Samstag, 29. August 2015

Die Macht der Sprache

Vor nicht allzu langer Zeit kam ein romantischer Film ins Kino, der die enge, aber doch tragische Beziehung zwischen einem Mann und seinem Handy schilderte. "Her" spielte ziemlich klar auf Siri, die Spracherkennung von Apple an. Im richtigen Leben scheint der Konkurrenten Microsoft die Nase vorn zu haben bei der Entwicklung einer mehr als engen und innige Beziehung zwischen Kunde und Maschine, zumindest in China. Wir uns dieser Artikel zeigt, verbringen immer mehr einsame Chinesen ihre Stunden im Dialog mit einer Spracherkennungsoftware, die scheinbar intelligente Antworten gibt und damit sehr an Eliza erinnert, den ersten maschinellen Psychotherapeuten der Welt.
Diese Beziehung funktioniert natürlich nur, wenn der Mensch sich auf die Illusion einlässt, sein Gegenüber wäre ein intelligentes Wesen. Das ist auch der Kern des Turin-Tests, der wiederum als Grund Grundidee für die folgende Geschichte dienen kann. In den USA nimmt die Zahl der Spam-Anrufe durch Maschinen zu, die vorgaukeln, ein Mensch zu sein und ihren menschlichen Gegenüber etwas aufschwazen wollen. Diese sollen nun laut einem Artikel der Zeit  durch eine kleine App ausgetrickst werden, die in der Lage ist, das Maschinelle am Anrufenden zu erkennen. Sozusagen der maschinelle Turing- Test im Kampf Mensch gegen Maschine.
Zu guter Letzt noch ein Beispiel, in dem die Spracherkennung etwas Besonderes am Menschen erkennt, nämlich seine Disposition, eine Depression zu entwickeln. Hierfür scheint es spezifische Merkmale des sprachlichen Ausdrucks zu geben, die mittlerweile von Maschinen erkannt werden können. Die Spracherkennung als Onkel Doktor sozusagen.

Sonntag, 23. August 2015

Innovatives China

Chinas Wirtschaft hat turbulente Wochen hinter sich: erst schien im Juli ein echter Börsencrash bevorzustehen, dann wertete die chinesische Regierung wiederholt ihre Währung ab (hier, hier und hier finden sich z. B. Interpretationen der Abwertung). Manche Artikel interpretieren die Abwertung als Bemühung um freiere Wechselkursanpassungen, auch um den Yuan  als internationale Reservewährung zu stärken, möglicher Weise allerdings mit dem Risiko erheblicher Schwankungen. Die Abwertung wird von vielen Kommentatoren aber auch als Versuch der chinesischen Regierung gesehen, chinesische Produkte insbesondere in Europa wieder konkurrenzfähig zu machen, nachdem die Kopplung an den Dollar und dessen Aufwertung gegenüber dem Euro in der Vergangenheit chinesische Exporte teurer gemacht hatten.

Insbesondere die aktuelle Wachstumsschwäche der chinesischen Wirtschaft wird dabei als Hauptmotivation gesehen,sie ist auch die wesentliche Sorge der meisten Kommentatoren,nabhängig von den Börsenschwankungen und Wechselkurskapriolen. Sogar der Begriff der sekularen Stagnation in China wird von manchen Kommentatoren bemüht. China wird nicht mehr  nur als der starke Motor der Weltwirtschaft gesehen, sondern auch als möglicherweise kriselndes Land, dessen Reaktionen auf dauerhafte Wirtschaftsschwäche in unkontrollierbaren und irrationalen Handlungen münden könnte. Dabei ist ein Problem sicher auch, dass offizielle Zahlen immer wieder Anlass zum Zweifeln geben. Dies gilt für die 7% Wachstum, aber z. B. auch für die offiziellen Arbeitslosenzahlen, die weit höher als von staatlichen Stellen angegeben liegen könnten.

Eine wesentliche Herausforderung Chinas liegt, da sind sich die meisten Kommentatoren einig, im Übergang von der Werkbank der Welt zu einer innovationsgetriebenen Industrienation. Wie die Chancen stehen, da wiederum scheiden sich die Geister. In einer der letzten Ausgaben des Economist ging die Kolumne Schumpeter das Thema chinesische Innovationskraft ein wenig systematischer durch und kam zu eher hoffnungsfrohen Ergebnissen. China ziehe seine Markterfolge nicht mehr nur aus mehr oder weniger gelungenen Kopien westlicher Produkte, sondern immer mehr auch aus eigenständigen Innovationen. Der China-Blog von McKinsey hat gerade skizziert, wie fallende Preise chinesische Industrieunternehmen zu erheblichen Prozessinnovationen zwingen, die sie mittelfristig äußerst wettbewerbsfähig ,machen dürften (siehe auch den Blogbeitrag hier).

Gestritten wird über die Rolle des Staates. Ist ein starker, intervenierender Staat eher ein Vor- oder ein Nachteil? Der bereits genannte Economist-Artikel zitiert Quellen, die insbesondere die langfristige Orientierung eines starken Staates positiv hervorheben.
Der Blog des China Policy Instituts wiederum weist kritisch auf die Irrtümer eines staatlich gelenkten Techno-Nationalismus hin, der den Ideen eines offenen Austausches entgegensteht und Innovation als Nullsummenspiel missversteht. Weiter geht ein Interview mit Daren Acemoglu in der aktuellen Zeit-Printausgabe, indem Acemoglu ein echtes, erfolgreiches Innovationssystem in China ohne Demokratie als unrealistisch bewertet. Das Interview ist online noch nicht nachzulesen, im wesentlichen finden sich die Gedanken aber auch schon in einem vergleichbaren Interview aus dem Jahr 2012.

Als Hoffnungszeichen für die Innovationskraft Chinas könnte man die nachfolgende Beobachten werten: In einem meiner letzten Blogs hatte ich davon berichtet, dass Berlin und Tel Aviv eine Partnerschaft in der Gründungsförderung eingehen wollen. Nun berichtet das Portal Kooperation International von der Gründung eines französisch-chinesischen Investitionsfonds für innovative Startups. Frankreich, auf der Suche nach erfolgreichen Gründern, setzt also auf die "Start-up"-Nation China. Ob das gut geht? Zumindest hier haben sogar die optimistischen Kolegen von McKinsey ihre Zweifel. Auf die Frage, ob es ein chinesisches Silicon Valley geben wird, kommen sie ziemlich eindeutig zu einer negativen Antwort.




Sonntag, 12. Juli 2015

Gründungsdiskussion

Ein wenig scheint mir die aktuelle deutsche Diskussion um Unternehmensgründungen auf der Stelle zu treten. Jetzt sind auch schon alte Zahlen die schwache Basis für aufgeregte Artikel. Zumindest provozierte die Antwort auf eine kleine Anfrage der Grünen entsprechende Artikel z.B. bei Spiegel Online, obwohl die Datenbasis nicht wirklich neu und für aufmerksame Leser auch nicht wirkliche aufregend war. Die zugrundegelegten Zahlen des Instituts für Mittelstandsforschung IfM waren schon einige Wochen alt und nicht sehr geheim...

Ähnlich erregt geht es weiter: Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft beklagt in einer neuen Studie den hohen bürokratischen Aufwand in Deutschland und fordert schnellen Bürokratieabbau. Das schadet zwar grundsätzlich nie, aber auch dieser Hebel wird von Gründungsexperten als wesentlicher Grund für schwache Gründungszahlen hierzulande eher bezweifelt. Ganz ähnlich steht es mit einer neuen Studie des Kölner Instituts der Wirtschaft. Wesentlicher Hebel der Gründungsförderung sollte demnach sein, die Jugend doch bitteschön zu kleinen Gründern zu erziehen. Selbstständigkeit über alles, sozusagen.

Das diese wohlfeilen Ratschläge in der Regel von Menschen kommen, die selbst eher einem gepflegten Angestelltendasein nachgehen, überrascht mich nicht. Vielleicht ist es halt doch sehr attraktiv, ein regelmäßiges Einkommen zu genießen, sich auf der Grundlage einer etablierten innerbetrieblichen Arbeitsteilung nicht um jeden Kleinkram kümmern zu müssen und sogar bezahlten Urlaub nehmen zu können. Das gilt natürlich auch für Gründer (und ihre Angestellten) wenn das Unternehmen erst mal läuft, aber bis dahin kann es schon eine kleine Durststrecke geben. Ob hier Schulunterricht wirklich zu einer anderen Einstellung führt, wage ich zu bezweifeln.

Es gibt aber auch spannendere neue Studienergebnisse, z.B. vom ZEW, welches in der jüngsten Ausgabe "Junge Unternehmen",  die leicht hoffnungsfrohen Gründungszahlen im Hightech-Sektor analysiert und einen positiven Zusammenhang mit der Zahl der gemeldeten offenen Stellen erkennt. Je mehr also Fachpersonal in diesen Branchen gesucht wird, desto stärker steigen die Gründungszahlen. Da scheint dann doch mal die Attraktivität angestellter Beschäftigungsverhältnisse und Gründungsneigung entkoppelt zu sein...

Freitag, 19. Juni 2015

Rebound Effekte

Im MIT Technology Review erschien am 4. Juni ein offener Brief über die Digitale Wirtschaft, der unter anderem von Erik Brynjolfsson und Andy McAffee sowie 14 weiteren Personen unterzeichnet war. Die Autoren bezogen sich in diesem Brief auf die aktuelle Diskussion um die Auswirkungen der digitalen Revolution. Bedroht sie nun Arbeitsplätze oder bringt sie der Menschheit eigentlich eine Menge an Wohltaten, wenn wir uns mit entsprechender Qualifizierung und veränderten Firmenstrukturen nur gut genug darauf anpassen? Die Autoren beginnen mit einem klaren Statement: die digitale Revolution bringt zunächst einmal Wohltaten für die Menschheit. Medizinische Diagnostik wird besser, Autos werden sicherer. Und den negativen Effekten auf dem Arbeitsmarkt kann man mit geeigneten Maßnahmen beikommen. Diese positive Bewertung wurde bereits in ersten Blogartikeln angezweifelt.




Vielleicht wird aber mit den Effekten der Digitalisierung aber auch alles gar nicht so dramatisch. Schließlich scheinen die Früchte der Digitalisierung in der Produktivitätsstatistik noch gar nicht angekommen zu sein, Zumindest behauptet dies das Solow-Paradox, das gerade erst von der Süddeutschen Zeitung in einem netten Artikel ausgeführt wurde. Alles also nur ein großer Hype, ein typischer Katastrophendiskurs?




Die Alltagserfahrung vieler Büromenschen scheint die überraschend geringen Effekte der Digitalisierung zunächst zu bestätigen. Das papierlose Büro gibt es nicht, und die Segnungen des Computerzeitalters führen auch nicht zu weniger Schreibarbeit. Im Gegenteil, die Bürokratisierung und der Papierkram scheint eher zuzunehmen. Hier lässt sich möglicherweise ein Effekt beobachten, den ich in Analogie zum berühmten Rebound Effekt der Energiediskussion als Innovations-Rebound bezeichnen möchte. Die segensreichen Wirkungen von Innovationen werden durch gegenläufige Effekte aufgezehrt, die ihren Ursprung in den Schwächen der menschlichen Natur haben:
  • Textverarbeitung und digitale Vernetzung machen Hartkopien unnötig? Billige Drucker und Lesefreundlichkeit sorgt für den Ausdruck ganzer Regenwälder...
  • Der ubiquitäre digitale Zugriff auf Dokumente und Forschungsergebnisse macht wissenschaftliches Arbeiten effizienter? Der Konkurrenzdruck sorgt gleichzeitig für eine Vervielfachung des wissenschaftlichen Outputs, so dass im Ergebnis kein Zeit- oder Qualitätsgewinn bleibt, sondern eine Sintflut an Publikationen, die gar nicht mehr alle gelesen werden können ...
  • Durch soziale Netzwerke können wir endlich mit der halben Welt Kontakt schließen? Mehr als 100 Personen können wir als "echte" bekannte gar nicht verarbeiten oder gar pflegen, der Rest sind digitale Karteileichen, mit denen wir angeben, ohne sie tatsächlich wirklich zu kennen...

  • Vielleicht gibt es diese Innovations-Rebounds auch bei den klassischen Themen der Innovationsforschung: Wir beobachten eine Zunahme der Innovationsintensität bei Teilnehmern an Förderprogrammen? Vielleicht werden hier nur private Innovationsaufwendungen substituiert und Verhaltensveränderungen über eine Firmen-"Leben" hinweg erfasst.
Und was die gefährdeten Arbeitsplätze angeht, so finden z.B. Michaels und Graetz von der LSI in einem kürzlich erschienenen Artikel zurzeit keine deutlichen Effekte. Die Fundstelle habe ich wiederum einem anderen Artikel der Technology Review entnommen, in dem vor allem der Umgang mit möglicher Weise Arbeitsplatz-gefährdender Automatisierung thematisiert wird. Eine Lösung könnte sein, über ein Grundeinkommen oder über eine Beteiligung der Arbeiter und Angestellten an ihren Firmen und ihren Robotern die Früchte der Automatisierung gerechter zu verteilen. Dann würde die Welt zwar weniger menschliche Arbeit brauchen, aber die Effekte wären eher paradiesisch, fast wie im Marxschen Kommunismus nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus beschrieben.


Auch das wird schon vom ein oder anderen Artikel aufgriffen (z.B. in Le Monde oder hier). Aber bevor ich mich dem Traum einer arbeitsfreien und von Robertern gemanagten Welt hingebe (à la Wall-e - siehe hier den entsprechenden Filmausschnitt), hoffe ich auch hier wieder auf einen Innovationsrebound, so dass mir meine Arbeit doch noch erhalten bleibt...

Mittwoch, 3. Juni 2015

Lebenslüge Gründung?



Zurzeit regnet es wieder Zahlen zur deutschen Gründungskultur und zur Gründungshäufigkeit (siehe hier und hier). Es scheint sich zu bestätigen, was niemand wirklich wahrhaben möchte. Die Gründungsneigung, gerade für technologieorientierte Gründungen, ist in Deutschland weiter rückläufig. Und das, obwohl die Gründungsstimmung doch so gut ist. Berlin als international wahrgenommener Gründungsstandort, die Politik voller neuer Ideen und Gelder, und sogar das Privatfernsehen macht mit seinen Gründungsshows mit. Und trotzdem wird nicht mehr, sondern weniger gegründet.

Die Erklärungsversuche wirken auf mich auch etwas hilflos. Die gute Konjunktur sei schuld, die guten Leute würden von der Uni lieber direkt in die etablierten Unternehmen gehen, die sehr attraktive Bedingungen böten. Aber eine gute Konjunktur sollte doch eigentlich Normalzustand sein, die Notgründer sind doch nicht wirklich die Klientel, auf die man hierzulande als potenzielle  schielt. Es sind doch die Leute mit den tollen Ideen, die wir als Gründer wollen.

Zweiter Erklärungsversuch: der demographische Wandel. Auch das finde ich kein echtes Argument. Denn auch daran wird sich nicht wirklich was ändern- Auch wenn Gründerinnen und Gründer aus anderen Ländern in größerer Zahl nach Deutschland kommen, werden sie diesen Rückgang nicht kompensieren.

Dritter Erklärungsversuch: zu wenig Geld. Das stimmt zum Teil sicher, aber die interessanten deutschen Gründer finden zunehmend auch ihr Geld in den USA.

Vierter Erklärungsversuch: Fachkräfte. Hier schreibt derTagesspiegel heute ganz schön von einer möglichen Wahrnehmungsverzerrung der in der Regel noch sehr kleinen Gründer, die sich häufig auf ihr persönliches Umfeld verlassen und die potenziellen Engpässe bei einem weiteren Wachstumsprozess eher überschätzen.

Ich habe die Vermutung, dass wir einer Lebenslüge aufsitzen und dass die Gründungszahlen absehbar nicht so hoch werden, wie sie es während der Dotcom-Blase oder im Nachgang zur deutschen Einheit waren. Ein langfristiger, rückläufiger Trend scheint hier durchzuschlagen, der nicht nur für Deutschland relevant ist, sondern z.B. auch für die USA.

Ich habe auch den Verdacht, dass geringe oder gar rückläufige Gründungszahlen kein Defizitmerkmal sind, sondern im Gegenteil ein Indikator dafür, dass unser Innovationssystem auf anderen Stärken aufbaut. Und das sind eher die anpassungsfähigen etablierten Unternehmen, die sich von jungen Unternehmen nicht so einfach vom Markt drängen lassen. In diesem Fall müssten wir uns allerding besonders Sorgen machen, weil zumindest der Mittelstand nicht mehr wirklich die „Innovationsrakete“ von früher darstellt. Und wo Großunternehmen und große Mittelständler durch eine verstärkte Zusammenarbeit mit Startups frischen Wind und Innovationen noch in ihre Konzerne bringen, verhalten sich kleinere Mittelständler immer noch viel zu zaghaft. 

In diese Richtung haben wir vergangene Woche auf einem Workshop des BMWi diskutiert, bei dem es um eine bessere und intensivere Zusammenarbeit zwischen Jungen Unternehmen auf dem Wachstumspfad und etablierten Mittelständlern ging. Ziel: Junge fördern und Innovationen schneller bei den etablierten Unternehmen zur Anwendung bringen, z.B. um diese fitt für den Umstieg auf Industrie 4.0 zu machen. 

Und in diese Richtung geht auch ein weiterer ganz aktueller Artikel desTagesspiegels. Der berichtet zwar eigentlich über Berlin als Startup-Metropole im internationalen Vergleich, nennt aber dann auch eine noch ausbaufähige Zusammenarbeit zwischen etablierten Mittelständlern und Gründern als Schwäche der deutschen Hauptstadt.

Und natürlich ist eine Förderung von Gründern weiter notwendig, weil sie eben die Hefe für den Innovationsteig in Deutschland sein können. Und es scheint auch so, als wenn die Politik das kapiert hat und einen nicht schlechten Job macht. Nur beim Matching von Mittelstand und Jungunternehmen fehlt mir noch das richtige Instrument. Von alleine scheint sich das im Moment  nicht zu regeln.

Freitag, 22. Mai 2015

Internationale Startups

Frankreich importiert Startups. So lässt sich pointiert die Meldung aus Science/Business zusammenfassen, dass ein neues französisches Förderprogramm 50 "handverlesene" Technologie-Gründer nach Frankreich einladen möchte, um in Paris ein Unternehmen aufzubauen. Dabei wird ein preiswerter Air-France Flug geboten, Hilfe bei de Formalia, und 12.00 € pro Person innerhalb von 6 Monaten. Mindestens ein Franzose solle im neuen Unternehmen aber auch beschäftigt werden.


Praktisch zeitgleich nominiert der German Silicon Valley Accelerator 18 neue Preisträger für einen Trip in die USA. Frankreich importiert die Gründer, und Deutschland exportiert sie, fast wie auch sonst im Außenhandel? Wir haben die guten die Ideen, aber schlechte Rahmenbedingungen, während die Franzosen besser sind bei der Gründungsunterstützung, aber ohne ausreichend gute heimische Gründer?


Das stimmt zwar bis zu einem gewissen Grad: Berlin ist Top Zwei der besten Startup-Standorte in Europa, aber der französische VC-Markt ist insgesamt deutlich besser dotiert. Doch so unterschiedlich sind die Strategien im Detail dann auch nicht.


Gerade die Gründer-Boomtown Berlin setzt stark auf eine internationale Vernetzung und auf Attraktivität für ausländische Gründer. Jüngst wurde eine Initiative lanciert, eine Partnerschaft zwischen Tel Aviv und Berlin aufzubauen. Und heute habe ich die Pressemeldung von BerlinPartner gelesen, dass Smart City Startups nach Berlin geholt werden sollen. Sechs Startups aus Israel und den USA erhalten eine zumindest kostenlose Ausstellungsfläche auf der Messe "Metropolitan Solutions Exhibition & Conference" sowie ein organisiertes Match-Making. Das sind keine 12.000€, aber auch hierzulande wäre man über die international besten Ideen und kreativsten Köpfe froh.

Freitag, 8. Mai 2015

Gründerszene

Donnerstag war ich zum ersten Mal auf dem Kongress Junge IKT in Berlin, für den Kollegen von mir verantwortlich zeichnen. Meine Eindrücke: quirlige Atmosphäre, ein breites Spektrum an Unternehmen von sozial Entrepreneurs oder digitalen Marktplätzen bis hin zu echten Hardware-Techies. Und auch ein paar wirklich interessante Vorträge und Podiumsdiskussionen.

Die Keynote hielt Frank Riemensperger von Accentures, einer großen, auf Technologien spezialisierten Unternehmensberatung. Spannend fand ich seine Ausführungen, wie seine Firma als "Trüffelschwein" nach interessanten Startups sucht und dann großen Unternehmen als Kooperationspartner vermittelt, um deren inkrementelle Innovationskultur auf Trab zu bringen. Bei Accentures nennt sich das dann open Innovation (siehe die Eigendarstellung hier).

Es ist ja eine verbreitete These (und auch schon mal Thema meines Blogs hier gewesen), dass die dicken Tanker der Old Economy den Kontakt zu den jungen, kreativen Gründern brauchen, um sich selbst zu erneuern, und hierfür vermehrt corporate venture nutzen. Sogar die entstehenden Dicktanker der new economy haben Panik, in Routinen zu erstarren und nicht mehr agil genug für den ständigen Wandel zu sein und mühen sich um neue Startups (siehe diesen aktuellen Artikel über Zalando hier).

Interessant dabei die These von Herrn Riemensperger, dass große Familienunternehmen (sein Beispiel: die Firma Otto) mit langfristigen Orientierungen da schneller sind als die Unternehmen mit angestellter Geschäftsführung und sehr kurzen strategischen Horizonten. Vielleicht ist das ja auch ein Erklärungsansatz dafür, dass die deutsche Unternehmenslandschaft in den zurückliegenden jahren weniger Umbrüche erfahren hat als z.B. die durch einen schnellen Unternehmensumsatz gekennzeichnete amerikanische. Und vielleicht ist dann die geringe Quote an schnell wachsenden Startups eher ein Beispiel für erfolgreiches Anpassen der etablierten Unternehmen, die jetzt auch gezielt den Startup-Hype für ihre Überlebensstrategie nutzen...

Als großen Treiber für diese notwendige und durch entsprechende Mittler wie Accentures vielleicht auch beschleunigte Umorientierung machte Herr Riemensperger übrigens die vielbeschworene digitale Revolution aus. Dazu passt sicher, dass Accentures gerade eine Studie veröffentlicht hat, in der viele beschäftigte ihr eigenes Unternehmen als nicht schnell genug bei der digitalen Strategiebildung bewerten.

Und am Nachmittag gab es auf dem Kongress noch eine Diskussion um Inkubatoren und Akzeleratoren, auf der unter anderem die These geäußert wurde, dass diese Aktivitäten doch sowieso eher Feigenblätter seien als echte Faktoren der Veränderung in den großen Unternehmen. Der Vertreter der Akzeleratoren hielt dagegen, dass die kulturelle Wirkung nach innen wesentlich sei, quasi ein Bildungsauftrag der Akzeleratoren-Einheit.

Ein weiteres Thema betraf Frauen und Crowdfunding. Die These hier war, dass weibliche Gründerinnen mit dem Finanzierungsinstrument besser umgehen müssten, weil ihnen die soziale Ansprache als Erfolfsfaktor der Crowdfinanzierung eher liegen sollte. Zahlen dazu wären sicher interessant, ob der Frauenanteil zum Beispiel höher ist als bei anderen Finanzierungsformen, ich kenne dazu aber bislang keine Quelle.

Freitag, 1. Mai 2015

Tag der Arbeit

Rituale dienen der Stabilisierung sozialer Strukturen. Ein etwas aus der Mode gekommenes Ritual ist der erste Mai, der Tag der Arbeit. Wenn allerorts schon Artikel erscheinen (müssen), um die historischen Grundlagen des Tags der Arbeit zu erklären, dann ist der gesellschaftliche Zusammenhang doch etwas in den Hintergrund gerückt.

Heute ist der Tag der Arbeit auch nicht mehr nur Anlass für gewerkschaftliche Aktivitäten, um die Rechte der Arbeitnehmer zu stärken. Nein, in den Feuilletons und Blogs der Republik (und darüber hinaus) wird fleißig auch zur Zukunft der Arbeit geschrieben und lamentiert. Der BITKOM äußert sich heute zum Tag der digitalen Arbeit und schreibt dabei: "31% der Unternehmen wollen stärker auf freie Mitarbeiter setzen." Ist das feste Arbeitsverhältnis in Zeiten von digitaler Vernetzung vielleicht nicht mehr dauerhaft der Normalfall? Andere fordern heute: Arbeit 4.0 braucht Bildung 4.0.

Ein zentrales Thema ist nicht nur heute der drohende Verlust der Arbeit, der aufgrund der Digitalisierung und Verroboterung droht. Zum Beispiel die Süddeutsche gestern einen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht, mit dem Verweis auf ein noch unveröffentlichtes Papier eines Harvard (!) -Professors. Die Argumente sind nicht neu, darum aber auch nicht unbedingt falsch. Sowohl die Spitzenjobs (Anwalt?) als auch die einfachen Routinejobs sind von intelligenten Maschinen bedroht. Der Artikel reiht sich in eine Fülle ähnlicher Artikeln zum Thema ein (z. B. zuletzt dieser), die sich auch ganz konkret fragen, wie sich unser aller Arbeit verändern wird. 

Ich habe mich heute auch gefragt, in wiefern meine Arbeit in den letzten 15 Jahren anders geworden ist. Bis zu einem gewissen Grad habe ich Glück gehabt. Die große Umstellung von der analogen Zeit ohne Computer habe ich nicht mehr erlebt. Ich bin bereits sozialisiert worden mit Word, Powerpoint und Internet. Ich fühle mich sicher, meine Arbeit (Politikberatung) scheint mir nicht so schnell durch Computer übernehmbar zu sein. Aber da haben ich schon ganz andere getäuscht...

Zwei kurze Lese- bzw. Hörhinweise muss ich zu Tag der Arbeit im Zeichen der Digitalisierung noch geben: Die wunderbare Kolumne von Axel Hacke zum Thema offline shopping und wunderbarer Erfindungsreichtum der neuen Internetunternehmen.Nicht nur die Arbeit wird einfach besser, auch der Konsum...

Außerdem empfehle ich den ebenso wunderbaren Hörfunkbeitrag von Hartmut Rosa (wir haben vor 20 Jahren einmal zusammen in Braunschweig Tennis gespielt, aber daran wird er sich nicht erinnern) zur Beschleunigung unser aller Leben. Rosa sagt, Beschleunigung ist dem Kapitalismus inhärent, ohne Wachstum, beständige Innovation und Beschleunigung kommt er nicht aus.Und auch unsere Arbeitswelt beschleunigt sich ständig und überfordert uns alle. Die Aussage, im Moment sei alles ein wenig zu viel, aber das liege nur an x oder y, die höre er dauernd, das sei aber eine Selbsttäuschung und es würde nicht mehr besser. Ja, das (die Klagen und die Beobachtung, dass es nicht wirklich besser wird) kann ich für mein Arbeitsumfeld bestätigen. Die Sendung schließt übrigens mit einem Interview mit zwei Studiogästen, einem deutlich von den Fragen überfordertem Abgeordneten und einem Sozialwissenschaftler. Auf die für mich nahe liegende Frage, was kommt eigentlich, wenn wir alle am Limit angelangt sind bei aller Beschleunigung,und der Kapitalismus trotzdem mehr verlangt, wird nicht eingegangen.

Für mich schließt sich da der Kreis zur Vision der Maschinenwelt. Wenn der Mensch an seine Grenzen kommt, dann gibt es immer noch den digitalen Plan B. Kollege Roboter kann das sicher noch schneller und effizienter. Lieber Hartmut, bau das doch auch in Deine Theorie  noch ein.

Schönen ersten Mai!

Mittwoch, 29. April 2015

smart city und grüne Zukunft der Stadt

Die Zukunftsstadt - Thema des diesjährigen Wissenschaftsjahres - hat Fahrt aufgenommen. Und zwar nicht nur als Botschaft der MS-Wissenschaft im Wissenschaftsjahr, sondern auch in einer Reihe weiterer Aktivitäten. Am 21. April z.B. hat Berlin ein Strategiepapier zur Smart City verabschiedet, unter anderem um sich fit zu machen für eine gemeinsame Bewerbung mit Paris und Bologna um eine europäische Förderung. Der Tagesspiegel greift in seinem Artikel daraus vor allem selbst fahrende Autos (also autonomes Fahren) und sprechende Mülleimer auf und verweist darauf, das eine der Forderungen - ein freies WLan für alle - seit Jahren im Senat eher vor sich hindümpelt und nicht voran kommt.


Am 15. April bereits hatte das BMBF die 52 Sieger im Bundeswettbewerb Zukunftsstadt gekürt, die jetzt zunächst in Bürgerdialogen über die zukünftige Entwicklung ihrer Stadt beraten sollen. Auf seiner Website schreibt das BMBF hierzu, dass die Visionen über drei Phasen hinweg am Ende, ab dem Jahr 2018, in Reallaboren umgesetzt und dem Praxistext unterzogen werden sollen.


Das bei aller Dynamik im Thema Zukunftsstadt nicht immer alles Gold ist, was glänzt, hatte ich bereits in früheren Blogbeiträgen (hier zu Berlin) angerissen. Kritisch mit dem Smart City -Hype hat sich auch der Blog Carta bereits im Februar in diesem Beitrag auseinander gesetzt und vor allem Technikgläubigkeit und kommerzielle Interessen gegeißelt. Wobei das deutsche Konzept der Zukunftsstadt deutlich mehr ist als eine technikzentrierte Smart City. Zur Entstehung der Plattform Zukunftsstadt, die in den letzten Monaten eine Forschungsagenda erarbeitete, hatte ich Anfang 2015 mit meiner Kollegin Katrin Schumann eine kleine Studie veröffentlicht. Darin wird unter anderem deutlich, wie stark die Idee der Zukunftsstatt mit der Vision einer nachhaltigen Stadt verknüpft und wie komplex die Diskussion dann doch ist.


Und wenn das Leitbild der Zukunftsstadt eine grüne, nachhaltige Stadt ist, dann bin ich thematisch wieder in meiner aktuellen Heimatstadt Berlin. Am Beispiel Mobilität kann man die Probleme ganz schön deutlich machen. Als Fahrradfreund freue ich mich, dass der Radverkehr gefühlt dramatisch zugenommen hat. Leider wächst die Infrastruktur nicht immer ähnlich dynamisch mit, schmalbrüstige Radwege mit einer Breite von gefühlt deutlich unter einem Meter sollen Alltagfahrer und Berufspendler genauso aufnehmen wie 20-köpfige Touristengruppen auf ihrer geführten Fahrradstadttour.


Da staunt der Berliner dann über neue Konzepte z.B. für London und erschrickt beim Vergleich mit Kopenhagen, der deutlich ernüchternd ausfällt. Wer mal über den Tellerrand schauen möchte, die Stadt der Zukunft für Fahrradfahrer wird z.B. hier vorgestellt. Immerhin hat Berlin jetzt automatische Zählstellen installiert, nachdem die letzten belastbaren Zahlen über die Zahl der Radfahrer aus dem Jahr 2008 stammte. Auch das ist wohl ein Teil der neuen Smart City...


Schön ist abschließend auch der etwas bissige Essay der Süddeutschen zum Thema Urban Gardening, einem weiteren trendy Thema der Zukunftsstadt, zumindest in Berlin. Max Scharnigg outet sich in diesem Artikel nicht gerade als Freund urbaner Gartenfreuden und beschreibt entsprechende Orte als "kompostierter Flohmarkt, durch den ein Wirbelsturm gezogen ist." Etwas später im Text bezeichnet er diese Aktionen als "betreutes Gärtnern für die herumstümpernde Ökoschicht." Aber recht har er, wenn er die unterschiedlichen Interessen der Stadtbewohner nebeneinander stellt und keinen Grund sieht, die neu aufkeimenden gärtnerischen Ambitionen einer aufgeklärten Mittelschicht höher zu bewerten als beispielsweise die der Hundebesitzer mit Bedarf an Hundeauslaufflächen und Platz zur Befriedigung natürlicher Bedürfnisse ihrer vierpfotigen Freunde.

Dienstag, 21. April 2015

Innovation und Alter

Vor geraumer Zeit arbeitete ich in einem meiner ersten Projekte schon einmal zum Thema Innovationsfähigkeit und Demographischer Wandel. Es ging damals im Förderschwerpunkt "Demotrans" vor allem um die Auswirkungen von / den Umgang mit alternden Belegschaften, in unserem Teilprojekt vor allem in Ostdeutschland.


Einen ganz anderen Aspekt des Demographischen Wandels habe ich die letzten Tage mit Blick auf älter werdende Unternehmenschefs kennen gelernt. Dieser Blogbeitrag fasst einige Trends und Konsequenzen zusammen, die in einer KfW-Publikation Ende März veröffentlich wurden. Es geht im kern um eine sinkende Investitionsbereitschaft älterer Unternehmen, und das angesichts eines zunehmend "alternden" Mittelstands. Der KfW-Beitrag setzt diesem Trend dann auch konsequenter Weise die weiter rückläufigen Gründungszahlen in Deutschland entgegen, die hier kein spürbares Gegengewicht entgegensetzen können.


 Ein weiterer Artikel des Blogs ne-na (Netznachrichten) nimmt die Berührungsängste des Mittelstands gegenüber der digitalen Revolution aufs Korn und schlägt schon den Bogen zu einer möglichen geringeren Innovationsorientierung. Auch hier sind es durchaus älter werdende Unternehmensführungen in den Chefetagen des deutschen Mittelstands, die einer offene Haltung gegenüber digitalen Innovationen zumindest nicht förderlich sind. Ich hatte zum Thema bereits im Dezember einen Blogbeitrag veröffentlicht.


Nimmt man nun noch die sinkende Innovationsorientierung des deutschen Mittelstands (siehe die jährliche ZEW-Publikation im Rahmen der Innovationserhebung oder auch das aktuelle Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation), die ja seit vielen Jahren konsequent nach unten zeigt, so liegt zumindest der Verdacht nahe, das hier ein Zusammenhang besteht.


Auch viele andere Gründe könnten ursächlich für diesen Rückgang mittelständischer Innovationsanstrengungen sein: veränderte Innovationsregime in spezifischen Branchen, in denen nun vor allem die Großindustrie komplexe Innovationsprozesse managed, oder auch eine internationale Arbeitsteilung, die zu anderen Geschäftsmodellen des Mittelstands führt.


Zumindest sind junge Unternehmen kein echter Rettungsanker für einen innovationsperspektivisch etwas schwächelnden Mittelstand. Zum einen geht die Gründungsintensität wie gesagt zurück, so dass wenig "neues Blut" in den Mittelstand kommt. Bis zu einem gewissen Grad ist auch dies ein Effekt demographischer Veränderungen (und für etwa 2/3 des Rückgangs verantwortlich, wie Georg Licht vom ZEW in seinem Editorial hier ausführt).


Zum anderen ist eben auch die Zusammenarbeit von Mittelstand und Gründern eher wenig ausgeprägt. Der Trend geht ja aktuell eher zu Corporate VC der großen Konzerne (siehe auch mein Blogbeitrag hier), die so ihre eigenen Innovationsschwächen durch die Stärken der jungen, kreativen und schnellen Startups ausgleichen wollen.


Beruhigend nur, dass die demographische Falle nicht nur hierzulande zuschlägt. Und ebenfalls beruhigend, dass auch demographisch wachsende Staaten wie die USA ihre Probleme mit Mittelstand und sinkenden Startup-Quoten haben. Da muss es also auch noch andere Gründe geben...



Montag, 2. März 2015

Cogs

Letztes Woche machte eine skurrile Meldung die Runde durch den digitalen Blätterwald (zum Beispiel hierhier, hier und hier). Ein Computerprogramm sei in der Lage, Computerspiele der 70er und 80er Jahre besser als ein Mensch zu spielen. Die etwas hämischeren Kommentare fragten sich, was denn daran so besonders sei, dass auch Computer nun alte Atari-Spiele beherrschten. Die anderen Kommentatoren - und das war die Mehrzahl - zeigte sich beeindruckt (zumal der ursprünglich Artikel auch in Nature erschien, nicht gerade ein Revolverblatt des Wissenschaftsjournalismus). Es war Googles DeepMind, eine der wirklich teuren Neuerwerbungen von Google im Bereich von Deep Learing, der sich die Spiele selbst beibrachte und durch eigenes Lernen Schritt für Schritt meisterte. Nicht nur Google investiert in dieses Deep Learning, auch andere Unternehmen wie Facebook oder Baidu haben entsprechende Unternehmen aufgekauft oder Forschungsabteilungen aufgebaut. Deep Learning scheint wohl besonders interessant für Gebiete wie Mustererkennung und Sprachtechnologie zu sein. 

Ein anderer Hype-Begriff, der mir in den letzten Tagen über den Bildschirm huschte, ist Cognitive Computing. In der Online-Zeit lass ich einen längeren Artikel zum Thema, der aus der neuen Ausgabe von Zeit Wissen stammt. Am bekanntesten wurde Cognitive Computing durch IBM und sein Programm Watson, dass menschliche Teilnehmer in einer bekannten amerikanischen Quiz-Show schlug. Hier geht es eher um die schnelle Verarbeitung ungeheurer Wissensbestände und Lösung konkreter Aufgaben. IBM hat Watson weiterentwickelt und für kommerzielle Zwecke zur Verfügung gestellt. Er hilft jetzt Ärzten bei der Krebsdiagnose oder beantwortet in Zukunft natürlichsprachliche Fragen zu Reisezielen. Mehr und mehr Apps werden erscheinen, die auf die Leistungsfähigkeit Cognitiver Computer wie Watson zurückgreifen (einige Beispiele für Apps finden sich hier). Und BITKOM, der deutsche Branchenverband der IT-Industrie, sieht einen riesigen Markt für Cognitive computing Anwendungen und hat sogar einen Leitfaden für deutsche Unternehmen veröffentlicht.

Der genannte Zeitartikel zur Cogitive Computing lässt aber ähnlich wie ein Guardian-Artikel zu DeepMind nicht die Gänsehaut unerwähnt, die angesichts lernfähiger, sich selbst weiter entwickelnder und in Inselbegabungen bereits "übermenschlicher" Computer entsteht. Der Guardian schreibt:
Last year, the American entrepreneur, Elon Musk, one of Deep Mind’s early investors, described AI as humanity’s greatest existential threat. “Unless you have direct exposure to groups like Deepmind, you have no idea how fast [AI] is growing,” he said. “The risk of something seriously dangerous happening is in the five year timeframe. Ten years at most.” However, the Google team played down the concerns. “We agree with him there are risks that need to be borne in mind, but we’re decades away from any sort of technology that we need to worry about,” Hassabis said.
Das ist das Szenario, dass ich in einem meiner früheren Blogbeiträge im Zusammenhang mit einer neuen Veröffentlichung von "the edge" angesprochen hatte. Und ein selbstlernendes und sich selbst verbesserndes Programm ist vermutlich so etwas wie die "Saat KI" von Nick Bostrom, der ebenfalls in diesem Blogbeitrag angesprochen wurde. Aber solange es nur um die Abwehr von "Space Invaders" geht, dollen mir solche Programme recht sein...

Samstag, 21. Februar 2015

Lange Zeitreihen 4

Eines der beeindruckensten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe, war "Gewalt" von Steven Pinker. Pinker verfolgt darin die These, dass die Gewaltbereitschaft der westlichen Zivilisationen in den letzten Jahrhunderten kontinuierlich abgenommen hat. Letztlich unterlegt er empirische eine These, die schon Norbert Elias in seinem Buch über den Prozess der Zivilisation vertreten hatte. Von Ausschlägen kriegerischer Gewalt abgesehen sinkt die Rate der Gewalt, gemessen zum Beispiel an Morden, kontinuierlich seit Jahrhunderten. Und dieser Trend setzt sich auch im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert fort. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das Ende der Fahnenstange schon erreicht ist.


































Was hat das nun für die Innovationspolitik zu bedeuten? Ich denke, die Konsequenzen einer weiter sinkenden Gewaltbereitschaft werden sich sowohl auf der Ebene militärische Auseinandersetzungen und Militärtechnik wie auch im ganz zivilen Leben sehr deutlich zeigen. Militärisch ist es vermutlich die Durchsetzung von Technologie, die den Menschen, diesem Fall die Soldaten, immer weiter weg von den eigentlichen Kampfhandlungen rücken lässt. Was die Drohnen-Industrie heute zu bieten hat, ist beeindruckend bis erschreckend. Ein interessantes Hintergrund-Feature habe ich letztens im Deutschlandfunk dazu gehört. Die Versuche, den Einsatz von Drohnen zu verbieten, zum Beispiel durch eine internationale Konvention, scheinen mir mittelfristig mit wenig Hoffnung auf Erfolg. Verwundete und tote Soldaten aus dem eigenen Land werden angesichts sinkender Gewalt-Toleranz immer weniger akzeptiert. Und die technologischen Möglichkeiten wachsen. Kriege werden also, zumindest durch die westlichen industrialisierten Länder, zunehmend indirekt vermittelt durch Drohnen (oder sollte  ich sagen Kampfroboter?) geführt. Und diese militärische Technologie wird sich auch in den zivilen Alltag durchschlagen. Nette bewegte Bilder aus dem nicht-militärischen Bereich findet man zum Beispiel hier von einer Rettungsdrohne oder einem Laufroboter.

Andere Sicherheitstechnologien betreffen eher das Privatleben: Wenn es darum geht, durch technologische Überwachung mich und andere zu schützen, dann ist das immer eine Abwägung zwischen einem selbstbestimmten, möglicherweise auch Risiko-affinen Leben und externer Kontrolle. Da aber Gewalt immer weniger akzeptabel ist - und das heißt auch, dass Verletzungen, Unfälle und ähnliches nicht mehr so gern gesehen werden - führt das dazu, dass uns entsprechende Technologien im Zweifelsfall sanft in die Arme fallen, wenn wir dumme Dinge tun wollen. Je klüger Computer und die schlauen Dinge des "Internets der Dinge" werden, desto eher können sie erkennen, wenn wir dümmer bzw. unvernünftiger sind. Dazu brauchen sie Informationen und Daten, und die sollen wir ihnen dann auch geben. Das wird die Gesellschaft verlangen, wenn es sich rechnet und Leib und Leben schützt. Schon jetzt experimentieren ja erste Krankenkassen damit (siehe auch mein Blogbeitrag hier). Wie solcher sanfter Paternalismus im intelligenten Auto aussehen kann, schildert dieser Radiobeitrag. 

Dienstag, 3. Februar 2015

Lange Zeitreihen 3

Ende des Monats wird die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) wieder ihr Gutachten zur Innovationspolitik der Bundesregierung überreichen, und wieder wird sie darauf hinweisen, dass Unternehmensgründungen, insbesondere im Hochtechnologie-Bereich, nicht gerade eine deutsche Stärke darstellen. So hat sie es im letzten Jahr gehalten (hier die entsprechende Studie), und so ist der Tenor schon seit Beginn des Berichtswesens. Mal vom kurzen Aufbäumen um de Jahrtausenwende abgesehen (die Dotcom-Blase), gehen die Gründungszahlen in Deutschand seitdem - als seit 2000 - zurück.



Aber wie war die Entwicklung in der ersten Hälfte der 90er Jahre? Der erste Berich zur technologischen Leisungsfähigkeit berichtet in seinem Kapitel zu Unternehmensgründungen, dass der Wiedervereinigungsboom zunächst anhielt, dann aber im Verlauf der 90er langsam abflachte. Für Technologiegründungen gilt das allerdings nicht, wi die nachfolgende Graphik (hier nur für Westdeutschland) zeigt:

















Ältere Statistiken zu Deutschland habe ich nicht gefunden. Ein Blick in die USA gibt aber möglicher Weise einen Hinweis, wie auch in Deutschland die Dynamik der letzten Jahrzehnte verlaufen sein könnte. Das Brookings-Institut veröffentlicht in einer Studie z.B. folgende Graphik.


















Die Gründungszahlen gehen kontinuierlich nach unten. Die Unternehmen werden immer älter (das ist übrigens auch der Titel der zitierten Studie). Das gilt übrigens mehr oder weniger auch für Technologiefirmen, wie diese Studie der Kauffman-Stiftung mit entsprechenden Daten und Graphen zeigt:













Wenn diese Trends so konstant sind, muss es strukturelle Gründe geben, die tiefer liegen als die in der deutschen Diskussion immer wieder genannten (gründungsfeindliche Rahmenbedingungen, fehlendes Geld etc.).

Freitag, 30. Januar 2015

on-demand economy

Eines der Modethemen des Jahres 2014 war sicherlich die sharing economy. Taxidienste und Ferienwohnungen wurden heiß diskutiert, die Senkung soziale Standards war ein Reizthema. Ging es hier wirklich um das Teilen, war nicht eher die Profitmaximierung Ziel alles Handelns?
Der Economist hat jüngst einen Artikel veröffentlicht, der die Debatte etwas weiter führt und dem Kind einen neuen Namen gibt: die on-demand economy. Es geht um Arbeiten auf Abruf. Darum, Dienstleistungen über Apps, über Onlinemarktplätzte zu vermitteln und traditionelle Unternehmensstrukturen aufzulösen. Jeder ist der Anbieter einer Dienstleistung, es braucht keine festen unternehmerischen Strukturen mehr, und bei Ebay werden Dienstleistungen wie Bücher oder Fahrräder angeboten.  MacHammer in Deutschland ist ein gutes Beispiel.

In der deutschen Diskussion heißt dies dann Crowdworking, zumindest ist dies der Begriff in einer gerade erschienenen Publikationen des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung ZEW. Während der Economist ja hier geradezu einen Trend ausmachte und das Ende der klassischen, von Unternehmen geprägten Volkswirtschaft prognostizierte,so ist das ZEW hier zurückhaltend, zumindest für Deutschland. Cloudworking scheint noch kein Thema zu sein hierzulande.

Aber das mag sich auf kurz oder lang ändern. Zumindest sehen andere Experten für die IT Wirtschaft schon jetzt eine Tendenz dazu, Freelancer stärker einzubinden als traditionelle Arbeitnehmer. Ist das die Zukunft von digitalisierte Arbeit, ist das die Zukunft von Industrie 4.0 und anderen neuen Formen der Arbeit?

Sonntag, 25. Januar 2015

Weltverbesserer

Das Jahr ist noch jung und voller Hoffnung. Da passt es, heute mal zu Weltverbesserungsveranstaltungen zu bloggen. Ich spare mir die Kommentare zum Weltwirtschaftsforum in Davos (auf dem absteigenden Ast? diesmal mit vielen Mitgliedern der Bundesregierung?) und nehme den Einstieg über das 2. Internationale Deutschlandforum, eine Veranstaltung des Kanzleramts am 19. und 20. Januar.

In den Nachrichten wurde ja vor allen Dingen die Bundeskanzlerin gezeigt, wie sie sich kleine Kästen für drahtloses Internet und preiswerte Laptops zeigen lässt. Auf der Seite des Kanzleramts findet man etwas genauere Informationen. Das ganze war ein zweitägiges Forum mit etwa 120 Teilnehmern, parallelen Workshops und gemeinsamen Paneldiskussionen, auf denen dann auch irgendwann die Kanzlerin erschien. Es ging um das große Ganze, um Lösungen für die Welt: wie Innovationen das Leben der Menschen besser machen können. In gewisser Weise auch ein Ansatz, den die Bundesregierung mit ihrer Innovationsstrategie verfolgt. Eingelade war unter anderem John Kao vom Institute for Large Scale Innovation. Was für ein Titel: großformatige Innovationen - in Klammern zur Rettung der Welt - eigentlich scheint dieses Institut vor allen Dingen ein Netzwerk zu sein, zur Diskussion, für gemeinsame Veranstaltungen.

Mit der Rettung der Welt beschäftigt sich nicht nur das Kanzleramt und Herr Kao.
Das Institute for Globally Transformative Technologies hat einen Bericht zu 50 breakthrough technologies veröffentlicht (für eilige Leser hier zusammengefasst). Gefallen hat mir an diesem Bericht mehreres: zum einen der sehr systematischer Ansatz, zunächst die Problemstellung aufgrund unterschiedlicher Studien und Daten zu analysieren. dann in einer ebenfalls sehr systematischen Weise die Anforderungen und Herausforderungen für mögliche Lösungen zu skizzieren, also zum Beispiel, wie der Marktzugang gelingen soll, welche gesellschaftlichen Veränderungen Voraussetzungen für die Lösungen sind und wie anspruchsvoll auf der technologischen Ebene eine mögliche Lösung aussehen müsste. Abgeschätzt wird auch die Hebelwirkung, also welche Innovationen die größten Hebelwirkungen entfalten, und die zeitlich Perspektive, wann also eine entsprechende Innovation zur Verfügung stehen könnte.

Für mich das gelungene Beispiel eine Synthese aus gesellschaftlichen Bedarf und Herausforderungen sowie technologischen Lösungen, sozusagen: society demand meets technology push.