheint die Umorientierung des Konzerns auf die Elektromobilität sowie auf eine digitalisierte Fertigung im Zeichen von Industrie 4.0 zu sein, die zu einer deutlich weniger arbeitsintensiven Fertigung führen dürfte. Ein schönes Beispiel dafür, wie Automatisierung und technologischer Wandel auch in Deutschland zu einem Rückgang an Arbeitsplätzen führen könnte. Und dies ist noch das optimistisches Szenario, dass VW grundsätzlich seine Marktanteile behält.

Das ist genau die Art von Szenarien, die weite Teile der Gesellschaft in der Zwischenzeit doch ein wenig verunsichert. Und möglicherweise auch zum Anstieg des Populismus in vielen Ländern beigetragen hat, wir Donald Trump. Weniger technologiepolitisch, als vielmehr sozialpolitisch scheint nun die CDU reagieren zu wollen, zumindest legen das die ersten Berichte über das kommende Wahlprogramm der CDU nahe, das gerade diskutiert wird. Die CDU will sich darin insbesondere der verunsicherten Mittelschicht, den Modernisierungsverlierern annehmen.

Und auch die Europäische Kommission versucht gerade in ihren Haushaltsbeschlüssen für das nächste Jahr, zumindest symbolisch deutlich zu machen, dass sie auch in eine nachhaltige, sozial ausgewogene Wachstumspolitik investieren möchte.

Und was hat das jetzt alles mit Google zu tun? Diesen Bogen muss ich noch bekommen. Gleichzeitig zu dem oben genannten Bilderverkettungsspiel hat Google auch ein anderes Spielchen veröffentlicht, indem der menschliche Nutzer mit seinem künstlichen Gegenüber digitale Montagsmaler spielen kann. Begriffe müssen auf den Bildschirm schnell skizziert werden, die KI sagt dann, was das Ganze darstellen soll. Probieren Sie's, es ist beeindruckend, wie gut die Trefferquoten des Google-Algorithmus sind. Und das sind natürlich genau die Technologien der Bilderkennung, die zum Durchbruch des autonomen Fahrens führen werden. Dem nächsten Technologie Schwenk, wo wir die Elektromobilität noch gar nicht richtig verarbeitet haben.

Angesichts dieser technologischen Umwälzungen und der drohenden Populismusflut wird einem ganz Angst und Bange, wie wäre es damit ein wenig Hygge, dem neuen dänischen Exportschlager zum Wohlfühlen und glücklich werden. Die Süddeutsche hat in ihrer Wochenendausgabe gerade diesen Hype ein wenig demontiert und seine regressiven Momente aufgedeckt. Die rechte Lektüre für ein kuscheliges Wochenende auf dem Sofa.

Samstag, 12. November 2016

Trump und nun

Das erschütternde Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen beschäftigt die Medien landauf und landab, und irgendwie komme auch ich nicht drumherum, meinen Senf dazu zu geben. Im Moment wird wirklich jedes Detail des Wahlkampf und das Wahlergebnis sowie alle möglichen Zukünfte heiß diskutiert. In diesem Kontext sind natürlich auch viele spannende Fragen rund um die Rolle von Technik oder die Zukunft von Wissenschaft und Innovation mit dabei.
Zunächst beschäftigt uns alle natürlich die Frage, wie es dazu kommen konnte dass diese Person die Wahlen gewonnen hat. Ein Erklärungsansatz ist wie schon beim Brexit die sogenannte Filter bubble, also das Phänomen, dass in elektronische Medien vor allen Dingen die eigene Meinungen und Ansichten widergespiegelt werden und jeder glücklich in seiner Blase die Welt nur noch so sieht, wie er sie sowieso schon immer zu sein glaubte. Das Konzept Filter Bubble ist zwar beliebt, aber deswegen nicht unbedingt richtig, wie die Seite gezeigt. Gleichwohl macht die monopolartige Stellung der Internetkonzerne gehörig Angst, und so gibt es eine Reihe von Vermutungen über technisch bedingte oder absichtliche Manipulation des Informationszugang per Google Suche oder Facebook. Zuckerberg hat diese Unterstellung gerade entrüstet von sich gewiesen.
Oder ist es kein Problem der Wahrnehmung, sondern handfester Realitäten? Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass die Profiteure des technologischen Wandels in den Metropolen der West- und Ostküste Leben und die sogenannte abgehängte Mittelschicht in der Mitte nun genug hatte und für einen Sieg von Trum gesorgt hat. Das Silicon Valley scheint jedenfalls gehörig geschockt zu sein. Oder ist es doch die Finanzkrise? Studien zeigen ja, dass nach solchen Finanz- und Wirtschaftskrise nimmer die extrem Positionen Zulauf bekommen. Findet hier eine Rebellion gegen die Globalisierung statt? Was ist eine ganze vierte diese, es gibt aber auch eine Reihe von Autoren, die solchen wirtschaftlichen Faktoren weniger Gewicht beimessen und stärker eine Art Kulturkampf gegen die Moderne am Werke sehen.
Da man über Trump und seine konkreten Ziele so wenig weiß, beschäftigt sich das politische Amerika im Moment vor allen Dingen damit, wie sein Team aussehen wird. Und das ist aus der Sicht von Wissenschaft, Forschung und Innovation einigermaßen beunruhigend. So wird beispielsweise ein dezidierter Leugner des Klimawandels als Chef der Umweltbehörde gehandelt, oder dem legendäre Newt Gingrich eine wichtige Rolle in der Wissenschaftspolitik zugeschrieben. Aber auch die Wahlkampfäußerungen machen nicht gerade Lust auf einen Präsidenten Trump und seine Forschungs- und Innovationspolitik. Dabei kommen möglicherweise enorme Herausforderungen und weitreichende Entscheidungen in der Wissenschaftspolitik auf den neuen Präsidenten zu.
Die Wissenschaft hat nicht nur Angst vor einem Präsidenten Trump, nein, sie fühlt sich auch ein klein wenig mit schuldig. Wenn nun Klimawandelleugner und andere Realitätsverweigerer die amerikanische Politik bestimmen, liegt dies auch an einer gescheiterten Wissenschaftskommunikation? Naja, ich weiß nicht.



Update: Hier noch eine sehr lesenswerte Zusammenstellung der aktuellen Diskussion um Trump und die Wissenschaft von den Kollegen von "Kooperation International"

2. Update: Und hier noch ein Artikel der FAZ zum Entsetzen der TechnoBranche des Silicon Valley über den Wahlausgang
3. Update: Und hier noch ein etwas skurriler (oder wenn er den Kern treffen sollte eher erschreckender) Bericht darüber, dass ein Algorithmus angeblich für Clintons gescheiterte Wahlkampfstrategie verantwortlich sei - und Trump einfach den besseren Algorithmus hatte?
4. Update: Auch wenn es langsam zur Linksammlung wird, hier noch der Hinweis auf ein Zusammenstellung von ITIF, einem amerikanischen Think Tank zur Innovationspolitik, zu den Positionen des neuen Präsidenten zur Innovations- und Technologiepolitik. Zwar drückt sich ITIF etwas um die explizite Bewertung, scheint aber zwischen den Zeilen not amused ...

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Gescheiterte Innovationen

Letzte Woche war ich auf der Jahrestagung des Programms ZIM des Bundeswirtschaftsministeriums, des großen Mittelstands-Innovationsförderprogramms. Die Keynote hielt Professor Reinhold Bauer, seines Zeichens Technikhistoriker. Thema war wenn innovationen scheitern. Professor Bauer illustrierte in einem launigen Vortrag, wie gute Ideen aufgrund widriger Rahmenbedingungen oder eines schlechten Timings dann doch kein Markterfolg werden, oder wie Ideen an Nutzern und Nutzen vorbei entwickelt werden. Seine zentrale Motivation für diesen Vortrag war, am Beispiel der gescheiterten innovationen zu zeigen, dass auch erfolgreiche Innovationen nur aus ihrem historischen und gesellschaftlichen Kontext heraus zu verstehen sind. Sie sind nicht perse Objektiv gut, sondern eben zum richtigen Zeitpunkt mit Glück und Verstand zu erfolgreichen Innovationen geworden. Diese These vertritt Professor Bauer übrigens nicht nur Zeit vielen Jahren in Büchern, Aufsätzen oder Vorträgen. Sie sind auch in diversen Artikel und Interviews nachzulesen, zum Beispiel hier in der Süddeutschen oder hier auf brand eins.

Kurz zuvor hatte ich eine zweiteiligen Blogbeitrag (hier und hier) zum Thema technischer Rückschritt gelesen, der ganz gut zu diesem Beitrag passt. Es ging darum, dass Innovationen nicht immer nur einen gesellschaftlichen Fortschritt bedeuten, dass sie nicht immer wohltuend und Segen bringend sind, sondern z.B. auch zu Pfadabhängigkeiten führen können. Beispiele sind Druckerpatronen zu überhöhten Preisen, Geräte, die sich nicht reparieren lassen, rebound-Effekte und so weiter und so fort.

Mir war gerade der zweite Beitrag ein bisschen zu Technik-pessimistisch. Klar, nicht alles was neu ist, ist immer auch sinnvoll. Und natürlich handeln Firmen zweckrational und nutzen mögliche Abhängigkeiten der Kunden zu ihrem eigenen Vorteil aus. Ob sie nun neue Technologie dafür nutzen oder andere Mechanismen, ist letztendlich egal. Aber zusammen mit dem erstgenannten Vortrag wird für mich dann doch ein rundes Bilder raus. Innovationen sind weder dann immer gut und richtig, wenn sie sich am Markt durchgesetzt haben. Noch sind in einem konkreten historischen Moment und  an einem Ort gescheiterte Innovationen per se untauglich.

Ist halt irgendwie doch alles relativ ...

Dienstag, 18. Oktober 2016

Vom Ende der Arbeit? Elektromobilität

Am Beispiel der Mobilität kann man schön sehen, wie regulative politische Instrumente zum Treiber innovativer Prozesse werden können. Am Anfang stand das politische Ziel, die Belastung von Mensch, Umwelt und Klima durch die Abgase klassischer Verbrennungsmotoren deutlich zu reduzieren. Insbesondere in den USA waren einige Bundesstaaten Vorreiter dabei, durch äußerst strenge Vorgaben zu Abgasemissionen die Automobilindustrie unter Druck zu setzen. Die Idee dahinter war, die Automobilindustrie zur Entwicklung neuer Motorkonzepte zu zwingen, die weniger Abgase verursachen. Bei einem namhaften deutschen Unternehmen hat dies leider innovative Energie in ganz ungeahnter Richtung freigesetzt. Besagter Konzern muss jetzt mit den Folgen dieser Richtungsentscheidung umgehen.

Gleichzeitig wird der Konzern von den Folgen technologischer Entwicklungen in mindestens zwei Dimensionen überholt, oder zumindest befürchtet dies der Betriebsrat, der diesen Konzernen eine ziemlich starke Rolle hat. Zum einen könnte ein heute erst am Horizont abziehbarer, durchschlagender Erfolg der Elektromobilität dazu führen, dass klassische Verbrennungsmotoren kaum noch gebaut werden. Die Produktion von Elektromotoren hingegen braucht deutlich weniger Arbeitskräfte. Wie schafft man es aber, trotzdem Arbeit am Standort Deutschland zu sichern? Möglicherweise durch den Aufbau einer Batterieproduktion? Das wäre ein Novum in Deutschland, andere Autokonzerne sprechen sich bislang dezidiert dagegen aus.

Aber ganz abgesehen von diesem Schwenk hin zur Elektromobilität wird die Produktion in Zeiten von Industrie 4.0 voraussichtlich weniger menschliche Arbeit in Anspruch nehmen als bislang. Auch dies beschäftigt den oben genannten Betriebsrat und soll Teil des Zukunftspaktes mit der Geschäftsführung werden. Weiterbildungsmaßnahmen und um Qualifizierungen sollen dazu beitragen, dass auch der Teil der Belegschaft, der durch die weitere Automatisierung nicht mehr gebraucht wird, an anderen Prozessen umgesetzt wird.

Die ARD hat übrigens in der nächsten Woche einen Themenschwerpunkt zur Zukunft der Arbeit in Zeiten von Industrie 4.0. Viele Sendungen im Fernsehen und im Radio sind zu erwarten, ich habe mir schon einmal die Hintergrundreportage angeschaut, aber in der Langversion, wie sie vor einiger Zeit auf Arte lief. Eine gute Zusammenfassung der aktuellen Situation mit, wie ich finde, schön illustrierten Beispielen.

Samstag, 15. Oktober 2016

Was bedeuten die Wirtschaftsnobelpreise für die Innovationspolitik,

Im Herbst ist Nobelpreis-Zeit. Jedes Jahr aufs Neue kürt die Schwedische Akademie der Wissenschaften die Nobelpreisträger, und da Alfred Nobel für die Wirtschaftswissenschaften einen solchen Preis nicht vorgesehen hatte, heilt die schwedische Reichsbank dieses bedauerliche Versehen durch einen eigenen Preis, den Alfred Nobel Gedächtnispreis, landläufig als Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften bezeichnet.

Ob diese Preisstiftung nun ein fieses, neoliberales Komplott gegen die Sozialdemokratie war, wie dieser Artikel behauptet, oder nicht, kann ich nicht einschätzen. Ich merke nur jedes Mal aufs Neue, dass ich ein einfacher Feld-Wald-Wiesen-Politologe bin und von den ausgezeichneten Wissenschaftlern in der Regel noch nie gehört habe. Und ich glaube nicht, dass das daran liegt, dass in der Regel Arbeiten ausgezeichnet werden, die schon 20 Jahre zurückliegen, damit da Preiskomitee sicher sein kann, nicht aufs falsche Pferd zu setzen.

Dabei lohnt sich auch aus Innovationspolitischer Sicht ein Blick auf die Thesen der jeweiligen Preisträger. Zum Beispiel habe ich zufällig gerade ein Buch des Nobelpreisträgers von 2012, Alvin E. Roth, gelesen, der sich mit Marktdesign beschäftigt. Gott sei Dank war es ein populärwissenschaftliches Buch, also auch für Politologen verständlich. Das Buch hat in der Tat, wie auch diese Rezension meint, einige Längen, trotzdem fand ich es erhellend. Zum Beispiel hat es mir noch einmal deutlich gemacht, wie stark die meisten Internet-Geschäftsmodelle, vor allem natürlich die digitale Marktplätze, auf neues Marktdesign setzen. Ein echtes Déjà Vue beschlich mich bei der Schilderung der Vergabe von Schulplätzen in den USA. Gleichen die beschriebenen Marktversagen nicht der Situation in Berlin, wo Kinder schon vor der Geburt für Kita und Schule angemeldet sein müssen, und dennoch ein chaotischer und ungeregelter Prozess dazu führt, dass bis zur letzten Minute keiner weiss, wer welchen Platz bekommt. Hier hätte ein wenig Politikberatung durch Herrn Roth gutgetan ..

Auch der Jahrgang 2016 ist nicht uninteressant. Dieser Beitrag von SWR2 versucht, die Kernthemen der aktuellen Nobelpreisträger zu erklären. Dabei scheinen die Steckenpferde der beiden frisch gekürte Nobelpreisträger durchaus Relevanz für das Innovationsgeschichte zu haben. Zum Beispiel, was die Beziehungen zwischen Gründern und Investoren angeht. So zumindest fasst der Blog von Gründerszene die Äußerungen von Oliver Hart zusammen. Wer in welcher Situation wie viele Anteile bekommt, scheint ein entscheidender Faktor zu sein. Und die Botschaft scheint laut des zitierten Artikel zu lauten: seid nicht zu gierig.

Ein anderer Beitrag verweist auf den Erklärungsgehalt der aktuellen Nobelpreisträger und ihre Theorien für eine sehr beschränkte Risiko- und Innovationsorientiertung in größeren Unternehmen, die ebenfalls auf ein Principal-Agent-Dilemma zurückgeht.

Über den letztjährigen Preisträger Angus Deaton hatte ich auch noch nicht gebloggt, aber schon zu einem seiner Themen, den randomised controlled trials. Hier noch ein Link auf ein neues Papier von ihm zu eben diesen randomised controlled trials.

Und nun eine letzte Bitte an die schwedische Reichsbank. Bitte akzeptiert nur Preisträger, die ihre Theorien auch im allgemein verständlichen Büchern vorab publiziert haben. Den Politologen zuliebe.