Samstag, 17. Juni 2017
Ungleichheit
Samstag, 27. Mai 2017
Chinas big brother schaut auf deine Daten
Kürzlich habe ich im Deutschlandfunk einen Beitritt gehört, der sich mit dem neuen chinesischen Social Credit System beschäftigt. Im Grundsatz geht es darum, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Vertrauenswürdigkeit von Personen mit einem einheitlichen Bewertungssystem zu erfassen und davon abhängig den Zugang zu Privilegien wie Krediten, aber auch Flugtickets und ähnlichem zu regeln. Erfasst werden dabei insbesondere auch Aktivitäten in sozialen Netzwerken und auf Online-Plattformen, auch Kaufgewohnheiten, Aktivitätsmuster und ähnliches. Die offizielle Begründung des chinesischen Staates ziel stark auf ein funktionierendes System, um die Kreditwürdigkeit von Personen festzustellen. Ein System ähnlich dem deutschen, wo die Schufa diese Funktion übernimmt, gibt es bislang noch nicht. Aber eigentlich sind sich alle Kommentatoren einig, dass die Ambitionen des Staates weit über diesen wirtschaftlichen Aspekt hinausgehen. Und jetzt schlagen die Wellen der Diskussion tatsächlich etwas höher. Auch in deutschen Medien ist die Diskussion angekommen, ganz zu schweigen von der angelsächsischen Welt.
Der Economist hatte im Dezember letzten Jahres hierzu einem langen und sehr lesenswerten Artikel veröffentlicht. Er zeigte sich noch unsicher, ob es die technischen Hürden, die in der Tat enorm sind, wirklich überwunden werden können. Auch verwies er darauf, dass die Parteiführung ein erstaunlich offene Diskussion um das Social Credit System zuließ. Und in Deutschland taucht ein Artikel zu diesem Thema mindestens schon ein Jahr früher auf. Die Blogplattform Netzpolitik z.b. beschrieb 2015, wie einerseits regierungsseitig auf das neue System hingearbeitet wird, andererseits auch die großen chinesischen Technologiekonzerne bereits mit ihrem Ratingsystemen entscheidende technische Vorarbeiten geleistet haben. Den schönsten Beitrag aber fand ich einen langen Artikel in der Süddeutschen (deutsch nur kostenpflichtig erhältlich, aber hier auf englisch) vor zwei bis drei Wochen, in dem Kai Strittmatter ausführlich über eine Reise in die chinesische Provinz berichtet, wo das Social Credit System bereits Wirklichkeit geworden ist.
Dreierlei Aspekte finde ich an dieser Entwicklung besonders interessant:
Wird es der chinesischen Regierung gelingen, die technischen Herausforderungen zu meistern? Schon andere Regime sind an der schieren Datenmenge eines allumfassenden Überwachungssystems gescheitert, da haben wir Deutschen auch unsere Erfahrung mit gesammelt. Technologisch zumindest scheinen die Chinesen kräftig aufzurüsten. Es wird erheblich in Forschungskapazitäten zur künstlichen Intelligenz investiert, und bei den Supercomputern legen die Chinesen auch ganz vorne. Das passiert natürlich nicht alles nur, um das Social Credit System aufzubauen. Aber hilfreich kann es sicher sein.
Wird es den Chinesen gelingen, ein in sich abgeschlossenes System aufzubauen? Nur dann kann ein solches Credit System wirklich funktionieren, weil nur dann alle relevanten Aktivitäten und Informationen wirklich getrackt werden. Moment bemüht sich auch hier die chinesische Regierung, z.B. durch den Ausbau der sogenannten Great Firewall oder durch eine Art chinesisches Wikipedia, alles unter Kontrolle zu bekommen. Und sie scheint mit diesem Ansatz in anderen Ländern durchaus Nachahmer zu finden.
Angesichts des Rückzugs der Vereinigten Staaten von der Weltbühne fragt sich, ob China hier stärkeres Gewicht bekommt und sein Rollenmodell der digitalen Steuerung durchsetzt. Wird der chinesische Weg zum Vorbild für andere Länder? Die Diskussion läuft, wie diese interessante Diskussion der China-Plattform chinafile zeigt. aber die Ausstrahlungswirkung hängt natürlich stark davon ab, ob dieses Modell der digitalen top-down Steuerung einer Gesellschaft auch funktioniert. Letztendlich sind das vielleicht auch Größenphantasien, die sich in der Realität als nicht umsetzbar erweisen. Der gescheiterte Ansatz des Kommunismus, Planung in alle Aspekte des Lebens zubringen, durch die digitale Revolution nun doch verwirklicht?
Das alles ist ein riesiges Experiment, dessen Ausgang auch unsere Zukunft beeinflussen wird. Nur wir selbst haben herzlich wenig Einfluss darauf.
Sonntag, 21. Mai 2017
Frühjahrstreffen des Arbeitskreises Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik der DeGEval, einige erste Eindrückeaus deutscher Perspektive
Der nachfolgende Beitrag erschien zuerst auf dem Blog des AK FTI der DeGEval
Gestern, am 19.Mai 2017, fand das diesjährige Frühjahrstreffen des AK FTI der DeGEval statt. Wir haben uns dieses Jahr in Wien getroffen, entsprechend war auch das Programm deutlich österreichisch geprägt, genauso wie die Teilnehmer. Aber es waren auch ein paar deutsche Teilnehmer dabei, und für die waren die Präsentationen möglicherweise sogar noch interessanter als für ihre österreichischen Kollegen, die einiges doch schon gekannt haben dürften. Gerade im Kontrast zur deutschen Evaluationswirklichkeit hatten viele Beiträge ihren besonderen Reiz.
So berichtete Brigitte Ecker (WPZ Research) von der gerade abgeschlossenen Evaluation der österreichischen steuerlichen F&E Förderung. In Deutschland wird das Thema gerade mal wieder heiß diskutiert, und mein Tipp ist schon, dass wir nach der Bundestagswahl eine solche steuerliche Förderung sehen werden. Brigitte Ecker legte den Schwerpunkt ihres Vortrags allerdings weniger auf die inhaltlichen Ergebnisse, sondern vielmehr auf die methodischen Herausforderungen. Und die waren beträchtlich, da die eigentlich interessanten Datensätze kaum miteinander verknüpft werden konnten. Unterm Strich kommt die Evaluation aber durchaus zu dem Ergebnis, dass sich eine steuerliche FuE-Förderung auf das Innovationsverhalten der Unternehmen auswirkt, in diesem Sinne interpretierten die österreichischen Auftraggeber wohl auch die Evaluationsergebnisse als Auftrag, die Förderung weiter auszubauen. Aber aufgepasst, in der deutschen Diskussion wird ja insbesondere ein Effekt für kleine und nur unregelmäßig innovierende KMU erwartet. Und hier scheinen die österreichischen Ergebnisse eine solche Erwartungen nicht unbedingt zu bestätigen. Es lohnt also die Lektüre des Evaluationsberichts.
Sascha Ruhland (KMU Forschung Austria) präsentierte eine Evaluation der Garantieinstrumente der AWS. Der Schwerpunkt lag auf der methodischen Herausforderung eines Kontrollgruppenansatzes, der sich auf einen sogenannten propensity score match Ansatz stützte. Der Beitrag zeigte, wie aufwendig und damit kostspielig so ein Vorgehen letztlich ist. Möglich war es in diesem Fall auch nur, weil die Evaluationseinrichtung (KMU Forschung Austria) Zugang auf einen langjährigen und breiten Datensatz hatte, der für die Auswahl der Kontrollgruppe herangezogen werden konnte. Deutlich ergiebiger war nach Einschätzung des Referenten allerdings der Zugang über Befragung und Interviews, weil nur hier die Wirkungszusammenhänge aufgearbeitet werden konnten. Für die in deutschen Evaluationsausschreibungen mittlerweile fast standardmäßig enthaltene Forderung nach Kontrollgruppen ansetzen ist dies eine interessante Praxiserfahrung gewesen.
Einen in Deutschland eher unbekannten Sachverhalt schilderte der Beitrag von Rupert Pichler und Mario Steyer (BMVIT) zur wirkungsorientierten Haushaltsführung. Über alle Ressorts hinweg muss in Österreich seit ein paar Jahren ein auf verschiedenen Hierarchieebenen gegliedertes System an Zielformulierungen und Indikatoren zur Überprüfung der Zielerreichung formuliert werden. Die Formulierung von Oberzielen der Innovationspolitik ist für das Politikfeld nicht wirklich neu, man denke nur an das 3% Ziel in Deutschland. Möglicherweise ist das in anderen Ressorts anders, daher ist auch die wirkungsorientierte Haushaltsführung vielleicht eine gute Idee, um für konkrete Zielformulierungen zu sensibilisieren. Für die Frühjahrstagung interessierte uns insbesondere, ob dieses übergreifend installierte System Rückwirkungen auf die Evaluationspraxis im Politikfeld hat. Um es kurz zu machen: Hat sie im Moment noch nicht. Während Monitoringdaten, die z.b. die FFG in ihrem Wirkungsmonitoring erheben lässt, auch in das Indikatorensystem der wirkungsorientierten Haushaltsführung einfließen (können), sind Evaluationsergebnisse von klassischen Maßnahmenevaluation in vollkommen losgelöst von diesem System. Hier läuft alles wie bisher.
Ein Vortrags-Block des Frühjahrstreffen widmete sich sogenannten missionsorientierten Programmen und ihrer Evaluation. Die übergreifende Frage war, ob es Unterschiede zu klassischen Programmen z.b. der Technologieförderung gibt. Ein wesentliches Problem solcher missionsorientierten Programme ist, das zeigte sehr schön der Beitrag von Marianne Kulicke (FhG ISI), dass Ziele relativ vage formuliert und kaum in Indikatoren zu operationalisieren sind. Die Ziele haben außerdem einen sehr langfristigen Charakter, sodass sie in Hinblick auf die Zielerreichung kaum evaluierbar sind. Und was auch fehlt, ist häufig ein Wirkmodell, wie klassische F&E Förderung eigentlich zur Erreichung solcher übergeordneten, gesellschaftlichen Ziele beitragen soll.
Friedemann Call vom Projektträger DLR präsentierte eine Evaluation aus Baden-Württemberg zu Maßnahmen im Bereich der Klimaanpassung. Interessant war z.b., dass hier eine ganze Reihe von Maßnahmen schon seit längerer Zeit gefördert werden, während eine übergreifende Strategie auf Landesebene erst nachträglich beschlossen wurde. Entsprechend schwierig war es, hier wieder den Bezug zwischen übergreifender politischer Zielsetzung im Bereich gesellschaftliche Herausforderungen und konkreter Projektförderung zu operationalisieren.
Der letzte Beitrag von Norbert Knoll (AWS) beschäftigte sich mit den Folgen der Digitalisierung auf das Fördergeschäft. Im Moment geht es hier vor allen Dingen um eine Prozessoptimierung und Effizienzsteigerung. Inwiefern hier mittelfristig auch neue Monitoringdaten erzeugt werden, die langfristig bestimmte Evaluationsinhalte versetzen, konnten wir in der Diskussion nur anreißen.
In der abschließenden Diskussion brachten die deutschen Teilnehmer zunächst einmal den Eindruck ein, dass vieles in Österreich doch anders läuft, vermutlich auch bedingt durch die etwas zentralen Strukturen, die sich aus den beiden Agenturen FFG und AWS ergeben. Andererseits ist dann die Evaluationspraxis, sind die Evaluationsberichte in Österreich gar nicht so viel anders als die in Deutschland.
Dienstag, 9. Mai 2017
Die europäische Innovations-Spaltung
Heute, am 9. Mai ist Europatag. Nach dem aufreibenden, emotionalen Kampf um Europa in den letzten Wochen geht dieser Gedenktag heute ein wenig unter. Gerade erst gab beruhigende Nachrichten aus der Politik, z.B. die proeuropäisch verlaufenen Wahlen in Frankreich. Mit Macron scheint Europa ja gewonnen zu haben. Vorher haben die Niederländer brav europäische gewählt, und davor die Österreicher sich für den richtigen Präsidenten entschieden.
Ausgerechnet heute bin ich über eine Meldung gestoßen, die von einem informellen Treffen der Wissenschaftsminister auf Malta in der vergangenen Woche berichtet. Darin wurde unter anderem das Thema der Divergenz in der Forschungs- und Innovationspolitik diskutiert. Die Maltesische Präsidentschaft hat das Thema für die Öffentlichkeit aber nur sehr kurz aufbereitet, auch von den Ergebnissen des Treffens wurde nicht viel bekannt. Tatsächlich klafft nicht nur die Wirtschaftsleistung der noch 28 Mitgliedstaaten gehörig auseinander, nein, auch die Innovationskraft und Forschungsexzellenz ist sehr ungleich verteilt.
Bereits vor einem guten Jahr hatte Reinhilde Veugelers vom Think Tank bruegel über die größer werdenden Abstände zwischen den Mitgliedstaaten berichtet. In einer Präsentation vom November 29016 zeigt Fr. Veugelers noch mehr Zahlen und belegt, dass die Heterogenität nicht wirklich abnimmt, und zwar in den unterschiedlichsten Dimensionen.
Letzten Oktober kam diese Studie zu dem Schluss, dass sich Nord- und Südeuropa in Hinblick auf Forschung und Entwicklung weiter auseinander entwickeln, während Ost und West zusammenwachsen.
Und das ist insofern bedenklich, als wirtschaftliche Entwicklung, Wohlstand und Zufriedenheit eng mit Innovationsfähigkeit verknüpft sind. Wenn Unternehmen nicht mehr innovativ sind, sind sie auf Dauer nicht zukunftsfähig, und damit verlieren auch die Menschen ihre Perspektive.
Eigentlich sollte ja die Europäische Union mit ihren Forschungsförderprogrammen, mit Horizon 2020, aber auch mit der Regional- und Strukturförderung, mit dem Prinzip der smart specialization ausgleichend wirken und den schwächeren Mitgliedstaaten helfen, zu den Innovationsführer aufzuschließen. Nun ja, das scheint im Moment nicht wirklich zu funktionieren. Und insofern ist es nur folgerichtig, dass sich die Forschungsminister hier über eine Strategie unterhalten.
Wie ehrlich man sich dort auf Malta in die Augen geschaut hat, weiß ich allerdings nicht, denn wie gesagt, über Ergebnisse wurde nicht wirklich etwas berichtet. Und so manches Mal neigen die Europäer auch dazu, sich das Leben schöner zu reden. Der Innovationsanzeiger der EU (European Innovation Scoreboard) sieht übrigens in seiner letzten Ausgabe vom Sommer 2016 eher einen Konvergenztrend, allerdings auf niedrigem Niveau.
Na dann ist doch alles gut, oder?
Sonntag, 30. April 2017
Demokratie und Wissenschaft
Im Moment beschäftigt ja der Populismus im Allgemeinen und der Konflikt zwischen Populismus und Wissenschaft im Besonderen die digitalen Medien. Gefährden populistische Parteien die Demokratie? Wird insbesondere die Forderung der Populisten nach mehr Volksabstimmungen zu einem Probleme für die repräsentative Demokratie? Kapern die Populisten die Demokratie? Wird die rational begründete Entscheidung, am besten auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse, durch Bauchgefühl, durch Emotionen an den Rand gedrängt?
Man kann das auch anders sehen. Es gibt in jüngster Zeit einige Artikel, die vermuten das Problem genau dort, wo andere die Lösung sehen. Nämlich in der repräsentativen Demokratie, die nicht mehr so funktioniere, wie ursprünglich gedacht, oder die sogar nie die beste aller Lösungen gewesen sei. Bereits im Februar diesen Jahres hat die Zeit ein langes Dossier veröffentlicht, indem sie Autoren zu Wort kommen lässt, die sich gegen die klassische repräsentative Demokratie wenden und dafür plädieren, zurück zum Original der Antike, zur Athener Demokratie zu kommen, wo Repräsentanten nicht gewählt, sondern gelost wurden.
Es gebe auch aktuell ein Beispiel dafür, wie so etwas funktionieren solle, nämlich die Bürgerversammlungen in Irland, wo tatsächlich durchs Los bestimmte Bürger entscheiden. Sie werden beraten und informiert von Experten, ähnlich wie sich auch Abgeordnete in Ausschüssen mit Expertenmeinungen beschäftigen. Dann sollen sie am Ende Entscheidungen treffen, und tatsächlich hielt sich die irische Regierung an Entscheidungen solche Bürgerversammlungen.
Es gibt auch in Deutschland ähnliche Prozesse, wo die Beteiligung von Bürgern angestrebt wird, wo diese eingeladen werden, gemeinsam mit Experten schwierige Probleme zu diskutieren und sich eine Meinung zu bilden. Meistens stehen auch sogenannte Handlungsempfehlungen am Ende solcher Prozesse. Ich meine die vielen partizipativen Prozesse, die sich mittlerweile in verschiedenen Politikfeldern gebildet haben, auch im Bereich der Forschungs- und Innovationspolitik.
Aber dort käme niemand auf den Gedanken, hier tatsächlich verbindliche Entscheidungen durch Bürgerinnen und Bürger treffen zu lassen. Im Moment experimentiert man noch mit den verschiedenen Beteiligungsmodellen. Ein Grund dafür, dass bindende Entscheidungen solche Gremien bisher undenkbar scheinen, ist auch die Auswahl der Beteiligten. Hier wird ja nicht per Los ein zufälliger Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung gebildet, sondern es sind Freiwillige, die sich aus persönliche Motivation heraus an solchen Prozessen beteiligen. Und da ist es, wie so häufig, eher eine sehr wenig repräsentative Auswahl, es sind dann doch eher die Gebildeten und Interessierten, die in solchen Gremien sitzen. Die Entscheidungen sollen dann doch die gewählten Vertreter des Volkes, die Parlamentarierinen und Parlamentarier, die Ministerinnen und Minister treffen.
Es sieht also so aus, als wenn wir erstmal bei der repräsentativen Demokratie bleiben. Aber ist diese wenigstens funktional? Führt sie zur Auswahl der Besten, und bleibt trotzdem ein Spiegel der Gesellschaft? Für Schweden hat dieser Artikel versucht, eine Antwort zu geben. Interessanterweise in einem Ökonomen-Blog veröffentlicht, untersucht der Artikel, ob durch demokratische Auswahl von Vertretern auch wirklich gute Leute in entsprechende Funktionen kommen. Schließlich seien andere Posten ja subjektiv gesehen durchaus lukrative. Aber das scheint nicht wirklich abzuschrecken. Und außerdem fragt der Autor, ob nur solche Menschen Politiker werden, deren Väter/Mütter und Großmütter/Großväter schon aus gebildeteren und reicheren Schichten stammen. Für Schweden scheint dies nicht der Fall zu sein. Für Deutschland allerdings erinnere ich mich an Artikel, die durchaus im Vergleich früherer Bundestage mit dem von heute zu dem Schluss kommen, dass eine sehr spezielle Auswahl an Personen in unserem Parlament sitzt. Hier haben sich Sozialwissenschaftler recht kritisch zur soziodemografischen Zusammensetzung des aktuellen Bundestags geäußert. Und in diesem Zusammenhang ist sicher auch die Debatte um den Reichtumsbericht der Bundesregierung relevant. Die Positionen ärmere Bevölkerungsschichten zu politischen Fragen würden nicht in gleichem Maße durch die Volksvertreter berücksichtigt wie die reichere Bevölkerungsgruppen. Zu diesem Schluss kam ein Gutachten für besagten Reichtumsbericht, das aber in der Endversion wohl nur noch in Teilen wiedergegeben wurde.
Ein anderer Diskussionspunkt um repräsentative Demokratie zielt auf den Wahlakt als solchen. Seit vielen Jahren geht die Wahlbeteiligung in den meisten Industrieländern zurück. Sind die Leute wahlmüde, funktioniert der Transmissionsriemen der repräsentativen Demokratie nicht mehr? Die aktuell hoch emotionalen Wahlen zum Beispiel bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Frankreich zeigen, dass dann, wenn es um etwas zu gehen scheint, die Wähler durchaus mobilisiert werden können.
Aber brauche ich überhaupt Wahlen, wenn ich durch Umfragen doch schon vorab weiß, wie sie ausgehen? Zwar war gerade in den letzten Monaten die ein oder andere Wahl dabei, wo Umfragen und echtes Wahlergebnis deutlich voneinander abzuweichen schienen. Doch das Beispiel der französischen Präsidentschaftswahlen zeigte, dass Umfrageinstitute auch ziemlich punktgenaue Voraussagen machen können. Und auch wenn Prognosen den einen oder anderen Wähler zu taktischen Wahlverhalten bringen, scheint das Prinzip Wahlen bisher noch zu funktionieren, so zumindest dieser Meinungsbeitrag in einer der letzten Ausgaben der Zeit.
Mit den Möglichkeiten neuer Umfragetools hatte ich mich ja bereits in einem meiner letzten Blogs auseinandergesetzt. Da scheint noch einiges auf uns zu warten.
Was heißt das nun alles für Forschungs- und Innovationspolitik? Z.b., dass parlamentarische Vertretung und repräsentative Demokratie nicht das allein seligmachende Prinzip sind, dass die direkte Beteiligung der Bevölkerung durchaus interessant sein kann, dass es dafür auch spannende neue Formate gibt, das Umfragen hergebrachte Strukturen und Prozesse in Frage stellen und das insgesamt das Thema Partizipation auf der Agenda bleibt. Beteiligung wird noch viel wichtiger werden. In diesem Sinne erwarte ich mir, dass wir in den nächsten Jahren auch im Bereich der Forschungs- und Innovationspolitik noch einiges an neuen Beteiligungsformen sehen werden. Nicht nur wird Open Innovation die Innovationsstrategien der Unternehmen bestimmen, nein auch Open Participation bestimmt die Politik der Zukunft.
Und auch die Wissenschaft muss und demokratisch bleiben. Da wiederum hat die Diskussion rund um den March for Science einiges in Bewegung gesetzt.
Mittwoch, 26. April 2017
Brexit und das Pfeifen im Walde
Samstag, 22. April 2017
Und noch mal March for Science
Eigentlich wollte ich ja nicht über den March for Science schreiben, dazu sind doch eigentlich schon genug Beiträge in den letzten Tagen und Wochen erschienen. Aber als ich mir heute früh noch einmal meine Bookmarks dazu angeschaut habe, fand ich die Vielfalt der Beiträge doch bemerkenswert, daher hier ein Überblick über die besonders interessanten Aspekte.
Es gibt eigentlich kaum einen Beitrag, der das Anliegen grundsätzlich in Frage stellt. Alle finden das Motiv richtig und wichtig. Wissenschaft muss gestärkt werden. Dennoch finden sich viele skeptische Beiträge, die ein Haar in der Suppe finden.
Wie kann man sich gegen eine Vereinnahmung durch das Wissenschafts-Establishment wehren, und gegen den Eindruck, hier nur gegen Trump zu demonstrieren?
Verschleiert eine solche Demonstration nicht gerade, dass Wissenschaftler natürlich auch parteiisch ist und dass sie immer nur vorläufige Wahrheiten produziert?
Dieser Beitrag weist darauf hin, dass die Situation in Deutschland aktuell ganz anders ist als in den USA. Das nämlich Wissenschaft immer stärker auch als Partner der Politik genutzt wird, um Handeln zu legitimieren. Also nicht gerade eine wissenschaftsfeindliche Haltung hierzulande. Das erklärt sicher auch, dass die deutschen Organisatoren des March for Science kräftige Unterstützung von allen Seiten des Wissenschafts-Establishments bekamen.
Dieser Beitrag befürchtet, dass die Demo der Politisierung von Wissenschaft Vorschub leisten wird und unterm Strich der Wissenschaft eher schadet. Besser wäre demnach, die Beteiligung der Gesellschaft an Wissenschaft zu stärken, durch citizen science oder durch ein gesellschaftliches Engagement von Wissenschaftlern.
Und dieser Beitrag aus den USA wiederum geht ganz nüchtern wissenschaftlich an die Sache heran und vergleicht die aktuelle Aktionen mit Demonstrationen der vergangenen 40 Jahre, Daten gibt es hier zu genug. Und der Artikel kommt zu dem Schluss, dass die Wissenschaftsaktion doch einige Parallelen zu den Bauernprotesten früherer Jahre hat, wo ebenfalls ein Berufsstand befürchtete, marginalisiert und finanziell abgehängt zu werden. Vielleicht ein etwas harter Vergleich, aber nicht ganz von der Hand zu weisen, zumindest für die Situation in den USA.
Und es gibt auch den selbstreflexiven Ansatz, wenn der March of Science zum Objekt wissenschaftlicher Forschung wird.
Spannend wird nun vor allen Dingen sein, wie die Berichterstattung über die Demonstration ausfallen wird, insbesondere in den USA. In Deutschland gibt es heute noch andere politische Großveranstaltungen, die vermutlich die Berichterstattung etwas überlagern.
P.S. in der Süddeutschen las ich gestern noch diese lange und teilweise sehr witzig geschriebene Reportage über die Wissenschaftsfeindlichkeit in den USA (online nur gegen Geld, aber in diesem Fall würde ich sagen, es lohnt sich). Der Autor reist erst zu den fundamentalen Christen, die Evolutionstheorie für Unsinn halten. Dann spricht er mit Wissenschaftlern über die Macht großer Konzerne, die bewusst Unsicherheit säen und wissenschaftliche Erkenntnisse in Zweifel ziehen. Er schreibt über das tief verwurzelte Misstrauen gegenüber der Politik und den Eliten in Washington, und wiederholt noch einmal, wie tief die Spaltung in der Gesellschaft und den politischen Lagern ist. Vier Faktoren, die mit dazu beitragen, dass Wissenschaft in den USA deutlicher umstritten ist als z.b. in Deutschland.
Sonntag, 9. April 2017
Unsterblichkeit und Ostern
Samstag, 8. April 2017
Frühling der Wissenschaft
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, so ruft Faust in seinem Osterspaziergang. Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, ist es zwar ziemlich grau und kalt, die letzten Wochen konnten wir aber schon angenehme Frühlings- bis Frühsommertage genießen, mit Temperaturen deutlich über 20 Grad. In anderen Weltgegenden ist es nicht der Osterspaziergang, sondern das Kirschblütenfest, dass die Menschen nach draußen in die Sonne lockt. Der Economist hat gerade eine wunderhübsche und gleichzeitig erschreckende Grafik veröffentlicht, auf der er den Zeitpunkt des Kirschblütenfest in den letzten 1200 Jahren in Japan nachzeichnet. So weit reichen dort die Aufzeichnungen zurück. Und was man sieht, ist das dieser Zeitpunkt im letzten Jahrhundert immer weiter nach vorne gerückt ist, der Klimawandel lässt grüßen.
Wie gesagt, die Grafik ist bezaubernd, und das bringt mich zur jährlichen Verleihung der besten Infografiken, die in diesem Artikel kurz skizziert wird. Es gibt auch einen Preisträger aus Deutschland dabei, aber insgesamt muss man doch sagen, dass anderenorts die hohe Kunst der Infografik stärker gelebt wird als hierzulande. Dabei sind Infografiken ein wunderbarer Weg, Daten und Informationen an Lieschen Müller zu bringen. Wissenschaftskommunikation und Design, Hand in Hand. Brauchen wir nicht mehr davon, angesichts der Herausforderungen, denen sich die Wissenschaft gegenüber sieht? Angesichts des Sperrfeuers, das jetzt aus Washington kommt? Naja, die Infografik wird die Wissenschaft nicht retten, sie dient mir aber als Überleitung zu einem weiteren Thema, dass mich zur Zeit beschäftigt.
Wissenschaft ist unter Druck, und jetzt schlägt die Wissenschaft zurück, spätestens im Mai werden sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf den Straßen der Metropolen dieser Welt vereinen zum march for science.
Das Thema hat interessante Debatten angestoßen, auch in Deutschland sind einige spannende Beiträge dazu erschienen. Lesenswert fand ich z.b. den Beitrag von Herrn Schneidewind, den Chef des Wuppertal Instituts, der auf die enge Verknüpfung von Wissenschaft und Gesellschaft hinwies. Wissenschaft können sich nicht auf ihre neutrale Rolle als Beobachter und Erklärer der Welt zurückziehen. Wissenschaft handle nicht nur von objektiven Fakten, nein sie beeinflusse mit werthaltigen Aussagen auch die Gesellschaft und werde ihrerseits von der Gesellschaft beeinflusst. In diesem Sinne ist es wohl normal, dass sie auch Teil gesellschaftlicher Konflikte wird, wie wir es zur Zeit in den USA segen. Also kein Fundamentalangriff auf die Wissenschaft?
Lesenswert fand ich ebenfalls den Beitrag von Peter Weingart, der sich wissenschaftstheoretisch mit der Beziehung zwischen Wissenschaft und Wahrheit auseinandersetzt und auf die Theorien des Konstruktivismus und des Paradigmenwechsels verweist. Während der Konstruktivismus - stark vereinfacht und verkürzt gesagt - davon ausgeht, dass Erkenntnis immer nur ein temporäres soziales Konstrukt ist, also subjektiv eine Theorie von der Welt schafft, beschreibt die Theorie von Paradigmenwechsel wissenschaftliche Erkenntnisse als temporäre Übereinkünfte von Wissenschaftscommunitys über ihre gemeinsame Sicht der Welt, die in Phasen des Paradigmenwechsels in sehr kurzer Zeit in Frage gestellt und durch neue Theorien über die Welt ersetzt werden.
Beiden Ansätzen ist gemeinsam, dass sie der Laiensicht auf Wissenschaft widersprechen, die eher davon ausgeht dass Wissenschaft tatsächlich absolute, ewig gültige Wahrheiten entdeckt. Ist der Konstruktivismus damit der Wegbereiter von alternativen Fakten, da ja sowieso jede wissenschaftliche Aussagen nur ein zeitlich befristetes Konstrukt ist?
Natürlich nicht. Und um an einem Beispiel deutlich zu machen, wie segensreich und erhellend es manchmal sein kann, jenseits von scheinbar allseits geteilten Überzeugungen auf die Fakten zu prüfen und bestimmte Gemeinplätze in Frage zu stellen, hier noch die Empfehlung auf einen Artikel, der deutlich macht, dass die Osterweiterung der EU keineswegs dazu geführt hat, dass die Entscheidungsfindung im Europäischen Rat schwieriger wurde, Gesetzgebungsverfahren länger dauerten oder dass die osteuropäischen Neumitglieder als Block am laufenden Band Entscheidungen der Altmitglieder torpedierten. Und das ist nicht nur interessant zu erfahren, das ist möglicherweise auch entscheidungsrelevant, wenn es darum geht, ob die EU offen bleibt für Neumitglieder.
Nicht nur die Klimaforschung, auch die Sozialwissenschaften können also manchmal eine wichtige Rolle spielen und zu besserem politischen Handeln beitragen. In diesem Sinne dann doch "raus auf die Straßen, Ihr Freunde der Wissenschaft, zum march for science. Vom Eise befreit sind Strom und Bäche ...
Sonntag, 2. April 2017
Wer gewinnt die nächste Bundestagswahl?
.... das weiß ich leider auch nicht. Aber die Wahl wird wieder spannender, als z.b. noch vor 3 Monaten gedacht. Und damit werden auch Umfragen und Wahlprognosen wieder interessanter. Nach dem doch etwas überraschenden Ergebnisse der Wahl im Saarland wurde in Kommentaren Häme über die Demoskopen ausgegossen, die sich so geirrt hätten. So wurde in manchen Artikeln behauptet, dass Meinungsforschungsinstitute ein Problem damit hätten, dass mittlerweile viele Bürger keinen Festnetzanschluss, sondern fast ausschließlich Mobilfunk nutzen. Das stimmt so natürlich nicht. Der Politologe Oskar Niedermayer stellte zudem in einem Interview mit dem Deutschlandfunk klar, dass die Befragungszahlen kurz vor der Wahl gar nicht so schlecht gewesen sein, dass aber nicht mehr alle Prognosen veröffentlicht wurden. In einem Interview machten Manfred Güllner noch einmal deutlich, dass Wahlumfragen Augenblicksbeobachtungen sind und keine Prognosen.
Spannend finde ich das Thema Umfragen und Prognosen aber insbesondere deshalb, weil hier neue Anbieter mit neuen Technologien auf den Markt drängen. Beim letzten Bundestagswahlkampf waren es insbesondere die wettbasierten Ansätze (siehe auch meinen damaligen Blogbeitrag), heute gibt es neue Technologien.
Zum Beispiel das Berliner Startup Civey, das den Umfragemarkt nach eigenen Angaben revolutionieren und um Fragen für jedermann anbieten möchte. Das Unternehmen setzt auf Online-Panel, die zu allen möglichen Fragen jederzeit Auskunft geben. Genutzt wird civey z.b. von Spiegel Online, auch für die Bundestagswahl.
Ein weiteres Berliner Unternehmen im Bereich Datenanalyse orientiert sich an Nat Silver, dem Prognose-Guru aus den USA. In ähnlicher Weise hat das Unternehmen ein Datenmodell entwickelt, mit dem es Wahrscheinlichkeitsprognosen zum Ausgang der Bundestagswahl erstellt. Wir dürfen gespannt sein, ob diese Prognosen besser sind als die klassischen Sonntagsfragen der Meinungsforschungsinstitute. Diese fließen übrigens in die Prognosen des genannten Berliner Unternehmens mit ein.
Und die Zeit berichtete (online leider hinter der Bezahlschranke) in einer ihrer letzten Ausgaben von einem französischen Startup, dass mit Datenanalyse den Wahlkampf von Emmanuel Macron möglich macht, indem es diejenigen Regionen für den Straßenwahlkampf vorbereitet, in denen eine Wechselstimmung herrscht oder das Ergebnis noch offen ist. Das Prinzip erinnert natürlich stark an den amerikanischen Wahlkampf, von dem tatsächlich die Anregung stammt. Es ist aber weit entfernt von dem was Cambridge Analytics (siehe mein Blogbeitrag hier) angeblich für das Trump-Team macht hat. Die französischen Kollegen sind in Deutschland noch nicht aktiv, das kann aber laut dem Zeit-Artikel kurzfristig noch kommen.
Es wird also nicht nur die Wahl spannend, sondern auch die Prognostik als solche.
P.S. kleines Update: zur französischen Wahl zitiert die Zeit den Economist mit einer Metaanalyse von Umfragedaten, demnach dürfen wir den Frühling sehr hoffnungsfroh entgegen schauen
Samstag, 11. März 2017
Schostakowitsch und das Zeitalter des Postfaktischen
Gerade lese ich das neue Buch von Julian Barnes ("Der Lärm der Zeit") über Schostakowitsch und den Stalinismus. Ich finde es faszinierend und erschreckend, wie ein totalitäres Regime tatsächlich totalitär, also alle Lebensbereiche umfassend bestimmt. Ich hatte schon vor einigen Jahren eine Biografie über Schostakowitsch gelesen und zwar "Stalin und Schostakowitsch" von Solomon Wolkow. Ich konnte es damals kaum fassen, dass Musik, eine der abstraktesten Ausdrucksformen, so politische sein soll, dass sie Menschen das Leben kostet. Bei der Lektüre von Barnes überkam mich nun die Analogie zur aktuellen Diskussion um die Wissenschaft, die auch unerwarteterweise ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung geraten ist.
Klar ist mir soweit, dass Musik ein höchst identitätsstiftendes, soziale Gruppen integrierendes (bzw. auch ausgrenzendes) Moment hat, das manche Gruppen erst definiert, wie ein kurzer Blick auf Jugendkulturen zeigt. Rocker, Teds oder Punks sind ja quasi synonym zu ihrer Musik. Und vor 50 Jahren oder noch weiter zurück war eben die Klassik eine ähnlich identitätsstiftende Musikgattung. Vor 2-3 Jahren war ich in einer szenischen Aufführungdes sogenannten Watschenkonzerts, in dem das Wiener Bürgertum Arnold Schönberg und seinen Schülern ziemlich deutlich zeigte, wo der Hammer hängt. Ein echter gesellschaftlicher Skandal. Gleichzeitig bleibt Musik abstrakt. Eine Sinfonie ist eine Sinfonie, und kein Buch über ein Thema. Ich kann lautmalerisch Regen darstellen, oder spielende Katzen, der Karneval der Tiere malt gleich eine ganze Menagerie. Aber politische Statements drücken Musik doch eigentlich nicht aus. Oder?
Zurück zu Schostakowitsch. Beim Lesen des erwähnten Buchs musste ich an die aktuelle Diskussion um die Rolle von Wissenschaft denken. Wissenschaft, die auch für sich in Anspruch nimmt, unpolitisch zu sein, weil sie sich ja mit objektiven Fakten beschäftigt. Da mögen die Sozialwissenschaften politischen Lagern sehr nahe sein, aber wenigstens die Naturwissenschaften sind doch Politik frei, oder? Stattdessen das Entsetzen der Wissenschaft, plötzlich auf eine vermeintlich breite gesellschaftliche Ablehnung zu stoßen und von Politikern wie der aktuellen amerikanischen Regierung - zumindest in der eigenen Wahrnehmung - schikaniert und degradiert zu werden.
Bevor ich aber zum Zeitalter des Postfaktischen komme, muss ich doch noch einmal zurückgehen in die Zeit des Stalinismus. Nicht nur Schostakowitsch lit an dem totalitären Anspruch der sozialistischen Regierung, auch die Wissenschaft musste sich der absoluten Deutungshoheit des Staates beugen, wie die abstruse Geschichte des Lyssenkoismus zeigt.
Sicher hinkt der Vergleich ziemlich, aber bis zu einem gewissen Grad kommen sich heutige amerikanische Wissenschaftler ähnlich vor, wenn der Klimawandel geleugnet wird, um handfesten wirtschaftlichen Interessen zu entsprechen. Oder wenn der Kreationismus fröhliche Urstände feiert. Allerdings hat sich mittlerweile Widerstand formiert, der March of Science wird zeigen, wie breit dieser Widerstand mittlerweile ist. Im Deutschlandfunk gab es gerade eine interessante Sendung darüber, wie sich die Wissenschaft gegen das Postfaktische wehrt.
Hinter dieser Schale von Interessen und Intrigen, die in der Sowjetunion der 40er Jahre nicht anders war als im Amerika der 2010er Jahre, liegt aber eine zweite Schicht, bei der es stärker um soziale Identifikationen geht, und hier liegt für mich die Analogie zum Drama um Schostakowitsch.
So wie diesem seiner Nähe zum intellektuellen Bürgertum fast zum Verhängnis wurde, die aus seinem musikalischen Werk sprach, so leidet die Wissenschaft heute daran, das sie von gewissen sozialen Schichten als Komplize der Macht wahrgenommen wird. Populistische Kräfte unterstellen der Wissenschaft, nur Erfüllungsgehilfe der aktuell Herrschenden zu sein. Und wenn man diese bekämpfen möchte, so muss man halt auch den Deutungsanspruch der Wissenschaft in Frage stellen. Aus einer ähnlichen Quelle speist sich die Ablehnung gegenüber der europäischen Politik, die pauschal als technokratisch verdammt wird. Oder das Unbehagen gegenüber der Bundesregierung, wenn sie bestimmte Entscheidungen (Griechenland ...) als alternativlos bezeichnet. Kann eine rationale, evidenzbasierte Politik, die sich auf wissenschaftliche Politikberatung stützt, falsch sein? Kann die Wissenschaft zum Komplizen einer herrschenden Elite werden?
Nein, ich halte das für ein Zerrbild, das seinerseits instrumentalisiert wird von den Lautsprechern eines Populismus, die selbst nur ihren Weg an die Macht finden wollen. Aber es ist höchst gefährlich, wenn so wissenschaftliche Erkenntnis negiert wird und Entscheidungen objektiv falsch getroffen werden. Wenn die Politik sich davon verabschiedet, etwas gegen den Klimawandel zu machen. Da ist möglicherweise ziviler Widerstand gefragt. Und die ersten Whistleblower aus der Wissenschaft sind ja schon aktiv, um weiterhin Klimadaten an die Öffentlichkeit weiterzugeben.
Zuletzt aber noch etwas versöhnliches. Am Ende hat es Shostakovich trotz aller widrigen Umstände geschafft, wunderschöne Musik zu schreiben: David Oistrakh spielt das erste Violinkonzert, und hier spielt Schostakowitsch selbst sein Klavierkonzert.
Freitag, 10. März 2017
Zukunft der Evaluation
Die Jahrestagung der Gesellschaft für Evaluation (DeGEval) wird sich dieses Jahr mit dem Thema Evaluation in der Zukunft befassen. Anlass ist eigentlich das 20 jährige Jubiläum der DeGEval. Der Vorstand der DeGEval und die Sprecher der Arbeitskreis hatten diese Woche ihr jährliches Frühjahrstreffen, und neben vielen anderen Dingen haben wir auch ein kleines Brainstorming veranstaltet, wie wir die Zukunft der Evaluation sehen. Ich fand die Aufgabenstellung nicht einfach, die Zukunft der Evaluation? Was weiß denn ich? Vielleicht alles weiter wie bisher?
Je mehr ich aber darüber nachdenke, desto mehr Trends fallen mir ein, die man aus der Vergangenheit auch in die Zukunft extrapolieren kann. Zum einen glaube ich, dass Evaluationen eher noch wichtiger und nachgefragter werden. An Evaluationsaufträgen wird es nicht mangeln. Und warum ist das so?
Zumindest für die Technologie- und Innovationspolitik kann ich sagen, es wird absehbar mehr Geld ausgegeben werden (siehe zum Beispiel die Diskussion um ein 3,5% Ziel), und damit steigt auch die Rechenschaftspflicht und das Bedürfnis, diese durch Evaluation zu befriedigen. Außerdem begünstigt der technische Fortschritt, der Zugang zu Daten, die Digitalisierung und schnelle Auswertung von Sekundärquellen die Evaluation. Evaluationen werden tendenziell preiswerter und besser. Außerdem erleben wir seit längerem einen Trend hin zur kritischen Hinterfragung staatlichen Handelns, die diesen ebenfalls in Legitimationspflicht nimmt. Das ist eher ein kultureller Faktoren, den ich als Bauchgefühl umschreiben würde.
Der zentrale Treiber, der aus diesem Faktoren reales politisches Handeln generiert, ist der Bundesrechnungshof. Er hat mit seinem steten Nachbohren in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass die zuständigen Ressorts, also das Bundeswirtschaftsministerium und das Bundesforschungsministerium, ihre internen Strukturen professionalisiert und ausgebaut haben.
Damit sind auch die Grundlagen gelegt, nicht mehr nur auf Einzelmaßnahmen und Einzelevaluationen zuschauen, sondern ganze Politikfelder in den Blick zu nehmen und vergleichende Evaluationen zu beauftragen. Heute ist das noch kaum der Fall, aber für die nahe Zukunft sehe ich hier bessere Chancen.
Hieraus folgt direkt, dass wir standardisierter Erhebungsmethoden und Indikatoren brauchen, um den Vergleich überhaupt leisten zu können.
Gleichzeitig erhöht sich der Druck auf die Projektträger, die für die Umsetzung und Administration von Maßnahmen verantwortlich sind, ein kontinuierliches Monitoring aufzubauen und beständig Daten zu erheben, die dann einer Evaluation zur Verfügung gestellt werden können. Projektträger werden damit zu zentral Mitspielern der Evaluationskultur.
In einem solchen System, indem Monitoring und Evaluation miteinander verzahnt sind, steigen auch die Chancen, Evaluationen quasi in Echtzeit durchzuführen, also ganz am aktuellen Rand des Geschehens zu sein. Wenn man nun noch die Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, mitdenkt, und möglicherweise aus historischen Daten bessere Prognoseinstrumente für die Bewertung aktueller Daten schafft, dann werden aus Evaluationen echte Steuerungsinstrumente.
Viel wird standardisiert und quasi automatisiert ablaufen. Und damit eröffnet sich aus meiner Sicht auch wieder ein Fenster für stärker qualitative Ansätze, die in die Tiefe der zu untersuchenden Prozesse und Maßnahmen dringen und nicht nur die Frage beantworten, welche Wirkung ein bestimmtes Handeln hat, sondern auch echte Erkenntnis darüber bringen, warum dies so ist.
Das ist jetzt alles viel Glaskugel. Keine Ahnung, wann es soweit sein könnte. Aber ich bin mir zumindest sicher, dass der Zug in dieser Richtung unterwegs ist. Naja, vielleicht gibt uns ja die Jahrestagung im September darüber nähere Aufschlüsse.
Sonntag, 5. März 2017
Neues aus der Start-up -Welt
Letzte Meldung zum Thema Startups: In Frankreich scheint die Startup-Welle ins Rollen zu kommen, meint zumindest der Economist in einem neuen Artikel. Es handelt sich, zumindest bei den im Artikel genannten Unternehmen, um eher technologieorientierte Gründungen, also nicht die üblichen Marktplätze, um Pizza oder Schuhe zu verkaufen. Eine spannende Entwicklung, die man hier in Deutschland in der Regel nicht so auf dem Schirm hat. Frankreich hat in Deutschland, das ist zumindest meine Wahrnehmung, nicht ein besonders ausgeprägtes Innovationsimage. Und vielleicht sind wir in Deutschland doch etwas zu berauscht vom Berlin-Hype um diese junge, spannende und kreative Hauptstadt, um die uns angeblich ganz Europa beneidet.
Sonntag, 19. Februar 2017
Wissenschaft gegen Technologie gegen Ökonomie
Gestern habe ich einen interessanten und ein wenig skurrilen Artikel im Blog SciLog gelesen. Es ging dabei um die Sicht eines eingefleischten Naturwissenschaftlers auf die aktuelle wirtschaftswissenschaftliche Debatte um den Rückgang des Produktivitätswachstum. Der Autor war perplex, nein er war empört. Zunächst einmal über die Uneinigkeit der Ökonomenzunft über zentrale Aspekte der Wirtschaft. Wie könne es sein, dass die eine Hälfte der Ökonomen davon ausgehe, mit dem ständigen Wachstum der Produktivität sei es nur vorbei, während die andere Hälfte genau das Gegenteil behaupte. Noch viel stärker kränkte den Autor allerdings die Annahme einiger Ökonomen, der technologische Fortschritt sei heute im Vergleich zu früher nur noch eine Schnecke, die Früchte dieses Fortschritts sein nicht der Rede wert und dies der wesentliche Grund für den Rückgang des Wachstums. Der Autor bezog sich dabei auf Robert Gordon und seine etwas polemischen Ausführungen über den gesellschaftlichen Nutzen des Kühlschranks gegenüber dem Nutzen das Online-Pizzabringdienstes.
Der Autor des besagten Artikels konterte diese unverschämten Aussagen mit den aktuellen und zu erwarteten Fortschritten in der naturwissenschaftlichen Forschung. Möglicherweise war dies schon der erste Keim des Missverständnisses. Die zitierten Ökonomen behauptet nämlich nicht, dass es keinen wissenschaftlichen Fortschritt, dass es keine neuen, atemberaubenden Erkenntnisse gäbe. Die Frage stellt sich aber, ob diese neuen Erkenntnisse auch in neue Produkte und Dienstleistungen übersetzbar sind, die tatsächlich zu einem Produktivitätswachstum führen und gesellschaftlichen Mehrwert stiften.
Ein wenig steckt in Gordons Polemik meiner Meinung nach auch ein Angriff auf die Technologie-Szene aus dem Silicon Valley, die in all ihrer Hybris der festen Überzeugung ist, dass mit neuen Technologien alle Probleme dieser Welt lösbar sind. Und wenn nicht, und wenn der Untergang der Welt droht, dann wandern wir halt aus ins All oder ziehen uns in unsere Bunker zurück.
Die Süddeutsche Zeitung hat gerade erst eine hübsche Reportage über den kuscheligen Weltuntergang im Bunker geschrieben. Es scheint gerade hip zu sein in der neureichen Techie-Szene, sich seinen kleinen Luxus-Hightech-Bunker-Platz zu kaufen, wenn es mit der Rettung der Welt doch nicht geklappt hat. Elon Musk wiederum arbeitet auf den Exodus der Menschheit ins Exil auf den Mars hin. Ein ziemlich polemischer Artikel in Aeon wirft Musk vor, dass man mit diesem Aufwand lieber unsere Erde retten sollte als den Mars kolonisieren zu wollen.
Na ja, die Silicon Valley Firmenbosse stehen im Moment eh etwas unter Beschuss, seitdem Trump das Ruder in Washington übernommen hat. Ihr Taktieren gegenüber der neuen Regierung wird sehr kritisch verfolgt, jede kritische Meinungsäußerung wird als taktisch motiviert und auf äußeren Druck entstanden interpretiert.
Demgegenüber tut sich auf Seiten der sonst eher unpolitischen Wissenschaft Erstaunliches. Ein Marsch der Wissenschaft auf Washington ist angekündigt, in einer Art Guerilla-Taktik sichern Wissenschaftler Daten, die die Regierung jetzt zurückhalten möchte.
Die Wirtschaftswissenschaften, die im eingangs zitierten Artikel so schlecht abschnitten, lassen übrigens kaum ein gutes Haar an der neuen amerikanischen Regierung.
Und die Moral von der Geschicht? Wissenschaft und Technologie wird wieder politisch, zumindest auf der anderen Seite des Atlantik. Für den Bundestagswahlkampf kann ich mir eine solche Diskussion allerdings nicht vorstellen. Aber man weiß ja nie, so manches schien unvorstellbar vor nicht allzu langer Zeit.
Samstag, 11. Februar 2017
Robotergesetze - Parlamente diskutieren Zukunftstechnologien
Anfang des Jahres beschäftigte sich der Rechtsausschuss des Europäischen Parlamentes mit einem ganz großen Thema. Braucht die Europäische Union Robotergesetze? Ja Robotergesetze, genau solche, wie sie Isaac Asimov einst formuliert hatte. Es war überhaupt eine sehr denkwürdige Diskussion. Zumindest legen dass die vorbereitenden Dokumente nahe, einmal ein Rechtsgutachten des wissenschaftlichen Dienstes, einmal ein Entschließungsantrag.
Dieser Entschließungsantrag begann in seiner Einführung hoch dramatisch, er zitierte die großen Mythen der Menschheit wie Pygmalion, Frankenstein und den Golem.
Das Parlament diskutierte unter anderem, ob Roboter in Zukunft eine eigene juristische Person bekommen sollten, ob es einen ultimativen Ausschaltknopf geben muss, um sich gegen bösartige künstliche Intelligenz zu wehren oder wie mit der Frage Roboter-Sex umzugehen ist.
Es ging aber auch um etwas naheliegendere Fragen wie das Haftungsrecht autonome Systeme (Autos etc.), eine Frage die in Deutschland unter anderem durch eine Ethikkommission des Verkehrsministeriums debattiert wird.
Am Ende verabschiedet das Parlament tatsächlich einen Aufruf an die Kommission, eine eigene Behörde aufzubauen oder sich mit der Frage eines unbedingten Grundeinkommens zu beschäftigen.
Die deutschen Maschinenbauer zeigten sich übrigens schon Mitte letzten Jahres vor dem Hintergrund eines ersten Entwurfs dieser Entschließung recht kritisch. Statt über hypothetische Gefahren der fernen Zukunft zu diskutieren, sollte ein solcher erschließungsantrag lieber aktuelle Herausforderungen, aber auch die Perspektiven des Robotereinsatz ist in der Industrie berücksichtigen.
Die Medienresonanz auf die Diskussion im Europäischen Parlament war in Deutschland nicht besonders groß, aber es gab durchaus positive Kommentare, wie hier in der Süddeutschen Zeitung. Sonst erschienen vor allem Artikel in Medien, die sich immer mit Technologie und Innovation beschäftigen, wie Wired oder heise.
Viel intensiver war im Vergleich dazu die Mediendiskussion rund um einen Fachexperten-Workshops des Ausschusses für Bildung und Forschung des Deutschen Bundestags. Es ging hier nicht um Roboter im breiteren Sinne sondern um eine ganz spezielle Spezies, den socialbot. Der Ausschuss hat übrigens den gesamten Workshop online gestellt, man kann sich die Statements der Experten also alle in Ruhe anschauen. Vorbereitet wurde der Termin übrigens unter anderem von Kollegen, die im Rahmen des TAB mögliche Technologiefolgen für den Deutschen Bundestag diskutieren und zusammenfassen.
Die Diskussion war wohl nicht ganz konfliktfrei, und auch die Medienberichterstattung im Anschluss nicht. Der Freitag fand z.B. den Experten des CCC eher verharmlosend. Das Portal Netzpolitik wiederum zitierte insbesondere die abwartende Haltung mancher Experten, die vor Panikmache lernten. Bislang gebe es doch recht wenig wirklich belegbare Fälle von Manipulation.
Was nun an praktischer Politik aus diesen beiden Debatten folgt, ist noch schwer abzuschätzen. Während die Diskussion des EP tatsächlich noch ganz schön visionäre oder apokalyptische Aspekte betraf, war der Bundestagsausschuss schon sehr nahe an der Tagespolitik. Mal schauen, ob uns das alles noch die nächsten Monate im Wahlkampf beschäftigen wird.