Samstag, 17. März 2018

Steven Pinker oder wie schön ist die Welt

Eine meiner Entdeckungen im vergangenen Jahr ist die Website Our World in Data, auf der in regelmäßigen Abständen neue Datensätze darüber veröffentlicht werden, wie weit wir tatsächlich eine Verbesserung in unterschiedlichsten Politikfeldern erleben. Es ist die Optimisten-Website par excellence. Rückgang der Kindersterblichkeit, weniger Verkehrstote, alles wird immer besser, so hat man den Eindruck.
In eine ähnliche Kerbe haut bald wieder Steven Pinker, ein amerikanischer Experimentalpsychologe und Kognitionswissenschaftler, der schon 2011 mit seinem Buch "Gewalt. Eine Geschichte der Menschheit" für großes Aufsehen gesorgt hatte. In diesem Buch trug Pinker eine Unzahl an Daten und Statistiken zusammen, um zu beweisen, dass unsere Welt immer weniger gewalttätig wird, dass die Zahl der Kriegstoten und derjenigen, die Gewaltverbrechen zum Opfer fallen, zumindest aus der Distanz betrachtet kontinuierlich zurückgeht.
Pinker ist damals vorgeworfen worden, es mit den Zahlen nicht ganz so genau zu nehmen. Herfried Münkler hat in einer Rezension damals hierauf hingewiesen, aber auch herausgearbeitet, dass es Pinker eigentlich nicht zentral und diese Daten geht, sondern auf die dahinter liegenden Prozesse, die er für den Rückgang der Gewalt verantwortlich macht. Es ist einerseits die befreiende Rolle des Staates und andererseits etwas, was Norbert Elias schon vor vielen Jahren als den Prozess der Zivilisation geschrieben hat.
Sein neues Buch, das in Deutschland den Titel "Aufklärung jetzt" tragen wird und erst im September erscheint, hat in den USA erneut für eine intensive Diskussionen gesorgt. Vorgeworfen wird Pinker unter anderem, einer fortschrittsgläubigen Argumentation zu folgen und die Rolle von Wissenschaft und Technik zu überhöhen, während normative Aspekte und Religion hinten runterfallen. Es sei naiv zu glauben, dass ich alle Probleme der Menschheit mit Wissenschaft und Technik lösen lassen.
Ich muss zugeben, noch habe ich Pinkers Buch nicht gelesen, aber die Rezessionen und die Diskussion, die damit ausgelöst werden, scheinen mir einige der Kernauseinandersetzungen der letzten Jahre um Wissenschaft und Technik zusammenzufassen.
Das Thema Technikgläubigkeit wird heute ja insbesondere mit dem Anspruch der großen Technologiekonzerne aus Silicon Valley verbunden, die mit ihren Innovationen die Welt beglücken und alle Probleme für immer lösen wollen. Das ist sicher ein wenig überzeichnet, aber möglicherweise ist es doch ganz gut, mal einen Schritt zurück zu treten und zu sehen, inwieweit Wissenschaft und Technik tatsächlich unser Leben besser gemacht haben. Und für viele Bereiche, von der Gesundheitsvorsorge bis zu den Arbeitsbedingungen der meisten Menschen, trifft dies ja auch zu. Sicher, Umweltprobleme haben sich in vielen Bereichen verschärft, und nachhaltig ist die aktuelle Entwicklung auch nicht. Wir wissen nicht, ob der Klimawandel, der durch viele Technologien von der Dampfmaschine bis zum Verbrennungsmotoren ausgelöst wurde, uns nicht in naher Zukunft in die Katastrophe führen wird.
Einen originellen Ansatz zur Diskussion von Sinnfragen, Religion und der Rolle von Technik hat Yuval Noah Harari 2015 vorgelegt. Wie die Zeit in einer Rezension schreibt, sieht Harari die Welt zunächst durchaus aus einer Perspektive des Kontrollgeewinns durch Wissenschaft und Technik, dir aber bald verloren gehen dürfte durch die Übernahme der Kontrolle durch mächtige Algorithmen und Systeme, die uns auf eine subtile Art und Weise manipulieren und beeinflussen werden, die wir uns heute noch gar nicht richtig auszumalen trauen. Das ist zwar manchmal  ein bisschen im Stile der Katastrophenszenarien, die von einer Machtübernahme durch Superintelligenz schwadronieren, gleichwohl ein interessanter Gedankengang um Kontrolle und Kontrollverlust durch Wissenschaft und Technik. Und eine Diskussion der Frage, inwieweit Sinnhaftigkeit so sehr notwendig ist, dass hier neue technologische Sinnstifter in die Rolle von Religion schlüpfen, um die aktuelle Leere zu füllen. Da ist sie dann wieder, die Diskussion um Sinn, um Religion und Vernunft, die auch Steven Pinker in seinem neuen Buch zu führen scheint.
Die Kritiker von Pinkers neuem Buch beschäftigen sich aber auch mit anderen Argumentationssträngen. So werfen sie ihm z.B. vor, das Thema Ungleichheit zu bagatellisieren, wenn er auf die Bekämpfung von Armut statt Ungleichheit hin argumentiert. Ungleichheit sei sehr wohl ein Problem, und außerdem hätten auch die Denker der Aufklärung, in deren Tradition sich Pinker sieht, den Finger in diese Wunde gelegt.
Andere wiederum werfen Pinker ein naives Verständnis der liberalen Weltordnung vor, die ein Ende der Geschichte suggeriere, das eher nicht zu erwarten sei.
Aber es gibt auch begeisterte Leser und Rezensionen, die Pinkers Versuch, die Wissenschaft vor den Zweiflern der Moderne zu retten, loben und preisen. Und vielleicht ist eine aufgeheizte, wissenschaftskritische Atmosphäre in den USA auch ein guter Grund, einmal dezidiert für rationales, wissenschaftliches Denken und Handeln zu plädieren.
Wer das Buch jetzt nicht auf Englisch lesen möchte und nicht bis September warten kann, dem sei diese Aufzeichnung eines öffentlichen Interviews von mehr als einer Stunde mit Pinker empfohlen:

Samstag, 10. März 2018

Künstliche Intelligenz, Zauberlehrling und Büchse der Pandora

Wer in den vergangenen Jahren von den Gefahren der künstlichen Intelligenz die Rede war, verengte sich die Diskussion in der Regel schnell auf das Thema Superintelligenz, ein Begriff, den Nick Bostrom geprägt hat. Dieser wiederum ließ sich vom Fermi-Paradox anregen, der Beobachtung des Physikers Fermi aus den 50er Jahren, dass es bislang keinen Kontakt zu einer außerirdischen Intelligenz gegeben habe, was angesichts der unermesslichen Zahl an Sternen, Planeten und damit auch möglichen Zivilisationen doch recht erstaunlich ist. Die These von Bostrum war nun, das vielleicht das Zeitfenster des Überlebens für jede dieser galaktischen Zivilisationen zu kurz sei, um den Kontakt mit anderen Zivilisationen weit draußen im Weltall zu suchen. Sie würden schlecht zu schnell zugrunde gehen. Die Frage war nun, warum dies so sei, und hier führte Bostrom sein Idee von der sich immer schneller entwickelnden künstlichen Intelligenz, die nach dem Zeitpunkt der Singularität die Intelligenz der Menschen überflügele, ein. Diese künstliche Intelligenz würde auf kurz oder lang die menschlichen oder andersartig natürlich gewachsene Zivilisationen beenden. Die Menschheit wäre also nicht besser als Goethes Zauberlehrling, der die Geister die er rief, nicht mehr beherrschen kann.

Irgendwie scheint diese Obsession von der allmächtigen künstlichen Intelligenz auch quasi-religiöse Züge zu tragen. In diesem Sinne ist es nicht weiter verwunderlich, das erste Kirchen zur Anbetung einer künstlichen Intelligenz ins Leben gerufen wurden. Da schüttelt man den Kopf und fragt sich, ist das nur geniale Satire oder ist das wirklich wahr.
Es gibt auch andere interessante Hypothesen dazu, wie man Fermis Paradox auflösen kann. Eine ist gerade besonders schön in Szene gesetzt worden von dem chinesischen Science Fiction Autor Cixin Liu, der mit den drei Sonnen einen echten weltweiten Erfolg gelandet hat. Wer die Trilogie noch nicht kennt, dem kann ich nur die Hörspielfassung des ersten Bandes empfehlen, der zweite Band ist jetzt gerade auf Deutsch erschienen. Ich habe ihn zwar noch nicht zu Ende gelesen, den Rezensionen aber entnommen, dass die Antwort von auf das Paradox folgende ist: jede Zivilisation strebt ab einem gewissen Reifegrad nach Expansion, besiedelt das All und versucht, alle rivalisierenden Zivilisationen auszulöschen. Weil aber dieses Verhalten auch von den anderen Zivilisationen antizipiert wird, versucht jede Zivilisation, zunächst ganz unscheinbar und unsichtbar für andere, potenziell gefährliche und bedrohliche Zivilisationen zu sein. Wir sehen also nichts von den anderen, weil sich jeder versteckt. Und zwar auch aus Angst vor uns, auch wenn wir bisher noch lieb und brav und nicht in der Lage sind, fremde Welten zu bereisen und neues Leben zu entdecken.
Das aber nur am Rande. Eigentlich wollte ich heute ja über künstliche Intelligenz und die Fantasie hin, die sie auslöst, schreiben. Soviel also zum Zauberlehrling-Syndrom.
Einen anderen Aspekt nach kürzlich Ende Februar eine Studie ins Visier, die sich vor allen Dingen mit dem Missbrauch künstlicher Intelligenz beschäftigt. Was ist, wenn Verbrecher, Schurkenstaaten oder Durchgeknallte sich der mächtigen Werkzeug der künstlichen Intelligenz zu ihren fiesen Zielen bedienen? Wer öffnet sozusagen die Büchse der Pandora? Sind es die großen Internetkonzerne, die seit einiger Zeit den Zugang zu künstlicher Intelligenz per Open Source bereitstellen? Ist der Skandal um DeepFake, der Anfang des Jahres die Leserinnen und Leser weltweit erschreckte oder amüsierte, erst der Anfang? Wenn mit Rückgriff auf ein Tool von Google beliebige Personen in beliebige Videos einfach rein geschnitten werden, ohne dass man noch unterscheiden kann, ob das jetzt wahr oder gefälscht ist. In der griechischen Ursprungsfassung gehört Pandora und ihre Büchse zur Strafe dafür, das Prometheus für die Menschen das göttliche Feuer stahl. Die Götter wollten nicht, dass die Menschen gottgleich werden, und was ist es anderes, als wenn der Mensch neues, künstliches Bewusstsein, neue künstliche Intelligenz schafft?
Eine letzte Metapher  sieht künstliche Intelligenz als ultimative Waffe im Wettrüsten der Supermächte. Sieht man nicht heute schon, dass die Manipulation der öffentlichen Meinungsbildung durch geschickte Fälschungen, durch die Nutzung intelligente Algorithmen im internationalen Kräftemessen gebraucht wird? Sind es nicht die autonomen Superwaffen der Zukunft, die durch künstliche Intelligenz aufgerüstet die Kriege der nächsten Jahrzehnte bestimmen werden? In diesem Sinne werden die erheblichen Investitionen Chinas in die Erforschung künstliche Intelligenz unter der Perspektive des internationalen Sicherheits Gleichgewichts gesehen. In den Vereinigten Staaten läuft eine intensive Diskussion darüber, ob verstärkte Forschung im Bereich künstliche Intelligenz nicht geradezu ein strategischer Imperativ ist. In diesem Sinne ist dann KI immer dual-use, nicht nur für zivile, sondern auch für militärische Zwecke interessant und potenziell geheimzuhalten.

Samstag, 3. März 2018

Produktivitätswachstum, das unbekannte Wesen

Donnerstag war ich bei der öffentlichen Vorstellung des Jahresgutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation - EFI. Ein Tag zuvor hatten die Experten ihr Gutachten der Bundeskanzlerin übergeben, so wie jedes Jahr. Jetzt stellten sie sich der Diskussion mit dem Fachpublikum. Versammelt waren die üblichen Verdächtigen, Vertreter von Wirtschaftsforschungsinstitute, Projektträger, Ministerien und ähnlichen Einrichtungen. Im Zentrum der Diskussion mit der Expertenkommission standen die Themen steuerliche FuE-Förderung, die Förderung radikaler Innovationen oder auch das Verhältnis von Nachhaltigkeit und Innovationspolitik. Ein Thema des aktuellen Gutachtens wurde allerdings nicht angesprochen, der langsame, aber beständige Rückgang des Produktivitätswachstum all überall auf der Welt. Die Experten hatten ihr entsprechend des Kapitels war kurz vorgestellt, das Publikum aber biss nicht wirklich an.

Vielleicht lag dies auch an der etwas enttäuschenden Generalaussage. Alle möglichen Fakturen kämen dafür infrage, diesen Rückgang des Produktivitätswachstum zu erklären, aber so richtig genaues weiß man nicht. Und auch die Handlungsempfehlungen blieben ein bisschen im Allgemeinen. Nicht zuviel regulieren, den Wissenstransfer unterstützen, überhaupt eine aktive Innovationspolitik machen. Das sind alles schöne fromme Wünsche, aber ob sie tatsächlich spezifisch einen Beitrag dazu leisten könnten, den langfristigen Rückgang des Produktivitätswachstum zu beeinflussen, ist doch eher fraglich.

Die Expertenkommission hatte übrigens zur Beantwortung dieser Fragen auch ein- sehr lesenswertes - Gutachten beim Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung ZEW in Auftrag gegeben, welches sich als Metastudie die breite Literatur zum Thema zu Gemüte führte.

Die Thesen zum Thema könnten unterschiedlicher nicht sein. Von der Annahme, dass einfach alle spannenden Innovationen jetzt schon verwirklicht sind, sozusagen die Idee vom Ende der Innovationsgeschichte, bis hin zur Hoffnung, dass die Produktivitätseffekte der digitalen Revolution einfach noch kommen und halt ein bisschen länger brauchen, also sozusagen das Prinzip Hoffnung, ist wirklich alles mit dabei. Auch Marktkonzentration und Plattformökonomie-Effekte könnten dafür verantwortlich sein, dass nur noch ein paar Top -Firmen schnelle Produktivitätszuwächse verwirklichen, während der Transfer und die Diffusion in die Breite der Unternehmenslandschaft ziemlich verwirrt und so der Abstand zwischen den sogenannten "frontier firms" und den sogenannten "laggarts" immer größer.

Man muss sagen, das Thema Produktivitätswachstumsrückgang ist im Moment ziemlich hip, so ziemlich jeder scheint sich damit zu beschäftigen. Letztes Jahr hatte das Bundeswirtschaftsministerium eine Studie in Auftrag gegeben, dabei lag der Fokus sehr spezifisch auf der deutschen Entwicklung, und die Studienehmer vom Institut für Weltwirtschaft haben ebenfalls ganz viele Hypothesen (etwas stärker als bei EFI hier die Untersuchung demographischer Effekte) getestet und sind zu dem etwas unbefriedigenden Schluss gekommen, das doch sehr unterschiedliche Faktoren in den letzten 20 Jahren für den Rückgang in Deutschland verantwortlich waren. Aber insgesamt sahen die Autoren keinen Grund zur Panik.

Unterm Strich scheint mir der Rückgang des Produktivitätswachstum kein Thema zu sein, mit dem man die Öffentlichkeit hinterm Ofen hervorlocken. Der Trend ist global, trifft auch die Wettbewerber, also kein Grund zur Panik? Und darüber hinaus bleibt ja immer noch die Hoffnung, dass die Digitalisierung alles regelt, dass künstliche Intelligenz den entsprechenden Schub gibt. Und das ist ja auch das Heilsversprechen der Digitalisierung, die der Angst vor Arbeitsplatzverlust entgegengesetzt wird. Wir brauchen Rationalisierungseffekte, um Produktivitätswachstum zu erreichen, sonst sind wir nicht wettbewerbsfähig. Und überhaupt droht ja eigentlich eher ein Mangel an qualifizierten Arbeitnehmern, die die ganze Arbeit machen können, angesichts des demografischen Wandels.

Das mag alles stimmen, unterm Strich sind es aber vermutlich eher nicht die Globalbetrachtungen, die uns weiterhelfen. Zur Herausforderung dürften vielmehr die Unterschiede zwischen einzelnen Sektoren, zwischen unterschiedlichen Qualifikationsprofil and, zwischen unterschiedlichen Regionen werden.

Und hier könnte es schon zum Problem werden, wenn die Produktivität in manchen Bereichen, in manchen Firmen, in manchen Regionen deutlich langsamer wächst als in anderen. Und hier könnte zudem die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz eher noch die Unterschiede vergrößern als einebnen.

Donnerstag, 1. Februar 2018

Klon-Affen und Evaluation

Eine Sensationsmeldung schaffte es vor zwei Wochen in die Hauptnachrichten: in China wurden erstmals erfolgreich Affen geklont. Droht jetzt auch bald das Klonen von Menschen? Ich habe hierzu kürzlich einen wirklich interessanten Beitrag des Deutschlandfunk gehört. Tatsächlich stand dort weniger die Spekulation über Klonmenschen im Vordergrund, das wurde eher als längerfristig unwahrscheinlich eingeschätzt. Es ging vielmehr um den eigentlichen Grund für das Klonen von Affen, nämlich die medizinische Forschung. Die Forschung an Affen wird insbesondere für Krankheiten wie Alzheimer oder Demenz immer wichtiger, weil Affen aufgrund ihres großen Gehirns den Menschen doch etwas ähnliches sind als Mäuse und Ratten. Und Klonaffen haben den Vorteil, dass sie genetisch identisch sind. Man kann also an ihnen die perfekte Kontrollgruppen-Studie durchführen. Zwei Gruppen von Affen werden gebildet, die eine bekommt eine Behandlung, die andere nicht. Jede Veränderung des behandelten Affen ist dann tatsächlich auf die verwendete Therapie zurückzuführen, und nicht mehr auf die individuellen, genetisch bedingte Unterschiede.

Ich dachte bislang immer, das Konzept des Kontrollgruppenansatzes aus dem Bereich der Medizin sei dort zumindest etabliert und soweit ausgereift, dass es kaum noch verbessert werden kann. In den Sozialwissenschaften, in denen ich unterwegs bin und in denen immer wieder auch die Nutzung eines Kontrollgruppenansatzes z.b. bei der Evaluation von Innovationspolitiken gefordert wird, ist das ganze viel schwieriger. Die Kontrollgruppe soll ja eigentlich in allen wesentlichen Merkmalen derjenigen Gruppe gleichen, die in unserem Fall durch eine spezifische Maßnahme beeinflusst wird. Und das ist im Gegensatz zur Medizin nicht so einfach, weil es hier nicht um einem Schicksalsschlag, eine Krankheit geht, sondern um die bewusst angestrebte Teilnahme an einem Förderprogramm. Wer hier teilnehmen möchte, wer hat schon einen Grund dafür, und wer dies nicht tut, der hat ebenfalls einen Grund.

Eine Möglichkeit mit diesem Dilemma umzugehen, wäre ein Experiment. Man würde alle Bewerber um eine Fördermaßnahme in zufällig in zwei Gruppen teilen, diejenigen, die ein Unterstützung bekommen, und diejenigen, die keine bekommen. Das Innovation Growth Lab aus London wirbt heftig für solche Ansätze, aber in der Praxis ist eine "Lotterie" der Innovationsförderung in der Regel kaum politisch durchsetzbar.

Ein zweiter Ansatz besteht darin, diejenigen Antragsteller, die knapp gescheitert sind, mit denjenigen zu vergleichen, die es knapp in die Förderung geschafft haben. Beide Teilgruppen sollten sich nur wenig unterscheiden, sodass die weitere Entwicklung der entsprechenden Akteure vor allen Dingen davon abhängen sollte, ob sie nun gefördert wurden oder nicht. Leider kann ein solcher Ansatz nur dann umgesetzt werden, wenn es sich um wirklich große Fördermaßnahmen handelt, damit diese beiden sehr speziellen Gruppen auch groß genug sind für einen Vergleich. Und natürlich sollte es eine Art Punktesystem beide Antragsbeurteilung geben, damit wirklich nur diejenigen untersucht werden die nur sehr knapp gescheitert sind oder es nur sehr knapp geschafft haben. Diese Randbedingungen allerdings sind wieder nur sehr selten gegeben, sodass sich auch ein solcher methodischer Ansatz meist nicht eignet. Außerdem ist es nicht so einfach, einen gewissen Placeboeffekt herauszurechnen, der sich daraus ergibt, dass alleine die Bemühungen um die Teilnahme an einem Förderprogramm schon zu Veränderungen führen könnten, die dann das Ergebnis verzehren.

Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe weiterer Ansätze, die mehr oder weniger gut funktionieren. Man kann aus einer großen Gruppe nicht-teilnehmende Akteure statistische Zwillinge bilden, also genau gleiche Akteure suchen, die sich sonst praktisch nicht von den teilnehmenden Akteuren unterscheiden. Sozusagen die Suche nach dem natürlichen Klon. Das ist auf Basis der im Moment verfügbaren Daten allerdings eine ziemliche Herausforderung. Der Traum vom Glück eines jeden Innovationsforscher wäre es, wenn tatsächlich alle relevanten Akteure in einer Datenbasis erfasst wären und alle relevanten Merkmale und Indikatoren dort abgespeichert. Also z.B. auch, an wie vielen verschiedenen Fördermaßnahmen diese Einrichtung schon in der Vergangenheit teilgenommen hatte. Dann könnte ein schlauer Algorithmus tatsächlich ermitteln, welcher Faktor nun ausschlaggebend für eine spezifische Veränderung ist. Das wäre sozusagen der Klon-Moment der Innovationsforschung.

Samstag, 20. Januar 2018

Ein metrisches Wir?

Vor etwa einem halben Jahr hat der Berliner Soziologie Professor Steffen Mau sein Buch "Das metrische Wir" veröffentlicht und damit ein nicht unerhebliches Medienecho ausgelöst. Nachdem ich durch ein Podcast-Beitrag erst kürzlich wieder darüber gestolpert bin, habe ich es nun auch selbst gelesen. Es geht darin um die Quantifizierung sämtlicher Bereiche des Lebens, vom Uni-Ranking über die Bewertungsplattform für Ärzte, von der Benotung des ebay-Verkäufers bis hin zur individuellen Datenerhebung - im wörtlichen Sinne Schritt für Schritt. Für Mau wird dadurch quantifiziert, was früher nur qualitativ beschrieben wurde, alles wird in einen Ranking einsortiert und als besser oder schlechter bewertet. Zudem werden die Daten verkauft und zusammengeführt, über uns alle wird ein in seinen feinen Verästelungen und Details kaum mehr Lücken aufweisende Netz von Daten geworfen, dass uns in allen Aspekten ebenfalls bewertbar macht und mit dem wir von allen möglichen Akteuren in Zukunft bewertet werden.

Die Beispiele, die Mau bringt, sind in ihrer Fülle und Verschiedenheit zunächst ziemlich bestechend und erschlagen. Allerdings wird mir nicht immer ganz klar, wo es sich um ein bereits breit durchgesetztes Phänomen handelt und wo Mau ganz einfach die Geschichte eines kleinen Startups nacherzählt, dass eine neue Idee hat, ohne sicher zu sein, dass diese irgendwann tatsächlich einen breiten Markt erreicht.

Auch bin ich mir nicht immer sicher, ob dieses Szenario, dass Mau beschreibt, tatsächlich so neu ist im Gegensatz zur guten alten Welt, in der wir ebenfalls sozialer Kontrolle ausgesetzt und im ständigen Wettbewerb mit unseren lieben Mitmenschen waren. Gibt es dieses individuelle Streben nach Aufstieg im sozialen Gefüge nicht auch jetzt schon, ohne Hilfe von neuen Daten?
Pierre Bourdieu, über den es kürzlich übrigens auch einen schönen zusammenfassenden Podcast-Beitrag gab, hat das in seinem Klassiker von den feinen Unterschieden sehr schön geschrieben. Soziales oder symbolisches Kapital kann man auf sehr unterschiedliche Weise anrufen und mit sehr diskreten Botschaften auch seiner Umwelt anzeigen.

Auch die Ungleichheiten in der sozialen Klassen und Gruppen, die sich nach Mau nun Stück für Stück auflösen und sich in individuellen Ungleichheiten jedes Einzelnen verwandeln, sind möglicherweise nicht neu und nicht wirklich schlimmer als der Status Quo Ante. Auch in der alten, analogen Welt waren die Beispiele ungezählt, die Diskriminierung aufgrund bestimmter Merkmale und Gruppenzugehörigkeiten belegten. Der ausländisch klingende Namen, der die Wohnungs- oder Arbeitssuche erschwert, der Bildungshintergrund der Eltern, der schlechtere Schulnoten mit sich bringt, oder einfach nur die fehlenden Tischmanieren, die den Aufstieg zur Führungskraft unwahrscheinlich machen.

Zumindest diese Diskriminierung aufgrund einer Gruppenzugehörigkeit wird durch das metrische Wir in Teilen aufgelöst oder zumindest verringert, und das kann für den ein oder anderen durchaus ein Segen sein. Die Versprechungen der Moderne, der Großstadt ist ja auch, seinen sozialen Hintergrund zurückzulassen und ganz neu zu beginnen, sich durch Leistung den sozialen Aufstieg selbst zu erarbeiten.

Ein weiterer Kritikpunkt von Mau ist aus meiner Sicht ebenfalls zu diskutieren. Handelt es sich beim metrischen Wir tatsächlich um eine Aufkündigung der Solidargemeinschaft oder eher doch eher um den zunehmenden Druck, "sozial schädigendes" Verhalten zu sanktionieren. Wer risikobereit fährt, könnte tatsächlich Kosten für die Allgemeinheit verursachen. Immer weniger toleriert wird also ein Verhalten, das einen selbst in Gefahr bringt. Und außerdem wird die Gesellschaft insgesamt immer risikoaverser.

Ein weiterer Aspekt, der von Mau nur am Rande angesprochen wird, ist der geradezu unbegrenzte Erfindungsreichtum des Menschen, wenn es darum geht, soziale Regeln und Kontrolle zu "optimieren", um gut dazustehen. Auch für ein metrisches Wir dürfte es vielfältige Möglichkeiten der Manipulation und damit Optimierung der Daten geben, um den eigenen Score zu verbessern. Solche Effekte werden übrigens auch aus China beschrieben, dessen Social Scoring System von Mau gleich in der Einleitung seines Buches als Schreckgespenst herhalten muss, dass dystopisch unsere nahe Zukunft beschreibt.

Ein interessanter Moment in Maus Argumentation kommt immer dann, wenn er mit seiner ebenfalls auf quantitativen Daten basierenden Rolle als Sozialwissenschaftler hadert. Auf Daten basierende Empirie ist schon gut, aber alles messen dann doch nicht, bzw kommerziellen Nutzen daraus ziehen auch nicht. Andererseits, in Zeiten des postfaktischen ist ein wenig datenbasierte Empirie doch ganz dankbar.

Ein wenig kommt mir diese Ambivalenz aus den Diskussionen innerhalb der Evaluations-Community bekannt vor. Dort wird immer wieder diskutiert, ob wir alles messen müssen, ob wir immer Kontrollgruppen-Daten brauchen und am besten mit ökonometrischen Methoden zu einer Zahl als Ergebnis kommen. Oder ist es besser, zu verstehen, was eigentlich passiert, dies mit Fallstudien oder mit anderen qualitativen Zugängen aufzuarbeiten und ein Gefühl dafür zu entwickeln, warum etwas so ist, wie es ist. Und letztlich ist die Umfrage, die Befragung von Zielgruppen auch ein geschickter Weg, um aus qualitativen, ganz subjektiven Einschätzungen zu quantitativen Daten zu kommen, die die Auftraggeber so gerne sehen.

Sonntag, 31. Dezember 2017

Social Cooling

Vor ein paar Tagen habe ich noch ein neues Wort gelernt, praktisch auf den letzten Metern des alten Jahres: Social Cooling! Sozusagen das Gegenstück zum global warming. Das Wort ist mir in einem
Artikel der Süddeutschen zur Jahrestagung des Chaos Computer Club aufgefallen. Eigentlich ging der Bericht vor allem um einen Vortrag, der das Social Credit System in China zum Schwerpunkt hatte. Für mich ist das chinesische Experiment eines der spannendsten Themen des Jahres gewesen, es gab wirklich viele und gute Hintergrundberichte dazu.

Unter dem Titel Gamified Controll erläuterte Katika Kühnreich in ihren Beitrag auf dem CCC-Kongress, dass das chinesische System der Sozialkredite nicht wirklich mit Orwells Überwachungsfantasien zu vergleichen ist, wenn auch natürlich der chinesische Staat ein hohes Interesse an einer solchen Überwachung haben dürfte. Im Kern geht es aber vor allen Dingen auch um soziales Wohlverhalten, um Gemeinschaftsorientierung und um Vertrauen, dass in einer ausgeprägten Ellenbogengesellschaft wie der chinesischen wohl von vielen schmerzlich vermisst wird.

Und hier ist dann auch das Bindeglied zum social cooling, denn dabei handelt es sich um den Reflex des Einzelnen, sich dem sozialen Erwartungsdruck zu beugen, der in vielen früher privaten Situationen immer stärker wird, da wir mit allen unsere Daten und damit unser Verhalten und unsere Ansichten teilen. Auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs gab es einen interessanten Vortrag zum Thema, im Netz findet sich sogar eine eigene Website zum Thema, und zwar sowohl auf Englisch, auf Deutsch und auch auf französisch.

Sozial angepasstes Verhalten, das ist eine gute Überleitung zum nächsten Trend Begriff des ablaufenden Jahres 2017, nämlich dem Nudging. Eigentlich als Begriff schon fast ein bisschen aus der Mode gekommen, aber durch den aktuellen Wirtschaftsnobelpreis an Richard Thaler wieder ganz frisch ins Gedächtnis gerufen. Aber dazu habe ich ja erst in meinem letzten Blog-Beitrag (und auch in früheren Beiträgen) ein paar Worte verloren.

Und während nudging ja in erster Linie den Versuch des Staates beschreibt, auf den Einzelnen sanften, aber bestimmten Einfluss auszuüben, so ist das social cooling näher an der sozialen Kontrolle der dörflichen Gemeinschaft. Das globale Dorf, durch Big Data endlich Wirklichkeit geworden?

Mein Tipp für das Wort des Jahres 20-18 lautet also Doppelpunkt social cooling. Na dann prost Neujahr!

Freitag, 22. Dezember 2017

Innovationen und Werte

Weihnachten steht vor der Tür, und Zeitungen und Zeitschriften füllen sich mit nachdenklichen und besinnlichen Artikeln. Das ist einerseits ein wenig nervig, denn nicht selten werden die interessanten Inhalte damit in den Weihnachtsausgaben an den Rand gedrängt. Andererseits, die Rolle von Werten und Normen ist manchmal schon ganz aufschlussreich, das zeigt sich auch für das Thema Innovationen.

Gerade erst habe ich einen sehr nachdenklichen und spannenden Artikeln über die Ängste des Silicon Valley vor dem Jüngsten Gericht, oder genauer gesagt vor der Übernahme der Macht durch künstliche Intelligenz und schlaue Maschinen gelesen. Der Autor Ted Chiang, der die Buchvorlage für den äußerst erfolgreichen Film "Arrival" geschrieben hatte, vermutet, dass hinter diesen irrationalen Ängsten ein Blick auf die Welt steht, die stark von den eigenen Erfahrungen und Gewissheiten der Startup-Technologieszene im Silicon Valley geprägt ist. Die Welt beherrschen und sämtliche Konkurenten aus dem Feld räumen, alles auf ein Thema setzen, ohne Rücksicht auf Verluste, keine Kontrolle durch Staat und Gesellschaft, das sind nicht wirklich die Zutaten für die Technologie -Apokalypse, sondern eher die eigenen Werte und Normen des Silicon Valley. Ein klarer Fall von Projektion. Vielleicht, so spekuliert Chiang weiter, ist das auch alles ein großes Ablenkungsmanöver, um das Böse zu externalisieren und die eigenen niederen Instinkte damit etwas aus dem Blickfeld zu nehmen.

Ein weiteres Beispiel für die enge Verquickung von Technologiediskursen und Wertedebatten ist die Diskussion rings um das bedingungslose Grundeinkommen. Hier fällt nicht nur mir auf, dass es insbesondere die Vertreter großer Technologiekonzerne und Risikokapitalgeber sind, die einem bedingungslosen Grundeinkommen sehr positiv gegenüberstehen. Aber sind es auch nicht sie gerade, die durch eine weitere Automatisierung erst den Arbeitsplatzabbau bringen werden, der dann durch ein bedingungsloses Grundeinkommen wieder aufgefangen werden muss? Das Thema ist eigentlich ganz spannend, weil die zweite Gruppe der deutlichen Befürworter eher aus der linken Ecke kommt und, so interpretiere ich das, quasi einem marxistischen Grundkonzept das Wort reden. Wer nicht so viel arbeiten muss, weil er eine Grundsicherung bekommt, kann sich der Selbstverwirklichung und den Dienst an der Gemeinschaft widmen. Einen schönen Artikel zum Grundeinkommen habe ich letztens hier gelesen, es ist eher eine Reportage als ein reflektierter Fachartikeln.

Ein weiteres wertbesetztes Thema ist nudging. Was Firmen schon lange machen, um Kundenentscheidungen zu beeinflussen, wird jetzt von Staat und weiteren Akteuren genutzt. Ist das richtig, wer entscheidet über die Zielsetzungen, darf der Staat uns manipulieren? Das Wissenschaftszentrum Berlin - WZB hat gerade einen kleinen Sammelband zum Thema herausgebracht, in dem ich insbesondere den Überblicksartikel über die Verbreitung entsprechende Ansätze weltweit spannend finde, aber auch die Frage, inwieweit künstliche Intelligenz und Big Data sowie nudging zusammen gesehen werden müssen. Auffällig ist, dass das Thema nudging gerade in Deutschland sehr kritisch diskutiert wird, vielleicht ist hier eine gewisse historisch gewachsene Skepsis gegenüber einem Staat verankert, der uns Bürger manipulieren möchte. In anderen Ländern ist dies weniger ausgeprägt, dort ist eine sanfte Beeinflussung im Sinne des Gemeinwohls breit akzeptiert.

Alle drei Themen, die Angst vor der künstlichen Intelligenz, die Diskussion um das Grundeinkommen und der kritische Diskurs zu nudging machen deutlich, wie weit doch Werte und Normen innovationspolitisch relevante Themen mitbestimmen. Für die Politik ist das ein Problem, denn Werte und Normen sind nicht kurzfristig zu beeinflussen, sie sind tief verankert in einer Gesellschaft, aber auch zurückzuführen auf reale Wirtschaftsstrukturen und Machtverhältnisse sowie auf Sozialisationsprozesse ganzer Generationen. Die Gründungsschwäche in Deutschland z.b. ist nicht allein ein Resultat fehlende Anreize oder Unterstützungsstrukturen. Nein, diese sind eigentlich sehr breit ausgebaut. Es ist viel mehr eine Volkswirtschaft, die attraktive Angestellten-Arbeitsplätze bietet und eine Gesellschaft, die den gewissen Biss von Entrepreneuren und Unternehmern nicht gerade positiv konnotiert. Eigentlich funktioniert dieses typisch deutsche Innovationssystem ja auch ganz gut, aber das große Vorbild USA ist doch sehr wirkmächtig, wir hätten schon ganz gerne auch ein deutsches Silicon Valley.

Dieser Anspruch zwischen Wunsch und Realität ist nicht zuletzt Ausdruck einer globalisierten Welt, die zu Überlappung unterschiedlicher Wertesysteme führt.
Im Moment haben wir noch amerikanisch geprägte Debatten in Deutschland. Aber das könnte sich schnell ändern.

Führen wir vielleicht bald auch chinesische Debatten in Deutschland? Bislang sind es nur Produkte, die in China gefertigt in deutschen Geschäften landen. Große Konzerne wie Alibaba oder Baidu sind hier noch vorkommt irrelevant. Aber erste Anbieter von Dienstleistungen drängen auf den deutschen Markt, die Leihfahrräder in deutschen Innenstädten sind dafür ein guter Indikator. Und damit könnten auch starke asiatisch geprägte Werte Debatten hinüber ins alte Europa schwappen. Und vermutlich ziemlich heftige Diskussionen auslösen.

Donnerstag, 9. November 2017

Die unterschätzte Rolle des Schafs als Innovationstreiber

Vor etwa 13.000 Jahren wurden Schafe als erste Nutztiere des Menschen domestiziert. Seitdem ist es um diese Perle der Schöpfung etwas ruhiger geworden. Dabei verdienen die knuffigen Tiere durchaus mehr Aufmerksamkeit, insbesondere von Seiten der Innovationsforschung. Sind sie doch zu einem wichtigen Motor des Innovationsgeschehens geworden.

Alle wichtigen Innovationstrends der letzten Jahrzehnte wurden durch Schafe wesentlich mit beeinflusst. Die Geschichte der Gentechnik zum Beispiel ist ohne das Schaf Dolly nicht denkbar. Das erste geklonte Säugetiere? ein Schaf!

Auch die Digitalisierung wird wesentlich von Schafen mitgeprägt. Google Street View erlaubt uns heute, fast jedem Winkel der Erde vom heimischen Computer aus zu erforschen. Aber eine wirklich vollständige Abdeckung dieser Dienstleistung ist nur durch Schafe möglich geworden. Durch Google Sheep View kann man heute auch ferne Inseln im Nordatlantik erkunden und saftige Weiden durch die Augen von Schafen betrachten.

Eine der prägenden Robotergestalten der Weltliteratur war kein Android, sondern ein elektrisches Schaf. Leider ist dieses Schaf in der filmischen Adaptionen von Bladerunner verloren gegangen (die Origami-Version möchte ich hier übergehen). Und auch die aktuelle Fortsetzung schafft es nur, einen schnöden Hund mit aufs Filmset zu bringen. Dieser scheint auch kein künstlicher Hund, sondern ein echtes Säugetier zu sein. Praktisch alle Menschen des Films hingegen sind Androiden. Da sie aussehen wie Menschen, kann man sie auch mit Schauspielern besetzen, das macht aufwendige digitale Bildbearbeitungen unnötig, das senkt die Kosten. Ein Schaf-Cyborg hingegen fehlt der Filmgeschichte noch. Leider. Sollten wir in Zukunft mit künstlichen Schafen interagieren, so würde zumindest das Durchschreiten des Tals des Grauens, des Uncanny Valley entfallen. Welche weiten Weg wir hingegen noch gehen müssen, um uns tatsächlich auf menschliche Roboter einzustellen, beschreibt hervorragend diese wirklich weiterzuempfehlen die Reportage des Magazins WIRED zum japanischen Roboter-Forscher Hiroshi Ishi­guro. Aber das nur nebenbei.

Auch ganz aktuelle Trends der Digitalisierung werden durch Schafe entscheidend mitgeprägt. Aktuell in aller Munde ist die automatische Gesichtserkennung, seitdem Apple mit dieser Technik den Zugang zum Bildschirm regelt. Und die Bundesregierung erprobt mit erheblicher mediale Aufmerksamkeit Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz, um Terroristen zu fangen. Leider ist die Erkennungsrate nicht immer überzeugen. Könnten hier Schafe ein Ausweg sein. Dies zumindest legt eine neue Studie nahe, die bislang unentdeckte Fähigkeiten von Schafen aufgedeckt hat. Schafe sind demnach wohl wahre Meister der Gesichtserkennung, können sich Prominentenfotos einprägen und mit großer Treffsicherheit wiedererkennen.

Selbst in die Trivialkultur hat es das Schaf als erfinderischer Geist geschafft. Shaun das Schaf löst mit seinem Ideenreichtum jede noch so ausweglose Situation, während sein Freund und etwas tumber Begleiter, der Hund, hier scheitert. Zwar hat es der Hund in manchen Wissenschaftsbereichen tatsächlich etwas früher geschafft, Aufmerksamkeit zu erregen, aber in der Regel sind diese Beispiele doch eher bedauernswert. Der erste Hund im Weltall starb einen schnellen Tod, und Pawlows Hunde sind eher namensgebend für dummes Reiz-Reaktions verhalten.

Die Beziehung des Menschen zum Schaf ist also zurecht eine innige. Kaum hat dies jemand besser erkannt als die britische Komikertruppe Monty Python, die dieser Beziehung einen die ihrer besten Sketche widmete. Über den leichten Tabubruch wollen wir dieses Mal gnädig hinweg sehen und das Schaf als Held des Innovationsgeschehens feiern.

Samstag, 21. Oktober 2017

Nudging und Europa

Das Thema Nudging hat wieder Konjunktur. Seit der amerikanische Ökonom Richard Thaler Anfang Oktober den Wirtschaft Nobelpreis gewonnen hat , wird nicht nur die Verhaltensökonomie in vielen Blog-Beiträgen erläutert , sondern auch der Ansatz von Thaler, unvernünftige Menschen durch einen kleinen Stups wieder in Richtung rationalem Verhalten und damit zurück zum homo oeconomicus zu bringen. Manche Beiträge unterstellen Thaler deswegen ein dezidiert technokratisches Politikverständnis, und dies ist dann nicht unbedingt nett gemeint.

Wobei Technokratie nicht in allen Weltgegenden einen schlechten Ruf hat. Eine aktuelle Studie von Pew Research sagt, dass insbesondere in Ländern, in denen die Bevölkerung eher enttäuscht von ihrer Regierung ist, eine technokratische Regierung von Experten durchaus große Sympathien hätte.  Demokratie alleine macht nicht glücklich, wenn die demokratisch gewählten Volksvertreter nur Mist bauen. Und es gibt viele Länder, in denen man diese Haltung sehr gut verstehen kann. In anderen hat man so seine Zweifel.

Bis zu einem gewissen Grad reitet auch Donald Trump auf dieser Welle, wenn er gegen das Polit-Establishment wettert. Und andere tun es ihm nach. Heute abend erst wurden die Ergebnisse der Wahlen in Tschechien bekannt, und auch hier scheint ein Populist, der sich als Politik-Outsider, als Unternehmer, als Experte geriert, erfolgreich. Das ist die populistische Seite des technokratischen Versprechens. Die andere ist die autoritäre, wie in Russland oder Peking, oder eben die der Sachverständigen Verwaltung.

Es gab einen nette Studie, die zeigen wollte, dass Belgien, das lange Zeit auf eine funktionierende Regierung wartete, in dieser Interims-Periode deutlich besser und erfolgreicher regiert wurde, als in der Zeit, als Politiker tatsächlich das Sagen hatten. Allerdings, glaubt ernsthaft jemand, das Verwaltung Politiker setzen kann? Zeigt das, dass Experten die besseren Politiker sind? Zeigt das, das Platon doch recht hatte?

Zumindest ist die Expertokratie in solchen Beispielen eher ein Pluspunkt. Sachwissen ist der Schlüssel für die richtige Entscheidung. Da würde sich die Europäische Kommission sicher freuen, wenn solch ein Politikverständnis auch in Europa etwas weitere Verbreitung finden würde. Natürlich nicht ein antidemokratisches, aber eines, das die Vorzüge technokratischer Politikgestaltung zumindest etwas würdigt. Denn nichts anderes ist die Kommission im Moment, ein im Guten wie im Schlechten Sinne technokratisch Institution. Zwar kämpft sie darum, ihre demokratische Legitimität zu steigern, indem z.B. der Kommissionspräsident vom Europäischen Parlament gewählt wird. Aber gegen die Mitgliedstaaten, die den intergouvernementalen Ansatz in den letzten Jahren noch gestärkt haben, kommt die Kommission kaum an. Im Moment hat die Diskussion in Europa wieder etwas an Schwung gewordenen, nach Jean-Claude Juncker hat sich Emmanuel Macron zu Wort gemeldet, hier hat die Zeit die unterschiedlichen Visionen von Europa zusammengetragen.

Damit hier keine Missverständnisse aufkommen. Europa ist der richtige Weg, um Politik zu gestalten. Und Fachkompetenz innerhalb der Europäischen Verwaltung ist sicher eine zentrale Voraussetzung dafür, dass gute Politik gemacht wird. Aber weiterhin steht die europäische Politik unter dem Generalverdacht, Technokraten-Politik zu sein. Und weiterhin sind alle Versuche, die Bürger mit einem kleinen Stups zum richtigen Verhalten zu bewegen, schnell der Auslöser für einen großen Shitstorm.

in diesem Sinne hat Richard Thaler uns Europäern viel zu sagen.

Sonntag, 15. Oktober 2017

Science Fiction und die echte Zukunft - leben wir schon im Quality Land?

Gerade hat Google eine neue Produktpalette vorgestellt darunter auch endlich die Realisierung des Babelfish, also eines kleinen Knopf, den man ins Ohr steckt, und der einem simultan alles übersetzt. Da haben die Konzerne doch sicher Jahrzehnte lang dran geforscht, seitdem per Anhalter durch die Galaxis dieses wunderbare Feature der Zukunft vorstellte.

Überhaupt muss man sich wahrscheinlich Science Fiction nicht als Vision der Zukunft vorstellen, sondern eher als Roadmap, an dem sich dann die Akteure der Gegenwart abarbeiten. Das gilt vielleicht nicht für jede Dystopie, aber ein paar schöne technische Gimmicks sind auch in der düstersten Zukunftsgeschichte versteckt. Und ich bin sicher, wenn man das Design aktueller Produkte mit den Designs ähnliche Produkte in den Filmen vor 20 Jahren vergleichen würde, könnte man feststellen, dass hier doch eine gewisse Übereinstimmung besteht. Zwar tragen Raumschiff -Kommandeure nicht unbedingt immer schlafanzugähnliche Trainingsanzüge, aber ehrlich gesagt gibt es auch noch nicht so viele Raumschiff-Kommandeure.

Wenn meine Theorie stimmt, dann hat die Zukunft ja noch einiges so vor mit uns, zumindest wenn ich an das neue Buch von Marc -Uwe Kling (dem Känguru-Kling) denke: Qualityland. Wobei wir natürlich vieles schon heute haben, z.b. eine Ethikkommission, die sich mit normativen Dilemmata zu autonomen Fahrzeugen auseinandersetzt. Oder ein Internetversandhandel, der sich Gedanken macht, die Bestelltwünsche seiner Zukunft schon ein kleines bisschen vor ihnen selbst zu erahnen und die Lieferkette entsprechend vorzubereiten. Zwar landen die nicht bestellten, aber vermutlich gewünschten Produkte noch nicht bei uns im Briefkasten, aber das ist vermutlich nur noch ein kleines Schrittchen, wie auch dieser Artikel vermutet.

Insgesamt scheint sich Marc Uwe kling ziemlich systematisch durch die aktuelle Literatur zur Technologie Entwicklung durchgeführt zu haben, einschließlich der Fantasien einer Superintelligenz von Bostrom oder den Versuchen, über das Internet Wahlkämpfe zu beeinflussen. Ein Roboter als Präsidentschaftskandidat ist im Moment noch nicht im Angebot, aber eine durch künstliche Intelligenz aufgemotzte Regierung zumindest in der Diskussion.

Stellenweise liest sich das Buch ein wenig hölzern und erinnert an historische Romane, die seitenlang erst einmal historische Zusammenhänge erklären. Insgesamt aber ein wirklich witziger Versuch, die Absurditäten moderner Technologie Fantasien in eine Geschichte zu packen. Und selbst der Gehirn-Upload in die digitale Cloud hat bei der richtigen Person geklappt. Einen schöneren Charakter hätte man sich für Pink, dass etwas durchgeknallte Notebook, nicht vorstellen können, als unser lieber Freund, das anarchistische Känguru.

Das große Vorbild per Anhalter durch die Galaxis wird eins ums andere Mal übrigens schön zitiert, z.b. bei der sprechenden Tür oder auch bei den psychisch leicht angeknacksten digitalen Charakteren, die nicht wenig an Marvin erinnern.

Empfehlenswert ist auch, die Live-Lesung als Hörbuch zu wählen, weil dann erst der wahre Charme von Marc-Uwe Klings Werk so richtig zur Geltung kommt.

Samstag, 16. September 2017

Tulpenfieber, Bitcoin und China

Freunde der Kryptowährung Bitcoin erleben gerade eine echte Achterbahnfahrt. Erst schraubte sich der Kurs in ungeahnte Höhen, jetzt bricht er mit der Schließung mehrerer Börsen nach Einschreiten der chinesischen Behörden massiv eingebrochen. Ein zentrales Motiv der chinesischen Regierung war wohl, die unkontrollierten Transfers von Geld zu verhindern. Ähnlich war zuvor die Einkaufstour chinesischer Unternehmen im Ausland eingeschränkt worden.

Die heftigen Ausschläge des Kurses auf die chinesischen Maßnahmen rühren von dem großen Erfolg, den Bitcoin in China hatte. Der Marktanteil Chinas war riesig.

In einem interessanten Artikel der Zeitschrift Slate schreiben die beiden Autoren Chen Qiufan und Ken Liu, dass die ungeheuren Mengen an Bitcoins, die in China geschaffen wurden, auch Ausdruck einer chinesischen Technikfixierung sind, die auch in der Angst begründet liegt, nicht einen gerechten Teil vom Kuchen des sozialen Aufstiegs abzubekommen. Sie sprechen gar von einer echten "Techneurose". Ein wenig erinnert der kometenhafter Aufstieg der Kryptowährung die Autoren an die Tulpenblase, eine Spekulationsblase der frühen Neuzeit, die gerade durch einen bunten Historienfilm wieder in Erinnerung gerufen wurde.

In Deutschland wird Chinas Streben nach technologischem Fortschritt, nach Exzellenz und Innovation ja eher ambivalent gesehen. Wächst hier ein Rivale am Weltmarkt heran, möglicherweise sogar mit unlauteren Mitteln, wenn deutsche Unternehmen gezwungen werden, Know-how preiszugeben? Oder wenn gar Industriespionage dazu führt, dass Plagiate den deutschen Unternehmen das Leben schwer machen? Sind staatliche Strategien, die eine Technologieführerschaft in den nächsten fünf bis zehn Jahren anstreben, zu fürchten, weil der chinesische Staat andere Möglichkeiten hat, solche Pläne auch umzusetzen?

Ich finde die oben zitierte Deutung der Bitcoin Blase in China in diesem Kontext ganz erhellen, denn er erklärt China Streben nach technologischer Exzellenz nicht als nach außen gerichtetes Großmachtstreben, sondern von innen heraus, mit soziokulturellen Faktoren.

Und er hilft vielleicht auch ein klein wenig zu erklären, warum sich Deutschland in manchen Technologiefelder so schwer tut, warum z.B. eine breite Startup-Kultur seit Platzen der Dotcom -Blase Anfang der 2000er Jahre nicht wirklich abgehoben hat, warum stattdessen die Gründungszahlen weiter rückäufig sind. Und das, obwohl die Ausgangsbedingungen nicht schlecht wären. Gerade erst hat die OECD belegt, dass Deutschland in Hinblick auf MINT-Qualifikationen, also Qualifikationen in den Bereichen Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften und Technik international Spitze ist. In keinem anderen Land beginnen so viele Menschen eine Ausbildung oder ein Studium in diesen Bereichen. Kleine Mark Zuckerberg purzeln trotzdem nicht aus diesem System.

Es hat vielleicht viel mit Sattheit und Zufriedenheit zu tun. Der Arbeitsmarkt entspannt, wer qualifiziert ist, findet eine gut bezahlte Beschäftigung, ohne sich dem Risiko der Selbständigkeit aussetzen zu müssen. Soziale Ungleichheit wächst zwar bis zu einem gewissen Grad, alles in allem ist aber Deutschland weiterhin ein relativ sozial gerechtes Land. Noch fehlen auch Zuwanderer in großer Zahl, die mit Energie und Aufstiegswillen den Weg der Selbständigkeit suchend würden, um sozial nach oben zu kommen.

Andererseits, lieber gut versorgt und zufrieden als ständig in Sorge, abgehängt zu werden und den technologischen Fortschritt zu verpassen. Druck als Voraussetzung für gesellschaftliche und wirtschaftliche Dynamik? Das Institut der deutschen Wirtschaft behauptet in diesem Artikel, dass Ungleichheit sogar notwendig sei. Ohne Ungleichheit kein Antrieb zum sozialen Aufstieg, zum beruflichen Erfolg. Eine eher unangenehme Vorstellung einer Ellenbogengesellschaft.

Freitag, 8. September 2017

Bundestagswshl 2017 und Innovationspolitik

In zwei Wochen sind schon Bundestagswahlen, und dafür ist es seltsam ruhig in diesem Land. Die großen Debatten sind mehr oder weniger ausgeblieben, das Kanzlerduell im Fernsehen hat sich weitgehend als Konsensgekuschel entpuppt. Ein paar Konflikte gibt es zur Außenpolitik (Stichwort Türkei) oder zur Sozialpolitik (Reichensteuer, Renteneintrittsalter), in den meisten Politikfeldern aber herrscht der große Konsens. Für eine gute Politik muss das nicht schlecht sein, wenn die entscheidenden Parteien am selben Strang ziehen, und das auch noch in dieselbe Richtung. Kurz vor einer Wahl allerdings macht es die Entscheidung für eine der Parteien nicht gerade einfacher.

Die Forschungs- und Innovationspolitik ist hierfür ein typisches Beispiel. Seit vielen Jahren sind sich die Parteien des Deutschen Bundestages weitgehend einig, dass das Politikfeld wichtig ist und z.B. zusätzlicher Mittel bedarf. Im Detail gibt es Unterschiede, aber im Grundsatz wird die Innovationspolitik von allen mitgetragen.

Aber halt, ein paar Anhaltspunkte gibt es vielleicht doch, um auch dieses Politikfeld als Ausgangspunkt für die Entscheidungsfindung vor der Wahl zu nutzen? In Anlehnung an den Wahl-oMat haben findige Geister ein Pendant im Bereich der Wissenschaftspolitik gebaut. Der Science-o-Mat hat die Wahlprogramme der wichtigsten Parteien ausgewertet und hilft bei der Suche nach "meiner" Partei. Tatsächlich gibt es Unterschiede bei den Fragen nach Tierversuchen, Gentechnik oder Dieselverbot, aber ein bisschen gemogelt ist es schon. Das sind nicht die großen Forschungs- oder Innovationspolitik Fragen, die hier durchgearbeitet werden.

Und ein paar Fehler haben sich auch hineingeschlichen. So lautet eine der Aussagen, zu denen man sich verhalten soll: "Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sollten bis 2025 in Deutschland einen höheren Anteil am Bruttoinlandsproduktes (BIP) erzielen als im Rest der Welt." Das wären dann weit über 4%, über dem Wert von Südkorea. Hierfür tritt keine der Bundestagsparteien ein, es wäre auch vollkommen unrealistisch. Im Moment scheint der Konsens eher auf 3,5% hinauszulaufen, und auch das ist schon sehr ehrgeizig.

Auch hier wieder: der große Konsens. Und wohl eher zum Wohle des Landes. Deutlich wird das, wenn man z.B. den Blick des Auslands auf das deutsche Wissenschafts- und Innovationssystem einnimmt. Hier werden ganz andere Akzente gesetzt. Die amerikanische Wissenschaftszeitschrift Nature spricht sich z.B in einem Editorial für die Wahl Angela Merkels aus, da sie eine starke Wissenschafts- und Forschungspolitik betrieben habe, so berichtet zumindest das Wochenblatt die Zeit. Das muss man im Ergebnis nicht teilen, zeigt aber eher die großen Linien der Forschungs- und Innovationspolitik der letzten 10 Jahre auf.

Aber irgendwie ist so ein großer Konsens auch langweilig. So spricht sich die Zeit in einem anderen Artikel für eine mutige, vor allem aber innovative Politik selbst aus. Der Autor Uwe Jean Heuser beschreibt in dem Artikel "Bitte mehr Wumms" zunächst das langweilige Kanzlerduett (pardon: -duell) und beklagt dann, dass in den Wahlkämpfen "das Progressive, der neue Weltentwurf, ein sichtbarer Anlauf zur Verbesserung der durchaus verbesserungswürdige Welt" fehle. Er leitet dann über, dass es durchaus neue Möglichkeiten gibt, soziale Veränderungen herbeizuführen, durch die Nutzung neuer Daten und Technologien und sozialer Innovationen. Als herausragendes Beispiel für einen solchen Ansatz sieht er den britischen Thinktank Nesta, die "Innovationsstiftung". Tatsächlich ist Nesta sicher einer der ideenreichsten Akteure des britischen Innovationssystems, und dazu noch ein Akteur, der seinen Auftrag wahrlich global sieht. Entsprechend sind auch die Beispiele von Uwe Jean Heuser international gewählt, wie das Projekt in Südkorea. Ob Großbritannien aber als großes Vorbild für die deutsche Innovationspolitik taucht, da habe ich meine Zweifel. Zwar haben es die Briten im diesjährigen European Innovation Scoreboard tatsächlich in die Spitzengruppe geschafft, insgesamt scheint das deutsche Innovationssystem aber doch deutlich stärker zu sein. Und was die Wissenschaftslandschaft angeht, so sind natürlich hervorragende Universitäten zu nennen, aber in der Breite musste das britische Wissenschaftssystem deutliche Kürzungen in den letzten Jahren hinnehmen, das hat auch Deutschland für britische Wissenschaftler ziemlich attraktiv gemacht. Und jetzt kommt noch der Brexit, da werden die Prognosen dann ganz dunkel.

Zurück zum deutschen Bundestagswahlkampf. Worüber man natürlich immer spekulieren kann, ist das Personal. Und dementsprechend präsentierte die Zeit in ihrer neuen Ausgabe mögliche Kandidaten für die Spitze des BMBF. Die unterscheiden sich nach Partei Herkunft und individuellen Karriereoptionen, aber auch hier wieder nicht nach inhaltlichen Unterschieden.

Damit bleibt das Fazit, dass die Bundestagswahl 2017 aus Sicht der Forschungs- und Innovationspolitik nicht gerade weichenstellend sein wird. Das ist aber auch ganz beruhigend denkt man an andere Abstimmung in der letzten 12 Monate in anderen Weltgegenden...

Gesichtserkennung

Nächste Woche wird das neue iPhone vorgestellt, und eines der wenigen richtig neuen Feature, die dieses neue iPhone haben wird und die sich nicht schon in  Android-Handys finden, ist eine Gesichtserkennung. Der Homebutton fällt weg, und entsperrt wird über eben diese Gesichtserkennung. Außerdem soll man auch bezahlen können mit dieser neuen Gesichtserkennung.

Vielleicht ist es ein Zufall, aber im Moment sind die Medien voll mit Artikeln zu den Potenzialen und Risiken der Gesichtserkennung. Der neue Economist widmet dem Thema nicht nur eines seiner Editorials, sondern auch drei weitere Artikel.

In einem der Artikel geht es um eine Studie, in der ein Algorithmus die sexuelle Orientierung eines Menschen aufgrund der Analyse seines Gesichts mit größerer Treffsicherheit vorgenommen hat, als ein Mensch dies tun könnte. Ein weiterer Artikel beschreibt ein Verfahren, nachdem aufgrund einer DNA-Analyse Gesichtszüge rekonstruiert werden (anderere Artikel bestreiten übrigens, dass das möglich ist). Und der dritte fast übergreifen zusammen, wo Gesichtserkennung heute schon eingesetzt wird und was uns in Zukunft noch so alles blüht. Ein Startup aus den USA z.b. bietet einen Dienst an, indem Gesichter auf Merkmale für Krankheiten analysiert werden. Dieser Dienst soll Ärzten zur Verfügung stehen, aber wer weiß, wer das dann sonst noch nutzen möchte.

Für den Economist ist das alles eine technische Revolution mit erheblichen wirtschaftlichen Konsequenzen, er spricht von einem facial-industrial complex. Insbesondere China sei schon deutlich weiter in der kommerziellen Nutzung als westliche Länder. Und auch der chinesische Staat nutzt weidlich die Möglichkeiten, die Gesichtserkennung bietet, natürlich auch zu Überwachungs- und Kontrollzwecken. Aber dazu hatte ich schon in einem anderen Blogbeitrag berichtet. Eine israelische Firma hat sogar eine Software entwickelt, mit der man seine Fotos so leicht verändern kann, dass sie in der Datenbank eines Gesichtserkennungs-Algorithmus nichts mehr wert sind.

Die Firma Unilever, so schreibt ein Artikel der französischen Zeitschrift Usbek & Rika, nutzt neuerdings zumindest experimentell in ihrem Einstellungsprozess eine Software zur Gesichtserkennung, die die Motivation und den Enthusiasmus der Beweber misst und nur diejenigen Kandidaten in die nächste Runde entlässt, die hier ausreichend überzeugen.

Der Wissenschaftler hinter der Studie zur Identifizierung sexuelle Orientierung durch Gesichtserkennung ist übrigens Michal Kosinski, der kürzlich auch in einem langen Feature des Deutschlandfunk im Mittelpunkt stand. Dort allerdings nur am Rande mit seiner Studie zur Gesichtserkennung, hier ist er vielmehr der, der im Winter für Aufsehen sorgte, als er die Wahl Donald Trumps auf seinen Algorithmus zurück führte. Wie erinnern uns, die Firma Cambridge Analytics unterstütze den Wahlkampf Donald Trump mit einem System, dass angeblich gezielte Ansprache von potenziellen Wählern erlaubt, von denen vorher eine Art Psychogramm erstellt wurde.

Der Beitrag des Deutschlandfunks beschäftigt sich allerdings übergreifend mit der Frage, ob Psychogramme auf der Grundlage von Daten erstellt werden kann, die wir im Internet über unser dortiges Kommunikationsverhalten oder auch über ein Bild unseres Gesichts preisgeben. Der Autor ist hier zwar deutlich skeptisch, die Beispiele, die im Beitrag genannt werden, sind aber zum Teil schon frappierend. Kann unsere Facebook-Kommunikation Auskunft darüber geben, ob wir zu Depressionen neigen und suizidgefährdet sind? Können Arbeitgeber aus der Kommunikation ihrer Mitarbeiter Schlüsse über Motivation und Engagement ziehen? Ist Privatsphäre überhaupt noch möglich, wenn alle Signale, die wir irgendwie im Rahmen von Kommunikation oder einfach nur unsere Anwesenheit weitergeben, entsprechend intelligent ausgewertet werden können?

Das Beispiel von Cambridge Analytics zeigt, dass hier noch viel Eigenwerbung mit dem Spiel und die Fähigkeiten der meisten Algorithmen doch sehr beschränkt sind. Eine hohe Fehlerquote könnte Anlass zur Beruhigung sein, vielleicht aber auch eher besonders beunruhigen, weil das ganze genutzt wird, aber nicht einmal gut funktioniert.

Ganz im Sinne von Jaron Lanier, der sagte, was ihn besonders beunruhigt, sind nicht kluge Maschinen, sondern dumme Maschinen zusammen mit dummen Menschen.

Und was die Gesichtserkennung angeht, so klingen die Verheißungen schon ein wenig magisch. Die Persönlichkeit, künftige Krankheiten und sogar alle Informationen, die das Netz je über einen gespeichert hat, werden so zugänglich. Das Gesicht als Schlüssel zur Person. Immerhin ist es nicht die Kopfform, wie die Phrenologie früher behauptete. Das würde ja auch arg und schöne Assoziationen und Erinnerungen an dunkle Zeiten wecken.

Dienstag, 29. August 2017

Robotersteuer?

In Deutschland ist Bundestagswahlkampf, und die Bundeskanzlerin setzt sich für Vollbeschäftigung bis zum Jahr 2025 ein.

Naja, Arbeitslosigkeit ist eigentlich kein großes Thema in diesem Wahlkampf. Die Zahlen sind ja gut, gerade im Vergleich zu europäischen Nachbarn. Aber irgendwie geht das Thema Arbeitsplätze immer, und die Zukunft scheint hier ja auch eher ungewiss.

Ein Anlass zur Sorge ist der aktuelle Deselskandal, der die Automobilkonzerne etwas ins Wanken bringt. Und die haben schon genug damit zu tun, das Thema Elektromobilität zu verdauen. Hier sind sie im internationalen Vergleich, zumindest was die aktuell verkauften Autos angeht, nicht gerade Spitzenreiter. Und selbst wenn die Wende zu Elektromobilität gelingen sollte, so könnte auch das einschneidende Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt haben. Bei der Fertigung von Elektrofahrzeugen werden nämlich deutlich weniger Arbeitskräfte gebraucht als bei derjenigen von Autos mit konventionellen Verbrennungsmotoren. Die ersten Betriebsräte fechten schon heftige Konflikte mit Konzernleitungen aus, dass Standorte und Arbeitsplätze auch bei einer Umstellung auf Elektromobilität erhalten bleiben.

Und dann ist da noch die große Sorge vor der automatisierten Fabrik. Roboter übernehmen die Fertigung, oder noch viel schlimmer, sie übernehmen gleich alle anderen Berufe mit. Das zumindest ist die Horrorvision der umfassenden Automatisierung und Übernahme durch intelligente Algorithmen. Da hat der ein oder andere doch das Gefühl, dass gegengesteuert werden muss. Bill Gates z.b. forderte Anfang des Jahres eine Robotersteuer. Das wiederum weisen viele Politiker zurück, aus Sorge um Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie. Aber der ein oder andere scheint doch ins Grübeln zu kommen. So gab es in der vergangenen Woche eine Meldung, dass Südkorea eine Art Roboter-Steuer einführt. Nun ja, es war eher die Senkung der Subventionen für Automatisierung, aber immerhin, die Argumentation war schon auf den Erhalt von Arbeitsplätzen gerichtet. Und auch in San Francisco macht man sich zumindest Gedanken über eine solche Steuer.

Auf der anderen Seite gibt es Länder, die Automatisierung als große Hoffnung sehen, um den Arbeitskräftemangel einer älter werdenden Bevölkerung zu begegnen. Dazu gehört sicher Japan, das in diesem Kontext immer genannt wird und das z.b. auch Einwanderung in größerem Maßstab umgehen möchte, indem es breiter automatisiert. Bis zu einem gewissen Bereich, für manche Berufe und Fachkräfte gilt das sicher auch für Deutschland. Da wäre der entsprechende Wahlkampfslogan nicht Vollbeschäftigung 2025, sondern eher Deckung des Fachkräftebedarfs 2025.

Aber der Wandel des Arbeitsmarktes und der Automatisierung vollzieht sich ja doch eher sehr heterogen und ungleichzeitig. Während manche Branchen sich sehr schnell wandeln, wird es bei anderen länger dauern, während manche Qualifikationsprofile plötzlich nachgefragt da sind, verlieren andere schnell an Wert auf dem Arbeitsmarkt. Welch ungeahnte Konsequenzen die Automatisierung und Algorithmisierung haben kann, zeigt dieser Beitrag für China auf. Da ist einerseits die Gefahr, dass sich die soziale Ungleichheit im Land noch weiter verstärkt, andererseits dürfte die chinesische Industrie weitere Marktanteile auf dem Weltmarkt gewinnen, wenn sie ihren Automatisierungsgrad auch nur annähernd an das Niveau von Deutschland oder Korea hebt.

Und das dürfte dann wieder Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt haben. Der Wahlkampfslogan des Bundestagswahlkampfs 2021 könnte also lauten: Roboter-Steuer für China!

Donnerstag, 17. August 2017

Nash Equilibrium, Reallabore und Technolieentwicklung

Gerade hat der amerikanische Physiker Mark Buchanan in einem Beitrag für Bloomberg davor gewarnt, dass uns die Geschwindigkeit der Technologieentwicklung und damit auch die Unvorhersehbarkeit der Konsequenten überfordert. Wir können keine angemessene Strategie mehr darauf entwickeln, unser Handeln bleibt zufällig und chaotisch. Er bezieht sich dabei auf das sogenannte Nash-Gleichgewicht, einem spieltheoretischen Ansatz, nachdem in nicht-kooperativen Spielen ein Gleichgewicht strategische Ansätze von der jeweiligen Spieler besteht. Kurzgesagt verfolgt jeder Spieler die beste Strategie gegenüber der strategischen Antwort seines Spielpartners bzw Gegners. Das gilt aber nur bis zu einem gewissen Komplexitätsgrad, den wir jetzt zu überschreiten scheinen. In der Konsequenz ist es uns auch nicht mehr möglich, geeignete Regularien zur Gestaltung dieser technologischen Entwicklung zu finden. Dabei wären solche Regularien notwendig, um negativen Folgen von Technologieentwicklung zu begegnen.

John Nash war übrigens der brilliante und zwischenzeitlich krankheitsbedingt der Realität sehr entrückte Held des Films "A beautiful mind". Er prägte entscheidend die Spieltheorie, die insbesondere im Kalten Krieg und der Auseinandersetzung zwischen den Blöcken, dem atomaren Werttrüsten und der Problematik der Kalkulierbarkeit eines zur Weltzerstörung fähigen Gegenübers eine nicht unentscheidende Rolle spielte.

Vielleicht haben Buchanan bzw die von ihm zitierten Autoren deshalb jetzt im Kontext von Technologieentwicklung darauf rekurriert. Es vergeht ja im Moment kaum ein Tag, an dem nicht das Schreckensszenario einer entfesselten künstlichen Intelligenz an die Wand gemalt und die Folgen als schlimmer als ein atomar bewaffnetes und verrückt gewordenes Nordkorea bezeichnet werden. So explizit spricht das Buchanan nicht an, aber wer soll sonst das strategische Gegenüber sein, dessen Züge unberechenbar werden? Etwas paranoid, aber wie die Geschichte der Spieltheorie zeigt, ist das ja kein neuer Charakter zu.

Eine ganz andere Sorge plagt im Moment die Bundesregierung und insbesondere das Bundeswirtschaftsministerium. Im April diesen Jahres hat es in einem Strategiepapier erstmals von Reallabore als regulatorischen Experimentierräumen gesprochen. Hier geht es hier darum, wie langsame regulierungs Prozesse nicht mit der Technologieentwicklung Schritt halten und so dazu führen, dass diese unnötig behindert wird. Bis ein neues Gesetz verabschiedet ist, vergehen Jahre. Gerade um neue Ansätze auszuprobieren, braucht man dabei möglicherweise mehr Freiräume in einem geschützten Raum. Es ist also nicht die Technik, die uns bei dieser Perspektive überfordert, sondern eher die Mülen der Verwaltung und des bürokratischen Alltags. Für viele Fälle wahrscheinlich der realistischere Ansatz.