Donnerstag, 29. September 2016

Jahrestagung der EES: Tag 2

(dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog des AK FTI der DeGEval)

Auch der zweite Tag der europäischen Evaluationskonferenz war wieder sehr dicht gepackt, mit bis zu 20 nebeneinander laufenden Parallelsession. Entsprechend gering war zum Teil auch der Zulauf, sodass manchmal mehr Präsentator als Zuhörer in einem Raum waren. Gleichwohl waren die Diskussionen in diesen kleinen Gruppen bisweilen intensiver als in gut gefüllten Vortragssälen. Und Anregendes gab es genug zu hören.

Gut gefallen hat mir zum Beispiel der Beitrag über ein Evaluationskonzept, das Startup-Inkubatoren in den Fokus nimmt. Die Herausforderung ist dabei wie so oft, kausale Zusammenhänge zwischen der Intervention und der später gemessenen Wirkung herzustellen. Der Präsentator betonte daher, dass es nicht um "attribution", sondern nur um "contribution" gehen können, also um den Beitrag, die eine Intervention zu einer gemessenen Wirkung voraussichtlich leisten kann. Zum Einsatz kam in diesem Fall die qualitative comparative analysis Technik.

In einer weiteren Session wurde ein Evaluationsansatz vorgestellt, der die Konzeptionsphase von der eigentlichen Evaluation abtrennt. In Großbritannien scheinen zunehmend Projekte ausgeschrieben zu werden, die zunächst einmal potentiell zu evaluierende Maßnahmen oder Politikfelder daraufhin untersuchen, welche Voraussetzungen für die spätere Evaluation vorhanden sein müssen. Sind zum Beispiel Zugänge zu notwendigen Daten gesichert, werden entsprechende Prozesse auch gemonitort, gibt es eine Programmtheorie, die Wirkvermutungen widerspiegelt? Am Ende steht ein Evaluationsdesign, das auch Angaben zu den am besten geeigneten methodischen Zugängen macht. Die eigentliche Evaluation wird dann erneut ausgeschrieben, und der Auftragnehmer der Vorstudie kann sich natürlich wieder bewerben. Nach Angaben des Präsentators werden mittlerweile 10% aller Evaluationen in Großbritannien entsprechend vorbereitet. Zwei seiner Beispiele betrafen Evaluation im Bereich FTI, eine eine Gründungsförderungsmaßnahme, eine andere ein Luftfahrtforschungsprogramm. Der Vorteil gegenüber einer integrierten Evaluation sei, dass diese Vorstudien relativ früh erfolgten, dass keine sehr lang laufenden Evaluationsprojekte ausgeschrieben werden müssten und dass der / die Programmverantwortliche eventuell einen neuen Auftragnehmer auswählen können, falls er/sie mit den Auftragnehmern der Vorstudie unzufrieden ist.

Ich selbst hatte heute auch zwei aktive Beiträge, den einen zu einem Ansatz der Analyse von spezifischen Technologie-Wertschöpfungsketten, die gerade bei der Technologieförderung beeinflusst werden sollen. Zusammen mit meiner Kollegin Christiane Kerlen haben wir ausgeführt, wie ein relativ erschöpfendes Mapping spezifischer Wertschöpfungsketten als Ausgangsdaten genutzt werden kann, um dann den Beitrag eines konkreten Programms zur Stärkung der selben zu argumentieren.

In einem zweiten Beitrag mit meiner Kollegin Sonja Kind haben wir beschrieben, wie die Nutzung unterschiedlicher methodischer Zugänge, in unserem Fall eines Online-Survey und qualitativer Fallstudien, zu widersprüchlichen Teilergebnisse führen kann, die dann erst in einer weiteren Interpretationsschleife, unter Zuhilfenahme von Experteneinschätzungen und Diskussionen mit dem Programmverantwortlichen, in einer final Interpretation des Endbericht münden.

Jahrestagung der EES - Tag 1

(dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog des AK FTI der DeGEval)

Nach der DeGEval-Konferenz in der letzten Woche startete heute die europäische Evaluationskonferenz in Maastricht. Die EES-Konferenz ist mit 600 Teilnehmern deutlich größer, entsprechend groß war auch die Herausforderung, im Konferenzprogramm die richtigen Sessions auszuwählen.

Schon der Auftakt war anders als in Salzburg. Es gab keine Keynote. In der Eröffnungssession wurde stattdessen die Simulation eines Evaluationsauftrags durch ein Panel von bekannten Evaluatoren diskutiert. Thema dieses fiktiven Auftrags war die Integration von Flüchtlingen in Armenien. Ich fand dies ein charmantes Design, um etwas grundsätzlicher typische Herausforderungen von Evaluationen zu diskutieren. Die Panel-Teilnehmer reagierten ganz unterschiedlich auf die Ausgangsfragestellung. Zwei von ihnen setzten auf Evidenz durch Sekundäranalyse. Im Sinne von "what works" (siehe hierzu auch die entsprechenden Institutionen in UK und den USA) plädieren sie z. B. dafür, erst mal zu sammeln, was es schon an Erkenntnissen gibt, oder mit Experten oder Institutionen zu reden, die zu dem Thema schon gearbeitet haben.

Elliot Stern, ebenfalls auf dem Panel, sprach sich als Anwalt der Politikberatung dafür aus, die Fallstudien eher als strategische Problemstellung zu behandeln und das Design der Evaluation entsprechend zukunftsgerichtet zu halten.

Tatsächlich war die ganze Fragestellung dieser hypothetischen Evaluationsaufgabe eher untypisch, weil sie nicht ein bestehendes Programm oder eine bereits umgesetzte Politikstrategie adressierte. Andererseits machte sie deutlich, wie nahe Evaluationen und in die Zukunft gerichtete Politikberatung eigentlich sind. Die Rekonstruktion von Programmtheorien und Modellen ist ja nichts anderes, als der Blick zurück auf die Strategieentwicklung der Vergangenheit zu werfen. Möglicherweise sollten Handlungsempfehlungen von Evaluationen stärker auch die Strategieentwicklung selbst in den Blick nehmen.

Am kontrovers in ganz Europa diskutierten Thema Flüchtlinge wurde auch ein anderer  Aspekt von Evaluationen deutlich. Evaluationen müssen in solchen Fällen Politik erklären, sie müssen deuten, framen, Geschichten erzählen. Die harten Fakten werden bei solch einem emotional diskutierten Thema nicht unbedingt überzeugen.

Eine weitere Session beschäftigte sich mit der Institutionalisierung von Evaluationskulturen in unterschiedlichen Ländern und der Rolle, die Evaluationsgesellschaften dabei spielen.

Mich hat dabei am meisten das Beispiel der Niederlande beeindruckt. Seit ein paar Jahren gibt es dort so genannte policy reviews, worunter Metaevaluation in ganzer Politikfelder zu verstehen sind, die auf Einzelevaluationen spezifischer Maßnahmen aufbauen und alle 7 Jahre erstellt werden sollten. Die Initiative hierzu ging vom Finanzministerium aus. Zuschnitt und Fokus solcher Politikfeldevaluation bleibt offen und in der Entscheidung des zuständigen Ressorts. Allerdings müssen die Ressorts in den Budgetverhandlungen jeweils einen Evaluationsplan für die nächsten 3 Jahre angeben. Den neuen Ansatz der policy Review es gibt es seit ein paar Jahren, heute sind es schon 20-25 pro Jahr. Ähnliches könnte man sich auch für Deutschland wünschen, zum Beispiel für die KMU-Förderung oder die Förderung im Bereich Elektromobilität.

Eine weitere Session des heutigen Tages stand im Zeichen einer begleitenden Programmevaluation in der Region Limburg, in der Maastricht liegt. Es geht um eine stärkere Unterstützung der Universitäten und ihrer Kooperationen untereinander und mit Unternehmen in den nächsten zehn Jahren. Ziel dieser Maßnahme ist es, das gesamte Innovationssystem der Regionen zu stärken und auf ganz unterschiedlichen Dimensionen Effekte zu erzielen. Entsprechend ambitiös ist auch das Evaluationskonzept, das diese Impacts mit einem sehr breiten Set an Indikatoren messen möchte und auch vor der Herausforderung steht, kausale Effekte in komplexen Systemen nachweisen zu können. Beeindruckend ist aber, dass schon jetzt Monitoringdaten gesammelt werden, und dies mit der Perspektive, erst in einigen Jahren (2024) die eigentliche Evaluation vorzunehmen.

Sonntag, 25. September 2016

DeGEval Jahrestagung: von der Nützlichkeit der Evaluationen

Vergangene Woche habe ich mich in Salzburg rumgetrieben, auf der Jahrestagung der DeGEval. Motto der diesjährigen Tagung war: Nutzen und Nachhaltigkeit von Evaluationen. Beiträge zu einzelnen Sessions finden sich in Blogbeiträgen des Arbeitskreises FTI der Degeval, zum Beispiel hier, hier und hier.

An dieser Stelle möchte ich ein anderes Thema aufgreifen, das bereits in der Keynote von Professor Altrichter Beginn angesprochen wurde. Nämlich die Frage, wie Evaluationsergebnisse tatsächlich genutzt werden, wie es also um die Nützlichkeit steht. Professor Altrichter führte dies in seinem Vortrag am Beispiel von Schulinspektionen aus. Er kam zu dem etwas ambivalenten Schluss, dass zwar die Erwartung solcher Inspektionen bereits erhebliche Wirkung in den Institutionen, also den inspizierten Schulen auslöst. Dass aber andererseits die Ergebnisse solcher Inspektionen kaum konkret zu einer Veränderung führen. Evidenz ist also möglicherweise da, diese wird aber nicht für ein verändertes Handeln genutzt.

Nun ist die Situation in der FTI Politik ein wenig anders. Hier gibt es keine Schulinspektionen oder vergleichbare Instrumente. Gleichwohl erscheint ist mir aber durchaus plausibel, dass ähnliche Effekte wirken. Der Weg ist quasi das Ziel. In der Auseinandersetzung mit Evaluationsprozess werden Veränderungen angestoßen, während die Nutzung von Evaluationsberichte marginal bleibt. Die hat auch damit zu tun, dass sich Evaluationen im FTI Bereich über geraume Zeit hinziehen Köln. Es ist also auch aus Sicht der Akteure rationaler, bereits im Prozess den Impuls aufzunehmen und Veränderungsprozesse anzustoßen, als auf die Endberichte zu warten.

Ein weiterer Effekt wurde in einer der oben genannten Sessions der Tagung angesprochen, nämlich das kumulative Lernen aus immer wiederkehrenden Evaluationsprozessen. Es ist weniger das Ergebnis einer konkreten Evaluation, das zu veränderten Verhalten führt, als vielmehr die wachsende Erfahrung, die im Verlauf von Evaluationsprozessen durch verschiedene Akteure gesammelt wird.

Aber was ist dann mit Daten- und Fakten- geleitete Evidenz, die wie eine Monstranz als letztes Ziel der Evaluation voran getragen wird? Wird dieses Denkmal durch solche Vermutungen vom Sockel gestoßen? Ich glaube nicht. Für mich wird in solchen Überlegungen viel mehr deutlich, dass Evaluationen vor allem anderen Lernprozesse initiieren und begleiten, die dann auf sehr unterschiedliche Weise auch neue Evidenz in die Entscheidungsfindung einbringen. Daten und Fakten spielen darin eine Rolle, sie sind aber nicht unbedingt die dominierenden Faktoren.

Samstag, 17. September 2016

Schon wieder wissenschaftliche Politikberatung

Im Moment lässt mich das Thema wissenschaftliche Politikberatung nicht los. Als vor einigen Wochen die Erde in Mittelitalien bebte und die Stadt Amatrice  verwüstete, war gerade in den ersten Stunden und Tagen noch unklar, wie  wahrscheinlich schwere Nachbeben sein könnten. Angefragt wurden hierzu natürlich wissenschaftliche Experten, also Geologen, aber die konnten auch nur sehr unbefriedigende Antworten geben.

Wie schwierig es ist, wissenschaftliche Politikberatung über Risiken von Naturkatastrophen richtig zu machen, zeigt dieser Artikel zu Beratungsdilemata der Fachleute. Letztendlich schildert er ein Problem, das nicht neu ist. Schon das Erdbeben in L'Aqilla führte die Schwierigkeiten, statistische Wahrscheinlichkeiten und Risiken verständlich zu kommunizieren, mehr als deutlich vor Augen. Damals kamen bei Nachbeben viele Menschen ums Leben, und einige Geologen wurden daraufhin strafrechtlich belangt (aber mittlerweile freigesprochen), weil sie falschen Rat gegeben hätten.

Eine Studie der OECD zur wissenschaftlichen Politikberatung,  an der ich auch teilnehmen konnte, nahmen diese Entwicklungen zum Ausgangspunkt einer Untersuchung über Herausforderungen der wissenschaftlichen Politikberatung. In der Studie ging es auch, aber nicht nur um Politikberatung hinsichtlich von Risiken und Katastrophen.

Letztere sind auch in Deutschland in den letzten Tagen intensiver diskutiert worden. Das neue Konzept der Bundesregierung zur zivilen Verteidigung hat ganz schön Staub aufgewirbelt. Die Diskussion drehte sich insbesondere darüber, wie weit der Einzelnen vorsorgen muss und wie er die ganzen Lebensmittelvorräte dann lagern soll. Ich habe es mal nachgerechnet: allein Wasser müsste ich nach diesem Konzept etwa 40 Liter im Keller haben. Andererseits ist das alles nicht neu. Das Bundesamt für Bevölkerungsschichten und Katastrophenhilfe hat entsprechende Ratschläge schon seit langem auf seiner Homepage.

Wie schnell in einer Katastrophensituation sämtliche Systeme zusammenbrechen können, hat Marc Elsberg sehr schön in seinem Roman blackout vor einigen Jahren geschrieben, dass auch bei professionellen Katastrophenschützern heiß diskutiert wurde.

Katastrophenschutz ist also okay, aber wie realistisch ist das Ausgangsszenario der Bundesregierung. Hier setzte die zweite Dimension der Kritik ein. War das Panikmache, jetzt von einer militärischen Bedrohung auszugehen? Oder greift hier nur die Verantwortung der Bundesregierung, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein? Schließlich gab es auch schon zuvor ein Konzept zur zivilen Verteidigung, es wurde ja nur aktualisiert. Und wie wichtig unterschiedliche Szenarien sind, hatte ich ja gerade erst in einem meiner letzten Blogs zum Thema foresight thematisiert.

Irgendwie bleibt aber schon ein komischer Nachgeschmack, aber seis drum. Mich erinnern solche Bedrohungsszenarien irgendwie an die frühen 80er Jahre, als sich Ost und West noch sehr kriegerisch gegenüberstanden. Aus dieser Zeit ist mir noch ein wirklich lustiger, sehenswerter Film in Erinnerung geblieben, der die Schizophrenie am Beispiel der Atombegeisterung und Atomangst der 50er bis 70er Jahre deutlich macht. Der Film "The Atomic Cafe" hat zum Beispiel herrliches Sehnen, wie laienhaft und skurril der Schutz vor einem atomaren Angriff in den 50er Jahren in Aufklärungsfilmen bebildert wurde.

Der nahenden Katastrophe lassen sich also durchaus auch lustige Seiten abgewinnen. Der Tagesspiegel zeigte gerade in einem Bericht,  dass sich aus den Vorräten des Katastrophenschutzes leckere Gourmet-Menues kochen lassen. Und dann gibt es natürlich noch die lustigen Prepper. Das Leben wird komplett der Vorsorge für den individuellen Katastrophenfall untergeordnet. Mich erinnert das ein wenig an die netten Abenteurer und Aussteiger Bücher zum Überleben in der Wildnis, Rüdiger Nehberg oder so.

Aber solche Bücher sind heutzutage auch von ganz anderem Kaliber. Gerade habe ich das Handbuch für den Neustart der Welt gelesen, mit dem wir uns nach der totalen Katastrophe, den globalen Mega-Virus zum Beispiel, langsam wieder technologisch hoch arbeiten sollen. Das ist natürlich nur Verpackung, die Rahmenhandlung sozusagen, um dann einen Rundumschlag über die technologischen Errungenschaften unserer Zivilisation zu starten. Mein Sohn fand das sehr spannend. Mir war es manchmal zu enzyklopädisch. Aber dann doch wieder gute wissenschaftliche Politikberatung?

Sonntag, 21. August 2016

Gründerhauptstadt?

Im September wird in Berlin gewählt, schon jetzt wurden die Berliner Parteien von BITKOM und dem Online-Magazin Gründerszene gefragt, wie sie zur Gründungsförderung in der Hauptstadt stehen.

Startups sind hip, und natürlich sind alle Berliner Parteien dafür, diese auch in Zukunft weiter zu fördern. Die konkreten Vorschläge der Parteien sind dann aber relativ langweilig. In den Schulen sollen zum Beispiel mehr Whiteboards stehen, die IBB, also die Berliner Investitionsbank soll ihre Gründungsunterstützung in ähnlicher Höhe beibehalten, Breitband ist natürlich wichtig, und irgendwie soll auch die Bürokratie abgebaut werden, damit Gründer schneller gründen können.

Gründerszene kommt zu dem Fazit, dass alle irgendwie was machen wollen, aber auch, dass Berlin als Gründungsstandort stark ist und vermutlich auch stark bleiben wird, aber nicht wegen der besonders Durchschlag der politischen Aktivitäten, sondern eher, weil Berlin attraktiv für Gründer ist und die Szene aus sich selbst heraus wächst. Hauptsache also, die Politik schadet nicht?

Aber wie stark ist Berlin tatsächlich als Gründungsstandort? Hierzu gibt es aktuell sehr ambivalente Einschränkungen. Aufgeschreckt hat manche Kommentatoren einerseits eine neue Studie von EY. Demnach hat Berlin seine Spitzenposition bei den Startup Investitionen gegenüber London, Paris und Stockholm wieder eingebüßt. Grund dafür ist vor allem, dass letztes Jahr, als die Sensationsmeldung über Berlin als Europas Startup-Hauptstadt durch die Medien gingen, Sondereffekte zum Tragen kamen, wie zum Beispiel die hohen Investitionen in die Rocket Internet Firmen. Die aktuelle Situation ist also näher am tatsächlichen Potenzial der deutschen Hauptstadt. Aber insgesamt sind sich die EY-Fachleute zufrieden, weil in der Breite die Substanz an Gründern da ist und dies auch in Zukunft Wachstum und Entwicklung der Gründerszene in Berlin bedeutet.

Aber vielleicht bringt ja das neue Hypethema fintech zusätzlichen Schub für die hauptstädtische Szene, zumal sich viele Hoffnung machen, nach dem Brexit-Referendum London um seine fintech - Szene zu beerben. Neueste Zahlen einer aktuellen Studie scheinen diese Hoffnungen zu bestärken. Die noch kleine fintech - Szene wächst.

Das Magazin brand eins ist hier allerdings skeptischer, ob fintech wirklich das Zeug für viele neue Unternehmensgründung hat. Die Autoren sehen hier die etablierten Banken deutlich besser positioniert, um mittelfristig echte Gewinne aus fintech-Lösungen zu schlagen.

Unterm Strich bleibt Berlin aber eines der dynamischsten Gründungszentren Europas. Und natürlich kann die Politik dazu beitragen, Gründungsaktivitäten zu fördern und Gründungsneigung in zu stärken. Es gibt es auch weiterhin viele Gruppen, die bislang ihr Potenzial nicht voll ausgeschöpft haben, beispielsweise Gründerinnen. Hierzu habe ich gerade mit einer Kollegin eine neue kleine Studie veröffentlicht, die ich aber erst in einem meiner nächsten Blogs vorstellen werde.

Donnerstag, 11. August 2016

Was wäre wenn? Foresight-Stories

Heute habe ich per Podcast eine längere Podiumsdiskussion zum Brexit und der Wissenschaft bei Dradio Wissen nachgehört, die mich in mehrfacher Hinsicht zum Nachdenken gebracht hat. Es diskutierten Prof. Görner und Prof. Strohschneider, unter anderem über englische (und andere) Populisten. Diese zeichneten sich nicht nur durch ihre Vorlieben für einfache Erklärungsmuster aus, sondern auch durch ein tendenziell wissenschaftsfeindliches Grundverständnis. Riefen sie heute noch Parolen von Lügenpresse, so könnte das morgen schon die Lügenwissenschaft sein.

Alles sehr unappetitlich, aber dann doch auch aus Sicht der Diskutanten auch eine Reaktion auf ein technokratisches Politikverständnis in London und Brüssel, welches die beiden Herren dann flugs gleichsetzten mit einem ökonomischen Imperativ, der kurzfristigen wirtschaftlichen Mehrwert für alles einfordert und demokratische Diskurse gefährdet. Diese Stilisierung des Technokratentums klang in meinen Ohren allerdings nur graduell besser als bei den zuvor gescholtenen Populisten.  

Ebenso einig waren sich die beiden Professoren über ihr Entsetzen angesichts der kopflosen Reaktionen der Brexit-Befürworter. Kaum hätten sie gemerkt, dass sie sich verzockt haben, hätten sie sich aus der Verantwortung gestohlen. Eine klare Vorstellung vom Szenario des Europaaustritts, von den Handlungsmöglichkeiten und Handlungsnotwendigkeiten, hätte bei den politischen Entscheider nicht vorgelegen.

Handelt es sich auch hier um den klaren Fall des Versagens bei der Politikberatung? Ich weiß es nicht, ich kenne die britische Landschaft der Politikberatung nicht gut genug. Auf jeden Fall sind mir in diesem Zusammenhang wieder die jüngsten Foresight'Studien der Stiftung Wissenschaft und Politik in Erinnerung gekommen. Die wohl durchaus kontrovers diskutierte Studie zu möglichen Entwicklungen in Russland, und die übergreifende Studie zu Szenarien der internationalen Politik.

Der Brexit übrigens kommt als internationale szenario in letztgenannter Studie nicht vor. Dafür hatte sich die Zeit in einem ein wenig ironisch gemeinten Artikel, der vor der eigentlichen Brexit-Entscheidung erschienen ist, an so etwas wie ein Szenario gewagt.

Doch nun zuletzt noch einmal auf die britischen Inseln und zu ihrer Foresight-Kultur. Wirkliche rundrum gelungen finde ich die folgende Übung in Zukunfts-Vorausschau: Der Economist veröffentlichte im Mai seine jährliche Sammlung "The World if ", in der er nicht nur einen Blick in die Kristallkugel möglicher Zukünfte wirft, sondern auch alternative Verläufe der Geschichte skizziert. Was wäre zum Beispiel gewesen, wenn sich die beiden Hälften Deutschlands nicht wiedervereinigt hätten.

Außerdem ist für ihn Teil von Foresight auch ein Blick in Technologieentwicklung und gesellschaftliche Trends. Was wäre zum Beispiel, wenn Algorithmen Gesetze schrieben? Sehr spannend! Technologieentwicklung und soziale Trends schließlich sind Perspektiven, die deutsche Foresight-Prozesse in der Innovationspolitik abgedeckt haben. Womit ich am Ende dann doch noch glücklich den Bogen zur Innovationspolitik hinbekommen habe.

Montag, 8. August 2016

Philanthropen?

Vor zwei Wochen brachte die Print-Ausgabe der Zeit (update 13.8.: jetzt online) in ihrem Wirtschaftsteil einen großen Artikel zu den sogenannten neuen Philanthropen. Anlass war die Entscheidung der BMW-Großaktionärin Susanne Klatten, 100 Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren für soziale Zwecke zu spenden.

Der Artikel berichtete, wie gerade in den USA eine regelrechte Spenden-Lawine von Superreichen losgetreten wurde, ausgehend von einer Initiative von Warren Buffett und Bill Gates. Der Artikel geht weiter darauf ein, dass es eine lange Tradition in den USA gibt, angefangen bei den Industrie-Baronen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert, den Carnegies undRockefellers.

Die spendenfreudigen Milliardäre von heute sind aber doch etwas anders, wie ich schon vor ein paar Monaten in diesem Blogbeitrag berichtet hatte. Sie sind viel jünger, und sie sind möglicherweise auch dann, wenn sie Gutes tun, knallhart auf marktwirtschaftliche Mechanismen ausgerichtet. Das zeigt sich in der Art und Weise, wie sie stiften und spenden. Effizienz ist alles, mit dem geringsten Aufwand soll der größtmögliche Nutzen erreicht werden. Die Rendite muss stimmen. Und dafür muss auch gemessen werden können, dass das Spenden-Investment zu Erfolgen führt.

Die Autoren der Zeit meinen, dass dies eine ganz neue Qualität soziale Arbeit nach sich ziehe. Diese müssen nur beweisen, dass sie auch Nutzen stiftet. Dieses allerdings ein hehrer Anspruch, der nicht immer leicht einzulösen ist.

Welch sonderbare Blüten es treiben kann, zeigt  ein Artikel zum Thema Bewertung von sozialen Projekten der Zeitschrift brand eins. Mittlerweile haben sich etliche Beratungsfirmen darauf spezialisiert, Stifter zu unterstützen und Messsysteme zu entwickeln, um tatsächlich den Erfolg des "sozialen Investments" zu messen. Aber es lässt sich halt nicht alles so messen, wie man sich das wünscht. Das oben verlinkte brand eins Heft ist übrigens eine gute Sammlung von Artikeln zum Thema messen und bewerten in allen möglichen Lebenslagen und Kontexten.

Zurück zum Zeit-Artikel. Dieser vermittelt den Eindruck, als wenn eine Kontrolle der Wirksamkeit sozialer Aktivitäten, sei es Sozialarbeit in Deutschland oder Entwicklungspolitik, durch private Stifter ganz neu eingeführt worden wäre. Das ist natürlich Quatsch. Auch staatliche Akteure versuchen seit langem, die Wirkung ihrer Politik zu messen und zu überprüfen. In der Entwicklungspolitik zum Beispiel hat die Evaluation von Förderung eine lange Tradition und ist besser etabliert als in allen anderen Politikbereichen.

Für mich schwingt hier ein ganz anderer Subtext mit. Unternehmer halten sich für die besseren Politiker. Populisten in den verschiedensten Ländern, in den USA, in Tschechien, in Italien wagen die These, das angeblich erfolgreiches Unternehmertum auch gutes Regieren garantieren würde. Mal davon abgesehen dass die meisten Beispiele der jüngeren Geschichte, nehmen wir nur einmal Silvio Berlusconi (und hoffentlich nicht bald auch Donald Trump), nicht gerade die Belastbarkeit dieser These belegen, so liegt den ganzen auch einen sehr vereinfachtes Verständnis staatliche Verwaltung zugrunde. 

Schon die Bundeshaushaltsordnung fordert effizientes und effektives Handeln dieser Verwaltung. Natürlich gibt es auch hier Verschwendung und Fehlinvestitionen. Aber die gibt es in der privaten Wirtschaft auch. Auch die deutschen Vorzeige-Konzerne von Volkswagen über Siemens bis hin zu Daimler haben in der Vergangenheit gezeigt dass sie so manchen Euro in den Sand setzen können.

Und die Überzeichnung der Unternehmerpersönlichkeit, des Firmenlenkers als Held und Supermann schließlich bedient zwar die Sehnsucht vieler Menschen nach Vorbildern, hat aber mit der Wirklichkeit vermutlich recht wenig zu tun. Sie verschleiert nur, dass hier Einzelpersonen geradezu pervers große Summen an Reichtum anhäufen, ohne dass dies in einem Verhältnis zu ihrer Leistung steht. Da hilft dann auch das großzügige Spenden am Ende nicht mehr viel.

Samstag, 6. August 2016

Zeigt der Brexit das Versagen wissenschaftlicher Politikberatung?

Das ist ein ganz schön langer Kater. Auch Wochen nach dem Brexit-Referendum hält der Kopfschmerz an. Die britische Wissenschaft macht sich massive Sorgen um die Folgen für Forschung in Großbritannien. Ich hatte darüber in einem früheren Blogbeitrag berichtet. Und aktuelle Artikel zeigen, dass diese Sorgen eher zu nehmen. Britische Wissenschaftler fragen sich mittlerweile aber auch, warum ihre guten Argumente gegen einen Brexit nicht ausreichend dafür gesorgt haben, die Bevölkerung umzustimmen. Honorige Nobelpreisträger hatten alle Argumente zusammengetragen, warum der Brexit wirtschaftlich eine Katastrophe sein könnte. Ohne Erfolg. Sozialwissenschaftler hatten gezeigt, dass Einwanderung kein Problem, sondern ihr eine Lösung für das britische Sozialsystem sein könnte. Die Mehrheit der Wähler und insbesondere die meinungsgebenden Medien waren anderer Ansicht. Ist wissenschaftliche Politikberatung also unnütz und ohne Effekt?

Es gibt durchaus die Meinung, dass der Konsensus der Wissenschaft über die wirtschaftlichen Folgen eines Brexit so groß durchaus nicht wahr.  Die Aussagen über mögliche Folgen wichen relativ stark voneinander ab, und dies hat  die Wirkung der  wissenschaftlichen Expertise auf die Debatte durchaus geschwächt.

Andere Wissenschaftler haben den Eindruck, dass ein ausreichender Konsens der Wissenschaft über die wirtschaftlichen Folgen eines Brexit durchaus da waren, dass die Medien aber der wissenschaftlichen Meinung zu wenig Platz eingeräumt hätten.

Angesichts der Welle rechtspopulistischer Erfolge in anderen europäischen Staaten und des Erfolgs von Donald Trump im PräsidentschaftsVorwahlkampf geht eine weitere Diskussion darüber, ob Globalisierungsverlierer ausschlaggebend für den Brexit -Erfolg waren. Eine Reihe sozialwissenschaftlichen Analysen des Wählerverhaltens in unterschiedlichen britischen Regionen scheint diese These zu stützen. Andere Studien  beschreiben die Gruppe der  Brexit-Befürworter etwas allgemeine als  "left behind". Dieser Artikel wiederum geht davon aus dass spezifische Werteinstellung ausschlaggebend für das Abstimmungsverhalten waren. Bei der Suche nach den Gründen für das Brexit-Desaster scheint die Wissenschaft also etwas erfolgreicher zu sein.

Etwas hilflos ist "die Wissenschaft", soweit es die denn gibt, bei der Frage, was für Lehren denn aus dem Brexit zu ziehen sind. Diese Frage stellte die Zeitschrift Science fünf renomierten Wissenschaftlern aus Europa, und die Antworten sind, folgt man diesem Blogbeitrag, eher enttäuschen. In der Regel plädieren die Wissenschaftler dafür, ihr spezielles Steckenpferdchen mit noch mehr Fördergeldern zu stärken. Einen wirklichen Lösungsansatz hatten sie nicht parat.

P.S.  ... und die Debatte um notwendige Änderungen bei der wissenschaftlichen Politikberatung geht weiter, hier z.B. für die Ökonomen ...

Samstag, 16. Juli 2016

European Innovation Scoreboard

In der vergangenen Woche hat die Europäische Kommission mal wieder ihr European Innovation Scoreboard veröffentlich. Das macht sie jedes Jahr, und ich habe auch schon in einem meiner früheren Blogs darüber berichtet. Trotzdem lohnt sich ein Blick in die aktuelle Ausgabe, zumal man nicht nur den Gesamtbericht lesen, sondern auch auf einer aktiven Webseite Vergleiche zwischen Ländern und Einzelindikatoren anstellen kann.

Für Deutschland ist die Bilanz durchwachsen. Einerseits ist Deutschland weiterhin Teil der sogenannten Innovation Leader, also der Gruppe der innovationsstärksten Mitglieder der EU. Andererseits ist der deutsche Gesamtindex in den letzten Jahren eher stagnierend bis abnehmen, während andere Länder wie die Niederlande deutlich aufholen und schon fast gleichauf mit Deutschland liegen.

Interessant ist auch die Entwicklung der skandinavischen Länder. Während die top Länder Finnland und Schweden ihre schwächeln, holt Dänemark rasant auf. Es wäre schon spannend zu erfahren, was der Grund hierfür ist, ob bestimmte Politikansätze dafür verantwortlich sind.

Unterschiedlich auch die Entwicklung auf der iberischen Halbinsel. Während Portugal eher an Innovationsstärke gewinnt, rutscht Spanien ab. Und unsere großen westlichen Nachbarn Frankreich und Großbritannien wiederum sind eher auf einem  Aufwärtstrend, wenn auch nicht in der Spitzengruppe wie Deutschland.

Insgesamt nimmt die Konvergenz zwischen den Mitgliedstaaten der EU wieder ab. Es gab schon einmal einen auseinanderstrebenden Trend in der Nachfolge der Finanz- und Wirtschaftskrise, dann sei zunächst so aus als wenn die Länder in ihrer Innovationskraft wieder stärker zusammenrücken, aber jetzt scheint es sich wieder leicht auseinander zu bewegen. Innerhalb der einzelnen Gruppen allerdings ist eher Stabilität angesagt.

Bei all diesen Trends und Vergleichen muss man allerdings berücksichtigen, dass die Daten schon etwa 3 Jahre alt sind, dass dies also ein Blick in die Vergangenheit ist. Das ist auch den Machern des Innovation Scoreboard bewusst, und dieses Jahr haben sie zum ersten Mal darauf reagiert und versucht aktuellere Zahlen einzubeziehen und Trendaussagen zu formulieren. Das ist ein spannender Ansatz, den man sich auch für die deutsche Innovationen Statistik wünschen würde.

Für Deutschland ist der Trend übrigens eher negativ.

Mittwoch, 13. Juli 2016

Robotersteuer und Teamarbeit


in einem Interview hat sich der Chef der Post Frank Appel gerade für eine Robotersteuer ausgesprochen. "Man könnte zum Beispiel bei Arbeit, die von Menschen geleistet wurde, auf die Mehrwertsteuer verzichten – und nur die Arbeit von Robotern besteuern". Im selben Interview hat sich Appel übrigens gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen, wie es gerade erst wieder anlässlich des Schweizer Referendums stark in den Medien diskutiert worden war.

Der Kontext ist klar. Die Angst davor, durch die neu heranrauschende Automatisierungswelle auf breiter Front Arbeitsplätze zu verlieren. Und die Senkung der Arbeitskosten ist natürlich ein bewährtes Mittel, um Arbeit attraktiver und Standorte sicher zu machen. Wenn der Arbeitgeberanteil zur Krankenkasse eingefroren wird, steckt genau diese Logik dahinter. Mir erschließt sich die Logik des Vorschlags trotzdem nicht.

Automatisierte Arbeit wird ja mit diesem Vorschlag relativ gesehen zu menschlicher Arbeit teurer. Und automatisierte Arbeit ist im weltweiten Wettbewerb sicher die Konkurrenz fähigere, ein Standortvorteil. Wir leben ja nicht in einem geschlossenen System. Das nun tatsächlich auf breiter Front menschliche Arbeit nach Deutschland kommt, weil hier Steuervorteile winken, halte ich für eher unwahrscheinlich.

Außerdem lässt sich das sicher nicht so fein auseinanderhalten, wo nur ein Mensch und wo nur ein Roboter gearbeitet hat. Das ist doch völlig weltfremd. In der Regel arbeiten Maschinen und Menschen zusammen, und das Bild vom Roboter führt sowieso in die Ehre. Es sind Softwaresysteme, die den Menschen unterstützen, es ist Intelligenz in der Maschine, die den menschlichen Arbeiter effizienter macht. Die will man da tatsächlich steuerrechtlich zu sortieren, was nur menschliche Arbeit ist.

Der große Trend in der industriellen Produktion ist doch gerade die kollaborative Arbeit von automatisierten Systemen und Menschen.

Apropos kollaborative Arbeit. Zu diesem Thema habe ich gerade einen Klassiker gelesen, das Buch Stahlhöhlen von Isaac Asimov aus den 50er Jahren. In diesem Buch beschreibt er sie mal auf die Vision einer Gesellschaft, in der Roboter und Menschen zusammenleben. Es geht ja ganz im Stil der 50er Jahre vor allen Dingen um humanoider Roboter. Der Held der Geschichte ist übrigens ein Polizist, und einen Roboter-Partner hat er auch.

Auch bei der Polizei wird heute zusammen mit automatisierten Systemen gearbeitet. Publicityträchtig sind immer Meldungen, indem es um Vorhersage Software, predictive computing geht. Ein ganz anderer Vorfall hat aber erst in den letzten Tagen für Aufsehen gesorgt. Der Fall eines Roboters, der eine Bombe zu einem Attentäter transportiert hat und sie dort explodieren ließ. Dagegen hilft auch kein Steuerrecht mehr.

Montag, 27. Juni 2016

Brexit und Wissenschaft

Jetzt ist es also passiert. Eine knappe Mehrheit der Briten hat sich für den brexit entschieden. Eine sehr weitreichende Entscheidung für die Zukunft aus sehr rückwärtsgewandten Motiven heraus. Eine Katastrophe für Großbritannien und für Europa.
Ziemlich eindeutig gegen den brexit und ziemlich deutlich entsetzt waren unter anderem Wissenschaftler auf der Insel (auch wenn es auch in dieser Community auch positive Stimmen gab). Aus ihrer Sicht profitiert Wissenschaft von internationalem Austausch und insbesondere vom europäischen Austausch in enormen Ausmaße. Der brexit trifft die Attraktivität des Wissenschaftssystems ebenso wie er die Chancen auf Austausch in gemeinsamen Projekten verringert.
Die Schweiz hat gerade erfahren, welche Probleme sich für das Wissenschaftssystem ergeben, wenn eine Bevölkerung in einem Referendum die Bande zu Europa lockert. Akzeptiert die Schweiz nicht die Freizügigkeit für das EU-Neumitglied Kroatien, so werden Schweizer Forscher in Zukunft nicht mehr am Forschungsrahmenprogramm teilnehmen können. Und war nicht gerade die Freizügigkeit eines der großen britischen Probleme?
Wenn auch die Überstürzung auf dem Kontinent allgemein sehr groß ist, so beginnen sich doch auch einige potentielle Krisengewinnler mehr oder minder heimlich die Hände zu reiben. Profitiert der Bankenplatz Frankfurt vom Abstieg des Bankenplatzes London? Wird Berlin zur Fintech-Metropole Europas? Wird die deutsche Gründerszene vielleicht ganz allgemein profitieren?
Vielleicht ist ja dieser ganze neumodische Technikkram überhaupt erst Schuld am brexit. Eine leicht verschwörungstheoretisch angehauchte Studie zumindest beschreibt, wie die Argumente für einen Ausstieg Großbritanniens in den sozialen Medien in den letzten Wochen dominierten, und das nicht wegen der menschlichen Kommentare, sondern wegen der bots. Bereits im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf gab es ja den Vorwurf, dass soziale Medien wie Facebook die politische Diskussion und potentiell damit auch das Wahlverhalten massiv beeinflussen könnten.
Vielleicht ist das Ergebnis des brexit-Referendums aber auch eine Verschwörung der Alten gegen die Jungen. Wie soll da noch zukunftsgewandte Politik gemacht werden? Einen gewagten Vergleich sieht angesichts dieser Diskussion Tyler Cowen  in seinem regelmäßigen Block und verweist auf eine in den letzten Tagen veröffentlichte Studie zum Verhalten unsere nächsten Verwandten.

Update: hier ist ein live blog von Science Business zum Thema brexit, science and technology

Samstag, 18. Juni 2016

Mittelschicht, Mittelstand und andere Mythen

Neben Gemeinplätzen wie deutscher Gemütlichkeit oder dem deutschen Wald nimmt die deutsche Mittelschicht einen herausragenden Platz im Selbstverständnis dieser Nation ein. Gestern las ich in einem Feuilleton-Artikel der Süddeutschen Zeitung (hier, allerdings hinter der Bezahlschranke) eine erfrischende Dekonstruktion dieses Mythos.

Der Soziologe Stephan Lessenich skizzierte im Interview, wie gemütlich sich die Mittelschicht seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts im deutschen Sozialstaat eingenistet hat und diese Position durch Abschließungstendenzen gegenüber anderen sozialen Milieus verteidigt. Die Mittelschicht ist wirtschaftlich privilegiert, und sie nimmt für sich politisch in Anspruch, die Leitlinien der deutschen Politik wesentlich zu gestalten.

Ängste um die Auflösung der Mittelschicht hält Lessenich im Wesentlichen für eine Fantasie. Die Mittelschicht habe seit fast 70 Jahren die Erfahrung gemacht, dass es immer bergauf gehe, dass ihnen das Wirtschaftswachstum der Republik zugutekomme, sie ihren Wohlstand auch an ihre Kinder und Enkel vererben können und dass sie das gesellschaftliche und politische Leben dominieren.

Nun droht angesichts säkulare Stagnation ein Ende dieses Dauerwachstums, und der technologische Fortschritt schafft neue Unübersichtlichkeiten und schwer planbare Karrierepfade für die Kinder, die neuen Reichen der digitalen Revolution machen zudem den Mittelstand den Thron als Regent dieser Gesellschaft streitig.

Ein vergleichbarer Mythos wie die deutsche Mittelschicht ist meiner Meinung nach der deutsche Mittelstand. Stütze der Wirtschaft und Garant für Wachstum und Wohlstand, ist er sicher der meistgenannte Akteur des deutschen Wirtschaftsystems.

Im Vergleich zu KMU anderer Länder soll er besonders innovativ sein. Im Vergleich zu Großunternehmen soll er besonders flexibel und agil sein. Natürlich setzt er nicht auf Shareholder-Value, sondern denkt langfristig und strategisch. Und schließlich kümmert er sich fürsorglich um seine Mitarbeiter.

Das alles trifft aber letztlich bloß für einem kleinen Teil dieser heterogenen Gruppe der Unternehmen zu. Die sogenannten hidden champions zum Beispiel sind tatsächlich besonders innovativ und erfolgreich. Im Mittelstand insgesamt geht die Innovationsleistung seit vielen Jahren zurück, und es dominieren im deutschen Innovationssystem eigentlich die große Unternehmen. Ob der deutsche Mittelstand tatsächlich so flexibel und anpassungsfähig ist, daran lassen die besorgniserregenden Berichte um die Unfähigkeit, den Trend Digitalisierung schnell und effizient umzusetzen, doch ein wenig zweifeln.

Mit der Mittelschicht gemeinsam hat der Mittelstand die erfolgreiche Strategie der Abschließung gegenüber anderen Gruppen. Die aktuelle Diskussion um die Erbschaftsteuer macht dies noch einmal deutlich. Auch im Forschungsförderungssystem der Bundesrepublik hat es der Mittelstand geschafft, sich als einzig wahrer Fördermittelempfänger zu stilisieren. Zwar gehen auch Fördermittel an Großunternehmen, das schlechte Gewissen ist aber gar groß dabei.

Klar, eine starke Mittelschicht und ein starke Mittelstand klingt gut, aber ein wenig Skepsis gegenüber einer ausufernden Idealisierung dieser sozialen Konstruktionen ist schon angebracht.

Donnerstag, 9. Juni 2016

Schmetterlingseffek

Gestern hat mir meine Tochter ein Video über Wölfe im Yellowstone Nationalpark gezeigt. Es geht darum, wie die Wiederansiedlung von Wölfen das gesamte Ökosystem verändert hat. Hirsche haben ihr Verhalten verändert, Bäume sind nun gewachsen, wo sie bislang von diesem Hirschen klein gehalten wurden, und sogar Flüsse haben ihren Lauf verändert.

Ähnliche Effekte kann man manchmal auch im Bereich der Innovationspolitik beobachten. So zeigt dieser Artikel, dass das Auftauchen von Uber erhebliche Effekte auf die Gründungsintensität in einer Region haben kann. Insgesamt nimmt die Gründungsintensität ab, dies betrifft dabei insbesondere solche Unternehmen, die vermutlich eher zum Scheitern verurteilt gewesen wären.

Spannend ist auch folgender Zusammenhang, der nicht sofort ersichtlich ist. Im Moment gibt es in Deutschland ja eine intensive Diskussionen um die Übernahme des Roboterherstellers KUKA durch einen chinesischen Investor.  Ich hatte  darauf auch schon in einem letzten Blog  Bezug genommen. Warum die Chinesen gerade an KUKA so stark interessiert sind,  kann vielleicht  der folgende Bericht  verdeutlichen, indem von einer Roboter-Blase geschrieben wird, die in China seltsame Blüten getrieben hat. Da ist das Investment in deutsche High-Tech vielleicht ein sicherer Weg, um an die begehrte Hochtechnologie zu kommen.

Das ist ja schon fast der Sack Reis, der in China umfällt ... Oder doch der Schmetterlingsflügel ....

Samstag, 4. Juni 2016

Realität und Illusion

Angeblich ist ja der Krieg der Vater aller Dinge (ob eine fortress economy nur Vorteile bringt, darüber lässt sich wohl streiten, wie auch dieser Artikel des Economist zu Israel zeigt ). Die Mutter vieler neuer Dinge ist aber meiner Ansicht nach das Spiel. Für ein bisschen Textverarbeitung hat die Chipindustrie nicht die immer neuen hochleistungs Chips entwickelt, die wir in Handys und Computern finden. Im Moment werden insbesondere neue Handygeneration weiter aufgerüstet, um einen ganz neuen spielerischen Erlebnis die technische Grundlage zu schaffen: der Virtual Reality, der Milliardenmärkte vorausgesagt werden. Im Moment blüht die virtuelle Realität ja in einem Hochpreissegment ebenso wie in einer low budget Variante auf.

Dieser zweiten Form habe ich mich seit Weihnachten mit dem Erwerb eines Google cardboard vorsichtig genähert. Es gibt ja mittlerweile wirklich tolle Beispiele für gelungene 3D Filme: noch von den Jahrmärkten meiner Kindheit kenne ich die groß Projektionen auf halbrunde Leinwände, in denen man zum Beispiel Achterbahn vor. Das geht jetzt auch mit Brett beziehungsweise Handy vorm Kopf. Etwas seriöser sind Reportagen, wie sie zum Beispiel die New York Times veröffentlicht und dabei gleich jedem Leser einen Google cardboard mitgeschickt hat. Neuerdings hat der  Economist eine virtuelle Rekonstruktion der antiken Kunstschätze aus Mossul ins Netz gestellt. Und mit ARTE kann man in 3D ins Wasser tauchen oder die Marmorberge von Carrara besuchen.

Interessanterweise wird nicht nur die virtuelle Realität immer realer, nein, auch die reale Realität (kann man das so sagen?) wird immer virtueller. Ich saß letztens zum ersten Mal hinter dem Steuer eines Elektroautos. Grundsätzlich sehr beeindruckend, aber etwas seltsam fand ich schon, das ist keine oder kaum haptische oder akustische Rückkopplungen gibt. Das Lenkrad vibriert nicht, insgesamt ist das Auto so ruhig, als wenn ich mich in einem Film befinden würde. Irgendwann wird es mir schwer fallen, noch zwischen virtueller Realität und echter zu unterscheiden. In diesem Sinne hat vielleicht auch Egon Musk recht, der kürzlich spekulierte, wir wären alle schon in der Matrix.

Alles Instant also. Vielleicht werde ich doch zum Steam Punker.

Sonntag, 29. Mai 2016

Der Zukunft schwaches Rauschen


Heute habe ich es rascheln hören in meiner samstagmorgentlichen Zeitungslektüre. Es war zwar nicht der Weltgeist, aber war es eine Ahnung von Zukunft? War es ein Wispern der Dinge, die da kommen? Oder waren es einfach nur zufällige Meldungen am Samstag?

Wenn Adidas eine neune Turnschuhfabrik in Deutschland baut, ist das schon ein Ereignis. Normalerweise sind Turnschuhe die klassischen Produkte einer globalisierten Wirtschaft.  wie T-Shirts oder Ikea Kleinteile werden sie in Asien preiswert gefertigt und in Europa preiswert verkauft. Jetzt will Adidas die Produktion wieder nach Deutschland verlagern, in einer hochautomatisierten Fabrik mit hoch individualisierter Fertigung. Das Vorzeigebeispiel für Industrie 4.0. Wird sicher einige Arbeitsplätze in Asien Kosten, wenn sich das durchsetzt. Nur werden in den neu errichteten Fabriken in Deutschland kaum neue Arbeitsplätze entstehen. Außer vielleicht bei den Maschinenbauern und Automatisierungsspezialisten.

Adidas wird übrigens in einigen Kommentaren in einem Atemzug mit Foxconn genannt, die die neue Serie des iPhone mit Roboter anfertigen und deshalb nur noch halb so viele Arbeiter brauchen wie zuvor.

Also sind Roboterspezialisten die großen Gewinner? Dazu passt die nächste aktuelle Meldungen. Die Süddeutsche berichtete über die Aktionärsversammlung bei KUKA und die heftigen Auseinandersetzungen über ein chinesisches Angebot zur massiven Aufstockung der Aktienanteile. Ist das der Hausverkauf deutschen Know-hows oder vielmehr der Einstieg von KUKA in die Servicerobotik, die ja das letzte Gutachten der EFI-Kommission als große Schwachstelle der deutschen Hersteller ausgemacht hatte.

Ja die Chinesen, die können einem schon Angst machen. Obwohl sie doch für einen Gutteil des deutschen Wachstums in den letzten Jahren mitverantwortlich waren. Als Absatzmarkt. Übrigens steigt auch das Interesse an China bei den deutschen Startups. Oder zumindest hofft dass die Berliner Wirtschaftsförderung, die jetzt ein neues Vernetzungsprogramm aufgelegt hat. Deutsche Gründer aus Berlin und chinesische Gründer aus Shanghai sollen sich gegenseitig besuchen und das jeweils andere Land als Markt kennenlernen. Ähnliche Vernetzungsprogramme gibt es schon mit New York und Tel Aviv und bald mit Paris.

Àpropos neue Fabriken. VW will nach neusten Gerüchten und Zeitungsartikeln eine Batteriefabrik bauen, um die Elektromobilität der eigenen Flotte in Schwung zu bringen. Das wird ja auch langsam Zeit. Gerade erst hatten die Moderatoren anlässlich der neuen Kaufprämie für Elektroautos gemault, das lieber Geld in den Aufbau solcher Fabriken fließen sollte.  Aber noch scheint nichts entschieden. Bisher hat sich auch noch keiner dazu geäußert, ob dies eine hochautomatisierte Fabrik à la Industrie 4.0 werden wird.

Ebenfalls Teil der Berichterstattung in vielen Medien diesen Samstag war der neue Zukunftsatlas von Prognos. Er misst anhand unterschiedlicher Indikatoren die Zukunftsfähigkeit von Städten in Deutschland. Ziemlich breit hat sich der Tagesspiegel darüber ausgelassen, dass Berlin zwar einerseits mächtig im Ranking nach oben geklettert ist, andererseits gerade die Früchte dieser Entwicklung nur von einem kleinen Teil der Berliner Bevölkerung genossen werden.  Zwar werden viele Technologiefirmen neu gegründet, ihre Mitarbeiter ziehen aber eher zu als dass sie aus der angestammten Berliner Bevölkerung rekrutiert werden. Sind das erste Anzeichen der großen Spaltung, die Tyler Cowen in seinem Buch zum Ende der Mittelmäßigkeit Haus gemacht hatte?

Eine letzte, positive Meldung zum Schluss. Der Anteil der sogenannten Clickworker, der Speerspitze der Gig economy, ist in Deutschland rückläufig. Solange die Wirtschaft rund läuft, scheinen traditionelle Arbeitsverhältnisse doch attraktiver zu sein. Na das lässt ja für die Zukunft hoffen.