Sonntag, 21. August 2016

Gründerhauptstadt?

Im September wird in Berlin gewählt, schon jetzt wurden die Berliner Parteien von BITKOM und dem Online-Magazin Gründerszene gefragt, wie sie zur Gründungsförderung in der Hauptstadt stehen.

Startups sind hip, und natürlich sind alle Berliner Parteien dafür, diese auch in Zukunft weiter zu fördern. Die konkreten Vorschläge der Parteien sind dann aber relativ langweilig. In den Schulen sollen zum Beispiel mehr Whiteboards stehen, die IBB, also die Berliner Investitionsbank soll ihre Gründungsunterstützung in ähnlicher Höhe beibehalten, Breitband ist natürlich wichtig, und irgendwie soll auch die Bürokratie abgebaut werden, damit Gründer schneller gründen können.

Gründerszene kommt zu dem Fazit, dass alle irgendwie was machen wollen, aber auch, dass Berlin als Gründungsstandort stark ist und vermutlich auch stark bleiben wird, aber nicht wegen der besonders Durchschlag der politischen Aktivitäten, sondern eher, weil Berlin attraktiv für Gründer ist und die Szene aus sich selbst heraus wächst. Hauptsache also, die Politik schadet nicht?

Aber wie stark ist Berlin tatsächlich als Gründungsstandort? Hierzu gibt es aktuell sehr ambivalente Einschränkungen. Aufgeschreckt hat manche Kommentatoren einerseits eine neue Studie von EY. Demnach hat Berlin seine Spitzenposition bei den Startup Investitionen gegenüber London, Paris und Stockholm wieder eingebüßt. Grund dafür ist vor allem, dass letztes Jahr, als die Sensationsmeldung über Berlin als Europas Startup-Hauptstadt durch die Medien gingen, Sondereffekte zum Tragen kamen, wie zum Beispiel die hohen Investitionen in die Rocket Internet Firmen. Die aktuelle Situation ist also näher am tatsächlichen Potenzial der deutschen Hauptstadt. Aber insgesamt sind sich die EY-Fachleute zufrieden, weil in der Breite die Substanz an Gründern da ist und dies auch in Zukunft Wachstum und Entwicklung der Gründerszene in Berlin bedeutet.

Aber vielleicht bringt ja das neue Hypethema fintech zusätzlichen Schub für die hauptstädtische Szene, zumal sich viele Hoffnung machen, nach dem Brexit-Referendum London um seine fintech - Szene zu beerben. Neueste Zahlen einer aktuellen Studie scheinen diese Hoffnungen zu bestärken. Die noch kleine fintech - Szene wächst.

Das Magazin brand eins ist hier allerdings skeptischer, ob fintech wirklich das Zeug für viele neue Unternehmensgründung hat. Die Autoren sehen hier die etablierten Banken deutlich besser positioniert, um mittelfristig echte Gewinne aus fintech-Lösungen zu schlagen.

Unterm Strich bleibt Berlin aber eines der dynamischsten Gründungszentren Europas. Und natürlich kann die Politik dazu beitragen, Gründungsaktivitäten zu fördern und Gründungsneigung in zu stärken. Es gibt es auch weiterhin viele Gruppen, die bislang ihr Potenzial nicht voll ausgeschöpft haben, beispielsweise Gründerinnen. Hierzu habe ich gerade mit einer Kollegin eine neue kleine Studie veröffentlicht, die ich aber erst in einem meiner nächsten Blogs vorstellen werde.

Donnerstag, 11. August 2016

Was wäre wenn? Foresight-Stories

Heute habe ich per Podcast eine längere Podiumsdiskussion zum Brexit und der Wissenschaft bei Dradio Wissen nachgehört, die mich in mehrfacher Hinsicht zum Nachdenken gebracht hat. Es diskutierten Prof. Görner und Prof. Strohschneider, unter anderem über englische (und andere) Populisten. Diese zeichneten sich nicht nur durch ihre Vorlieben für einfache Erklärungsmuster aus, sondern auch durch ein tendenziell wissenschaftsfeindliches Grundverständnis. Riefen sie heute noch Parolen von Lügenpresse, so könnte das morgen schon die Lügenwissenschaft sein.

Alles sehr unappetitlich, aber dann doch auch aus Sicht der Diskutanten auch eine Reaktion auf ein technokratisches Politikverständnis in London und Brüssel, welches die beiden Herren dann flugs gleichsetzten mit einem ökonomischen Imperativ, der kurzfristigen wirtschaftlichen Mehrwert für alles einfordert und demokratische Diskurse gefährdet. Diese Stilisierung des Technokratentums klang in meinen Ohren allerdings nur graduell besser als bei den zuvor gescholtenen Populisten.  

Ebenso einig waren sich die beiden Professoren über ihr Entsetzen angesichts der kopflosen Reaktionen der Brexit-Befürworter. Kaum hätten sie gemerkt, dass sie sich verzockt haben, hätten sie sich aus der Verantwortung gestohlen. Eine klare Vorstellung vom Szenario des Europaaustritts, von den Handlungsmöglichkeiten und Handlungsnotwendigkeiten, hätte bei den politischen Entscheider nicht vorgelegen.

Handelt es sich auch hier um den klaren Fall des Versagens bei der Politikberatung? Ich weiß es nicht, ich kenne die britische Landschaft der Politikberatung nicht gut genug. Auf jeden Fall sind mir in diesem Zusammenhang wieder die jüngsten Foresight'Studien der Stiftung Wissenschaft und Politik in Erinnerung gekommen. Die wohl durchaus kontrovers diskutierte Studie zu möglichen Entwicklungen in Russland, und die übergreifende Studie zu Szenarien der internationalen Politik.

Der Brexit übrigens kommt als internationale szenario in letztgenannter Studie nicht vor. Dafür hatte sich die Zeit in einem ein wenig ironisch gemeinten Artikel, der vor der eigentlichen Brexit-Entscheidung erschienen ist, an so etwas wie ein Szenario gewagt.

Doch nun zuletzt noch einmal auf die britischen Inseln und zu ihrer Foresight-Kultur. Wirkliche rundrum gelungen finde ich die folgende Übung in Zukunfts-Vorausschau: Der Economist veröffentlichte im Mai seine jährliche Sammlung "The World if ", in der er nicht nur einen Blick in die Kristallkugel möglicher Zukünfte wirft, sondern auch alternative Verläufe der Geschichte skizziert. Was wäre zum Beispiel gewesen, wenn sich die beiden Hälften Deutschlands nicht wiedervereinigt hätten.

Außerdem ist für ihn Teil von Foresight auch ein Blick in Technologieentwicklung und gesellschaftliche Trends. Was wäre zum Beispiel, wenn Algorithmen Gesetze schrieben? Sehr spannend! Technologieentwicklung und soziale Trends schließlich sind Perspektiven, die deutsche Foresight-Prozesse in der Innovationspolitik abgedeckt haben. Womit ich am Ende dann doch noch glücklich den Bogen zur Innovationspolitik hinbekommen habe.

Montag, 8. August 2016

Philanthropen?

Vor zwei Wochen brachte die Print-Ausgabe der Zeit (update 13.8.: jetzt online) in ihrem Wirtschaftsteil einen großen Artikel zu den sogenannten neuen Philanthropen. Anlass war die Entscheidung der BMW-Großaktionärin Susanne Klatten, 100 Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren für soziale Zwecke zu spenden.

Der Artikel berichtete, wie gerade in den USA eine regelrechte Spenden-Lawine von Superreichen losgetreten wurde, ausgehend von einer Initiative von Warren Buffett und Bill Gates. Der Artikel geht weiter darauf ein, dass es eine lange Tradition in den USA gibt, angefangen bei den Industrie-Baronen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert, den Carnegies undRockefellers.

Die spendenfreudigen Milliardäre von heute sind aber doch etwas anders, wie ich schon vor ein paar Monaten in diesem Blogbeitrag berichtet hatte. Sie sind viel jünger, und sie sind möglicherweise auch dann, wenn sie Gutes tun, knallhart auf marktwirtschaftliche Mechanismen ausgerichtet. Das zeigt sich in der Art und Weise, wie sie stiften und spenden. Effizienz ist alles, mit dem geringsten Aufwand soll der größtmögliche Nutzen erreicht werden. Die Rendite muss stimmen. Und dafür muss auch gemessen werden können, dass das Spenden-Investment zu Erfolgen führt.

Die Autoren der Zeit meinen, dass dies eine ganz neue Qualität soziale Arbeit nach sich ziehe. Diese müssen nur beweisen, dass sie auch Nutzen stiftet. Dieses allerdings ein hehrer Anspruch, der nicht immer leicht einzulösen ist.

Welch sonderbare Blüten es treiben kann, zeigt  ein Artikel zum Thema Bewertung von sozialen Projekten der Zeitschrift brand eins. Mittlerweile haben sich etliche Beratungsfirmen darauf spezialisiert, Stifter zu unterstützen und Messsysteme zu entwickeln, um tatsächlich den Erfolg des "sozialen Investments" zu messen. Aber es lässt sich halt nicht alles so messen, wie man sich das wünscht. Das oben verlinkte brand eins Heft ist übrigens eine gute Sammlung von Artikeln zum Thema messen und bewerten in allen möglichen Lebenslagen und Kontexten.

Zurück zum Zeit-Artikel. Dieser vermittelt den Eindruck, als wenn eine Kontrolle der Wirksamkeit sozialer Aktivitäten, sei es Sozialarbeit in Deutschland oder Entwicklungspolitik, durch private Stifter ganz neu eingeführt worden wäre. Das ist natürlich Quatsch. Auch staatliche Akteure versuchen seit langem, die Wirkung ihrer Politik zu messen und zu überprüfen. In der Entwicklungspolitik zum Beispiel hat die Evaluation von Förderung eine lange Tradition und ist besser etabliert als in allen anderen Politikbereichen.

Für mich schwingt hier ein ganz anderer Subtext mit. Unternehmer halten sich für die besseren Politiker. Populisten in den verschiedensten Ländern, in den USA, in Tschechien, in Italien wagen die These, das angeblich erfolgreiches Unternehmertum auch gutes Regieren garantieren würde. Mal davon abgesehen dass die meisten Beispiele der jüngeren Geschichte, nehmen wir nur einmal Silvio Berlusconi (und hoffentlich nicht bald auch Donald Trump), nicht gerade die Belastbarkeit dieser These belegen, so liegt den ganzen auch einen sehr vereinfachtes Verständnis staatliche Verwaltung zugrunde. 

Schon die Bundeshaushaltsordnung fordert effizientes und effektives Handeln dieser Verwaltung. Natürlich gibt es auch hier Verschwendung und Fehlinvestitionen. Aber die gibt es in der privaten Wirtschaft auch. Auch die deutschen Vorzeige-Konzerne von Volkswagen über Siemens bis hin zu Daimler haben in der Vergangenheit gezeigt dass sie so manchen Euro in den Sand setzen können.

Und die Überzeichnung der Unternehmerpersönlichkeit, des Firmenlenkers als Held und Supermann schließlich bedient zwar die Sehnsucht vieler Menschen nach Vorbildern, hat aber mit der Wirklichkeit vermutlich recht wenig zu tun. Sie verschleiert nur, dass hier Einzelpersonen geradezu pervers große Summen an Reichtum anhäufen, ohne dass dies in einem Verhältnis zu ihrer Leistung steht. Da hilft dann auch das großzügige Spenden am Ende nicht mehr viel.

Samstag, 6. August 2016

Zeigt der Brexit das Versagen wissenschaftlicher Politikberatung?

Das ist ein ganz schön langer Kater. Auch Wochen nach dem Brexit-Referendum hält der Kopfschmerz an. Die britische Wissenschaft macht sich massive Sorgen um die Folgen für Forschung in Großbritannien. Ich hatte darüber in einem früheren Blogbeitrag berichtet. Und aktuelle Artikel zeigen, dass diese Sorgen eher zu nehmen. Britische Wissenschaftler fragen sich mittlerweile aber auch, warum ihre guten Argumente gegen einen Brexit nicht ausreichend dafür gesorgt haben, die Bevölkerung umzustimmen. Honorige Nobelpreisträger hatten alle Argumente zusammengetragen, warum der Brexit wirtschaftlich eine Katastrophe sein könnte. Ohne Erfolg. Sozialwissenschaftler hatten gezeigt, dass Einwanderung kein Problem, sondern ihr eine Lösung für das britische Sozialsystem sein könnte. Die Mehrheit der Wähler und insbesondere die meinungsgebenden Medien waren anderer Ansicht. Ist wissenschaftliche Politikberatung also unnütz und ohne Effekt?

Es gibt durchaus die Meinung, dass der Konsensus der Wissenschaft über die wirtschaftlichen Folgen eines Brexit so groß durchaus nicht wahr.  Die Aussagen über mögliche Folgen wichen relativ stark voneinander ab, und dies hat  die Wirkung der  wissenschaftlichen Expertise auf die Debatte durchaus geschwächt.

Andere Wissenschaftler haben den Eindruck, dass ein ausreichender Konsens der Wissenschaft über die wirtschaftlichen Folgen eines Brexit durchaus da waren, dass die Medien aber der wissenschaftlichen Meinung zu wenig Platz eingeräumt hätten.

Angesichts der Welle rechtspopulistischer Erfolge in anderen europäischen Staaten und des Erfolgs von Donald Trump im PräsidentschaftsVorwahlkampf geht eine weitere Diskussion darüber, ob Globalisierungsverlierer ausschlaggebend für den Brexit -Erfolg waren. Eine Reihe sozialwissenschaftlichen Analysen des Wählerverhaltens in unterschiedlichen britischen Regionen scheint diese These zu stützen. Andere Studien  beschreiben die Gruppe der  Brexit-Befürworter etwas allgemeine als  "left behind". Dieser Artikel wiederum geht davon aus dass spezifische Werteinstellung ausschlaggebend für das Abstimmungsverhalten waren. Bei der Suche nach den Gründen für das Brexit-Desaster scheint die Wissenschaft also etwas erfolgreicher zu sein.

Etwas hilflos ist "die Wissenschaft", soweit es die denn gibt, bei der Frage, was für Lehren denn aus dem Brexit zu ziehen sind. Diese Frage stellte die Zeitschrift Science fünf renomierten Wissenschaftlern aus Europa, und die Antworten sind, folgt man diesem Blogbeitrag, eher enttäuschen. In der Regel plädieren die Wissenschaftler dafür, ihr spezielles Steckenpferdchen mit noch mehr Fördergeldern zu stärken. Einen wirklichen Lösungsansatz hatten sie nicht parat.

P.S.  ... und die Debatte um notwendige Änderungen bei der wissenschaftlichen Politikberatung geht weiter, hier z.B. für die Ökonomen ...

Samstag, 16. Juli 2016

European Innovation Scoreboard

In der vergangenen Woche hat die Europäische Kommission mal wieder ihr European Innovation Scoreboard veröffentlich. Das macht sie jedes Jahr, und ich habe auch schon in einem meiner früheren Blogs darüber berichtet. Trotzdem lohnt sich ein Blick in die aktuelle Ausgabe, zumal man nicht nur den Gesamtbericht lesen, sondern auch auf einer aktiven Webseite Vergleiche zwischen Ländern und Einzelindikatoren anstellen kann.

Für Deutschland ist die Bilanz durchwachsen. Einerseits ist Deutschland weiterhin Teil der sogenannten Innovation Leader, also der Gruppe der innovationsstärksten Mitglieder der EU. Andererseits ist der deutsche Gesamtindex in den letzten Jahren eher stagnierend bis abnehmen, während andere Länder wie die Niederlande deutlich aufholen und schon fast gleichauf mit Deutschland liegen.

Interessant ist auch die Entwicklung der skandinavischen Länder. Während die top Länder Finnland und Schweden ihre schwächeln, holt Dänemark rasant auf. Es wäre schon spannend zu erfahren, was der Grund hierfür ist, ob bestimmte Politikansätze dafür verantwortlich sind.

Unterschiedlich auch die Entwicklung auf der iberischen Halbinsel. Während Portugal eher an Innovationsstärke gewinnt, rutscht Spanien ab. Und unsere großen westlichen Nachbarn Frankreich und Großbritannien wiederum sind eher auf einem  Aufwärtstrend, wenn auch nicht in der Spitzengruppe wie Deutschland.

Insgesamt nimmt die Konvergenz zwischen den Mitgliedstaaten der EU wieder ab. Es gab schon einmal einen auseinanderstrebenden Trend in der Nachfolge der Finanz- und Wirtschaftskrise, dann sei zunächst so aus als wenn die Länder in ihrer Innovationskraft wieder stärker zusammenrücken, aber jetzt scheint es sich wieder leicht auseinander zu bewegen. Innerhalb der einzelnen Gruppen allerdings ist eher Stabilität angesagt.

Bei all diesen Trends und Vergleichen muss man allerdings berücksichtigen, dass die Daten schon etwa 3 Jahre alt sind, dass dies also ein Blick in die Vergangenheit ist. Das ist auch den Machern des Innovation Scoreboard bewusst, und dieses Jahr haben sie zum ersten Mal darauf reagiert und versucht aktuellere Zahlen einzubeziehen und Trendaussagen zu formulieren. Das ist ein spannender Ansatz, den man sich auch für die deutsche Innovationen Statistik wünschen würde.

Für Deutschland ist der Trend übrigens eher negativ.

Mittwoch, 13. Juli 2016

Robotersteuer und Teamarbeit


in einem Interview hat sich der Chef der Post Frank Appel gerade für eine Robotersteuer ausgesprochen. "Man könnte zum Beispiel bei Arbeit, die von Menschen geleistet wurde, auf die Mehrwertsteuer verzichten – und nur die Arbeit von Robotern besteuern". Im selben Interview hat sich Appel übrigens gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen, wie es gerade erst wieder anlässlich des Schweizer Referendums stark in den Medien diskutiert worden war.

Der Kontext ist klar. Die Angst davor, durch die neu heranrauschende Automatisierungswelle auf breiter Front Arbeitsplätze zu verlieren. Und die Senkung der Arbeitskosten ist natürlich ein bewährtes Mittel, um Arbeit attraktiver und Standorte sicher zu machen. Wenn der Arbeitgeberanteil zur Krankenkasse eingefroren wird, steckt genau diese Logik dahinter. Mir erschließt sich die Logik des Vorschlags trotzdem nicht.

Automatisierte Arbeit wird ja mit diesem Vorschlag relativ gesehen zu menschlicher Arbeit teurer. Und automatisierte Arbeit ist im weltweiten Wettbewerb sicher die Konkurrenz fähigere, ein Standortvorteil. Wir leben ja nicht in einem geschlossenen System. Das nun tatsächlich auf breiter Front menschliche Arbeit nach Deutschland kommt, weil hier Steuervorteile winken, halte ich für eher unwahrscheinlich.

Außerdem lässt sich das sicher nicht so fein auseinanderhalten, wo nur ein Mensch und wo nur ein Roboter gearbeitet hat. Das ist doch völlig weltfremd. In der Regel arbeiten Maschinen und Menschen zusammen, und das Bild vom Roboter führt sowieso in die Ehre. Es sind Softwaresysteme, die den Menschen unterstützen, es ist Intelligenz in der Maschine, die den menschlichen Arbeiter effizienter macht. Die will man da tatsächlich steuerrechtlich zu sortieren, was nur menschliche Arbeit ist.

Der große Trend in der industriellen Produktion ist doch gerade die kollaborative Arbeit von automatisierten Systemen und Menschen.

Apropos kollaborative Arbeit. Zu diesem Thema habe ich gerade einen Klassiker gelesen, das Buch Stahlhöhlen von Isaac Asimov aus den 50er Jahren. In diesem Buch beschreibt er sie mal auf die Vision einer Gesellschaft, in der Roboter und Menschen zusammenleben. Es geht ja ganz im Stil der 50er Jahre vor allen Dingen um humanoider Roboter. Der Held der Geschichte ist übrigens ein Polizist, und einen Roboter-Partner hat er auch.

Auch bei der Polizei wird heute zusammen mit automatisierten Systemen gearbeitet. Publicityträchtig sind immer Meldungen, indem es um Vorhersage Software, predictive computing geht. Ein ganz anderer Vorfall hat aber erst in den letzten Tagen für Aufsehen gesorgt. Der Fall eines Roboters, der eine Bombe zu einem Attentäter transportiert hat und sie dort explodieren ließ. Dagegen hilft auch kein Steuerrecht mehr.

Montag, 27. Juni 2016

Brexit und Wissenschaft

Jetzt ist es also passiert. Eine knappe Mehrheit der Briten hat sich für den brexit entschieden. Eine sehr weitreichende Entscheidung für die Zukunft aus sehr rückwärtsgewandten Motiven heraus. Eine Katastrophe für Großbritannien und für Europa.
Ziemlich eindeutig gegen den brexit und ziemlich deutlich entsetzt waren unter anderem Wissenschaftler auf der Insel (auch wenn es auch in dieser Community auch positive Stimmen gab). Aus ihrer Sicht profitiert Wissenschaft von internationalem Austausch und insbesondere vom europäischen Austausch in enormen Ausmaße. Der brexit trifft die Attraktivität des Wissenschaftssystems ebenso wie er die Chancen auf Austausch in gemeinsamen Projekten verringert.
Die Schweiz hat gerade erfahren, welche Probleme sich für das Wissenschaftssystem ergeben, wenn eine Bevölkerung in einem Referendum die Bande zu Europa lockert. Akzeptiert die Schweiz nicht die Freizügigkeit für das EU-Neumitglied Kroatien, so werden Schweizer Forscher in Zukunft nicht mehr am Forschungsrahmenprogramm teilnehmen können. Und war nicht gerade die Freizügigkeit eines der großen britischen Probleme?
Wenn auch die Überstürzung auf dem Kontinent allgemein sehr groß ist, so beginnen sich doch auch einige potentielle Krisengewinnler mehr oder minder heimlich die Hände zu reiben. Profitiert der Bankenplatz Frankfurt vom Abstieg des Bankenplatzes London? Wird Berlin zur Fintech-Metropole Europas? Wird die deutsche Gründerszene vielleicht ganz allgemein profitieren?
Vielleicht ist ja dieser ganze neumodische Technikkram überhaupt erst Schuld am brexit. Eine leicht verschwörungstheoretisch angehauchte Studie zumindest beschreibt, wie die Argumente für einen Ausstieg Großbritanniens in den sozialen Medien in den letzten Wochen dominierten, und das nicht wegen der menschlichen Kommentare, sondern wegen der bots. Bereits im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf gab es ja den Vorwurf, dass soziale Medien wie Facebook die politische Diskussion und potentiell damit auch das Wahlverhalten massiv beeinflussen könnten.
Vielleicht ist das Ergebnis des brexit-Referendums aber auch eine Verschwörung der Alten gegen die Jungen. Wie soll da noch zukunftsgewandte Politik gemacht werden? Einen gewagten Vergleich sieht angesichts dieser Diskussion Tyler Cowen  in seinem regelmäßigen Block und verweist auf eine in den letzten Tagen veröffentlichte Studie zum Verhalten unsere nächsten Verwandten.

Update: hier ist ein live blog von Science Business zum Thema brexit, science and technology

Samstag, 18. Juni 2016

Mittelschicht, Mittelstand und andere Mythen

Neben Gemeinplätzen wie deutscher Gemütlichkeit oder dem deutschen Wald nimmt die deutsche Mittelschicht einen herausragenden Platz im Selbstverständnis dieser Nation ein. Gestern las ich in einem Feuilleton-Artikel der Süddeutschen Zeitung (hier, allerdings hinter der Bezahlschranke) eine erfrischende Dekonstruktion dieses Mythos.

Der Soziologe Stephan Lessenich skizzierte im Interview, wie gemütlich sich die Mittelschicht seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts im deutschen Sozialstaat eingenistet hat und diese Position durch Abschließungstendenzen gegenüber anderen sozialen Milieus verteidigt. Die Mittelschicht ist wirtschaftlich privilegiert, und sie nimmt für sich politisch in Anspruch, die Leitlinien der deutschen Politik wesentlich zu gestalten.

Ängste um die Auflösung der Mittelschicht hält Lessenich im Wesentlichen für eine Fantasie. Die Mittelschicht habe seit fast 70 Jahren die Erfahrung gemacht, dass es immer bergauf gehe, dass ihnen das Wirtschaftswachstum der Republik zugutekomme, sie ihren Wohlstand auch an ihre Kinder und Enkel vererben können und dass sie das gesellschaftliche und politische Leben dominieren.

Nun droht angesichts säkulare Stagnation ein Ende dieses Dauerwachstums, und der technologische Fortschritt schafft neue Unübersichtlichkeiten und schwer planbare Karrierepfade für die Kinder, die neuen Reichen der digitalen Revolution machen zudem den Mittelstand den Thron als Regent dieser Gesellschaft streitig.

Ein vergleichbarer Mythos wie die deutsche Mittelschicht ist meiner Meinung nach der deutsche Mittelstand. Stütze der Wirtschaft und Garant für Wachstum und Wohlstand, ist er sicher der meistgenannte Akteur des deutschen Wirtschaftsystems.

Im Vergleich zu KMU anderer Länder soll er besonders innovativ sein. Im Vergleich zu Großunternehmen soll er besonders flexibel und agil sein. Natürlich setzt er nicht auf Shareholder-Value, sondern denkt langfristig und strategisch. Und schließlich kümmert er sich fürsorglich um seine Mitarbeiter.

Das alles trifft aber letztlich bloß für einem kleinen Teil dieser heterogenen Gruppe der Unternehmen zu. Die sogenannten hidden champions zum Beispiel sind tatsächlich besonders innovativ und erfolgreich. Im Mittelstand insgesamt geht die Innovationsleistung seit vielen Jahren zurück, und es dominieren im deutschen Innovationssystem eigentlich die große Unternehmen. Ob der deutsche Mittelstand tatsächlich so flexibel und anpassungsfähig ist, daran lassen die besorgniserregenden Berichte um die Unfähigkeit, den Trend Digitalisierung schnell und effizient umzusetzen, doch ein wenig zweifeln.

Mit der Mittelschicht gemeinsam hat der Mittelstand die erfolgreiche Strategie der Abschließung gegenüber anderen Gruppen. Die aktuelle Diskussion um die Erbschaftsteuer macht dies noch einmal deutlich. Auch im Forschungsförderungssystem der Bundesrepublik hat es der Mittelstand geschafft, sich als einzig wahrer Fördermittelempfänger zu stilisieren. Zwar gehen auch Fördermittel an Großunternehmen, das schlechte Gewissen ist aber gar groß dabei.

Klar, eine starke Mittelschicht und ein starke Mittelstand klingt gut, aber ein wenig Skepsis gegenüber einer ausufernden Idealisierung dieser sozialen Konstruktionen ist schon angebracht.

Donnerstag, 9. Juni 2016

Schmetterlingseffek

Gestern hat mir meine Tochter ein Video über Wölfe im Yellowstone Nationalpark gezeigt. Es geht darum, wie die Wiederansiedlung von Wölfen das gesamte Ökosystem verändert hat. Hirsche haben ihr Verhalten verändert, Bäume sind nun gewachsen, wo sie bislang von diesem Hirschen klein gehalten wurden, und sogar Flüsse haben ihren Lauf verändert.

Ähnliche Effekte kann man manchmal auch im Bereich der Innovationspolitik beobachten. So zeigt dieser Artikel, dass das Auftauchen von Uber erhebliche Effekte auf die Gründungsintensität in einer Region haben kann. Insgesamt nimmt die Gründungsintensität ab, dies betrifft dabei insbesondere solche Unternehmen, die vermutlich eher zum Scheitern verurteilt gewesen wären.

Spannend ist auch folgender Zusammenhang, der nicht sofort ersichtlich ist. Im Moment gibt es in Deutschland ja eine intensive Diskussionen um die Übernahme des Roboterherstellers KUKA durch einen chinesischen Investor.  Ich hatte  darauf auch schon in einem letzten Blog  Bezug genommen. Warum die Chinesen gerade an KUKA so stark interessiert sind,  kann vielleicht  der folgende Bericht  verdeutlichen, indem von einer Roboter-Blase geschrieben wird, die in China seltsame Blüten getrieben hat. Da ist das Investment in deutsche High-Tech vielleicht ein sicherer Weg, um an die begehrte Hochtechnologie zu kommen.

Das ist ja schon fast der Sack Reis, der in China umfällt ... Oder doch der Schmetterlingsflügel ....

Samstag, 4. Juni 2016

Realität und Illusion

Angeblich ist ja der Krieg der Vater aller Dinge (ob eine fortress economy nur Vorteile bringt, darüber lässt sich wohl streiten, wie auch dieser Artikel des Economist zu Israel zeigt ). Die Mutter vieler neuer Dinge ist aber meiner Ansicht nach das Spiel. Für ein bisschen Textverarbeitung hat die Chipindustrie nicht die immer neuen hochleistungs Chips entwickelt, die wir in Handys und Computern finden. Im Moment werden insbesondere neue Handygeneration weiter aufgerüstet, um einen ganz neuen spielerischen Erlebnis die technische Grundlage zu schaffen: der Virtual Reality, der Milliardenmärkte vorausgesagt werden. Im Moment blüht die virtuelle Realität ja in einem Hochpreissegment ebenso wie in einer low budget Variante auf.

Dieser zweiten Form habe ich mich seit Weihnachten mit dem Erwerb eines Google cardboard vorsichtig genähert. Es gibt ja mittlerweile wirklich tolle Beispiele für gelungene 3D Filme: noch von den Jahrmärkten meiner Kindheit kenne ich die groß Projektionen auf halbrunde Leinwände, in denen man zum Beispiel Achterbahn vor. Das geht jetzt auch mit Brett beziehungsweise Handy vorm Kopf. Etwas seriöser sind Reportagen, wie sie zum Beispiel die New York Times veröffentlicht und dabei gleich jedem Leser einen Google cardboard mitgeschickt hat. Neuerdings hat der  Economist eine virtuelle Rekonstruktion der antiken Kunstschätze aus Mossul ins Netz gestellt. Und mit ARTE kann man in 3D ins Wasser tauchen oder die Marmorberge von Carrara besuchen.

Interessanterweise wird nicht nur die virtuelle Realität immer realer, nein, auch die reale Realität (kann man das so sagen?) wird immer virtueller. Ich saß letztens zum ersten Mal hinter dem Steuer eines Elektroautos. Grundsätzlich sehr beeindruckend, aber etwas seltsam fand ich schon, das ist keine oder kaum haptische oder akustische Rückkopplungen gibt. Das Lenkrad vibriert nicht, insgesamt ist das Auto so ruhig, als wenn ich mich in einem Film befinden würde. Irgendwann wird es mir schwer fallen, noch zwischen virtueller Realität und echter zu unterscheiden. In diesem Sinne hat vielleicht auch Egon Musk recht, der kürzlich spekulierte, wir wären alle schon in der Matrix.

Alles Instant also. Vielleicht werde ich doch zum Steam Punker.

Sonntag, 29. Mai 2016

Der Zukunft schwaches Rauschen


Heute habe ich es rascheln hören in meiner samstagmorgentlichen Zeitungslektüre. Es war zwar nicht der Weltgeist, aber war es eine Ahnung von Zukunft? War es ein Wispern der Dinge, die da kommen? Oder waren es einfach nur zufällige Meldungen am Samstag?

Wenn Adidas eine neune Turnschuhfabrik in Deutschland baut, ist das schon ein Ereignis. Normalerweise sind Turnschuhe die klassischen Produkte einer globalisierten Wirtschaft.  wie T-Shirts oder Ikea Kleinteile werden sie in Asien preiswert gefertigt und in Europa preiswert verkauft. Jetzt will Adidas die Produktion wieder nach Deutschland verlagern, in einer hochautomatisierten Fabrik mit hoch individualisierter Fertigung. Das Vorzeigebeispiel für Industrie 4.0. Wird sicher einige Arbeitsplätze in Asien Kosten, wenn sich das durchsetzt. Nur werden in den neu errichteten Fabriken in Deutschland kaum neue Arbeitsplätze entstehen. Außer vielleicht bei den Maschinenbauern und Automatisierungsspezialisten.

Adidas wird übrigens in einigen Kommentaren in einem Atemzug mit Foxconn genannt, die die neue Serie des iPhone mit Roboter anfertigen und deshalb nur noch halb so viele Arbeiter brauchen wie zuvor.

Also sind Roboterspezialisten die großen Gewinner? Dazu passt die nächste aktuelle Meldungen. Die Süddeutsche berichtete über die Aktionärsversammlung bei KUKA und die heftigen Auseinandersetzungen über ein chinesisches Angebot zur massiven Aufstockung der Aktienanteile. Ist das der Hausverkauf deutschen Know-hows oder vielmehr der Einstieg von KUKA in die Servicerobotik, die ja das letzte Gutachten der EFI-Kommission als große Schwachstelle der deutschen Hersteller ausgemacht hatte.

Ja die Chinesen, die können einem schon Angst machen. Obwohl sie doch für einen Gutteil des deutschen Wachstums in den letzten Jahren mitverantwortlich waren. Als Absatzmarkt. Übrigens steigt auch das Interesse an China bei den deutschen Startups. Oder zumindest hofft dass die Berliner Wirtschaftsförderung, die jetzt ein neues Vernetzungsprogramm aufgelegt hat. Deutsche Gründer aus Berlin und chinesische Gründer aus Shanghai sollen sich gegenseitig besuchen und das jeweils andere Land als Markt kennenlernen. Ähnliche Vernetzungsprogramme gibt es schon mit New York und Tel Aviv und bald mit Paris.

Àpropos neue Fabriken. VW will nach neusten Gerüchten und Zeitungsartikeln eine Batteriefabrik bauen, um die Elektromobilität der eigenen Flotte in Schwung zu bringen. Das wird ja auch langsam Zeit. Gerade erst hatten die Moderatoren anlässlich der neuen Kaufprämie für Elektroautos gemault, das lieber Geld in den Aufbau solcher Fabriken fließen sollte.  Aber noch scheint nichts entschieden. Bisher hat sich auch noch keiner dazu geäußert, ob dies eine hochautomatisierte Fabrik à la Industrie 4.0 werden wird.

Ebenfalls Teil der Berichterstattung in vielen Medien diesen Samstag war der neue Zukunftsatlas von Prognos. Er misst anhand unterschiedlicher Indikatoren die Zukunftsfähigkeit von Städten in Deutschland. Ziemlich breit hat sich der Tagesspiegel darüber ausgelassen, dass Berlin zwar einerseits mächtig im Ranking nach oben geklettert ist, andererseits gerade die Früchte dieser Entwicklung nur von einem kleinen Teil der Berliner Bevölkerung genossen werden.  Zwar werden viele Technologiefirmen neu gegründet, ihre Mitarbeiter ziehen aber eher zu als dass sie aus der angestammten Berliner Bevölkerung rekrutiert werden. Sind das erste Anzeichen der großen Spaltung, die Tyler Cowen in seinem Buch zum Ende der Mittelmäßigkeit Haus gemacht hatte?

Eine letzte, positive Meldung zum Schluss. Der Anteil der sogenannten Clickworker, der Speerspitze der Gig economy, ist in Deutschland rückläufig. Solange die Wirtschaft rund läuft, scheinen traditionelle Arbeitsverhältnisse doch attraktiver zu sein. Na das lässt ja für die Zukunft hoffen.

Samstag, 21. Mai 2016

Evaluationen und Wissensgesellschaft

Heute morgen habe ich einen schönen Vortrag auf meiner Lieblings-Vortrags Podcast-Website angehört, D-Radio Wissen. Der Soziologe Helmut Willke sprach über die Zukunft der Demokratie in der Wissensgesellschaft. Da lachte der alte Politikwissenschaftler in mir schon ein klein wenig vor Vorfreude.

Seinen Vortrag begannen Willke mit zwei zentralen Thesen. Zum einen ging er davon aus, das die klassische parlamentarische Demokratie zunehmend von der Notwendigkeit eines vertieften Expertenwissens herausgefordert sei. Kein Mensch, auch kein Parlamentariet könne heute noch alle Politikfelder in ihrer Tiefe durchdringen. Ohne Expertenwissen wäre eine vernünftige Steuerung der Politikfelder nicht mehr denkbar.

Ich musste bei diesem Argumentationsschritt an ein Projekt des Global Science Forum der OECD denken, an dem ich vor ein paar Jahren teilgenommen habe. Es ging damals um wissenschaftliche Politikberatung. Anlass waren einmal  das Erdbeben und die Atomkatastrophe in Fukushima gewesen, die in Japan zu einem dramatischen Vertrauensverlust der wissenschaftlichen Politikberatung geführt hatten. Zum anderen hatte ein Erdbeben in Italien zu einer Verurteilung von Geologen geführt, die zu früh Entwarnung gegeben hatten. Der Endbericht des Projektes kam damals zu dem Schluss, das wissenschaftliche Politikberatung heute deutlich heterogene und kontroverse abläuft als früher.

Helmut Wilke forderte wiederum in seinem Vortrag, dass Expertengremien deutlich autonome Verantwortung für die Störung spezifischer Politikfelder übernehmen sollten. Verfassungsgericht und Zentralbanken seine gutes Beispiel dafür, dass auch jenseits der üblichen parlamentarischen Entscheidungsprozesse Experten getriebene regime in spezifischen Politikfeldern möglich und sinnvoll sein, solange reden, also das Parlament, die letzte Entscheidungsgewalt behalte. Wichtig sei außerdem eine hinreichende Pluralität der Gremien, um verschiedene Meinungen und durchaus politische Strömungen zu repräsentieren. Bei ausreichender Transparenz sei eine hohe Akzeptanz der Bevölkerung zu erwarten.

Ich würde den Fokus dieser politischen Steuerung jenseits klassischer parlamentarischer Entscheidungsfindung sogar noch deutlich breiter sehen. Eigentlich geht es doch um die Partizipation unterschiedlicher aktuelles Gruppen, die jeweils für sich Expertenwissen beanspruchen können. Es geht also nicht nur um wissenschaftliche Politikberatung, sondern gerade auch um die Partizipation unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen. Gerade die deutsche Innovationspolitik das hätte ich gerade in Richtung einer partizipativen Politikgestaltung, wenn auch das Ende der Fahnenstange sicher noch lange nicht erreicht ist.

Seine zweite Eingangsthese führte Willke übrigens leider nicht besonders weit aus. Er postulierte, dass neben der klassischen Inputlegitimation politischen Handelns, also insbesondere des Wahlaktes, eine Art Legitimation über Ergebnisse guter Politik immer wichtiger werde. Die Europäische Union, die gerade in ihren Anfangstagen über einen besonderen Mangel an Inputlegitimation verfügt habe, sei ein gutes Beispiel für diese Legitimation über gute Ergebnisse guter Politik.

Und das ist natürlich das beste Argument für eine ausgeprägte Evaluationskultur. Ohne Evidenz für die positive Wirkung guter Politik ist eine ausreichende Legitimation nicht mehr darstellbar. Gerade wenn Experten zunehmend Entscheidungsverantwortung übernehmen sollten, ist eine enge Prüfung der Ergebnisse solcherart realisierter Steuerung umso wichtiger.

Hierzu hat sich Willke nicht geäußert in seinem Vortrag, aber er hat ja auch nochein Buch geschrieben, vielleicht steht da mehr zu ...

Masken

Steve Jobs ist tot, und damit endete auch die Geschichte der großen Technopräsentationen mit Kultstatus von Apple. Google muss mehr schlecht als recht in die Lücke springen. So wieder einmal geschehen in der letzten Woche.

Die interessantesten Novität scheint der Google Assistent zu sein, die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz früherer Google-Produkte. Der Assistent soll eine quasi natürliche Unterhaltung, Fragen und Steuerung ermöglichen. Daraufsetzen ja mittlerweile auch die anderen Internetgrößen wie Microsoft, Facebook oder Amazon. Er wird in diverse Produkte eingebaut sein. Google stellte schon mal einen drahtlosen  Lautsprecher vor, der "always on" ist und alle Fragen beantwortet. Oder einen Kurznachrichtendienst à la WhatsApp.

Der oben zitierte Bericht über die  Entwicklerkonferenz findet diese Neuvorstellungen ja ziemlich unheimlich. Es kann aber auch ganz anders gehen. Da wird nicht die Maschine menschlich, sondern der Mensch schlüpft in die Maschine. So geschehen in dieser Reportage, in der der Autor über seine virtuelle Konferenzteilnahme in den USA berichtet. Er hat dies mit einem Telepräsenzroboter verwirklicht, und seine Reportage liest sich teils ziemlich skurril. Wenn er zum Beispiel zum begehrten Objekt der medialen Berichterstattung und ihm die Journalisten hinterherrennen, wenn er nicht selbsttätig Treppensteigen oder auch Aufzug-Knöpfe und Türklinken bedienen kann. Wenn bunte Fähnchen die unterschiedlichen Roboter voneinander unterscheidbar machen.

Das ist doch mal was anderes als ein Konferenz-Livestream, macht sicher auch mehr Spaß als Videokonferenzen. Zumal der Roboter vom Nutzer selbst navigiert wird, der sich in einer Einführung erst einmal einweisen lassen muss. Der Autor meint dazu, dass vertiefte Computerspiel-Erfahrungen hier durchaus hilfreich sind. Das ist dann nicht mehr virtual reality, sondern ... ?

Jetzt denke ich mir einmal dieses Szenario als Erfolgsgeschichte weiter. Wir alle können überall hin reisen, zumindest in die Haut von solchen Telepräsenzrobotern schlüpfen. Die Straßen und Plätze sind bevölkert von Telepräsenzlern. Wir schauen uns gegenseitig auf den Bildschirm. Aber vielleicht steckt ja nicht in jedem Roboter ein echter Mensch? Vielleicht sind das dann doch nur Simulationen. Schlaue Algorithmen.

In der Literatur ist das alles schon mal dagewesen. Ich empfehle dem geneigten Leser nur die Geschichte "Der Kalkulator " aus den "Sterntagebüchern" von Stanislaw Lem (hier die entscheidende Textpassage).

Und auch so mancher scheinbar künstlich intelligente Dialoge, der von schlauen Algorithmen generiert wird, bedarf dann doch der Hilfe menschlicher Geisteskraft. Die Washington Post berichtet, dass die Schöngeister unter uns wohlmöglich demnächst sehr gesuchte Arbeitskräfte Entschädigung Berlin sein werden.

Da kann ich nur sagen: studiert keine MINT-Fächer sondern Poesie!

Samstag, 7. Mai 2016

Open Access Piraten und das Rundum Sorglos Paket

Open Access ist gerade total in. Die Europäische Kommission hat den Aufbau einer europäischen wissenschaftlichen Cloud verkündet, in der zum Beispiel ab 2017 alle mit öffentlichen europäischen Geldern geförderten wissenschaftlichen Daten verfügbar sein sollen. Die niederländische Präsidentschaft wiederum, die sich sehr starke für das Thema Open Access einsetzt, hat gerade einen Aufruf veröffentlicht nachdem alle europäischen wissenschaftlichen Paper ab 2020 frei zugänglich sein sollen. Dies umzusetzen ist nicht unbedingt ein Selbstläufer, wie zum Beispiel der Leibniz-Forschungsverbund Science 2.0 schreibt. Eine Reihe von Voraussetzungen, Strukturen und Rahmenbedingungen muss gegeben sein.

Und vielleicht wird das ganze öffentliche System auch rechts überholt. Seit ungefähr einem halben Jahr sorgt ja das Portal Sci-Hub für Furore, das praktisch alle wissenschaftlichen Publikationen frei ins Netz stellt. Unter anderem wurde dieses Portal mit Pirate Bay verglichen.  Ist hier nicht ein neuer Robin Hood der Wissenschaft unterwegs? Oder handelt es sich vielleicht um die Disruption des Wissenschaftssystems? Von einigen Autoren werden Analogien wie Spotify genannt, um die Rolle als Game Changer deutlich zu machen. Die betroffenen Verlage, allen voran Elsevier, sehen das aus naheliegenden Gründen ganz anders.

Die möglicherweise disruptive Kraft dieses Portals legen auch neueste Daten nahe, die in dieser Umfrage gesammelt wurden. Einerseits zeigen die Befragungsdaten, dass Nutzer der ganzen Welt und den unterschiedlichsten Beweggründen die illegalen Veröffentlichungen nutzen. Neben Überzeugungstätern sind auch viele dabei, die einfach das praktische und unkomplizierte Verfahren Wert schätzen.

Vielleicht gibt es irgendwann noch eine Flatrate für wissenschaftliche Veröffentlichungen. Die Flatrate für Mobilität hat ja gerade erst Bahnchef Grube als Fernziel ausgegeben. Aber habe ich diese Flatrate nicht eigentlich schon bezahlt? Mit meinem Steuern? Aus denen wissenschaftliche Forschung ja letztlich finanziert wird?

Samstag, 30. April 2016

Auf die Perspektive kommt es an

Heute Nacht ist nicht nur Walpurgisnacht, nein, in Berlin beginnt ein neues Zeitalter.  Ab 1. Mai ist es in Berlin verboten,  kommerziell Ferienwohnungen über Airbnb anzubieten, oder zumindest ist es deutlich eingeschränkt.  Grund dafür ist die Sorge des Berliner Senats, dass zunehmend Wohnraum aus dem Markt für normale Mieter genommen wird und nur noch Touristen zur Verfügung steht.
Die Zeit stellt besonders die Strategie des Senats heraus, die Nachbarn zur Unterstützung bei der Umsetzung einzuladen. Der Artikel geht soweit, das potenzielle Denunziantentum mit der DDR zu vergleichen, bleibt aber insgesamt eher verständig. Die Welt brachte bereits vor einem Jahr einen Beitrag zu Paris, nachdem nach der Gentryfizierung nun die Touristifizierung droht. Aktuell hat die Zeit in ihrer Printausgabe einen Artikel zu London, in dem die amerikanische Soziologin Saskia Sassen durch die Stadt wandelt und die Zerstörung  (hier allerdings durch die globalen Investitionen der durch die Finanzkrise auf der Suche nach neuen Investitionen befindlichen Reichen weltweit ) einer bunten und vielfältigen Stadt klagt. Man kann das natürlich auch etwas neutraler sehen. Gerade hat sich auch das ZEW in einem Working Paper dem Thema Sharing Economy angenommen. Dies wird nach allen Regeln der ökonomischen Kunst auseinander genommen. Unterm Strich finden die Autoren, dass mit ein wenig Regulierung der Mehrwert der neuen Techniken durchaus gehoben werden könnte. Insgesamt aber scheint der Zeitgeist der Sharing Economy im Moment allerdings eher ins Gesicht zu blasen, wie zum Beispiel diese Kritik zu einem neuen Buch über die Sharing Economy zeigt .

Eine andere Alltagserfahrung der digitalen Revolution betrifft sozusagen den digitalen Wiedergänger des alten Mixtape. Ich habe vor kurzem zwei ganz unterschiedliche Beiträge dazu gelesen. Der eine kommt aus der Süddeutschen Zeitung, die seit ein paar Monaten eine schöne Serie zum Thema Digitales hat. Hier äußert sich der Autor ziemlich fasziniert von seinem wöchentlichen Mix-Vorschlag, die in ihm Spotify macht. Der Lernalgorithmus der Maschine scheint nach seiner Sicht tatsächlich dazu zu führen, dass Spotify ihn besser kennt, als er selbst. Die Vorschläge an neuen Musikstücken treffen erschreckend oft ins Schwarze. Dieser Autor des Blogs fivethirtyeight ist da allerdings anderer Ansicht. Er versteht Musik hören als kreativen Akt und will sich das nicht durch einen Algorithmus vorkauen lassen. Ist mir ein wenig zu affektiert, aber es kommt halt auf die Perspektive an ...