Dienstag, 21. April 2020

Innovationspolitik und COVID 19 II

Fakten, Fakten, Fakten: Zahlen spielen in der aktuellen Diskussion rund um Corona und seine Folgen eine dominante Rolle - sei es bei der Frage danach, wie groß die Bedrohung (noch) ist, welche Effekte die beisherigen Maßnahmen gebracht haben, oder nun auch, ob die Lockerungen der Maßnahmen nicht zu einem Wiederanstieg der Fallszahlne führt.

So viele Graphiken und Datenanalysen wie in den letzten 6 Wochen habe ich in der normalen Medienberichterstattung bislang kaum zu einem anderen Thema gesehen. Und trotzdem scheint es immer noch nicht genug zu sein. Empirisch basierte Informationen sind eher noch Mangelware, noch wissen wir wohl zu wenig und sind zumindest zum Teil zu einem Blindflug durch die Krise verdammt.

Das gilt wahrscheinlich auch für die Krise des innovationssystems, vor dem wir stehen dürften. Auch hier wissen wir noch sehr wenig. In meinem letzten Blogbeitrag hatte ich erste Informationen verlinkt, die auf die Erfahrungswerte frühere Krisen verweisen, z.B. diese Studie vom Stifterverband. Die Krise von 2008 war anders, aber doch einer der wenigen empirischen Anhaltspunkte dazu, wie wir dieses Mal mit unserem Innovationssystem durch die Krise kommen.

Spezifisch für Deutschland liegen mindestens zwei Studien vor, die Auswirkungen auf das Innovationssystem untersucht haben.

Das DIW hat 2011 eine Studie zur deutschen forschungsintensiven Industrie in der Finanzkrise veröffentlicht und kommt damals zu dem Schluss, dass aufgrund der vorhandenen arbeitsmarktpolitischen Instrumente die Belegschaft auch in der Krise kaum reduziert wurde und daher das Wiederhochfahren deutlich leichter möglich war als in anderen Ländern. Kurz nach der Krise ging das DIW davon aus, dass die forschungsintensiven Industrien vermutlich gestärkt aus der Krise hervorgehen dürften.

In einem Artikel aus dem Jahr 2015 beschreiben Martin Hud und Katrin Hussinger die Rolle staatlicher FuE-Förderung auf FuE-Investitionen kleiner und mittlerer Unternehmen in Deutschland während der Krise. Sie kommen zu dem Schluss, dass die staatlichen FuE-Finanzierungen in den Krisenjahren von den KMU genutzt wurden, um FuE aufrecht zu halten und die freiwerdenden Mittel z.B. in den Erhalt der Belegschaft zu stecken. In diersem Sinne hat die ausgeweitete Förderung das Innovationssystem stabilisieren können und die schnelle Erholung anschließend begünstigt.

International dürfte sich das innovationspolitische Verhalten unterschiedlich zeigen, zumindest legt auch das der Blick vergelichender Studien zur Finanzkrise 2008  nahe. Nach einer Studie des ZEW aus dem Jahr 2018 haben in Europa vor allem die besonders innovationsstarken Länder eine antizyklische Politik umgesetzt, in der Krise also durch zusätzliche staatliche FuE-Mittel die rückläufigen rpivaten FuE-Investitionen ausgeglichen, während die schwächeren Länder prozyklisch auch die staatlichen FuE-Investitionen zurückfuhren. In der KOnsequenz haben sich die Unterschiede der Leistungsfähigkeit der Innovationssysteme mit der Krise weiter verstärkt.

Zu interessanten Schlüssen kam auch der OECD Outlook 2012. Demnach haben die jeweiligen Innovationssysteme alle unter den Folgen der Krise gelitten, allerdings in erhebliche unterschiedlichem Außmaß. Einige Länder Asiens haben strukturelle Vorteile sogar nutzen können, um sich im internationalen Wettbewerb weiter nach vorne zu arbeiten. Auch internationale Technologiekonzerne haben die Krise tendenziell zu ihren Gunsetn nutzen können. Ein innovativer Impuls im Sinne einer Schumpeterschen kreativen Zertsöhrung ist durch die Krise eher nicht ausgelöst worden, da die Zahl der Risikofinanzierungen ebenso abgenommen hat wie die der Unternehm,ensgründungen, die erhöhte Zahl der Unternehmensschließungen also nicht durch eine wachsende Zahl an innovativen Neugründungen ausgeglichen werden konnte.

Zur Situation von Startups während und nach der Krise gibt es auch weitere spezifische Unteruchungen:

Ein Diskussionspapier der Uni Luxemburg aus dem Jahr 2016 untersuchte, wie deutsche Startups 2008 durch die Krise kamen. Die Autoren formulieren die zentralen Ergebnisse wie folgt:

Empirical results show that crisis startup foundations in high-tech sectors are less likely to
introduce innovations to the market than ventures started in the pre-crisis period. Yet, the
degree of novelty of these product or service innovations is significantly higher as compared
to products and services introduced by start-ups founded in pre-crisis years. Moreover, we do
not find evidence for necessity entrepreneurship in German low-tech industries.


 Auch aus der Schweiz liegen empirische Befunde zur Auswirkung der Finanzkrise von 2008 auf Startups vor. Demnach sak die Zahl der Finanzierungsrunden nach 2008 signifikant, auch die Zahl der gescheiterten Startups nahm deutlich zu. Die Gesamtzahl der Gründungen aber blieb relativ konstant.

jetzt wird es darum gehen, die aktuelle Krise und ihre Auswirkungen möglichst gut zu erfassen. Auch hier hatte ich im letzten Beitrag auf erste Erhebungen verwiesen, die gerade angelaufen sind. Seitdem bin ich über ein schönes Beispiel des ZEW gestoßen, die mit einem neuartigen Ansatz der Analyse von Websites von Unternehmen versuchen, die Auswirkungen von Corona auf die Wirtschaft quasi in Echtzeit zu tracken.

Es bleibt spannend und wird viel Futter geben für weitere Blogbeiträge.

Update 22.4.2020:

Seit gestern abend habe ich einen weiteren relevanten Beitrag von AIT und ZEW gefunden,der einen sehr guten Überblick über die vorhandene Literatur zu vergangenen Krisen und Schlussfolgerungen bietet, was dies für die aktuelle Corona-Krise bedeuten könnte bzw. was diesmal vielleicht anders ist. Frau Peters (ZEW) und Herr Dachs (AIT) fassen die zentralen Ergebnisse wie folgt zusammen:

  •  „Vergangene Krisen zeigen, dass sich die F&E-Ausgaben von Unternehmen insgesamt prozyklisch entwickeln, Unternehmen also in der Rezession weniger für F&E ausgeben.
  • Gründe  für  prozyklische  F&E-Ausgaben  sind  Schwierigkeiten,  F&E  zu  finanzieren,  sowie  unsichere Zukunftserwartungen. Sie lassen die Unternehmen zweifeln, ob während einer Krise neue Produkte am Markt nachgefragt werden.
  • Es gibt allerdings auch Unternehmen, die die Krise als Chance sehen. Etwa ein Drittel der deutschen Unternehmen haben ihre Innovationsausgaben während der Finanzkrise von 2008/09 antizyklisch erhöht. Auch die aktuelle Krise wird viele Unternehmen zwingen, neue Lösungen zu entwickeln.
  • Fraglich ist allerdings, ob die Unternehmen die freien Kapazitäten für Innovation im „Home Office“ nutzen können. Innovation ist vielfach an technische Ausstattungen wie etwa Labore und Werkstätten gebunden und oft das Ergebnis der Zusammenarbeit mit externen Partnern, von denen viele – wie etwa Universitäten – derzeit nur eingeschränkt verfügbar sind.
  • Studien zeigen, dass innovative Unternehmen während einer Rezession deutlich weniger Beschäftigung abbauen als Firmen ohne Innovationen. Das Ziel der Forschungs- und Innovations-politik  in  der  Krise  muss  es  deshalb  sein,  zu  verhindern,  dass  Unternehmen  ihre  Innovationsaktivitäten  einstellen.  Direkte  und  indirekte  Finanzierungsinstrumente  können  helfen,  Liquiditätsengpässe  für  Innovationsprojekte  insbesondere  bei  kleinen  und  mittleren  Unternehmen (KMU) zu überwinden und Zukunftserwartungen zu stabilisiere“

Ich würde noch die ebenfalls im Artikel zitierte Erkenntnis ergänzen, dass Unternehmen, die sich aufgrund von Krisen einmal aus einer FuE-Tätigkeit verabschiedet haben, nur schwer wieder in FuE zurückkommen. Es kommt also darauf an, möglichst wenige zu verlieren. Die einschlägige Quelle ist hier meiner Meinung nach Rammer / Schubert (2016)
 

Donnerstag, 9. April 2020

Innovationspolitik und COVID 19

Deutschland steht still - das Coronavirus hat das Land, hat die ganze Welt fest im Griff und verändert die Voraussetzungen für alle möglichen Politikfelder, auch für die Innovationspolitik. 

Vor ein paar Wochen, als der Virus noch weit weg schien, ein Ereignis im fernen China, schauten deutsche Medien noch in einer Mischung aus Faszination und Skepsis auf die Reaktionen der chinesischen Regierung auf den Krankheitsausbruch. Der starke Überwachungsstaat schien seine Potentiale voll ausspielen zu können, der breite Einsatz von Überwachungstechnologie, Handy Tracking, Big Data und künstlicher Intelligenz ein wirksames Rezept gegen die Ausbreitung des Virus und für die Bekämpfung seiner Folgen zu sein. Technik als Mittel der Wahl eher automatischer bis diktatorischer Regime bei der Bekämpfung der Krankheit. Aber so einfach ist das heute schon nicht mehr...

Mittlerweile ist das Virus mit voller Wucht nach Deutschland gekommen, nun dominieren andere Themen die Diskussion. Praktisch alle Energie richtet sich forschungs- und innovationspolitisch darauf, die Ressourcen der Gesundheitsforschung zu mobilisieren und mit ausreichenden finanziellen Mitteln zu versorgen. Die Europäische Kommission, die Bundesregierung, Regierungen weltweit finanzieren jetzt mit Hochdruck Forschungsprojekte, um schnell Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln, die Testmöglichkeiten auszuweiten und einfach schneller und besser zu verstehen, wie das Virus funktioniert und wie man es stoppen kann. Innovationspolitik scheint heute fast ausschließlich Gesundheitspolitik zu sein.

Gleichzeitig wird das Alltagsleben komplett umgekrempelt, was ebenfalls erhebliche Auswirkungen auf innovationspolitike Themen haben dürfte. So ist mit der Schließung von Schulen und Universitäten der Bedarf nach digitaler Bildung plötzlich riesengroß. Und das in einer Zeit, in der die Digitalisierung von Bildung nur in kleinen Schritten, Stück für Stück vorangetrieben wurde, da ja keiner ahnen konnte, das plötzlich der Ernstfall da ist. Pilotprojekte für digitale Bildungsinhalte wie das des Hasso-Plattner-Instituts werden plötzlich maximal skaliert, das kommende Sommersemester zu einem komplett digitalen Semester umdefiniert.

Mit etwas Erfindungsreichtum und der Nutzung der vorhandenen, oft kommerziellen Tools ist plötzlich möglich, was bislang undenkbar schien. Allerdings ist dabei viel Improvisation und Leidensfähigkeit gefragt. Spätestens nach der Krise wird die Infrastruktur massiv ausgebaut werden müssen, wenn jetzt erleben plötzlich alle, dass die vorhandenen Kapazitäten für den Echtbetrieb kaum reichen, weil Bandbreiten für Videokonferenzen nicht ausreichen oder dauernd zusammenbrechen. 

Geschlossene Universitäten sind ein weiteres Ergebnis der Corona-Pandemie. Das betrifft Studentinnen und Studenten, vor denen ein sogenanntes digitales Sommersemester liegt. Und das gilt vermutlich auch früher den Forschungsbetrieb der zumindest in Teilen im Moment ruhen dürfte, abgesehen von der Forschung an Wirkstoffen, an Studien zu Ausbreitungsszenarien der Krankheit und ähnlicher Gesundheitsforschung. Von einem Normalbetrieb in deutschen Universitäten ist zurzeit nicht auszugehen. Eine Momentaufnahme vom aktuellen Forschungsbetrieb liefert diese Reportage des Deutschlandfunk. 

Auch die Expertenkommission Forschung und Innovation EFI fordert ganz aktuell, den veränderten Forschungsbedingungen der Universitäten Rechnung zu tragen und hier z.B. förderpolitisch nachzurüsten. Zumindest mit Blick auf BAföG und Wissenschaftszeitvertraggesetz hat die Politik bereits reagiert. aber ob das Forschungssystem nicht nachhaltiger beeinträchtigt sein wird, wissen wir noch nicht. 

Auch die Digitalisierung des Arbeitslebens schreitet in geradezu rasender Geschwindigkeit voran. Home-Office wird (scheinbar) zum Normalfall, Videokonferenzen ersetzen Präsenztreffen, Verwaltungsprozesse müssen plötzlich mit digitalen Unterschriften statt papierbasiert ablaufen. Allerdings ist nicht jede Tätigkeit ins Home Office auslagerbar und viel muss schnell improvisiert werden. 

Wer hier mit der Digitalisierung schon vor der Krise begonnen hatte, ist eindeutig im Vorteil. Der Blick auf die große Finanzkrise des Jahres 2009 zeigt übrigens, dass stärker digitalisierte Unternehmen besser durch die Krise gekommen sind als weniger digitalisierte. Ich kann mir gut vorstellen, dass das für Corona-Zeiten ebenso gilt.

Wie Deutschlands Unternehmen durch die schwere Wirtschaftskrise gehen könnten, die uns erwartet, lässt sich möglicherweise auch in anderer Perspektive aus dem Blick zurück auf die Krise 2007 2008 lernen. Damals waren die Forschungsaufwendungen nicht in gleichem Maße zurückgegangen wie die wirtschaftsleistung, auch FuE-Beschäftigten wurden nicht in größerem Umfang entlassen. Sollten die Unternehmen heute eine ähnliche Strategie fahren und ihre Innovationsfähigkeit erhalten wollen, so lässt dies für das deutsche innovationssystem hoffen. Andererseits sind die Herausforderungen heute andere als in der damaligen Finanzkrise. Auch hier fehlen uns noch wichtige Informationen über das veränderte innovationsverhalten. Das BMWi versucht gerade, zumindest für KMU ein besseres Bild zu gewinnen.

Ebenso zeigt der Blick auf die Finanz- und Wirtschaftskrise 2009, dass die Anzahl der Patente damals dauerhaft zurückging, dass aber die weiterhin publizierten Patente breit rezipiert wurden und auch die überlebenden, eher größeren Unternehmen einer betroffenen Region von den Innovativen der stark leidenden Unternehmen profitierten, dass es aber keinen Brain Drain raus aus der Region gab. Ist das für die aktuelle Situation zu übertragen?

Auch in der aktuellen Krise scheinen Startups besonders betroffen zu sein. Zumindest ist die Sorge bei jungen Unternehmen aktuell besonders groß, die Pandemie und die damit ausgelösten wirtschaftlichen Turbulenzen nicht zu überleben. 70 Prozent der Startups fürchten nach einer aktuellen Umfrage um ihr Überleben. Finanzinvestoren wollen sich tendenziell eher zurückhalten, die Rettungsmaßnahmen für etablierte Unternehmen sind nur sehr eingeschränkt hilfreich. Die Bundesregierung hat darum bereits mit neuen Maßnahmen versucht, hier nachzusteuern und den Startups schnell zu helfen. Allerdings verweisen erste Kommentatoren auch darauf, dass einige der großen "Startups" von heute wie Airbnb oder Über gerade in der Finanzkrise 2008/2009 gegründet wurden. 

Alllerdings scheint die Krise auch viel kreative Energie freizusetzen und, wie die
Hackathons weltweit zeigen. In Deutschland wurde vor zwei Wochen gleich der größte Hackathon weltweit organisiert. Die riesige Zahl an Teilnehmenden forderte von den Organisatoren zwar hohes Improvisationstalent, war aber keine unlösbare Herausforderung. Die mediale Resonanz auf den Hackathon war groß, jetzt kommt es darauf an, dass aus den besten Ideen auch reale Lösungen werden. 

Wer genügend Zeit mitbringt, kann sich auf YouTube die 1200 Videos der Hackathon-Projekte anschauen. Bei 2 Minuten pro Erklärvideo hat man schon nach 40 Stunden den kompletten Überblick. Adressiert wurden die unterschiedlichsten Probleme. Das Tracking von potenziell Infizierten, die Rettung lokaler Geschäfte per Spende oder Online Bestellung, die Erfassung von Krankenhausbetten-Kapazitäten oder digitale Bildungsangebote.

Der Ansatz würde in vielen Ländern gewählt, es gab Hackathons in Estland, in Norwegen, in der Schweiz, als internationaler Hackathon oder in Österreich. Und mittlerweile gibt es auch zu Spezialthemen neue Hackathons, so z.B. zur Digitalisierung der Hochschullehre, um hier den schnellen Bedarf durch neue Lösungen besser decken zu können.

Viele der angedachten Lösungen sind sicher eher Workarounds, also "Problemumgehungen". Solange damit aber reale Probleme gelöst werden, kann man das nur sehr begrüßen. Es gibt tolle Berichte - so wurden Tauchermasken des Sporkaufhauses Decathlon zu Atemgeräten umfunktioniert.

Noch ist also offen, ob Corona der Auslöser für ein großes Startup-Sterben wird oder im Gegenteil kreative Ideen und Neugründungen beflügelt. Vermutlich beides, aber was heißt dies für das gesamte innovationssystem?

Technik wird auf jeden Fall auch in Deutschland in den nächsten Wochen eine entscheidende Rolle spielen. Schon jetzt ist die Diskussion um digitale Lösungen zur Eindämmung der Pandemie entfacht, mittlerweile wird auch in Deutschland mit den neuen Meldungen um eine Corona-App die Hoffnung verbunden, dass jetzt der Ausstieg aus dem Lockdown beginnen kann. die technischen grundlagen scheinen gelegt, was fehlt ist nur noch die entsprechende App im Shop und dann Ruhe nutzerzahlen, damit das ganze auch funktioniert.

Jetzt hat das Robert-Koch-Institut aber erst einmal eine sogenannte Datenspende-App, die Daten von Fitnessarmbändern und ähnlichen Gadgets nutzt, um flächendeckend den Fieberstand der Bevölkerung und damit die Ausbreitung der Krankheit berechnen zu können.

Letztlich bleibt die Nutzung dieser und anderer Überwachungstechnologien aber eine Gratwanderung. Während Europa einen vorsichtigen Weg gewählt hat und entsprechende Technologien hier behutsam und auf der Grundlage von Freiwilligkeit nutzen möchte, gehen andere Länder deutlich rigoroser vor. Das Magazin Ada hat die verschiedenen Ansätze sehr schön dargestellt und auch die diversen Überwachungs-Allmachts-Phantasien nicht vergessen.

Es gäbe noch sehr viel mehr Themen zu diskutieren, z.b. die Frage, wie sich der Wissenschaftsjournalismus durch die aktuelle Krise verändert. Ein besonderes Phänomen ist sicher der Podcast von Christian Drosten, der als herausragend gilt (und den ich die letzten Wochen auch praktisch ohne Pause gehört habe) Interessant ist auch die kritische Kommentierung von Medienberichten zur Krise, die nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert und undifferenziert seien.

Aber auch sonst ist ein besonderer Augenmerk auf wissenschaftliche Politikberatung festzustellen. Die New York Times beschreibt, dass nicht nur in Deutschland Wissenschaftler wie Herr Drosten zu zentralen Figuren des öffentlichen Diskurses werden. Ich könnte mir allerdings gut vorstellen, dass dies fast nur für die Länder gilt, in denen das Vertrauen in Wissenschaft und wissenschaftliche Politikberatung sowieso schon groß war.

Corona bleibt für mich ein unberechenbarer Faktor, der Systeme durcheinander wirbelt und dessen Auswirkungen wir heute noch nicht kennen. Manchmal habe ich den Eindruck, als wenn sich fast alle Gespräche - privat wie im Beruf - nur noch um dieses eine Thema drehen, und trotzdem bleibt der Blick sehr auf die aktuelle Krisenbewältigung geheftet, die langfristigen Konsequenzen sind nicht im Blick. 

Wir sollten schon jetzt beginnen, uns mit dieser Perspektive zu beschäftigen. Zum Teil fehlen uns dafür jetzt noch die notwendigen Informationen, zum Teil der richtige Abstand. Aber wir müssen dann bleiben.

Update: Mittlerweile sucht auch die OECD nach mehr Evidenz zu den Auswirkungen von CORONA auf das Wissenschaftssystem und hat eine entsprechende Umfrage gestartet

Dienstag, 31. Dezember 2019

Innovationspolitischer Jahresrückblick und Rückblick auf die letzten 10 Jahre

Das Jahr 2019 neigt sich rapide seinem Ende zu, und damit auch das zweite Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Bevor wir aber mit Schwung in die neuen Zwanzigerjahre eintauchen, lohnt sich vielleicht ein kurzer innovationspolitischer Blick zurück auf die letzten zwölf Monate bzw. zehn Jahre.

Innovationspolitisch scheinen die letzten Monate auf den ersten Blick eher ein wenig langweilig. Viel Neues ist nicht passiert, die spannendsten neuen Instrumente - die steuerliche Forschungsförderung und der Start der neuen Agentur für Sprunginnovationen - stehen noch aus. Ob beide die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen können, ist für mich offen. Als Experimente einer neuen Innovationsförderung sind sie auf jeden Fall aber sehr interessant und werden auch durch entsprechende Evaluationen begleitet werden.

Während die Agentur für Sprunginnovationen mit einem Fördervolumen von 1 Milliarde Euro in 10 Jahren nicht wirklich riesig ausfällt und viele Umsetzungsdetails noch offen sind, nimmt sich die steuerliche Forschungsförderung oder Forschungszulage doch etwas substantiellen aus. Die Bundesregierung rechnet mit Mindereinnahmen von ca. 1,4 Milliarden Euro pro Jahr, das sind immerhin etwa 8 Prozent der bisherigen direkten öffentlichen Forschungsförderung. Da aber sehr viele Unternehmen anspruchsberechtigt sind, kommt für jedes einzelne antragstellende Unternehmen dann aber doch nicht so viel bei rum. Zusammengenommen könnte der Effekt aber doch spürbar sein und zumindest die Chancen erhöhen, das tatsächlich sehr ehrgeizige 3,5 Prozent Ziel der Bundesregierung zu erreichen.

Dieses Ziel hat sich die Regierung nach einem beeindruckenden Jahrzehnt kontinuierlich steigender Forschungsausgaben selbst gesteckt. 
Die Ausgaben des Bundes für Forschung und Entwicklung lagen noch 2009 bei knapp 12 Milliarden Euro, 2018 bereits bei etwa 17 Milliarden Euro. In der Folge lag die FuE-Quote 2009 bei etwa 2,8 Prozent, 2018 (eine Schätzung für 2019 wird es erst Ende des nächsten Jahres geben) liegt sie bei 3,1 Prozent. Die letzten Jahre zeigen aber auch, dass insbesondere der Wirtschaftsanteil gestiegen ist, während der Staatsanteil zwar absolut, aber nicht mehr relativ zum BIP gewachsen ist. Und der aktuelle Bundeshaushalt bestätigt den Trend. Die Jahre des schnellen Wachstums der staatlichen Forschungsausgaben könnten vorbei sein. Für das 3,5 Prozent Ziel heißt das, es könnte eng werden, auch mit einer steuerlichen Forschungsförderung.

Natürlich ist die FuE-Quote nur ein Indikator unter vielen, der zudem auch nur beschränkte Aussagekraft hat. Schaut man etwas differenzierter, so sieht man zum Beispiel, dass auch die ständig wachsenden Forschungsausgaben der Unternehmen nicht bedeuten, dass alles in Butter ist. Innovationsausgaben und innovationsintensität deutscher Unternehmen nehmen zwar seit zehn Jahren kontinuierlich zu, allerdings praktisch nur bei den Großunternehmen. Die Innovatorenquote hingegen ist seit 10 Jahren leicht rückläufig. Und die Zahlen zeigen auch, dass sich die innovationsaktivitäten sehr ungleich über die verschiedenen Branchen verteilen. Insbesondere der Automobilsektor hat in den letzten zehn Jahren eine hohe Dominanz gewonnen. 

Ob das nun bedeutet, dass die Autobranche fit ist für die Zukunft, ist damit noch nicht beantwortet. In Hinblick auf das Megathema der letzten 10 Jahre, die Elektromobilität, gibt es zumindest viele Kritiker, die dies bezweifeln. Vor zehn Jahren wurde das Ziel von einer Million Elektrofahrzeuge bis 2020 aufgestellt. Hiervon sind wir weit entfernt, auch wenn die Zulassungszahlen in den letzten Jahren deutlich angezogen haben. 2019 war auch das Jahr der Krrisenmeldungen der Automobilindustrie. Große Unternehmen kündigten erhebliche Arbeitsplatzeinsparungen an - auch um entsprechende Ressourcen für den Umbau in Richtung Elektromobilität zu haben. Und 2020, wenn die neuen Vorgaben der EU in Kraft treten, wird für die Autobauer nicht einfacher - dann muss der Hochlauf der Elektromobilität einfach gelingen, sonst drohen drastische Strafzahlungen.

Das Jahr 2019 stand ja insgesamt unter dem Eindruck einer sich verschärfenden Klimakrise und entsprechende gesellschaftlicher Mobilisierung. Gerade der verkehrssektor zeigte sich dabei als ein besonderer Problemfall. Das belegt auch der Blick zurück auf die letzten 10 Jahre. Der Anteil der umweltfreundlichen Mobilität (Fußgänger, Radfahrer ÖPNV und Bahn) an der Gesamtmobilität ist laut UBA in den vergangenen Jahren leicht gesunken BV (allerdings reichen die Zahlen des UBA nur bis 2016).  Allerdingscheint der Radverkehr in Deutschland überproportional zugenommen zu haben, wie eine Sonderstudie des BMVI zeigt. 
Meine persönliche Erfahrung in Berlin kann das nur bestätigen, leider auch, dass der Ausbau der Infrastruktur hier überhaupt nicht mithalten kann. Bei der Bahn sind die Fahrgastzahlen in den letzten 10 Jahren um 20 Prozent gestiegen. Nicht mitgehalten hat allerdings das Angebot, daher ist auch die Auslastung pro Zug entsprechend höher. Bis auf ein paar Neubaustrecken hat man den Eindruck, dass sich bei der Bahn in den letzten 10 Jahren wenig getan hat. Selbst ein funktionierendes WLAN wurde erst  2017 Flächen deckend in den ICE-Zügen eingeführt. Vielleicht haben wir Glück, und mit dem Klimapaket der Bundesregierung ändert sich tatsächlich in den nächsten Jahren noch etwas bei der Bahn. Zumindest die Ankündigungen lassen ein bisschen hoffen. ab Januar wird die Mehrwertsteuer gesenkt, perspektivisch plant die Bahn ihren Deutschland-Takt, und für die Infrastruktur sind auch einige Milliarden an Investitionen vorgesehen.

Ein wenig Beine gemacht hat der Bahn in den letzten 10 Jahren der neu entstandene Fernbusmarkt. Dieser wurde erst 2013 durch eine Gesetzesänderung überhaupt geschaffen. Nach einer euphorischen Phase, in der viele Anbieter auf dem Markt erschienen, hat sich dieser deutlich konsolidiert, es ist ein Monopolist übrig geblieben, der allerdings auch international Erfolg hat. 2017 war dann das Jahr, in dem die asiatischen Leihräder deutsche Großstädte fluten. Mittlerweile hat sich die Aufregung ein wenig gelegt, nicht zuletzt auch deshalb, weil jetzt Elektroroller den Platz der Leihräder eingenommen haben und deutsche bürgersteige angeblich unbegehbar machen.

Fast schon altmodisch mutet da ein weiteres Mobilitätsthema der letzten 10 Jahre an, dass Carsharing. Auch Carsharing war mit dem Anspruch gestartet, die Mobilität in Deutschland grundsätzlich umzukrempeln. Tatsächlich haben sich eine Reihe von Anbietern in den deutschen Großstädten etabliert und verzeichnen steigende Nutzerzahlen. Heute gibt es knapp 2,5 Millionen registrierte Nutzer, Carsharing ist aber weiterhin nur in eben diesen Metropolen nutzbar und damit nur für 16 Prozent der Deutschenutschen überhaupt zugänglich. Die Zahl der zugelassenen Privatautos ist allerdings deutlich stärker gestiegen

Ein weiteres Megathema der letzten 10 Jahre im Bereich der Mobilität war für eine gewisse Zeit das autonome Fahren. Nachdem die deutschen Straßen immer noch nicht von Roboterautos bevölkert werden, und nachdem sich gezeigt hat, dass auch ein autonomes Auto Unfälle bauen kann, ist die Euphorie einer gewissen Nüchternheit gewichen - die Aufmerksamkeit in den Medien geht deutlich zurück.

Mobilität ist natürlich nicht die einzige Dimension, die klimapolitisch heiß diskutiert wurde und wird. 2019 war neben Fridays for Future auch das Jahr des Kohlekompromisses, der die Energiewende fortführen soll. Innovationspolitik interessant fand ich in diesem Zusammenhang mindestens drei Aspekte: 

Zum einen die Diskussion darüber, ob eine Verhaltensänderung notwendig sei, um den Klimawandel zu bremsen, oder ob es allein ausreiche, auf die Segnungen zukünftiger Innovationen zu hoffen und dann jeder weiter konsumieren können wie bislang. Diese techo-euphorische Haltung scheint in manchen Parteien tatsächlich noch mehrheitsfähig zu sein.

Ein zweiter Diskussionsstrang zielte darauf, den strukturellen Verwerfungen des kohleausstiegs auch durch innovationspolitischen Maßnahmen zu begegnen. Dahinter steht die Hoffnung, dass Forschungseinrichtungen und innovative Firmen Arbeitsplätze schaffen und strukturelle Wirkung entfalten. Das ist grundsätzlich sicher richtigen und mag in manchen Fällen auch helfen, andererseits zeigen aktuelle Studien, dass Innovationsprozesse, insbesondere wenn sie an Digitalisierung geknüpft sind, eher zu einer Konzentration in wenigen Metropolen neigen.

Ein dritter Diskussionsstrang beschäftigte sich mit den erneuerbaren Energien, die zwar Stück für Stück einen immer größeren Anteil am deutschen Energiemix haben, gleichwohl aber nicht unbedingt die Zielmarke erreichen werden, die sich die Bundesregierung gesetzt hat. neben der Frage, welchen einstiegspreis ein tatsächlich wirksamer Emissionshandel haben müsste, beschäftigte uns zuletzt vor allen Dingen die Frage, ob die Windenergie das Schicksal der Solarbranche erleiden wird.

Während diese 2009 kurz vor ihrem Allzeithoch an Arbeitsplätzen im Jahr 2010 mit 133.000 Beschäftigten stand, ist sie in den vergangenen zehn Jahren in sich zusammengebrochen. Heute arbeiten nur noch etwa 33.000 Beschäftigte dieser Branche.

2019 wurde auch immer stärker diskutiert, ob die Digitalisierung selbst zu einem Klimaproblem werden könnte, da der stromverbrauch immer stärker auch von digitalen Anwendungen geprägt ist. Ich war ziemlich überrascht, dass diese Digitalisierung eigentlich noch ziemlich jungen Datums ist, als vor zwei Jahren das iPhone seinen 10. Geburtstag feierte. 2009 war das iPhone erst 2 Jahre alt, eine Firma namens Nokia hatte da noch den größten Marktanteil. Seitdem hat sich doch ganz schön viel verändert.

  • Der unaufhaltsame Aufstieg des Online-Handels, allerdings bislang noch ohne automatisierte Zustellung per kleinem Roboterwagen oder Drone, sondern per Fahrradkurier.

  • Streaming allüberall, mit den entsprechenden Problemen beim ICE WLAN und den entsprechenden Energie und Umweltfolgen. 

  • Die Messung von allem und jedem, am besten im Buch von Andreas Reckwitz zur Gesellschaft der Singularität beschrieben

  • Neue Dynamiken der öffentlichen Kommunikation, insbesondere auch getrieben durch soziale Medien und mit zum Teil absonderlichen Diskussionen, siehe nur die aktuelle Debatte um Motorrad fahrende Omas
Als Ausblick für 2020 wie immer zu empfehlen die Prognose von NESTA, die zwar wie alle Prognosen in ihrer Vorausschau für morgen eher daneben liegt, aber die spannendsten Trends von heute aufgreift.  MeinFavorit: der persönliche Digital Twin

Freitag, 22. November 2019

Forschungsproduktivität

Im November hat der Sachverständigenrat der Bundesregierung sein aktuelles Jahresgutachten vorgelegt. Dabei hat er sich in diesem Jahr auch intensiver mit dem Thema Produktivität auseinander gesetzt, da er seit Sommer auch der nationale Produktivitätsrat ist. Das Thema eines rückläufigen Produktivtätswachstums beschäftigt die Politik schon länger, der Sachverständigenrat schlägt nun insbesondere vor, durch Forschung, Innovationen und Gründungen die Dynamik wieder zu steigern.

Nur ganz kurz angesprochen wird im Gutachten der Aspekt, dass auch Forschung selbst einem Produktivitätsrückgang zu unterliegen scheint. Hierzu wird nur in einem Satz ausgeführt, dass dies vielleicht an der erhöhten Komplexität moderner Technologie liegen könnte. Angesichts der weitreichenden Folgen dieses Befundes, sollte er den stimmen, aus meiner Sicht ein wenig dürftig. Schließlich wird ja die Forschung selbst quasi zur Wunderwaffe der Produktivitätssteigerung stilisiert. Aber zunächst zur Faktenlage. Diese ist zwar nicht eindeutig, es gibt aber einige Hinweise, dass wir tatsächlich ein Problem haben.

Wie NESTA in einem Blogbeitrag kürzlich schreibt, gibt es eine Reihe aktueller Studien, die einen Rückgang der Forschungsproduktivität belegen. Immer mehr Forscherinnen und Forscher und immer mehr Geld wird benötigt, um den selben Output zu erreichen. Die Kollegen von NESTA haben zwar keine wirklich schlüssige Erklärung, aber schon mehrere Lösungsvorschläge. Sie setzen einmal auf die Segnungen der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz, um Forschung zu beschleunigen. Außerdem schlagen sie vor, die Forschungsförderung besser zu machen, zum Beispiel unter Nutzung von experimentellen Ansätzen.

Die amerikanische Technologie- und Innovationsstiftung ITIF, ein Think Tank der Politikberatung, sieht in einem Blogbeitrag ebenfalls keinerlei Beschleunigung des technologischen Fortschritts. Der Artikel macht sich vielmehr ein wenig lustig über die überschwänglichen Prognosen der Vergangenheit zu Singularität und ähnlichem und stellt auch die angeblich beispiellos schnelle Marktdurchdringung moderner Technik mit Gegenbeispielen in Frage.

Tatsächlich hält sich ja in den Medien der Eindruck, dass immer schneller neue Produkte auf den Markt kommen.
Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat sich 2016 mit der These eine Verkürzung von Produktlebenszyklen beschäftigt und diese These als generelle Aussage eher in Zweifel gezogen.

Die Liste an Veröffentlichungen der letzten Wochen ließe sich übrigens fortsetzen. Der amerikanische Ökonom Tyler Cowen hat sich in einem Papier jüngst mit der Frage beschäftigt, ob sich der wissenschaftliche Fortschritt beschleunigt, und kommt tendenziell ebenfalls zu einem negativen Urteil. Zwei japanische Autoren kommen auf der Basis japanischer Daten zu dem Schluss, dass die Forschungsproduktivität in Japan und anderen OECD-Ländern zurückgeht und daher ein Aufwuchs an FuE-Ausgaben nicht unbedingt zu mehr Output führt.

Und was heißt das jetzt? Wie gesagt, die Ursachen werden in den skizzierten Beiträgen für meinen Geschmack viel zu wenig untersucht. Meist bleibt es bei eher allgemeinen, anekdotischen Aussagen à la komplexere Technik, grundsätzliche Probleme bereits gelöst etc. Hier würde ich mir überzeugendere Hypothesen wünschen.

Und die Konsequenzen sind auch etwas unterbelichtet. Immerhin stützt sich ein Gutteil der Argumentation für Produktivitätssteigerung darauf, Forschungsoutput zu erhöhen. Möglicherweise wird das so aber nichts. Möglicherweise wird auch die Erhöhung der deutschen FuE Quote auf 3,5% nur den Produktivitätsrückgang ausgleichen. Wenn überhaupt. Aber immerhin.

Was wir brauchen, ist aber eigentlich erst einmal eine Antwort auf die Frage, wie Wissenschaft und Forschung wieder produktiver werden können.

Sonntag, 15. September 2019

Rückblick auf die Jahrestagung 2019 der DeGEval

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog des AK FTI der DeGEval

Vom 12. bis 13. September fand die diesjährige Jahrestagung der DegGEval in Bonn statt. Thema der Tagung war "Nachhaltigkeit und Evaluation". In Zeiten intensiver öffentlicher Diskussion um den Klimawandel sicher ein aktuell gut gewähltes Thema. Für die Evaluationscommunity jedoch durchaus eine Herausforderung. So schilderten es zumindest die Organisatoren der Tagung: die Zahl der Einreichungen für Vorträge war doch deutlich geringer als in den vergangenen Jahren. Dies gilt auch für das Themenfeld Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik. Auch hier gab es nicht gerade viele Beiträge auf der diesjährigen Tagung.

Durch die Tagung zog sich ein doppelter Definitionsversuch von Nachhaltigkeit. Zum einen wurde Nachhaltigkeit verstanden als Dauerhaftigkeit der Wirkungen von Interventionen. Zum anderen wurde Nachhaltigkeit systemisch gefasst, als Wirkung in mindestens drei Dimensionen, nämlich einer ökonomischen, einer ökologischen und einer sozialen Dimension.
Mit diesem Verständnis sollte man meinen, dass Nachhaltigkeit auch im Politikfeld FTI eine nicht unerhebliche Rolle spielt und im Beobachtungsfokus von Evaluationen liegen sollte. Gerade die Dauerhaftigkeit von Veränderungen, die durch Maßnahmen der Innovationspolitik induziert werden, liegt ja durchaus im Interesse der politisch Handelnden. Die Innovationsfähigkeit auch mittelfristig zu steigern, neue Technologien dauerhaft in Märkte einzuführen und damit ganze Branchen zu verändern, all dies sind sicherlich auch Intentionen der Innovationspolitik.

Und tatsächlich prüfen Evaluationen in unserem Politikfeld zumindest die Voraussetzungen einer Aufdauerstellung der erreichten Veränderungen. Das typische Dilemma unsere Evaluationen, ein sehr früher Zeitpunkt der Analyse, der eine echte Messung von Veränderungen eigentlich nicht zulässt, führt jedoch dazu, dass wir faktisch nur sehr wenig darüber wissen, wie dauerhaft die beobachteten oder prognostizierten Veränderungen wirklich sind. Es gibt interessante Evaluationsergebnisse aus Großbritannien, die zeigen, dass z.B. die Veränderung des Innovationsverhaltens von KMU, die Innovationsgutscheine in Anspruch nehmen, von sehr begrenzter Dauer sein kann und zum Teil innerhalb von wenigen Jahren nicht mehr messbar ist. Spannend wäre sicher eine Untersuchung, wie lange die Halbwertszeit der Wirkung von FTI-Maßnahmen in Deutschland ist.

Die zweite Definition von Nachhaltigkeit, also die Wirkung in mindestens drei Dimensionen, einer ökonomischen, einer ökologischen und einer sozialen, wird in Evaluationen unseres Politikfeldes in der Regel eher weniger adressiert. Mit der klassischen Argumentationslogik für Innovationspolitik, nämlich der Hoffnung, dass sie ein wesentlicher Treiber für Wachstum und Wohlstand ist, ist die Dimension der ökonomischen Wirkung sehr präsent in Evaluationen. Entsprechend werden Umsatzveränderungen, Neueinstellungen und Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit wo möglich immer gerne untersucht.

Zumindest für Technologiefelder, die explizit auch auf die Bereiche Energie und Mobilität zielen, sind ökologische Wirkungen ein weiter Zielbereich. Fördermaßnahmen der Elektromobilität, der erneuerbaren Energien oder der Materialeffizienz adressieren immer auch ökologische Wirkungen. Allerdings gilt auch hier, dass die Wirkungsvermutungen in der Regel durch Plausibilitätsannahmen ex-ante überprüft werden, das z.B. eine Wirkungsmodellierung Hinweise darauf gibt, ob entsprechende Wirkungen in der Zukunft wahrscheinlich sind. Echte Messungen der Wirkungen in dieser ökologischen Dimension finden in der Regel nicht statt. Es wird heute z. B.  nicht gemessen, ob die CO2-Belastung tatsächlich durch Förderung von Technologieentwicklung im Bereich der Elektromobilität zurückgegangen ist. auch das hat natürlich damit zu tun, dass die erwarteten Wirkungen zu einem deutlich späteren Zeitpunkt stattfinden und von vielen weiteren Faktoren beeinflusst werden, dass also der Zeitpunkt der Messung und die Kausalität kaum lösbare Probleme darstellen.

Die soziale Dimension schließlich ist deutlich unterbelichtet in unseren Evaluationen. Möglicherweise spielt noch eine Rolle, ob spätere Nutzer eines neuen Produktes oder einer neuen Dienstleistung auch entsprechende Komfort-Vorteile genießen, oder ob die regionalen wirtschaftlichen Auswirkungen der Intervention zu einer Steigerung von Wohlstand, Lebensqualität und Attraktivität der Regionen führen. Viele soziale Dimensionen sind aber weiterhin eher nicht im Fokus. Die Auswirkungen auf Genderaspekte werden in deutschen FTI-Evaluationen in der Regel nicht in den Blick genommen. Gleiches gilt für die Auswirkungen auf soziale Ungleichheit oder Partizipationsmöglichkeiten.
Mit der Veränderung der Innovationspolitik selbst könnte sich dies aber in naher Zukunft ändern. Mit der Missionsorientierung rücken  ganzheitliche Ansätze stärker in den Mittelpunkt der Innovationspolitik, partizipative Ansätze werden vermehrt realisiert. 

Missionsorientierung bedeutet auch, das komplexere Interventionen geplant werden, dass der Blick sich auf das Zusammenwirken unterschiedliche Maßnahmen richtet. In diesem Sinne könnte der systemische Gedanke des Nachhaltigkeitskonzepts auch stärker in der Konzeption von innovationspolitischen Maßnahmen ebenso wie in der Evaluation derselben seinen Niederschlag finden.
Innovationspolitik erhält durch diese Umorientierung einen stärker transformativen Charakter, und hier ist es kaum denkbar dass eine der drei Dimensionen Wirtschaft, Ökologie und Gesellschaft nicht berücksichtigt wird. Allerdings braucht es dann auch andere Evaluationsansätze: Querschnittliche Evaluationen, die sich auf viele unterschiedlichen Maßnahmen richten; Längsschnittanalysen, die deutlich längere Zeithorizonte umfassen. qualitative Tiefenuntersuchungen, die auch soziale Dimensionen stärker in den Blick nehmen.

Ich bin mit einem gehörigen Maß an Skepsis auf die diesjährige Tagung gefahren. Das Konzept der Nachhaltigkeit hatte in meiner bisherigen Evaluationspraxis keine Rolle gespielt. Ich bin durchaus angeregt aus Bonn zurückgekehrt. Ich glaube nicht, dass die Dimension der Nachhaltigkeit in naher Zukunft zu einer bestimmenden im Politikfeld FTI werden wird. Aber ich glaube doch, dass einige Anregungen nützlich und sinnvoll wären. Und ich glaube auch, dass sich das Politikfeld insgesamt verändern wird. Nicht nur im Hinblick auf Evaluationen.

Sonntag, 24. Februar 2019

Experimente in der Innovationspolitik

Diese Woche war ich auf der Herrenhausen-Konferenz "The New Role of the State for Diffusion and Emergence of Innovation", einer internationalen Konferenz vor allem von Innovationsökonomen, finanziert von der Volkswagen-Stiftung und organisiert durch die Universitäten Bremen, Jena und Twente. 

Ein Stichwort, dass sich durch viele Beiträge zog und immer wieder auch im Kern der Diskussion stand, war "Experimente". Der Staat solle in der Innovationspolitik stärker auf Experimente zurückgreifen. Doch die Diskussion machte auch deutlich: Jeder versteht etwas anderes unter Experimenten in diesem Kontext.

Das Spektrum reichte von sehr kontrollierten, fast laborhaft arrangierten Experimenten, deren Teilnehmer durch Zufallsprinzip ausgewählt und denen eine Kontrollgruppe zur Seite gestellt werden (randomisierte Kontrollgruppen-Versuche - RCTs), bis hin zu Pilotmaßnahmen der Innovationspolitik, die für eine begrenzte Zeit und in kleineren Umfang umgesetzt und durch eine begleitende Evaluierung ausgewertet werden.

Eigentlich sind es ja mehrere Dimensionen, die in Experimenten zusammen kommen (können). 
  • Experimentieren beschreibt ein Handeln von Versuch und Irrtum, bei dem der Ausgang offen ist. Ich probiere etwas neues aus, meist mehrere Male mit verändertem Vorgehen, bis ich das gewünschte Ergebnis erreiche. Das ganze ist immer wieder mit dem Risiko des Scheiterns verbunden, einer eher ungemütlichen Situationen für den Start. Der Staat scheitert nicht gerne, da dies bei Wahlen sanktioniert werden kann. Deswegen ist er eher konservativ und vertraut auf bewährtes. Die Diskussion auch bei der Konferenz warf dies dem Staat in gewisser Weise vor. Er müsse mutiger sein, neues ausprobieren und dabei das Scheitern in Kauf nehmen. 
  • Ein zweites Verständnis kommt aus der Welt der Wissenschaft, in der das Experiment ein sehr kontrolliertes Vorgehen meint. Die Rahmenbedingungen sind möglichst gut beschrieben in ihrem Einfluss auf das eigentliche Experiment, alles wird ganz genau untersucht, protokolliert und begleitet. Übertragen auf die Innovationspolitik meint dieses Verständnis, dass neue Maßnahmen immer auch durch Evaluationen begleitet sein müssen. Und zwar am besten durch den höchsten nur denkbaren Standard, z.B. in Form einer randomisierten Kontrollgruppenstudie. Das ist natürlich in den meisten innovationspolitischen Anwendungsfällen nur sehr schwer bis gar nicht umzusetzen. 
  • Das Laborhafte zeigt sich auch bei den beiden aktuell in BMBF und BMWi verfolgten Vorgehensweisen, dem regulative Reallabor und dem Experimentierraum, in dem heterogene Akteure in einem geschützten Interaktionsraum zusammenkommen und neue Formen der Zusammenarbeit erproben.

Ein Vortrag der Konferenz machte es sich ganz einfach und nutzte die internationale Vergleichsebene, um alle 6innovationspolitischen Maßnahmen als kleine Experimente zu fassen, von denen man lernen könne. Na ja .....

Unterm Strich finde ich tatsächlich den Gedanken spannend, dass der Staat neues ausprobiert und dabei auch mal mutig ist. Der Staat als innovativer Akteur und nicht allein Ermöglicher von Innovationen. Allerdings, das zeigen die leidvollen Erfahrungen der privaten Akteure, also der Unternehmen, lässt sich innovatives Handeln nicht so einfach verordnen und wird durch manche Organisationsstrukturen auch eher behindert. 

Entsprechend widmen sich auch unterschiedliche Vorschläge neuen Organisationsstrukturen, so z.b. dieses Arbeitspapier zur Einrichtung eines Government Innovation Lab oder dieser Überblicksartikel.

Warum nicht ein Innovationslabor Innovationspolitik schaffen?

Sonntag, 10. Februar 2019

Neue deutsche Industriepolitik - ein paar innovationspolitische Gedanken zur nationalen Industriestrategie

Am 5. Februar hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier seine Industriestrategie vorgestellt. Seitdem sind die Wogen hoch geschlagen, von Empörung bis Zustimmung war alles mit dabei. Aber was hat dieser Diskussionsbeitrag (und so verstehe ich das Altmaier-Papier erst einmal) eigentlich inovationspolitisch zu bedeuten?

Wettbewerb

Ein zentraler Punkt der Strategie berührt die Wettbewerbspolitik. Die bislang durch Bundeskartellamt und EU-Kommission gewährleistete Kontrolle soll an neuen Zieldimensionen ausgerichtet werden. Stärker als bisher soll der Weltmarkt als Massstab genommen werden, da brauche es deutlich größere Unternehmen, weil ja auch die internationalen Wettbewerber (aus China) groß seien. Das Argument ist vor allem vor dem Hintergrund des (gerade an der EU-Kommission gescheiterten) deutsch-französischen Fusionsversuchs im Bahnbereich zu sehen.

In einem offenen Brief kritisierten europäische Ökonomen, dass eine Fusion von Siemens und Alstrom den Wettbewerb zwischen diesen beiden Unternehmen beenden und damit zu wenige Innovationen führen würde und unterstützten die Entscheidung der Kommission. Diverse Ökonomen wiesen auf Twitter zudem darauf hin, dass die absolute Zahl der durch Brüssel untersagten Fusionen eher gering war.

Auch das DIW kritisierte in einer Stellungnahme zur Industriestrategie, dass nachlassender Wettbewerbsdruck Innovationen nicht befördere. Hinreichender Wettbewerb ist auch ein Subindikator im "Innovationsindikator Deutschland". Eine geänderte Fusionskontrolle und innovationspolitische Ziele stehen also in einem gewissen Spannungsfeld.

Picking Winners

In einem Beitrag der ZEIT werden weitere Ökonomen zitiert, die insbesondere die Unternehmensbeispiele des Bundeswirtschaftsministers für unglücklich halten, weil sie einzelne Unternehmen hervorheben, die vielleicht gerade nicht mit staatlichen Mitteln künstlich am Leben gehalten werden sollten, wenn sie nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Auf diese Herausforderung weißt übrigens auch das Papier des BMWi selbst hin.

Den Vorwurf, der Staat versuche durch eine Auswahl von Unternehmen, die gefördert oder begünstigt werden, zukünftigen Erfolg vorauszusehen und maße sich damit an, schlauer als der Markt zu sein ("Picking Winners"), wird auch für die Innovationsförderung im Rahmen von Fachprogrammen erhoben. Besser sei es, entweder nur geeignete Rahmenbedingungen zu setzen (z.B auch durch die Einführung einer steuerlichen FuE-Förderung), oder zumindest technologieoffen zu fördern. Das sehen andere Experten durchaus anders. Der Staat habe erstens die Aufgabe, inhaltliche Schwerpunkte zu setzen und sei zweitens auch in der Lage, mit geeigneten Kriterien erfolgversprechende Ideen und Unternehmen für eine Förderung zu identifizieren. Natürlich kann auch der Staat irren, und dann hat er manchmal viel Geld in den Sand gesetzt. Darum verlässt er sich möglichst auf unabhängige Expertise, auch um politischer Einflussnahme vorzubeugen. Genau darum gibt es bei der Fusionskontrolle durch Bundeskartellamt und EU-Kommission ja auch. Für die Industriestrategie könnte das heißen: Regeln anpassen, aber bei der unabhängigen Anwendung durch neutrale Instanzen bleiben.

Das Neue Deutschland übrigens findet diese Haltung der oben zitierten Ökonomen naiv, der freie Markt regele mitnichten alles zum guten, Länder wie China nähmen massiv Einfluss, und - unausgesprochen - Deutschland müsse dies auch. In einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel unterstützt auch Sigmar Gabriel den Wirtschaftsminister indirekt.

Mittelstand und Großunternehmen

Erhebliche Kritik entzündete sich an der Auswahl der Unternehmensbeispiele im Altmaier-Papier. Hier seien nur große Unternehmen genannt worden, aber es sei doch gerade der innovative Mittelstand, der den Standort Deutschland sichere. Auf den innovativen deutschen Mittelstand verweist z.B. ein Artikel in der NZZ. Allerdings weisen andere Ökonomen wie Mark Schieritz in einem Tweet darauf hin, dass auch große Unternehmen innovativ sind. Tatsächlich stammt ein großteil der innovationsausgaben und auch der Patente in Deutschland von großen Unternehmen. mein Eindruck ist, in dieser Diskussion werden zwei Dimensionen miteinander vermengt. Einerseits die Erkenntnis, die schon bei Schumpeter zu lesen ist, dass Konkurrenz das Geschäft belebt und das junge, neue Unternehmen den Großkonzernen Beine machen (müssen). Und dann die Annahme, dass große, behellige Institutionen gar nicht mehr zu agilem, innovativem Handeln in der Lage sind. Das kann so sein, ist aber doch auch sehr abhängig von der internen Organisation der jeweiligen Institution. Und natürlich haben große Unternehmen auch einen erheblichen Vorteil. Sie haben erhebliche Ressourcen, Zugang zu Know-how und Fachkräften, sie können auch in der Forschung Skaleneffekte nutzen und so weiter und so fort. Klein heißt also nicht immer automatisch auch innovativer.

Es verwundert nicht, dass der Ansatz von Altmaier Großunternehmen zu gefallen scheint, wie die erste Reaktion aus der Konzernspitze der Telekom zeigt.

Erhöhung des Industrieanteils auf 25%

Peter Altmaier möchte den Anteil der Industrie in Deutschland von 23 auf 25% anheben und auch europaweit auf mindestens 20% Industrieanteil kommen. Das ist ein etwas gewagter Vorschlag. Schließlich hängt dieses Jahr davon ab, wie viel Arbeitsplätze tatsächlich in einer automatisierten Fertigung noch gebraucht werden, wie sich Dienstleistungsbranchen entwickeln und überhaupt, welcher Branchenmix in unterschiedlichen Ländern sinnvoll und machbar ist. Diese Idee sehen erste Kommentatoren daher als potenziell dirigistisch und eher naiv an.

Hinter dem Argument des Bundeswirtschaftsminister steckt natürlich die Hoffnung, dass durch Innovationen auch industrielle Fertigung in Europa wieder wettbewerbsfähig wird. tatsächlich scheint das offshoring von fertigungskapazitäten seinen höhepunkt überschritten zu haben. Die Nähe zu Kundenmärkten scheint mittlerweile wichtiger zu sein, als preiswert fertigen zu können. Hier hat die neue Welle der Automatisierung, Industrie 4.0 und so weiter, durchaus seinen Anteil. Andererseits, auch andere Weltregionen können diese Früchte der Innovationen für ihren Standort pflücken.

Standortpolitik

Eher indirekt berührt die neue Industriestrategie die aktuelle Diskussion um Standorte. Mit dem Kohleausstieg ist diese Standortfrage wieder ziemlich in den Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung gerückt. Eine neue Industriepolitik bietet sich daher auch als Hoffnung für Regionen an, die durch den Ausstieg aus der Kohle Strukturwandel zu bewältigen haben. Es häufen sich die Stellungnahmen, die durch die Ansiedlung von Forschungsinstituten und neuen Technologien hoffen, den Strukturwandel sanft bewältigen zu können. Letztlich ist dies aber auch kein besonders neuer Plan. Schon die Versuche, die Solarindustrie in Ostdeutschland mit Förderung zu stärken, war auch dadurch motiviert, die zuvor verzeichneten Verluste an industrieller Kapazität zu kompensieren. Der Erfolg war eher mäßig.

Schutz vor Direktinvestitionen

Ein zentraler Punkt des Papiers ist der Vorschlag, den Ausverkauf zentraler Unternehmen an ausländische Konkurrenz insbesondere aus China verhindern zu können, notfalls auch durch ein Investment des Staates. Dahinter steht die Angst, dass Know-how und Patente abfließen könnten und internationale Wettbewerber stärken. Die Investitionen des deutschen Staates in die heimischen Technologieführer wäre damit verloren. Auch hier weisen einige Kritiker in den letzten Tagen darauf hin, dass viele große deutsche Unternehmen Kapital aus sehr unterschiedlicher internationaler Quelle genutzt haben. Auch Daimler ist, bezogen auf seine Anteilseigner, kein besonders deutscher Konzern.

Auf der anderen Seite nutzen auch deutsche Konzerne die Chance, sich bei interessanten jungen Unternehmen in anderen Ländern einzukaufen. Die Deutschen Autokonzerne z.B. gehen gerne auf Einkaufstour in Israel. Das liegt auch daran, weil die hiesige Startup-Landschaft vielleicht nicht hinreichend interessante Kaufobjekte  bietet. Sollten alle Länder suchen restriktiv sein, wie ist der deutsche wirtschaftsminister im Moment für sein Land vorschlägt, könnten also auch deutsche Unternehmen ein Problem bekommen.

Aus innovationsökonomischer Sicht ist stattdessen eine möglichst große Offenheit ein Faktor, der den Fluss von Know-how begünstigt und damit Innovationsprozesse befördert. Der Innovationsindikator hat in seiner aktuellen Ausgabe auch einen Schwerpunkt auf das Thema Offenheit gelegt und dazu verschiedene Subindikatoren zusammenfasst. Zu ihnen gehören auch ausländische Direktinvestitionen.

Nationale Wertschöpfungsketten

Mit dem Vorschlag des Altmaier-Papiers, Wertschöpfungsketten möglichst national/europäisch zu halten, setzt sich der Ökonom Jeromin Zettelmeyer, bis vor kurzem selbst im BMWi, auf Twitter auseinander. er findet diese Idee weniger überzeugend, da Innovationsprozesse heute international in entsprechenden Wertschöpfungsketten organisiert sind und dies auch große Wettbewerbsvorteile für die entsprechenden Player bedeutet

Innovationspolitik statt Industriepolitik

Ein letzter Kritikpunkt ist grundsätzlicher Natur: Innovationspolitik statt die Schonung der old economy forder Florian Nöll, der Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher  Start-ups, der in den genannten Unternehmen des Altmaier-Papiers eher Digitalisierungs-Verlierer sieht.
In dieselbe Richtung geht auch der Kommentar der drei oben genannten Ökonomen, die für eine Fortführung (und Intensivierung, z.B. durch die Einführung einer steuerlichen FuE Förderung) plädieren.

Fazit

Das Papier zu einer neuen Industriestrategie für Deutschland hat eine erhebliche Debatte ausgelöst. Aus innovationspolitischer Sicht sind eine Reihe größerer Spannungsfelder zu identifizieren. Letztlich lässt sich auch fragen, inwieweit die Strategie implizit durch eine sehr spezifische Wahrnehmung der Wettbewerber beeinflusst wurde. China ist klar der große Konkurrent; die chinesische Strategie 2025 ist die Blaupause, an der sich auch das deutsche Papier ab arbeitet. Ob diese chinesische Strategie aber wirklich erfolgreich war oder sein wird, ist durchaus umstritten. Ob ein mächtiger, top-down durchregieren der Staat eine bessere Industrie- und Innovationspolitik Macht als ein Staat, der die richtigen Rahmenbedingungen setzt, ist noch nicht entschieden.