Sonntag, 22. Juni 2014

startups vs. old economy

Letzte Woche war ich bei einer Veranstaltung der OECD zu Innovationpolitik. Ein Gastredner aus den USA las  dort unter anderem den Europäern die Leviten. Ohne mehr Dynamik, mehr junge Hightech-Firmen würde das nichts werden in Europa. Und damit bewegt sich der gute Mann ja ziemlich auf der Höhe der Zeit. Die OECD selbst beschäftigt sich intensiv mit den Voraussetzungen und Folgen einer intensiven Gründungskultur und hat z.B. jüngst eine Studie zur Finanzierung von kleinen und jungen Unternehmen in Zeiten der Krise veröffentlicht. Es steht im Koalitionsvertrag, jüngst hat sich eine "Allianz" für Venture Capital in Deutschland gegründet. Alle scheinen sich einig zu sein. Wir brauchen mehr Startups, wir brauchen mehr Risikokapital, alles muss so dynamisch wie in den USA werden. Das auch dort nicht alles zum besten steht, das hatte ich bereits in einem früheren Blog angesprochen. Und irgendwie wird das im Moment auch in Europa nichts mit den Startups. Berlin boomt im Moment und wird als Startup-Metropole mit internationaler Strahlkraft hochgejubelt, aber übers ganze Land gesehen sind die Statistiken für Technologiegründer kontinuierlich rückläufig.

Warum das so ist, dazu habe ich zwei mögliche Hypothesen. Entweder, wir befinden uns einfach in einem großen Wellental der Gründungsdynamik. Es gibt Gründerzeiten, die für junge Unternehmen besonders günstig sind, und eben auch Zeiten, wo sie sich besonders schwer tun. Irgendwie sie sind die Gründer halt noch durch die 2000er Blase geschädigt, aber irgendwann wird sich das wieder geben, sicher auch mit leichtem Anschub durch eine geeignete staatliche Politik. 

Oder die deutsche (oder kontinentaleuropäische?) Innovationskultur setzt doch langfristig eher auch tradierte Unternehmen, die sich weiterentwickeln, aber nicht durch neue Aufsteiger hinweggefegt werden. Also das Modell inkrementelle Innovation statt disruptive Innovation. Dazu gehört auch, neben eigenen Innovationen zu entwickeln gleich auch neue Konkurrenzten einfach aufzukaufen. Das ist sicher oft branchenspezifisch, die Pharmaunternehmen oraktizieren dieses Modell mit den Biotech-Gündern ja schon seit Jahren weltweit. Aber es könnte auch ein regionales Modell sein. Für Deutschland ist auf jeden Fall auffallend, wie seit einiger Zeit die Bindung zwischen etablierten und neuen Unternehmen immer enger wird. In Deutschland sind seit einiger sogenannte corporate ventures aktiv, also große, etablierte Unternehmen (Telekom, Springer, Otto etc.), die jetzt technologieorientierte Gründer mit eigenen Räumen, Geld und weiteren Unterstützungsleistungen helfen. Die Süddeutsche hat dazu gerade erst ein ganz schönes Feature veröffentlicht, auch das Handelsblatt hat sich dem Thema bereits wiederholt gewidmet. Damit stabilisieren die etablierten Unternehmen möglicherweise ihr altes Innovationsmodell einer kontinuierlichen inhouse Forschung und Entwicklung, indem sie die neuen Innovationsakteure früh eng an sich binden und im richtigen Moment dann übernehmen können.

In Berlin hatte kürzlich die Factory eröffnet, ein "Campus" für junge Unternehmen, den der Platzhirsch Google finanziert. Auch die neuen Technologieunternehmen werden in diesem Sinne schnell zu alten und halten die nachwachsende Konkurrenz so unter Kontrolle.

Samstag, 14. Juni 2014

Berlin Smart City - Chance oder soziales Risiko


Berlin möchte Smart City werden. Im Mai fand der erste Smart City Summit statt, die Technologiestiftung Berlin hat zu diesem Anlass eine Studie zur Smart City Berlin veröffentlicht. Auch die Forschung in Berlin schläft nicht, die TU Berlin hat ihre Forschungsaktivitäten kürzlich auf einer Plattform zusammengeführt. Der Tagesspiegel titelte gar, Berlin wolle Europas schlauste Stadt werden. À propos Tagesspiegel. Der hat jetzt eine neue schicke App (Tagesspiegel Radar) vorgestellt, in der Meldungen und Berichte mit Geodäten verknüpft werden und automatisch auf dem Smartphone aufpoppen, wenn man die entsprechende Gegend in Berlin durchläuft oder fährt. Ich hab das die letzten beiden Wochen mal getestet und finde das ein ziemlich nettes kleines Gadget der Smart City!

Die Berliner Senatsverwaltung denkt natürlich weiter und möchte die ökonomische Zukunft der Stadt mit dem Thema Smart City verbinden. Das könnte angesichts der kreativen Energie und Attraktivität der Stadt ganz gute Chancen für ein Erfolgsmodell haben, könnte aber auch ungeahnt nach hinten losgehen. Die aktuellen Proteste der Taxi-Fahrer weltweit gegen Apps wie Uber zeigen, wie viel sozialer Brennstoff auch in der schönen neuen Welt der sharing economy liegt, die eine smart City Berlin mit prägen könnte.

Die ganze Debatte um die ökonomischen und sozialen Voraussetzungen und Folgen der sharing economy hat sehr schön der Bruegel-Blog in einer Blog Review zusammengestellt. Bauen die neuen Geschäftsideen vor allem auf Regelbrüchen auf, die notwendige (oder auch veraltete) Regulierungen für Dienstleistungen in Frage stellen (das Argument der Taxifahrer)? Ist die sharing economy der einzige Ausweg für die Verlierer der digitalen Revolution, die angesichts breiter Automatisierung von Produktion und Dienstleistung sonst keine Arbeit mehr finden? Ist der Boom der sharing economy eher ein Krisenzeichen, um angesichts schwächelnder Arbeitsmärkte und sinkender Durchschnittseinkommen doch noch über die Runden zu kommen? Das wäre ja eine echte Chance für den chronisch knappen Berliner Haushalt und eine eher arme Stadtbevölkerung... Ist nicht die Technologie das eigentlich neue, sondern eine neue Kultur des Vertrauens in der Gesellschaft?

Wie schön man Stadtpolitik mit kreativen neuen sozialen Medien machen kann, zeigt übrigens die Website Radwende, die für mehr Radwege in Wiesbaden arbeitet. Wär doch auch was für Berlin, oder?

Sprache und Sprachtechnologie

Mit Sprache und Sprachtechnologie verbindet mich eine alte Liebe. Eines meiner ersten Projekte war ein EU-Projekt zur Förderung der Sprachtechnologieforschung. Und einige Jahre später war ich an der Evaluation anderer EU-Fördermaßnahmen für Sprachtechnologie beteiligt. Ich fand die Möglichkeiten, gesprochene Sprache automatisch in Text zu verwandeln, oder auch Sprache automatisch zu übersetzen, ziemlich beeindruckend, obgleich noch ziemlich heftige Fehler auftraten.
Heute sind viele Visionen, die damals nur ein bis zwei Jahre entfernt schienen, dann - mit gehöriger zeitlicher Verzögerung - doch wahr geworden. SIRI lässt das Handy aufs Wort gehorchen, und jetzt hat Microsoft für Skype eine Echtzeit-Übersetzung angekündigt.

In meinem Blog zur Europa-Wahl hatte ich mich noch ganz enthusiastisch ob des sozialen Nutzens von Sprachtechnologie in Europas Vielsprachenwirklichkeit gezeigt, aber jetzt kommen mir doch Zweifel. Was wäre, wenn es gar nicht so toll ist, automatisch immer alles zu verstehen? Mark Pagel zeigt in diesem (auch als Text transkribierten) Radiobeitrag, dass Sprache nicht zu dazu da ist, uns die Verständigung zu ermöglichen, sondern dass sich Sprachvielfalt auch aus dem Bedürfnis nach Nicht-Verstehen heraus entwickelt hat. Ausgangspunkt ist die Frage, warum es eigentlich so viele verschiedene Sprachen gibt, zum Teil auf engstem geographischem Raum. Pagels These ist, dass Sprache Gruppenidentität erzeugt und zur Abgrenzung von anderen Gruppen stetig weiterentwickelt wird, um für andere unverständlich zu bleiben.

Wir kennen das ja auch aus Jugendsprachen, die nur deshalb so schnell neue Grade der Unverständlichkeit entwickeln, damit die ach so jugendlich gebliebenen Eltern nicht hinterherkommen mit dem Verstehen. Und all die Fachsprachen und das Bürokratendeutsch hat vermutlich auch nur die soziale Funktion, als Geheimsprache das Tun der jeweiligen Gruppe vor dem Verstehen der Restgesellschaft zu verschleiern. Was aber, wenn wir immer alles per wearable Computer sofort übersetzt bekämen. Folgt man Pagel, so würden wir halt Alternativstrategien zur Abgrenzung entwickeln und uns so gegen die Gleichmacherei wehren. Die Utopie von Douglas Adams Babelfisch (übrigens schon früh als Namensgeber für Sprachtechnologie genutzt) wird also möglicherweise nie Wirklichkeit.

Die digitale Revolution droht aber nicht nur mit der irdischen Hölle der allgegenwärtigen Übersetzung, sondern auch damit, Maschinen ununterscheidbar von Menschen machen. Vergangene Woche rauschte eine Meldung durch den digitalen Blätterwald, dass ein Computerprogramm endlich, endlich den Turing Test bestanden habe. Einigen Artikeln stieß zwar auf, dass dieser Durchbruch ausgerechnet am 60. Todestag von Turing gelang, sie witterten eine PR-Gag statt einem epochalen Schritt der Künstlichen Intelligenz. Gleichwohl, auf kurz oder lang werden Maschinen so kommunizieren, dass der Unterschied zu menschlicher Kommunikation kaum noch zu erkennen sein wird (- auch wenn man bei manchen Menschen und dem, was sie von sich geben, den Eindruck haben könnte, dass sei gar nicht so schwer).

Zurück zur Theorie von Mark Pagel würde uns das in schwere Bedrängnis bringen, weil wir uns von den kalten Maschinen ja weiterhin merkbar abgrenzen wollen. Diese Phantasien haben herrliche kreative Energien befördert. Verschwimmenden Grenzen zwischen Androiden und Menschen haben z.B. zu einem der schönsten Titel der Science Fiktion Geschichte geführt: Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Als Blade Runner wurde das Buch dann zu einem Klassiker der Filmgeschichte. Zeigt diese kreative Kraft nicht auch, wie bedrohlich der Gedanke eigentlich auf uns wirkt?

Die Tragik von Verstehen und Nichtverstehen hat übrigens Alan Turing, der Erfinder des Turing-Tests, am eigenen Leibe erfahren. Ihm wurde sein Anderssein und die Ablehnung der Gesellschaft zum Verhängnis, wie der Blog der Zeit erinnert.

 

Samstag, 7. Juni 2014

Wo geht die Arbeit hin?

Macht uns die digitale Revolution arbeitslos? Wer wird in den nächsten Jahren seinen Job verlieren, welche Tätigkeiten lassen sich durch Computer und Roboter besonders gut ersetzen? Ich hatte mich dieser Frage in den letzten Beiträgen des Öfteren gewidmet (z.B. hier und hier), nun habe ich aber (dank meines Kollegen Christian - Danke Dir Christian!) die definitive Antwort. Eine interaktive Graphik zeigt endlich wo die Arbeitsplätze bleiben und wo sie gehen.

Das Thema rauscht auch beständig durch den deutschen Blätterwald, zum Beispiel jüngst in einem langen Artikel der deutschen Technology Review. Der Artikel fasst die Diskussion schön zusammen, vor allem aber zitiert er einige interessante Quellen. Ein Artikel der Uni Oxford vom vergangenen September z.B. werden 702 Berufe analysiert und die Auswirkungen einer weiteren Computerisierung auf den amerikanischen Arbeitsmarkt beschrieben.

Ein Beitrag von Maarten Goos, der im Rahmen einer Konferenz der ILO (Internationale Arbeitsorganisation) veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit einem Literaturüberblick mit der Frage, wie sich Arbeitsplätze in den letzten 150 Jahren verändert haben. Bis in die 80er Jahre nahmen Einkommensunterschiede ab, Fähigkeiten und Fertigkeiten der Arbeitnehmer hingegen nahmen zu. Mit der Computerisierung hingegen hat sich dieser Trend verändert, der Arbeitsmarkt tendiert zu einer Polarisierung, also zu einer Stärkung der Hochqualifizierten und Geringqualifizierten und einer Schwächung der Mitte. Die Autoren behalten trotzdem ihren Optimismus. dass der Arbeitsmarkt sich im Positiven anpasst und vor allem die besser gebildeten Arbeitnehmer von Morgen liefert.

Noch eine Schippe drauf legt scheinbar Jeremy Rifkin in seinem neuen Buch zum Ende der Arbeit (und des Kapitalismus), in dem Rifkin neben besagtem Totenglöckchen zu läuten auch den Versuch unternimmt, die Marxsche Utopie einer Welt ohne Lohnarbeit mit sozialer Arbeit (non-profit Community) zu füllen. Wer Rifkin seine Thesen persönlich vorstellen sehen und hören möchte, kann sich das ganze z.B. hier anschauen. Kurz gefasst hat er sie z.B: in der New York Times und im Guardian vorgestellt. Den Blätterwald hat diese Neuveröffentlichung scheinbar noch nicht wirklich erreicht, zumindest fördert halbherziges Googeln bislang kaum Rezensionen zutage.

Donnerstag, 5. Juni 2014

Piketty und kein Ende

Ich geb's zu, die Diskussion um Thomas Pikettys Buch "Kapital im 21. Jahrhundert" lässt mich nicht los. Zwei neue Blogeinträge gehen auf interessante Aspekte von Pikettys Buch ein.

In der "Ökonomenstimme" wird die Frage gestellt (und ganz anschaulich beantwortet), warum Deutschland bei Piketty ganz gut wegkommt, obwohl doch die OECD in ihren letzten Veröffentlichungen mehrfach darauf hingewiesen hat, dass die Ungleichheit in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eher schneller gewachsen ist. Die Autoren erklären das mit dem sogenannten "Unternehmensschleier", also der Tatsache, dass hierzulande die kräftigen Unternehmensgewinne nicht in gleichem Maße an die Shareholder und Finanzmanager ausgezahlt werden wie z.B. in den USA, sondern in den Unternehmen verbleiben. Aber diese Unternehmen gehören ebenfalls jemandem. Sie sind, da häufiger nicht börsennotiert, auch tendenziell unterbewertet. Die Zahlen von Piketty bedeuten demnach also nicht, dass die Situation in Deutschland grundsätzlich viel rosiger wäre als in den USA.

Die Blogserie des World Economic Forum wiederum fragt, in welchem Verhältnis die Thesen von Piketty zu Innovationen stehen. Piketty selbst hat sich dazu nur sehr kurz geäußert und vernachlässige laut diesem Beitrag die positiven Effekte des technologischen Fortschritts. Der Blogbeitrag geht daher (neben Verweisen auf die aktuellen Veröffentlichungen von Brynjolfsson und McAfeeins sowie anderen) besondere auf die These von Clayton Christensen ein, der zwischen Empowering Innovation und Efficiency Innovation unterscheidet (aber auf dem Ungerechtigkeitsauge blind sei). Entsprechend sind die Schlussfolgerung von Piketty, durch Steuergesetzgebung Umverteilung zu erreichen, nicht befriedigend. Vielmehr gehe es darum, die Reichen zu einer anderen Innovationsstrategie zu bewegen, die tatsächlich nicht nur Effizienzgewinne verspricht, sondern auch langfristige Produktionsgewinne und neue Arbeit.

Unterm Strich bleibt einerseits die beunruhigende Beobachtung, das Pikettys Buch für Deutschland relevanter ist als zunächst gedacht. Andererseits scheint die Rolle von Innovation noch nicht wirklich ausdiskutiert. Damit ist auch die Rolle der Innovationspolitik für eine gerechtere Politik insgesamt aus meiner Sicht noch offen. Die Debatte bleibt spannend. 

Dienstag, 3. Juni 2014

Schnell wachsende, junge und innovative Firmen

Die OECD hat in ihrem immer lesenswerten Insight Blog gestern einen Beitrag zu kleinen Unternehmen veröffentlicht. Sie wirbt darin für eine neue Veröffentlichung: The Dynamics of Employment Growth: New Evidence from 18 Countries. Leider ist Deutschland nicht dabei... Aber die Ergebnisse sind trotzdem interessant und übertragbar. Zu nächst verweist der Blogbeitrag darauf, dass insbesondere kleine Unternehmen überdurchschnittlich zum Wachstum und neuen Arbeitsplätzen beitragen. Das ist auch der Hintergrund für den neuen Indikator der EU.

Aber den jungen und kleinen Unternehmen geht's nicht gut, nicht nur im Start-up-Muffel-Land Deutschland. Auch in unserem großen Vorbild USA geht es mit der Gründungsrate seit vielen Jahren munter bergab Dazu verweist der OECD-Blog auf die schon in einem meiner letzten Blogs erwähnte Studie der Kauffman Foundation, die erst kürzlich die Alarmtrommel schlug.

Andere Ergebnisse der zitierten OECD-Studie: Während Unternehmen in einigen Ländern wie den USA sehr schnell wachsen, bleiben sie in anderen (genannt werden Frankreich und Deutschland, insbesondere aber auch Italien) deutlich kleiner. Auch sind amerikanische innovative Jungunternehmen erfolgreicher dabei, externes Kapital zu gewinnen.

Bemerkenswert ist der Hinweis darauf, dass eine steuerliche FuE-Förderung eher mit weniger Dynamik bei Firmengründungen in innovativen Sektoren korreliert (wobei ich die entsprechende Textstelle in der Originalstudie noch nicht gefunden habe..., die relevante Stelle scheint in diesem Dokument ab S. 46 zu sein).

Tja, den kleinen, jungen Unternehmen muss man irgendwie helfen, aber irgendwie weiß keiner so richtig wie. Zumindest haben alle Bemühungen in Deutschland nur wenig gefruchtet. Vielleicht liegt es ja am falschen Ansatz? Der Economist hat sich vor zwei Wochen zu staatlichen VC Fonds ausgelassen, und zwar sehr kritisch. Seite Meinung nach führt staatliche VC-Unterstützung, z.B. durch den Europäischen Investment Fonds, zu einem crowding out. Private Investitionen werden also nur ersetzt, es fließt unterm Strich kein zusätzliches Geld.

Wie sehr politische Rahmenbedingungen die Gründungstätigkeit in bestimmten Sektoren beeinflussen, zeigt sehr schön eine jüngste Studie des ZEW zu Gründungen im Vollzug der Energiewende. Die Gründungszahlen sind zunächst kometenhaft gestiegen, mit den Turbulenzen in den letzten drei Jahren dann geradezu dramatisch eingebrochen. Die Autoren empfehlen nun stabile Perspektiven für die Unternehmen. Das wünschen sich in Punkto Energiewende aber nicht nur die Gründer...

Aber nicht nur die Gründer in Deutschland haben es schwer: KMU in Deutschland scheinen im deutschen Innovationssystem zunehmend schwächer zu werden. Dies zumindest legt ein Interview mit Christian Rammer vom ZEW nahe.

Es ist scheinbar ein großes Trauerspiel mit den Gründern und KMU. Vielleicht sollten wir unsere Aufmerksamkeit doch den Großunternehmen widmen? NESTA z.B. spricht sich in einem seiner jüngsten Blogbeiträge aus, mehr Aufmerksamkeit den großen Unternehmen zu widmen. Die seien doch die eigentlich relevanten im Innovationssystem. Jetzt bin ich endlich verwirrt...

Samstag, 31. Mai 2014

Das digitale Dorf

Im Blog Ökonomenstimmen haben Schweizer Konjunkturforscher der ETH Zürich gerade einen Artikel zu ihrem Big-Data Nowcast-Instrument veröffentlicht. Deutlich schneller als die traditionelle Konjunkturforschung mit ihren zeitverzögerten Daten wollen sie Prognosen zur Schweizer Konjunkturentwicklung liefern. Im Vergleich zu den ex post ermittelten Daten schneidet das Instrument meist ganz gut ab, hat aber gerade zuletzt  deutlich abweichende Daten produziert, die sich im nachhinein als falsch herausstellten. Das heißt nicht, dass das Instrument nicht taugt, sondern eher, dass hier noch weitere Forschung und Entwicklung notwendig ist.

Die Sammlung und Auswertung sozioökonomischer Daten schafft nicht nur bei der Konjunkturprognose ganz neue Möglichkeiten, auch die Analyse aktueller politischer Ereignisse wird im Lichte großer Kontextdaten interessant. In Foreign Policy erschien gerade ein Artikel zur Gewalt in der Ukraine und in den Ländern des Arabischen Frühlings, der die These vertritt, dass die Proteste des arabischen Frühlings zu einer Welle weltweiter Proteste geführt haben. Dahinter steht das GDELT-Projekt, dass den Anspruch hat, Krisen in aller Welt vorherzusagen. Bislang besticht das Tool durch beeindruckende Graphiken vergangener Ereignisse, die Prognosekraft zu beweisen steht aus meiner Sicht noch aus.

Auch MIT-Professor Alex Pentland träumt davon, soziologische Studien mit Echtdaten zu revolutionieren, er will dazu Städte als Real-Labore nutzen und open data Ansätze der smart cities für die Sozialanalyse verwenden. Mittlerweile gibt es auch Konferenzen und Wettbewerbe wie SBP (International Conference on Social Computing, Behavioral-Cultural Modeling, and Prediction), die entsprechende Forschungsprojekte präsentieren.

Ja, und wenn de Bürger der smarten Städte mitmachen, gibt es sogar die richtigen Daten. In Lateinamerika haben Apps Konjunktur, mit denen Bürger Verdächtige und Kriminelle fotografieren und melden können, um die Arbeit der Polizei zu unterstützen. Mit solchen Daten kann man sicher auch toll zaubern, da scheint der Schritt zum social engineering nicht mehr weit. Natürlich klingt dass auch ziemlich gruselig, die volle soziale Kontrolle durch unsere Nachbarn, für alle sichtbar im Netz! Da schnurrt die Welt wieder zusammen zum digitalen Dorf, in dem jeder alles weiß und Informationen (und Gerüchte) nicht so schnell vergessen werden. Echtzeit-Daten sind im Dorf auch früher nicht das große Problem gewesen.

Vielleicht aber ist die dörfliche Gemeinschaft auch nur die uns allen am ehesten gemäße (und jahrtausendalte gewohnte) Lebensform, und alle Innovation (nicht nur die digitale Revolution, auch die mobile Vernetzung) nur ein einziger Versuch, diese dörfliche "Idylle" wieder herzustellen - als kuscheliges Paradies oder als soziale Hölle...  

Donnerstag, 29. Mai 2014

Europawahl

Europa hat gewählt, und die Debatten um das Ergebnis sind heftig wie lange nicht. Haben die extremen Parteien zugelegt, drohen die Europaskeptiker und Europagegner das Projekt Europa absehbar zum Scheitern zu bringen? Müssen wir den Skeptikern entgegenkommen und doch wieder mehr Kompetenzen in die Mitgliedstaaten verlagern? Ist das vielleicht doch alles ein wenig zu kompliziert und technokratisch in Brüssel? Oder haben wir endlich einen entscheidenden Schritt Richtung Demokratisierung Europas unternommen, wenn sich das Europaparlament mit einem seiner Kommissionspräsidentenvorschläge gegen den Rat durchsetzt?

Harold James sieht das Wahlverhalten Frankreichs und Großbritannien in seinem Blogbeitrag als rückwärtsgewandt, als wären beide Länder noch die großen Imperien des 19. Jahrhunderts und hätten die Zeichen der Zeit, einer globalisierten und vernetzten Welt, nicht erkannt.

Die indische Korrespondentin Pallavi Aiyar beschreibt das krisenhafte Europa in einem Artikel als fragiles Projekt eines politischen Gemeinwesens über den Nationalstaat hinaus, dass durch rückwärtsgewandte Europagegner gefährdet ist. Indien folgt ihrer Meinung nach einem ähnlichen Staatsverständnis und könnte als eine Art Proto-Europa beschrieben werden. Pakistan wäre dann das Gegenmodell des alten Nationalstaats. Gerade wurde ja auch in Indien gewählt, allerdings war das eine klare Personenwahl, die mit den europäischen Parlamentswahlen nicht zu vergleichen ist. Entsprechend einfacher war auch die Wahlberichterstattung, auch wenn auch hier wohl schöne Beispiele eines neuen Datenjournalismus zu beobachten waren.   

In Europa scheint das Ergebnis auch Tage nach der Wahl noch nicht klar oder zumindest noch nicht richtig verständlich zu sein. Irritiert schauen die Kommentatoren auf den Aushandlungsprozess zwischen den Parteien des EP und befürchten voller Schrecken, dass nun auch der Rat in die Verhandlungen mit einsteigt und wochenlanges Tauziehen und am Ende komplexe Paketlösungen drohen. War den Wählern mit der Idee der Spitzenkandidaten nicht versprochen worden, alles werde klarer und verständlicher, ganz wie daheim im kuscheligen Nationalstaat?

Ich fürchte, dieses Missverständnis steht stellvertretend für ein grundsätzliches Missverständnis gegenüber der Natur der EU. Die EU muss nicht einfacher (aber verständlicher!) werden, sie ist in  ihrem technokratischen Politikverständnis, in ihren komplexen Aushandlungsmechanismen, aber auch in ihren neuen Beteiligungsformaten ein Blick in die Zukunft des Regierens. Einfacher wird es nicht mehr in einer komplexen Welt. Politik wird nicht mehr von gewählten Mandatsträgern entschieden und dann von einer effizienten staatlichen Verwaltung einfach umgesetzt. Politische Institutionen sind eher Moderatoren in einem Aushandlungsprozess vieler unterschiedlicher Akteure. Die EU ist das Labor für neues Regieren, und sie hat schon einiges an effektiven Techniken hervorgebracht, um der stetig steigenden Komplexität eines beständig (an Mitgliedstaaten, an Kompetenzen) wachsenden politischen Etwas, das zudem noch am laufenden Band seine Verträge und damit seine Geschäftsgrundlage ändert. Evaluationen als systematische Mittel der Reflexion und Instrumente einer evidenzbasierten Politik z.B. wurden erst auf EU Ebene flächendeckend eingeführt, bevor sie sich auch auf nationaler Ebene langsam durchsetzten (übrigens z.T. mit sanftem Druck aus Brüssel). Das Europäische Semester (und andere Formate der indikatorbasierten Koordinierung) ist ein weiterer Versuch, Steuerung trotz Komplexität und Multiakteurskonstellationen zu ermöglichen.

Wir brauchen eher neue Techniken (und vielleicht auch Technologien), um dieses neue Regieren effizient und für die Bürger verständlich zu machen. Das große Thema ist für mich nicht so sehr eine Reduzierung der Brüsseler Komplexität, sondern eher neue Modelle der Partizipation und vielleicht auch der Visualisierung und damit Erklärung komplexer Sachverhalte.

Zurück ins 19. Jahrhundert des Nationalstaats geht es nicht mehr.

Einer der schönsten Artikel der letzten Tage zu veränderten Natur des Politischen ist mit dem Titel "Politics or technology – which will save the world?" überschrieben. Klar wird, dass beide nicht ohne einander auskommen. Die massiven Auswirkungen der digitalen Revolution sind im Politikbetrieb noch nicht wirklich angekommen. Aber ohne das Politische werden wir die Probleme der Welt auch nicht lösen können.  

P.S.: Ups, kaum war der Artikel online, sah ich noch diesen schönen Beitrag über die neue Übersetzungsfunktion von Skype. Na, dass wäre doch mal Technik, um Europa ein klein wenig verständlicher zu machen. Zumindest sprachlich. Falls es funktioniert.

Sonntag, 25. Mai 2014

The second machine age und entrepreneurship

In nicht wenigen Blogbeiträgen bin ich zuletzt auf "The second machine Age" von Brynjolfsson und McAfee eingegangen. Jetzt bin auch mit dem Lesen endlich durch, und muss sagen: ein tolles Buch, interessante bis brilliante Analyse der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft, aber schwacher Blick auf Handlungsoptionen, um mit den Herausforderungen dieser digitalen Wirtschaft und Gesellschaft umzugehen.

Für jeden Einzelnen von uns empfehlen die beiden Autoren vor allem anderen eine gute Bildung. Da die wirklich schlauen Jobs kurzfristig nicht ersetzt werden, würden Menschen mit entsprechenden Bildungsvoraussetzungen weiterhin gesucht. Am besten mit einer kreativen Problemlösungsfähigkeit, wie sie nach Ansicht der beiden Autoren in Montesori-Schulen besonders gut gedeiht. Und dann noch mit MOOCs, also mit einem besseren Zugang zu hochwertiger Bildung durch Technologie. Letztlich ist das Rat an die (zuvor als verschwindend skizzierte) Mittelschicht, durch noch mehr Bildung dem ökonomischen Druck der Automatisierung und Digitalisierung zu begegnen. Das ist auch das Rezept, welches in Deutschland immer als Antwort die Herausforderungen etc. präsentiert wird. Sicher alles richtig, aber doch ein bisschen unspezifisch und lau...

Für die Politik empfehlen die Autoren die üblichen Rezepte, um Wachstum zu fördern. Neben Bildungsinvestitionen und Reformen des Bildungssystems (und Infrastrukturinvestitionen und Investitionen und Forschung) ist das vor allem eine verstärkte bzw. verbesserte Gründungsunterstützung für Hightech-Startups. Warum das gegen die negativen Effekte der Digitalisierung helfen soll, wird nicht deutlich. Sind es nicht gerade die Hightech-Firmen, die zur Winner-takes-it-all Wirtschaft entscheidend beitragen?

Interessanter Weise sieht die Situation für Hightech-Gründer in den USA gar nicht so rosig aus, wie die in Deutschland rezipierten Beispiele von Google, Amazon und Co. immer erwarten lassen. In WIRED wurde kürzlich ein Blogartikel zur zurückgehenden Gründungsrate veröffentlicht, der auf einer Studie der Kauffman-Foundation beruht und beschreibt, dass die Gründungsrate im Hightech-Bereich in den USA seit Anfang der 2000er Jahre zurückgeht. Das ist mal eine interessante Meldung, schließlich wird uns in Deutschland mit unserer immer noch fußlahmen Gründerszene (ja, ja, Berlin boomt, aber trotzdem ist das alles immer noch eher Sparflamme) immer die USA als das Eldorado der Gründungskultur präsentiert.

Interessant: einerseits eine wachsende Durchdringung unserer Wirtschaft und Gesellschaft mit den Konsequenzen der Digitalisierung, gleichzeitig eine schwächelnde Hightech-Startup -Szene in Europa wie in den USA. Ist auch das ein Merkmal der Winner-takes-it-all Ökonomie? In dem Zusammenhang fällt mir ein, dass die EU in ihrem European Union Scoreboard, dem jährlichen Bericht zur Messung der Innovationsfähigkeit der Mitgliedstaaten, gerade einen neuen Indikator zu jungen, schnell wachsenden Technologieunternehmen eingeführt hat. Wenn nun der Start-up-Motor neu zu bewerten ist, weil die digitale Wirtschaft entgegen aller Intuition nicht zwangsläufig zu mehr Hightech-Gründungen führt, dann ist das vielleicht der falsche Indikator. Oder genau der richtige, weil er auf das Merkmal schnell wachsend abhebt und damit die Rate der zukünftigen Winner zu messen versucht, die "alles nehmen"?

P.S.: auch zum analytischen teil von Brynjolfsson und McAfee gibt es durchaus kritische Stimmen, zum Beispiel auch zur zentralen These, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe weltweit vernichtet. Hier ein Blogbeitrag, der aufgrund chinesischer und amerikanischer Zahlen deutliche Zweifel hat.

Samstag, 24. Mai 2014

Digitale Gesellschaft

Vor einer Woche veröffentlichte NESTA, eine meiner Lieblings -Think Tanks (warum gibt es so eine Organisation eigentlich nicht in Deutschland?), einen Blogbeitrag zu Mariana Mazzucatos Buch "The Entrepreneurial State. Nachdem Stian Wsestlake zunächst die Grundthese von Frau Mazzucato mehrmals bekräftigte, nämlich die zentrale Rolle der Staates bei der Forschung an Grundlagenforschung, die später in disruptive Innovationen mündet und dann von Firmen wie Google oder Apple vermarktet werde, war Westlake mehr als zweifelnd, ob die vorgeschlagenen Rezepte zur Abschöpfung der privaten Gewinne aus dieser öffentlich finanzierten Forschung und die Refinanzierung eben diese Forschungsförderung funktionieren können. Die vorgeschlagenen Mechanismen (z.B. eine staatliche Beteiligung an IPRs und eine Art Innovationsfond, der daraus finanziert wird) würde zu einem administrativen Albtraum, beträfen die falschen Firmen und sollten besser durch allgemeine Besteuerung ersetzt werden.

Mazzucato und der gerade skizzierte Bolgbeitrag von NESTA konzentrieren sich auch das Ungleichverhältnis zwischen staatlicher Vorleistung (hier bei der Finanzierung von Forschungsförderung) und der privaten Gewinnabschöpfung, bei einigen explizit genannten Firmen wie Google und Apple in geradezu exorbitanter Höhe. Eigentlich müsste man da noch eine Schippe drauflegen. Wie Brynjolfsson und McAfee in "The Second Machine Age" schön beschreiben, führt das digitale Zeitalter zu exponentiellem Wachstum neuer Innovationen und gleichzeitig zu einer beständigen Spreizung der Chancen und Vermögen. Die "winner takes it all" -Ökonomie macht sehr wenige Menschen sehr reich, und in der Regel sind das die Chefs derjenigen Unternehmen, die durch neue Produkte, Technologien und  Dienstleistungen besonders von der digitalen Revolution profitieren. Dieser Trend ist nach Brynjolfsson und McAfee kaum zu stoppen und heute noch vergleichsweise milde ausgeprägt. Aber dieser technologische Wandel, ist das nicht genau das Ergebnis der öffentlich finanzierten Grundlagenforschung, die Mazzucato beschrieben hatte? Und ist das angesichts der wachsenden Einkommensungleichheit, die die beiden amerikanischen Autoren prognostizieren, eigentlich gerecht, dass die aktuellen und künftigen Superreichen so stark von der staatlichen Grundlagenforschung profitieren?

Da sind wir dann wieder bei den Umverteilungsmodellen von Mazzucato. Sie sah nur Bedarf, die öffentliche Forschungsförderung zu refinanzieren. Ob ihre vorgeschlagenen Ansätze funktionieren könnten, da habe ich zusammen mit NESTA meine Zweifel. Vielleicht ist auch eine viel grundlegendere Restrukturierung der staatlichen und privaten Finanzen notwendig. Piketty (siehe auch meinen Blogbeitrag hier) schlägt eine deftige Reichensteuer vor. Vielleicht geht es aber auch um eine Art Grundeinkommen, dass durch die neuen Reichtümer der digitalen Revolution finanziert werden muss. Gestern hat der deutsche Bundestag ja das Rentenpaket auf den Weg gebracht. Kritiker sehen hier eine langfristige Bedrohung für das deutsche Rentensystem und sprechen von sinkenden Rentenhöhen und drohender Altersarmut, die aus diesen Beschlüssen mittelfristig folgen wird. Im Deutschlandfunk plädierte gestern der Sozialökonom Friedrich Breyer dafür, über eine Grundrente nachzudenken, um diese Ungleichheitstrends auszugleichen. Wolle man den sozialen Frieden nicht gefährden, führe an solchen Überlegungen wohl kein Weg vorbei. Ich könnte mir vorstellen, dass dies auch für die Früchte der digitalen Revolution auf Dauer auch gelten könnte.

P.S. Die Konsequenzen der Digitalisierung auf alle Branchen werden auch in Deutschland immer intensiver diskutiert, wobei die Grundsätzlichkeit des Wandels für meinen Geschmack meist unterschätzt wird. Die meisten Artikel und Studien beschränken sich dabei auf die Beobachtung, ob ein bisschen mehr IT dabei ist. Zwei Artikel der Wirtschaftswoche (zu Digitalisierungseffekten in verschiedenen Branchen und zu Digitalisierung und Wertschöpfungsketten) skizzieren z.B. eher impressionistisch und mit Blick auf einzelne Unternehmen Beispiele für neue digitale Lösungen. Dahinter steht ein sogenannter "Digital Readiness Index", den die Beratungsfirma Neuland für die Wirtschaftswoche erarbeitet hat. Aber alles mit Fokus auf Einzelunternehmen, ohne wirklich die Veränderungen im System in den Blick zu bekommen.

Mittwoch, 21. Mai 2014

Einwanderung und Innovationssystem

Am 25.5. wird das neue Europaparlament gewählt, und die Wahl verspricht leider in vielen Ländern zu einem Triumpf der Europaskeptiker zu werden. In Deutschland steht die AfD vor einem erfolgreichen Einzug mit (laut aktuellen Umfragen) um die 7%, im Vergleich zu Frankreich oder Großbritannien ist das aber noch recht harmlos. Tatsächlich ist die Zustimmung der Deutschen zu Europa und ihre Zufriedenheit mit der Mitgliedschaft zur EU in letzter Zeit gestiegen, wie eine Veröffentlichung des Pew Research Center zeigt. In der selben Umfrage wird auch deutlich, dass nicht zuletzt die aktuelle wirtschaftliche Stärke ein Grund für diese positive Haltung sein könnte. Interessant ist zudem, dass die Deutschen, lange Zeit mit der Zuschreibung "Einwanderungsland hadernd", wohl so langsam Freude daran finden, attraktiv für Zuzügler aus anderen Ländern zu sein. Die Studie des Pew Research Center zeigt, dass die meisten Deutschen die Zuwanderer nun als Stärung der deutschen Wirtschaft erleben.

Zeitgleich hat auch die OECD eine aktuelle Veröffentlichung zur Zuwanderung veröffentlicht und darin belegt, dass sich Deutschland mittlerweile auf Platz 2 der beliebesten Zuwanderungsländer vorgearbeitet hat. Die meisten der Zuwanderer kommen dabei aus den EU-Nachbarstaaten, und viele sind äußerst gut qualifiziert. Der deutsche Arbeitsmarkt hat also von der europäischen Wirtschaftskrise profitiert. Bislang wurde die geringe Attraktivität Deutschlands als einer der wesentlichen Negativfaktoren für den Wirtschafts- und Innovationsstandort Deutschland gesehen. Insbesonder vor dem Hintegrund eines möglichen Fachkräftemangels wurde Zuzug als wichtiges Element für eine dauerhafte Stärke des deutschen Innovationsmodels gesehen. Wir scheinen ja nun doch auf einem guten Weg zu sein... 

Aber diese Attraktivität ist vor dem Hintergrund der pull-Faktoren zu sehen. Die Zuwanderer kommen nach Deutschland, weil es hier attraktive Arbeitsbedingungen gibt, aber auch, weil es in ihren Urspungsländern so perspektivlos ist. Keine staatlichen Investitionen, zurückgehende wirtschaftliche Leistungen. Das letzte Innovation Union Scoreboard zeigt, dass sich größer gewordenen Abstände in der Innovationsleistung der Mitgliedstaaten aus Krisenzeiten nur sehr langsam wieder schließen. Europa bleibt mit Blick auf diese Innovationsleistung äußerst heterogen. Lobt sich die Bundesregierung heute in ihrer Pressemeldung zum Bundesbericht Forschung und Innovation, das europäische 3% Ziel endlich erreicht zu haben, so sind andere Mitgliedstaaten davon meilenweit entfernt. Daran wird auch das neue Rahmenprogramm Horizon 2020 der EU, dass deutlich mehr Geld in FuE investiert als das Vorläuferprogramm, wenig ändern. Und die Neuausrichtung der Strukturfonds, die ebenfalls stärker Innovationspolitik mitfinanzieren soll, könnte möglicherweies auch eher den starken, leistungsfähigen und innovativen Regionen zugutekommen.

Ähnlich wie innerhalb eines Nationalstaats brauchen wir aber auch in der EU weniger Ungleichheit zwischen den Mitgliedstaaten und ihren Gesellschaften. Einheitliche Lebensbedingungen von Porto bis Helsinki werden wir auf absehbare Zeit nicht schaffen, sollten aber doch eine Angleichung anstreben. Auch deutsche Unternehmen sind zusammen mit ihren europäischen Partnern stärker als allein, um Wettbewerbern aus aufstrebenden Schwellenländern wie China oder Braislien erfolgreich zu begegnen. Am 25.5. gibt es wieder einmal die Möglichkeit ,Europa zu stärken..... 

Sonntag, 4. Mai 2014

Verhaltensökonomie und ganzheitliche Innovation

Der Spiegel hat gerade einen schönen Artikel zum Thema Verhaltensökonomie veröffentlicht. Wie schaffe ich (bzw. der Staat) es, die Leute zu einem besseren (vernünftigeren, gesundheits- und umweltbewusteren...) Verhalten zu bringen. Etwas reißerisch schreibt der Spiegel, Unternehmen und Kommunen entwickelten Ideen zur geistigen Umprogrammierung! Die sogenannte Behavioural Economics (also Verhaltensökonomie) untersucht empirisch, wie unser aller Verhalten (als Marktteilnehmer) zu erklären und zu steuern ist. Warum treffen wir nicht immer die obektiv naheliegende, "richtige" Entscheidung? Warum verhalten wir uns unvernünftig, obwohl wir das im Grunde einsehen? Wie können alte, "schlechte" Angewohnheiten geändert werden? Häufig sind es kleine Veränderungen, zum Beispiel die voreingestellte Option bei Entscheidungssituationen, die in der Masse einen positiven Trend bewirken können. Ist Ökostrom der Ausgangstarif und muss ich mich bewusst zum billigeren, aber dreckigeren Alternativtarif entscheiden? Wird Organspende als Opt In oder Opt Out gehandhabt?
Die OECD hat diesem Thema jüngst eine dicke Studie gewidmet, die britische Regierung eine eigene Task Force aufgestellt und einen Ratgeber veröffentlicht. Die Idee ist immer die gleiche: wie bekomme ich eine möglichst effektive Politik, wie erreiche ich mit meinen Maßnahmen möglichst effizient die Bürger und bringe sie dazu, mit mir und der Gesellschaft an einem Strang zu ziehen. Grundidee ist daneben auch, durch Experimente und Ausprobieren sowie durch Messung der Erfolge veränderter Politikansätze systematisch die "beste" Maßnahme zu entwickeln. Der Ansatz atmet also auch viel bon einer Kultur der evidence based policy, einem Politikverständnis, dass stark auf Monitoring und Evaluation setzt.  
Spannend ist der Ansatz der Verhaltensökonomie für die Innovationspolitik vor dem Hintergrund eines veränderten Politikverständnisses, dass neben technology push stark auch auf Verhaltensänderungen beim Bürger setzt, um übergreifende Ziele wie eine neue Mobilität, die Energiewende oder eine nachhaltige Stadt zu erreichen. Aufklärung allein scheint da nicht zu reichen, sanfte Beeinflussung zu gutem Handeln könnte zusätzlich helfen. Wenn das ganze nicht in geistige Umprogrammierung à la Spiegeltitel umschlägt! Aber da hilft wohl nur der öffentliche Diskurs um die richtigen Ziele und die richtigen Mittel.

Technologie, Reichtum und Ungleichheit

In San Francisco werden die wohlhabenden Google-Mitarbeiter neuerdings schief angesehen oder gar angegriffen, weil der Wohlstand der Technologiekonzernleute als Gefahr für die alteingesessenen, weniger Wohlhabenden (oder auch die Rentner von morgen) gesehen wird. In Deutschland würde man das wohl Gentrifizierung nennen, auch wenn die steigenden Preise im Prenzlauer Berg noch nicht auf die wachsende Startup-Kultur Berlins zurückzuführen sind...
Das Thema Technologie und wachsende Ungleichheit gewinnt an Fahrt. Die OECD, die sich seit Jahren systematisch mit dem Thema beschäftigt,  hat in einem Blogbeitrag kürzlich noch einmal darauf hingewiesen, dass sich die Schere zwischen den Superreichen und dem Rest der Gesellschaft Stück für Stück öffnet. Und während bislang auch die OECD davon ausgeht, dass ein Gutteil des enormen Reichtums erst einmal in der ein oder anderen Form "erarbeitet" wurde, wird sich dieser Reichtum mittelfristig eher durch Erben und Reinvestieren vermehren. Thomas Pikkety hat in seinem neuen Buch beschrieben, dass der Rentenkapitalismus langfristig über produktives Wachstum siegt, dass also die Zinsen auf Kapitalinvestitionen deutlich höher als das langjährige durchschnittliche Wachstum liegen.
Ein anderes Buch, dass schon im letzten Jahr erschienen ist ("Die Supperreichen" von Chrystia Freeland - hier ein Fernsehbeitrag zum Buch, schöne und kritische Rezension hier), beschreibt sehr schön, wie neben Globalisierungs- und Privatisierungsgewinnern (z.B. den Oligarchen in Russland) auch die Technologiegründer aus Silicon Valley und andernorts zu geradezu sagenhaftem Reichtum gekommen sind. Unsere moderne Wirtschaft scheint immer stärker dazu zu neigen, nach dem Prinzip "the winner takes it all" die Besten bzw. Erfolgreichsten besonders zu belohnen, und in einer stark auf Gründer ausgerichteten Volkswirtschaft sind das durchaus die erfolgreichen Technologieunternehmer.
Die von mir schon öfter zitierten Brynjolfsson und McAfee haben das Auseinanderdriften der Gesellschaft durch den technologischen Wandel, der die bislang dominante Mittelschicht immer weiter ausölt, in ihrem jüngsten Buch "The second Machine Age" schön beschrieben. Ob dagegen tatsächlich eine stetige Qualifizierung der Gesellschaft allein hilft, ist nicht ausgemacht.

Sonntag, 6. April 2014

Industrie 4.0 und die Zukunft der Arbeit

Die Hannover-Messe steht vor der Tür, und ein Thema dort ist Industrie 4.0, also die intelligente Vernetzung und Automatisierung der deutschen Fabriken. Neben den technischen Problemen und Herausforderungen rücken immer wieder auch mögliche Konsequenzen für die Arbeitsplätze in der Produktion in den Mittelpunkt der Diskussion (wie hier oder hier in den aktuellen VDI-Nachrichten). Bereits vor fast einem halben Jahr hatten sich die VDI-Nachrichten mit dem Thema beschäftigt, und nun gibt es eine geballte Ladung Artikel. Der Tenor ist immer ähnlich. Die Qualifikationsanforderungen werden sich ändern und tendenziell steigen, menschliche Arbeit wird weiterhin benötigt, ob untern´m Streich mehr oder weniger, bleibt offen. Vielleicht ist aber auch alles nur ein großer Hype, und von Industrie 4.0 redet in 10 Jahren niemand mehr.

Dabei steckt natürlich ein übergreifender Trend hinter möglichen Folgen für die Produktion. Ich hatte bereits in einem früheren Blogbeitrag die aktuelle Diskussion umrissen. Für den deutschen Arbeitsmarkt viel wichtiger, ob bestehende Fabrikanlagen nun mit weniger oder mehr, mit besser oder schlechter qualifizierten Arbeitnehmern auskommen, ist außerdem, ob wie internationale Wettbewerbsfähigkeit des Produktionsstandortes Deutschland erhalten bleibt oder gar wächst. Die Fertigung hat sich in den letzten Jahren stärker den Märkten genähert, und viele Produkte, die heute in den Fabriken Asiens für den europäischen Markt hergestellt werden, könnten dies zukünftig auch wieder in Europa. Allerdings nur dann, wenn eine automatisierte Produktion hierzulande preiswerter als die Arbeitskräfte-intensive z.B. in China ist. Global gesehen kostet das natürlich schon Arbeitsplätze, und auch chinesische Fabriken lassen sich automatisieren.

Auch andere haben sich übrigens aktuell mit der Zukunft der Arbeit in der Fabrik der Zukunft beschäftigt, so z.B. das Fraunhofer Institut IAO mit einer Studie zum Thema, Prof. Hirsch-Kreinsen von der Uni Dortmund mit einem aktuellen Arbeitspapier sowie die Böckler-Stiftung (auch mit einem kleinen Schlenker, was das für die Gewerkschaftsarbeit bedeutet) oder auch die IG Metall. Die Zukunft der Arbeit ist wieder zurück...  

Ach ja, hier ist auch der passende Film dazu ...

Donnerstag, 3. April 2014

TED, Falling Walls und EDGE

Vor ein paar Tagen berichtete die Süddeutsche wieder, wie schon im vergangenen Jahr, über die TED-Konferenz in Vancouver. Neben dem Umgang mit der NSA beschäftigt die Süddeutsche insbesondere die breitere Thematik von TED, die nicht mehr im Kern nur eine Internet-orientierte Konferenz ist (auch wenn die reichen Stars von TED zumeist durch Internet-Firmen groß geworden sind). Ich habe die Gelegenheit genutzt und mal in die online verfügbaren TED-Videos geschaut. Hängen geblieben bin ich zum Beispiel beim Vortrag über die Zukunft der Geschichtsschreibung und mediale Vermittlung in Zeiten digitaler Medien und großer Datensätze: "Bauen wir eine Informationszeitmaschine". Laut TED-Website lauern noch 1699 weitere Videos mit hoch spannenden Themen auf mich. Jeden Tag kommen neue Videos dazu. Und TED ist nicht die einzige Plattform dieser Art. In Deutschland gibt es seit 2009 die Falling Walls Konferenz, die ebenfalls in kurzen Vorträgen die aktuellen Durchbrüche der Wissenschaft ("Was lässt die Mauer in XY fallen?") präsentiert. Einmal war ich selbst da und erinnere mich zum Beispiel an den Vortrag zu Behavioural Economics und Innovation, der sich natürlich auch auf der Video-Seite von Falling Walls archiviert findet (und zu dessen Thema ich in einem nächsten Blogbeitrag noch mehr sagen werde). Auch hier könnte man beliebig weiter stöbern und sich zum Beispiel einen Vortrag zum chinesischen Staatskapitalismus und Innovationspolitik anhören und sehen. Wer nun noch nicht genug hat, wandert weiter zu The Edge, wo weitere Videos und vor allem viel Textbeitrge zur jeweiligen Jahresfrage (dieses Jahr: "What Scientific Idea is ready for Retirement") warten. Wer hat die Zeit, das alles anzuschauen und durchzulesen, wer sagt mir, was sich zu sehen und lesen lohnt? Hilfe!!!