Samstag, 2. Februar 2019
Innovation Winter
Samstag, 19. Januar 2019
Chinesische Reallabore und deutsche Experimentierräume
Chinas wachsende Rolle in allen möglichen Politikfeldern macht das Land zu einem fabelhaften Themen-Joker, der fast immer gezogen werden kann. So auch beim Thema Reallabore, dass in Deutschland zunehmend Fahrt aufnimmt.
Hierzu bin ich vor ein paar Tagen über eine Veröffentlichungen der deutsch-chinesischen Plattform Innovation gestolpert. Diese Plattform wurde vor einigen Jahren vom Bundesministerium für Bildung und Forschung eingerichtet, um den deutsch-chinesischen Austausch zum Thema innovationen zu stärken und für die deutsche Seite einen breiteren Einblick in die Entwicklungsprozesse des chinesischen Innovationssystems zu ermöglichen.
Die Plattform veröffentlicht in sogenannten Policy Briefs Artikel über das chinesische innovationssystem und seine Relevanz für Deutschland. Prof. Markus Taube schreibt in der letzten Ausgabe über experimentelle Freiräume in neuen Technologiefeldern, die der chinesische Staat den Unternehmen immer wieder einräumt, um ihnen eine schnellere Entwicklung als der internationalen Konkurrenz zu ermöglichen. Das ganze funktioniert nach Ansicht von Prof. Taube nur deshalb, weil es einen breiten Grundkonsens der Machtelite in Politik und Wirtschaft gibt, der den temporären Kontrollverlust absichert.
Wenn ich das richtig verstanden habe, ist ein wichtiges Charakteristikum dieses Systems auch, dass die Freiräume nicht gleichermaßen und rechtlich abgesichert allen Akteuren gewährt werden, sondern durch einen jederzeit widerrufbaren Willkürakt des Staates entstehen. Sie unterstreichen die absolute Macht der kommunistischen Parteiherrschaft. Manchmal wird einfach gezielt nicht reguliert, manchmal werden Gesetzesverletzungen stillschweigend toleriert und nachträglich legitimiert. Taube nennt das eine erfolgreiche Guerilla-Strategie des chinesischen Staates.
Solcherlei temporäre, quasi rechtsfreie Räume sind in den westlichen Demokratien unvorstellbar. Hier werden vergleichbare Freiräume nur in sehr eng definierten und streng kontrollieren Rahmen gewährt, z.B. als sogenannte "regulative sandboxes", sozusagen Spielplätze für neue Technologien, zum Thema Fintech in Großbritannien. Hier wurden Startups Möglichkeiten gegeben, über bestehende Regulierungen hinaus neue Dienstleistungen zu entwickeln, allerdings immer sehr eng begleitet von einem Vertreter einer Aufsichtsbehörde, und immer mit dem Ziel, in absehbarer Zeit wieder regelkonform zu arbeiten. Auch Österreich wagt sich 2019 an regulative Sandboxes für FinTechs.
Die deutsche Bundesregierung sucht noch den richtigen Weg für Reallabor und Experimentierräume. Im Moment lässt das Bundeswirtschaftsministerium einen Leitfaden erarbeiten, wie solche Reallabore in Zukunft schneller eingerichtet werden könnten. Ein gerade erschienener Artikel des BMWi skizziert den aktuellen Stand: das BMWi hat eine interministerielle Abeitsgruppe initiiert, um die Strategien der verschiedenen Ministerien zusammenzuführen, geplant ist auch ein Netzwerk zum Thema sowie Wettbewerbe, um zukünftige Reallabore zu unterstützen. Das Ministerium verweist aber auch mit Nachdruck darauf, dass es nicht darum gehen kann, Rechtsschutz abzubauen oder Unsicherheit zu vergrößern. Gerade das kontrollierte Vorgehen, z.B. durch zeitlich begrenzte Öffnungsklauseln, ermögliche es, Veränderungsbedarf auf Regulierungsebene für Innovationen zu testen, ohne dafür z.B. die Sicherheit der Bevölkerung zu gefährden.
Die Strategien Chinas und der westlichen Industriestaaten unterscheiden sich hier also fundamental. Manchmal allerdings liebäugelt doch der ein oder andere Politiker damit, mal nicht alles so streng zu sehen und zugunsten von Digitalisierung und Innovation über einige aus seiner Sicht nebensächliche Regelungen hinwegzugehen. Mehr Shenzhen kann man auch so interpretieren.
Ob allerdings die Vorgaben zu Energieeffizienz die Einrichtung von Co-working spaces verhindern, wie dort angeführt, scheint mir eher eine gewagte These. Digital first, Bedenken second, das kann man auch als naive Vereinfachung der wichtigen Rolle von Regulierung verstehen.
Sonntag, 13. Januar 2019
Mondsüchtig: China 2025
Beim Mond hat es allerdings ganz gut geklappt. Da sage ich Mal, lieber Westen: I see the bad moon rising!
Samstag, 15. Dezember 2018
Fakten und Innovationen
Vor kurzem traf sich die Welt in Kattowitz, um über die Rettung des Klimas zu verhandeln. Das ist immer auch ein Anlass, um neue wissenschaftliche Berichte zur Entwicklung des Klimawandels zu veröffentlichen und darauf hinzuweisen, dass schnelles Handeln nun wirklich Not tut.
Der Economist hat gerade in einem sehr lesenswerten kleinen Artikel eine Reihe neuerer Studien vorgestellt, die Zweifel daran aufkommen lassen, ob rationale Einsicht in die Problemlage tatsächlich zu vernünftigem Handeln führen kann.
Eine der zitierten Studien zeigt: Faktenwissen über den Klimawandel und wissenschaftliches Denken (science literacy) hat keinerlei Einfluss auf die persönliche Haltung gegenüber Politikern, die sich für eine Klimapolitik einsetzen oder eben auch nicht. Überspitzt könnte man auch sagen, in der politischen Auseinandersetzung macht Wissen nicht klug.
Eine Erklärung könnte eine der anderen Quellen bieten, die der Economist zitiert. Ein neues Buch von Hugo Mercier und Dann Sperber, "The Enigma of reasoning". Die zentralen Gedanken und eine sehr persönliche Herleitung finden sich in diesem Artikel auf Edge.com. demnach hat rationales Denken und argumentieren vor allen Dingen einen sozialen Zweck: Sich selbst zu rechtfertigen und den anderen zu überzeugen. Am Ende geht es darum, eine gemeinsame Sicht auf die Welt zu gewinnen, um sozial handeln zu können. Es geht also weniger darum, objektiv ein Problem zu verstehen. Und es kann dann durchaus passieren, dass sehr abstruse Positionen sehr überzeugend in solchen Argumentationen vertreten werden. Auch das ist dann sozial rational.
In eine ähnliche Kerbe schlägt das dieses Jahr auf deutsch erschienene Buch von Steven Pinker "Aufklärung jetzt". Ich war beim Lesen ernsthaft irritiert, als ich zu diesen Kapiteln am Ende des Buches kam. Nachdem ich hunderte von Seiten Statistiken über die positive Entwicklung der Welt in allen möglichen Lebensbereichen (Bildung, Gesundheit, Gewalt...) und den segensreichen Einfluss von Aufklärung und Wissenschaft durchgeackert hatte, zitierte Pinker plötzlich reihenweise Studien, wie unfähig Menschen doch sind, vernünftig Probleme zu analysieren und rational zu entscheiden. Stattdessen scheinen politische Einstellungen und emotionale Grundhaltungen alles zu überlagern und zu manchmal bizarren Entscheidungen zu führen.
Pinker sieht die Auflösung dieses Dilemmas in einer breiteren Basierung von Entscheidungen auf Fakten und einem systematischen Vorgehen der Abwägung und Bewertung, was man durchaus auch lernen könne. Er zitiert als Beispiel die Arbeiten von Philip Tetlock zu sogenannten Superforecastern. Tetlock hatte die unglaublich schlechten Prognosefähigkeiten von sogenannten Experten an Börsen und im Geheimdienst untersucht und festgestellt, dass ein kleiner Prozentsatz an Menschen deutlich bessere Prognosen abgeben können. Das Geheimnis des Erfolges ist es dabei, emotional relativ wenig engagiert zu sein und seine Einschätzung auf einer sehr breiten Basis an Fakten zu stützen.
Nach dieser Auffassung können Fakten also durchaus nutzen, um zu sinnvollen Entscheidungen zu kommen, die Frage ist, wie man möglichst neutral und breit diese Fakten in Rechnung sieht. Was liegt nun näher, als künstliche Intelligenz für eine breite und neutrale Entscheidungsfindung zu nutzen? Tatsächlich gibt es solche Visionen oder Fantasien, gutes Regieren zukünftig auf KI zu stützen. Kann sein, dass das zu besseren Entscheidungen führt. Die soziale Funktion der menschlichen Diskussion bleibt damit aber außen vor. Akzeptanz in der Gesellschaft wird so nicht gefördert. Und das war ja gerade das Ausgangsproblem.
Der Gipfel in Kattowitz übrigens scheint kein Beispiel dafür zu sein, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zu rationalem Handeln führen. Zumindest sind führende Klimaforscher ziemlich enttäuscht über die dürftigen Ergebnisse, obwohl doch die Notwendigkeit, schnell und massiv zu handeln, mehr als klar sei.
Samstag, 17. November 2018
KI Staatsfonds
Friedrich Merz hatte im Vorfeld seiner Kandidatur als CDU Parteichef den Vorschlag gemacht, das private Investment in Aktien doch steuerlich zu begünstigen, wenn dies der Altersvorsorge diene. Da die meisten von uns keine Aktienprofis sind, würde das Management vermutlich meist ein Investmentverwalter übernehmen, die Sparkasse z.B., oder andere institutionelle Anbieter (vielleicht auch indirekt der ehemalige Arbeitgeber von Herrn Merz). Der Vorschlag stieß auf ein unterschiedliches Echo. Während die einen ihn grundsätzlich interessant fanden, allerdings darauf hinwiesen, dass die meisten deutschen Haushalten gar kein Geld haben, um in Aktien zu investieren, lehnten die andern die Idee eher ab. Allerdings nicht, weil sie eine Stärkung des Aktieninvestments zur Alterssicherung nicht gut fänden, sondern weil es hierfür schon vielfältige Möglichkeiten gäbe, die aber alle nicht optimal funktionierten. Die deutsche Bevölkerung zu Aktienbesitzer zu machen, hat seit dem Fehlstart der T-Aktie vor mehr als 20 Jahren einen gewissen Beigeschmack. Ob mit Reform der bestehenden Systeme oder mit einem neuen Ansatz, leicht wird es nicht werden. Dabei klingt die Idee zunächst einmal sehr schön, dass die Deutschen selbst in Unternehmen investieren, die vom digitalen Wandel profitieren, und somit auch selbst Nutznießer desselben werden. Vielleicht muss doch Vater Staat helfen, der ja im Moment ganz begeistert ist von digitalen Umwälzungen aller Art.
An 15. November stellte die Bundesregierung z. B. ihre neue Strategie zur künstlichen Intelligenz vor. Deutschland soll zu einem führenden Standort für künstliche Intelligenz werden, damit soll ganz wesentlich auch der Wohlstand in Deutschland abgesichert werden. Die ersten Reaktionen waren wohlwollend bis skeptisch. Insbesondere die Besetzung von 100 Lehrstühlen mit hochkarätigem Personal wurdd als nicht kleine Herausforderung gesehen. Auch die Wirkung auf KI-Gründungen bleibt abzuwarten.
Überhaupt ist es mit Digitalisierung und künstlicher Intelligenz so eine Sache. Es gibt eine Reihe von Studien, die diesen Technologien ein erhebliches disruptives Potenzial nachsagen. Und die Disruption, also die verändernde und durcheinanderwirbelnde Wirkung, ist nicht immer für alle gleichermaßen positiv. Der Digitalisierung und dem Einsatz künstlicher Intelligenz wird z.B. auch zugeschrieben, dass sie möglicherweise sozialer Ungleichheit fördern.
Zum einen auf der individuellen Ebene, weil nicht alle Beschäftigten mithalten können mit den neu geforderten Kompetenzen. Weil viele Arbeitsplätze verschwinden und viele neue Arbeitsplätze geschaffen werden, aber vermutlich nicht unbedingt für die selben Personen.
Zum anderen auf Unternehmensebene, weil einige wenige Firmen vom Einsatz dieser Technologien profitieren, ihre Chefs reicher und reicher werden und auch ihre Mitarbeiter einen Teil vom wachsenden Gewinn abbekommen. Andere Firmen hingegen haben es immer schwerer, die Löhne in diesen Unternehmen sinken. Manche Branchen trifft es dabei besonders hart.
Es wird also vermutlich Gewinner und Verlierer geben. Aber wie kann es gelingen, dass die ganze Gesellschaft von diesem Technologiewandel profitiert? Vielleicht durch Investitionen der Bürgerinnen und Bürger in Aktien solcher Unternehmen? Wie oben beschrieben hat das so seine kleinen und großen Fallstricke. Vielleicht könnte auch der Staat einspringen.
Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee schlugen schon vor ein paar Jahren in ihrem Buch "The second machine age", dass über eine staatliche Teilhabe an Unternehmen, die Gewinner der digitalen Revolution sind, ein Rückfluss für uns alle gewährleistet werden könnte.
Bereits anlässlich der Veröffentlichung des Eckpunktepapiers zur künstlichen Intelligenz im Sommer griffen einige Autoren die Idee eines Staatsfonds für künstliche Intelligenz auf und beriefen sich dabei auf Brynjolfsson und McAffee. Ein Staatsfonds investiert öffentliche Mittel in vielversprechende Unternehmen, um langfristig eine gute Rendite auch für spätere Generationen zu erwirtschaften. Und wenn KI so eine tolle Idee ist, warum nicht in Firmen investieren, die damit überdurchschnittlich wachsen?
Im Prinzip sind Staatsfonds keine neue Idee. Am bekanntesten sind die Staatsfonds der Ölstaaten wie Saudi-Arabien oder Norwegen, die mit dem Reichtum des heutigen Ölgeschäfts für die Zeit vorsorgen wollen, wenn diese Ressourcen erschöpft sind. Immer größere Summen werden von solchen Staatsfonds jetzt auch in Startups investiert, manche Experten fürchten hier schon eine Investitionsblase, da Staatsfonds anders als klassische Risikokapitalgeber agieren und den Markt überhitzen könnten.
Die Bertelsmann-Stiftung hat bereits 2017 im Rahmen einer kleinen Studie Überlegungen zu einem deutschen Staatsfonds in Anlehnung an das norwegische Vorbild skizziert, dabei aber ein unabhängiges Management, eine an ethischen Grundsätzen orientiere Anlagestrategie und eine internationale, an der Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft abgekoppelte Investitionspolitik geforderten. Die Idee taucht immer wieder in deutschen Medien auf, so z. B. zuletzt in Spiegel oder Zeit.
Staatsfonds könnten eine schlaue Idee sein und möglicherweise auch in KI-Unternehmen investieren - vermutlich dann nicht nur in deutsche, sondern international. Damit ist die Idee des Staatsfonds erst einmal unabhängig von der Bemühung zu sehen, eine internatiinal wettbewerbsfähige nationale Industrie - z.B. in KI - aufzubauen.
Staatsfonds wurden jüngst aber auch ins Spiel gebracht, wenn es darum geht, heimische Industrien zu schützen. Im September diesen Jahres wurde angeblich Überlegungen der Bundesregierung berichtet, durch einen Staatsfonds den deutschen Mittelstand z.B. vor chinesischen Übernahmen zu schützen. Die Bundesregierung dementierte. Ob ein Staatsfonds dafür überhaupt ein geeignetes Instrument wäre, daran ließ ja schon die oben genannte Bertelsmann-Studie zweifeln. Andere Abwehrmittel sind die Prüfung von Übernahmen durch nationale Behörden oder künftig sogar durch ein Investment Screening der EU, beide vermutlich geeigneter zum Schutz deutscher Unternehmen (und einer deutschen KI-Unternehmenslandschaft).
Der deutsche KI-Staatsfonds ist im Augenblick kein ernstes Thema der politischen Diskussion. Im Moment scheint die Bundesregierung eine andere Strategie zu befolgen: Die heimische Industrie fit machen für den digitalen Wandel und den Einsatz künstlicher Intelligenz. Und damit Steuerrückflüsse zu garantieren, die man für das Gemeinwohl nutzen kann. Arbeitnehmer durch Weiterbildungsmaßnahmen so qualifizieren, dass sie möglichst wenig auf der Strecke bleiben.
Ob das reicht, werden wir sehen.
Bis dahin kann natürlich jede/r von uns in ihr/sein privates KI Aktienportfolio investieren - wenn sie/er das nötige Kleingeld und den richtigen Riecher hat.
Samstag, 29. September 2018
Rückblick auf die diesjährige Tagung der DeGEval
Manche Jahrestagungen von wissenschaftlichen Fachgesellschaften schaffen es ja durchaus in die überregionalen Medien, heute z.b. erschienen ein Beitrag in der Süddeutschen Zeitung zum Deutschen Historikertag. Diese Aufmerksamkeit ist der Jahrestagung der DeGEval bislang nicht vergönnt gewesen. Nun ist die DeGEval sicher nicht mit den deutschen Historikern zu vergleichen, sie ist ungleich weniger im Fächerkanon deutscher Universitäten verankert, auch der breiten Bevölkerung bis das Thema Evaluation vermutlich relativ unbekannt und auch egal. Andererseits ist die Tätigkeit von Evaluatorinnen und Evaluatoren möglicherweise deutlich praxisrelevante als die der deutschen Historikerinnen und Historiker. Grund genug, einen kurzen Rückblick auf die diesjährige Tagung unserer Fachgesellschaft zugeben und aus der Perspektive der Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik auf einigen der besonders relevanten Sessions zu schauen.
Samstag, 25. August 2018
Wie beeinflusst Technologie Politik?
in den USA stehen im November die Wahlen zum Repräsentantenhaus an, und nach zwei Jahren Donald Trump ist die ganze Welt gespannt, ob er nun einen Denkzettel bekommt oder ob die Republikaner ihre starke Stellung halten können. Und wie bereits anlässlich der Präsidentenwahlen richtet sich die Aufmerksamkeit auch darauf, ob Technologie einen Einfluss auf Politik haben könnte. Immer noch sind die Amerikaner damit beschäftigt, die Einzelheiten möglicher Einflussnahme auf die letzten Wahlen durch soziale Medien und Akteure wie Cambridge Analytics zu klären. Bereits jetzt schon werden besorgte Stimmen laut, die eine Einflussnahme auf Wähler oder gar ein Hacken der Wahlmaschinen bei der kommenden Wahl fürchten. Erste Anzeichen dafür gibt es ganz aktuell.
Die amerikanische Ausgabe Technology Review hat sich nun in ihrer neuen Ausgabe ganz und gar dem Thema Technologie und Politik gewidmet. Das Editorial schlägt noch einmal den ganz großen Bogen von seiner optimistischen Perspektive auf politisch genutzte Technologie aus dem Jahr 2013, als Barack Obama auch mit der Hilfe neuer Wahlkampftechniken die Präsidentschaftswahlen gewann und der arabische Frühling auch durch die Möglichkeiten sozialer Netzwerke seine durchschlagende Kraft entfaltete. Heute hingegen scheint Technik nur noch als Bedrohung demokratischer politischer Prozesse zu funktionieren. Nur ein einziger Artikel der neuen Ausgabe widmet sich neuen, technologisch ermöglichten partizipativen Formaten, die hier am Beispiel Taiwans demokratische Prozesse bereichern können.
Am Beispiel Kenias skizziert ein Artikel z. B., wie bestimmte demokratieschädliche Tendenzen neuer Technologien nicht wirklich neu sind, sondern auch manchen Technologien des Vor-Internetzeitalters eigen waren. Hate-speech z. B. wurde in Kenia bereits früher durch lokale Radiostationen befördert, das Internet hat nun diese unheilvolle Funktion übernommen. Dabei war die Hoffnung in Kenia nach den Unruhen des Jahres 2007 groß, das mit neuer Wahltechnik eine Befriedung des Landes gelingen könnte. Der Autor des Artikels schließt, dass Technik in der Regel keine sozialen Probleme löst.
Diee repressive Politik der chinesische Regierung gegenüber den Uiguren in der westlichen Provinz Xinjiang, die immer stärker auf entsprechenden Überwachungs- und Analysetechnologien basiert und als Art Testlabor zum Funktionieren des technologisch ausgerüsteten autoritären Staates gesehen werden kann, greift die Zeitschrift The Atlantic auf. Besonders beeindruckt hat die Autoren eine neue Überwachungsdrohne, die sich als Taube tarnte und flattert wie ein echter Vogel. Diese Drohne wird auch in einigen anderen Medien aufgegriffen.
Die Technologiepolitik der chinesischen Regierung wird übrigens auch in der oben beschriebenen Ausgabe der Technology Review aufgegriffen, unter der schönen Überschrift 'Warum Demokratie, wenn es Technologie" gibt. Tatsächlich kann Überwachungstechnologie wie Gesichtserkennung oder das berühmt-berüchtigte social credit System ein zentrales Problem chinesischer Politik lösen helfen, nämlich das Fehlen von Informationen, die von unten nach oben fließen. Dies ist ja eine der wesentlichen Funktionen von Demokratie, dass nämlich aus der Breite der Bevölkerung über den Wahlakt und die damit verbundene Kommunikation Meinungen und Einstellungen an die politische Führung kommuniziert werden. Wer diese Mechanismen nicht hat, der ist auf andere Kanäle angewiesen um das Problem zu lösen.
Allerdings ist Demokratie keine Einbahnstraßenkommunikation wie die beschriebenen Überwachungstechnik.
Samstag, 11. August 2018
Künstliche Politiker
Samstag, 4. August 2018
Zombie-Gründer
Seit kurzem nutze ich verstärkte Twitter, um mich auf interessante Artikel, Studien oder Meinungen stoßen zu lassen. Jenseits der üblichen Newsletter ist dies manchmal eine wirkliche überraschende Quelle von spannenden Meldungen. Das Ganze steht und fällt natürlich mit den Personen, denen man folgt. Wenn diese alle selbst miteinander vernetzt sind, dann twittern sie nur immer wieder dieselben Beiträge. aber das macht das dann auch wieder spannend, zu sehen, welche Netzwerke sich hinter Twitter verbergen.
im Moment recht angetan bin ich z. B. von der Expertenkommission Forschung und Innovation EFI, die eine ziemlich bunte Mischung an Beiträgen mit einer relativ hohe Taktfrequenz twittert. Lustig fand ich da den Retweet zu einem Artikel in WIRED, der Studienergebnisse zitiert, die einen Zusammenhang zwischen der Infektion mit Toxoplasmose und Gründungsneigung behaupten. Wer eine Katze hat bzw. sich mit diesem Katzenparasiten identifiziert, ist wagemutiger und gründet häufiger ein Unternehmen, so die Autoren. Das wäre natürlich praktisch und eine ziemlich preiswerte Möglichkeit für die Bundesregierung, die Gründungsneigung in Deutschland zu erhöhen: einfach süße kleine Katzenbabys flächentechnik verschenken.
Die Geschichte erinnert mich auch an sogenannte Zombie-Pilze, die tropische Ameisen befallen (hier auch ein Artikel mit einem nett-gruseligen Film), sie zu einem selbstmörderischen Verhalten zwingen und dann töten, um an geeigneter Stelle weiter zu wachsen. Das ist aber nicht der einzige Parasit, der seinen Wirt geradezu unglaublich raffiniert manipuliert. Es gibt eine ganze Reihe sogenannter Neuroparasiten, die entsprechend vorgehen und diverse Tierarten zu höchst merkwürdigen und selbstschädigenden Verhalten bringen.
Beim Toxoplasma-Parasiten und dem Menschen war diese Art der Beziehung schon länger vermutet worden, aber wissenschaftlich nicht wirklich eindeutig nachgewiesen. Und wenn man bedenkt dass Toxoplasma in Deutschland ungefähr 60% der Bevölkerung infiziert hat, so scheinen sich die Auswirkungen doch sehr im Rahmen zu halten. Und leider sind insbesondere die Auswirkungen auf die Gründungswahrscheinlichkeit dann doch sehr beschränkt geblieben und die Idee mit der Katze als innovationspolitischler Wunderwaffen doch nicht so toll.
Aber Gründerinnen und Gründer sind ja sowieso recht eigenartige Wesen, deren Verhalten wohl auf sehr mannigfaltige Art und Weise beeinflusst wird und nicht einfach zu steuern ist. Breit ist die Literaturlage z. B. In Hinblick auf Geschlechterunterschiede. Schon länger in Studien beschrieben ist die Beobachtung, dass weibliche Gründerinnen vorsichtiger agieren und eher auf ein nachhaltiges, langsames Wachstum setzen. Neu ist die Beobachtung, dass Frauen dabei scheinbar sehr erfolgreich sind und höhere Renditen erwirtschaften als männliche Gründer.
Bislang immer wieder aufgegriffen wurden die Annahme, dass insbesondere jüngere Menschen eher ein Unternehmen gründen. Der demografische Wandel würde in diesem Fall ein nicht unerheblicher Einflussfaktor auf die sinkende Gründungsneigung in Deutschland sein. Neu sind dann die Studien, die zeigen, dass ältere Gründer deutlich erfolgreicher sind. Gründungsneigung und Gründungserfolg sind eben doch nicht ein und dasselbe.
Jetzt würde mich interessieren, welche Korrelation ist zwischen Alter und Vorlieben für Katzen gibt.
Samstag, 23. Juni 2018
Innovationsprotektionismus
Protektionistische Töne aus dem Weißen Haus sind in diesen Tagen nichts ungewöhnliches. Präsident Trump ist in vielen Bereichen der festen Auffassung, dass Amerikas Unternehmen unfair behandelt werden und amerikanische Verbraucher leiden. Während des meist um den Import ausländischer Waren in die USA geht, entzündet sich der neueste Streit am Export amerikanischer waren, genauer gesagt amerikanischer Medikamente. Diese unterliegen, wie alle Medikamente, in vielen Ländern einer Preisregulierung. Gesundheitsbehörden oder Krankenkassen schließen Verträge und legen fest Komma zu welchen Preisen bestimmte Medikamente zu haben sind. Diese Praxis ist nach Ansicht des Weißen Hauses dafür verantwortlich, dass die Preise für Medikamente in den USA im Vergleich deutlich höher sind. Amerikanische Pharmaunternehmen müssten ihre hohen Forschungs- und Entwicklungskosten über diese hohen Preise in den USA refinanzieren, weil sie zu billig im Ausland verkaufen müssten.
Natürlich liegt es durchaus nahe und wird auch in einigen Artikeln so beschrieben, dass die amerikanische PharmaBranche hier erhebliches Lobbying betreibt. Wirklich erstaunlich ist aber das eigentliche Argument: die Kosten für Forschung und Entwicklung eines neuen Produktes sollten gleichmäßig über alle Kunden verteilt werden, und andere Länder profitieren unverhältnismäßig von dem Forschungsanstrengungen in einem Land.
Viele Kommentatoren sind sich sicher, dass der Grund für unverhältnismäßig hohe Kosten für Medikamente in den USA aber an anderen Faktoren hängen. So ist es z.b. in den USA möglich, direkt für Medikamente zu werden, was in vielen anderen Ländern verboten ist. Auch ist das amerikanische Gesundheitssystem so strukturiert, dass es wenig Verhandlungsmacht gegenüber Pharmakonzernen besetzt.
Der europäische Gesundheitskommissar Andriukaitis hat jetzt die Vorwürfe aus den USA zurückgewiesen und unter anderem darauf hingewiesen, dass Pharmaforschung heute multinational funktioniert, dass die großen Pharmakonzerne ihre Forschungsabteilungen überall auf der Welt haben und in enger Kooperation mit unterschiedlichsten Forschungseinrichtungen an neuen Medikamenten arbeiten. Auch europäische Forschungsgelder fließen in großen Mengen in diese Anstrengungen. Es gibt nicht das eine Medikament, das in Amerika erforscht und entwickelt wurde.
Gesundheitsforschung wird auch deshalb mit hohen öffentlichen Mitteln unterstützt, weil sie am Ende in Produkte mündenden soll, die allen Menschen zur Verfügung stehen. Es geht nicht, oder zumindest nicht nur, um wirtschaftliche Ziele, sondern um übergreifende gesundheitspolitische Ziele, die mit der öffentlich finanzierten Pharmaforschung erreicht werden sollen.
Die NZZ übrigens hat in diesem Zusammenhang eine ganze Reihe von Daten veröffentlicht, die einmal deutlich machen, dass in den USA die Ausgaben für Medikamente tatsächlich am höchsten sind, die aber auch zeigen, dass auch in Deutschland deutlich mehr pro Kopf für Medikamente ausgegeben wird als z.b. in den Niederlanden. Und die NZZ weist auch darauf hin, dass natürlich amerikanische Konzerne und die amerikanische Volkswirtschaft erheblich davon profitieren, dass die globale Pharmaforschung in den USA konzentriert ist.
Es gibt auch ganz andere Vorschläge, zu hohe Arzneimittelpreise zu bekämpfen. Auf dem World Economic Forum wurde dieses Jahr z.b. einen Vorschlag vorgestellt, der eine zweigeteilte Finanzierung vorsieht. Die eigentliche Forschung wird separat finanziert, z.b. aus einem Fonds, der insbesondere den Mehrwert für Patienten als Grundlage für die Kostenerstattung der Forschung heranzieht. Und dann wird das eigentliche Medikament eher wie ein Generika bezahlt, da die hohen Forschungs- und Entwicklungskosten ja nicht mehr durch Patentabsicherungen und hohe Preise refinanziert werden müssen.
Samstag, 16. Juni 2018
Kunst und Zukunft
Samstag, 9. Juni 2018
Startup Kill Zone
In der vergangenen Woche hat der Economist einen Beitrag über das Silicon Valley veröffentlicht, in dem den großen Tech-Konzernen schwere Vorwürfe gemacht werden. Sie würden jungen Startups kaum noch die Möglichkeit geben, auf eigenen Beinen groß zu werden. Wer eine Konkurrenz für die großen Konzerne sei, würde schnell vom Markt weggekauft. Nicht unbedingt, um die neuen Geschäftsideen in das eigene Geschäftsmodell zu integrieren, sondern insbesondere, um keine neuen Gegner entstehen zu lassen. Es entstehe eine regelrechte Todeszone oder "Kill Zone", durch die kaum ein Startup noch unbeschadet durchkomme, um zu einem größeren Unternehmen zu werden. Auch fegten die großen Konzerne in ihrem Hunger nach gutem Personal die Arbeitsmärkte leer. Wer einigermaßen gut in seinem Fachgebiet sei, könne sich einen äußerst lukrativen Job sichern. Startups blieben dann bei ihrer Suche nach Personal auf der Strecke, und potentielle Gründerinnen und Gründer würden gleich in die Tech-Konzerne wechseln.
Die im Economist skizzierte Problemlage trifft in Teilen auch Deutschland. In manchen Themengebieten, z.b. der künstlichen Intelligenz, wandern die besten Uni-Absolventen oft ab in die USA. Mit den dort gebotenen Gehältern kann hierzulande kaum einer mithalten. Und gleichzeitig scheint nicht wenigen deutschen Gründerinnen und Gründern der Exit in Form eines Aufkaufs durch Google und Co. als das große Los. Das ist im Businessplan fast schon angelegt.
In eine ähnliche Richtung hatte schon im vergangenen Jahr ein Artikel des Guardian argumentiert, der anhand konkreter Beispiele beschreibt, wie Tech-Konzerne auch die Geschäftsmodelle und Gründungsideen junger Firmen kopieren und diesen damit das Wasser abgraben. Die finanziellen Ressourcen der großen Fünf scheinen schier unerschöpflich zu sein, damit wird der Wettbewerb für Startups nicht gerade ausgewogener. Der Guardian sieht hier durchaus einen der Faktoren dafür, dass die Gründungsrate auch in den USA seit vielen Jahren eher rückläufig ist. Dies wird in Deutschland, wo das Silicon Valley als großes Vorbild gilt, gerne auch einmal übersehen.
Andererseits ist eben diese Exit-Option für viele Gründerinnen und Gründer erst die Motivation, alle Energie auf die Gründung eines neuen Unternehmens zu konzentrieren und damit Neues zu schaffen. Und es gibt auch immer noch Beispiele für Newcomer, die ihre Nische gefunden und dann schnell selbst zu größeren Unternehmen herangewachsen sind - ohne dass sie gleich von Google, Facebook, Microsoft oder Amazon aufgekauft wurden. Und schließlich ist der Zyklus von Gründen, Exit und Neuinvestment des so gewonnenen Vermögens in neue, junge Startups der Motor, der die Innovationsmaschine Silicon Valley am Laufen hielt und auf den auch hierzulande viele setzen, wenn sich Startup-Ökosysteme erst einmal in deutschen Gründungsmetropolen wie Berlin etabliert haben. Eine kritische Menge an Risikokapital wird so akkumuliert und steht dann für die Finanzierung eines Ökosystems bereit.
Es kommt halt auf den Fokus an, ob es um Wettbewerbspolitik und Marktdominanz geht, oder darum, dass immer wieder neue Ideen geboren werden und einen Standort letztlich fit gegenüber der Weltkonkurrenz machen. Allerdings machen Guardian und Economist auch darauf aufmerksam, dass der Gründungselan erlahmen könnte, wenn die zugegebenermaßen nicht sehr wahrscheinliche Perspektive, selbst zum neuen Google zu werden, völlig unrealistisch wird, weil das echte Google jeden möglichen Konkurrenzen rausschießt.
In Deutschland besteht die Gefahr nicht, dass die großen deutschen Tech-Konzerne reihenweise den Startup-Markt leer kaufen. Dafür gibt es zu wenig große deutsche Tech-Konzerne. Im Gegenteil wäre es möglicherweise für die deutsche Volkswirtschaft ein Segen, wenn die kreativen Impulse der deutschen Startups ihren Weg in andere Unternehmen, in diesem Fall in die traditionelle Industrie finden würden - z.b. in den deutschen Mittelstand. Auch deshalb werden Kooperation zwischen diesen beiden Akteursgruppen mittlerweile gezielte auch in der Politik entdeckt. Aber hier geht es nicht darum, dass die Konkurrenz vom Markt genommen wird, sondern dass hier starke Partnerschaften entstehen und bestehende Strukturen stabilisiert und fit für den internationale Wettbewerb gemacht werden. Dafür müssen die deutschen Startups aber auch auf ihren nationalen Partner schauen und nicht damit liebäugeln, dem Exit im Silicon Valley zu finden.
Für das Startup-Land Deutschland ist nicht die Kill Zone das Problem, sondern eher die geringe Gründungsneigung. Und da tut sich, schaut man auf die letzten Studien zu diesem Thema wie den KfW-Gründungsmonitor oder die GEM-Studie zu Deutschland, nicht wirklich viel.
Samstag, 26. Mai 2018
Chinesische Ambitionen
Die Bundeskanzlerin ist gerade in China. Und nicht zufällig werden passend dazu neue Studien zu Chinas Rolle in der Welt veröffentlicht. So z.b. eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die belegt, dass chinesische Investitionen in deutsche Unternehmen in den letzten Jahren immer stärker auf einige wenige Schlüsselsektoren zielten, die auch in der übergreifenden chinesischen Strategie "Made in China 2025" im Fokus stehen. Das ist nicht völlig überraschend, letztlich spiegelt die chinesische Strategie vor allem die bereits laufende Schwerpunktsetzung im Lande wieder, und da ist die Wahrscheinlichkeit dann besonders hoch, dass auch die Perlen der deutschen Industrie gerne in den Blick genommen werden, zumal private Investoren aus China oder staatliche Unternehmen mit einer wohlwollenden Reaktion des chinesischen Staates rechnen können.
Allerdings ist eine planvolle Umsetzung dieser Strategie des gezielten Aufkaufs aus deutscher und europäischer Sicht schon ein wenig beunruhigend, auch da hier zum Teil sehr konspirativ vorgegangen wird. Die heimlich vorgenommenen Investitionen bei Daimler zum Beispiel kamen in der deutschen Öffentlichkeit nicht besonders gut an, zumal es hier auch nicht nur um eine kleine Perle, sondern eher um die Kronjuwelen der deutschen Wirtschaft geht. Aber mittlerweile gibt es ja auch heftige Diskussionen auf europäischer Ebene, wie man solchen chinesische Einkaufsgelüsten bei strategisch relevanten Unternehmen einen Riegel vorschieben kann. In Deutschland bleibt die Diskussion weiterhin kontrovers: Während der Chef des Verfassungsschutzes mit den Worten zitiert wird, es gehe um aufkaufen und ausschlachten, spricht sich der BDI dafür aus, hier keine künstlichen Barrieren für Investitionen aufzubauen.
Völlig neu war mir die ganz aktuelle amerikanische Diskussion über das verstärkte Engagement chinesische Venture Capital Firmen im Silicon Valley. Auslöser die Diskussion waren wohl zwei Studien amerikanischer Behörden, die vor einem Ausverkauf von technologischem Know-how durch strategische Investitionen chinesischer Investoren warnten. Was den Deutschen ihre hidden champions, sind den Amerikanern ihre Silicon Valley Firmen. Zwar sind sich die Kommentatoren in den USA im Grundsatz weitgehend einig, dass eine Regulierung hier dringlich ist, und die amerikanische Regierung unter Trump scheint auch mehr als bereit zu sein, chinesischen Einfluss zurückzudrängen. Gleichzeitig gibt es aber auch kritische Stimmen, die davor warnen, das weltweite Innovationsnetzwerke, die mittlerweile dann doch auch chinesische Akteure intensiv miteinbeziehen, durch solche Regelungen beschädigt werden. Es ist also für die USA ebenso wie für Europa nicht mehr ganz so einfach, schlicht die chinesischen Akteure draußen zu halten und gleichzeitig weiter vorne im Innovationswettkampf zu bleiben. Innovativ bleiben geht in vielen Schlüsselbereichen in Zukunft nur noch gemeinsam mit den chinesischen Partnern, nicht mehr allein gegen sie. Zudem scheinen die Investitionen chinesischer VC Firmen im vergangenen Jahr zurück gegangen zu sein, da es eine verstärkte Regulierung von Seiten des chinesischen Staates gab, um den übermäßigen Transfer - man könnte auch Flucht von Kapital sagen - ins Ausland zu unterbinden.
Neben realen Veränderungen der Machtverhältnisse und der spürbaren Auswirkungen chinesischer Strategien einer technologischen Entwicklung sind hier also durchaus auch irrationale Ängste mit dem Spiel, die Macht- und Kontrollverlust befürchten und zu Überreaktion führen könnten. Die Frage wird dadurch noch komplexer, dass es nicht nur um scheinbar einfache Fälle kritischer Infrastrukturen geht, in denen man den ausländischen Einfluss aus naheliegenden Gründen möglichst gering halten möchte. Es geht um Innovationen und Zukunftstechnologien, deren Relevanz man heute noch gar nicht wirklich absehen kann.
Sind Investitionen in einem Hersteller von Industrierobotern entscheidend für Deutschland Sicherheit oder nicht? Oder ist es einfach nur ein Business Deal?
Ist es ein Vorteil, wenn deutsche, europäische oder amerikanische Startups schnell nach China gehen und dort Erfahrungen sammeln, oder sind sie dann schon im gegnerischen Einflussbereich? Brauchen wir chinesische Startups in Europa, die hier nachher bringen und Arbeitsplätze schaffen, oder sind das Konkurrenten?
Ob die verstärkte Interaktion mit China eher segensreich oder der Anfang vom Ende ist, hängt stark von den Entwicklungen in China selbst habe. Und die sind nur bedingt absehbar, das hat bereits vor zwei Jahren ganz schön eine Foresight-Studie der Bertelsmann-Stiftung auf den Punkt gebracht. Auf eine interaktive Website kann übrigens jeder selbst einmal in die Glaskugel schauen und seine Prognosen abgeben.
Samstag, 19. Mai 2018
Akzelerationisten und Innovation
Vor ein paar Tagen las ich in der neuen Ausgabe von brand eins ein interessantes Interview mit dem Berliner Philosophen Armen Avanessian. Entgegen dem Zeittrend zu Entschleunigung, wie ihn der (ebenfalls) Philosoph Hartmut Rosa oder auch der Wachstumskritiker Niko Paech propagieren, sprach sich Avanessian dort für einen Beschleunigung der Moderne aus. Die Probleme unserer Zeit seien nur mit mehr Technologie, mit schnelleren Entwicklungsprozessen und einer deutlich dynamischen Anpassung auch der Politik zu bewältigen, wo vieles noch zu langsam gehe. Es könne nicht sein, Entschleunigung zu predigen angesichts der Herausforderungen, vor denen wir heute ständen. Es geht Avanessian darum, die positiven Aspekte von Technologie und Wissenschaft im Blick zu behalten und hier aufs Tempo zu drücken. Avanessian ist nicht allein, und die Bewegung hat auch einen schönen Namen, die Akzelerationisten. Mir war der Begriff komplett neu, deshalb habe ich ein wenig in gegoogelt und bin auf eine wirklich interessante Geschichte gestoßen.
Die Kollegen von brand eins sind nicht die ersten, die auf die Akzelerationisten gestoßen sind. In Deutschland hatte diese "Bewegung" den Höhepunkt der medialen Aufmerksamkeit schon in den Jahren 2013 folgende, nachdem das Buch #Akzeleration veröffentlicht worden war. Für die Frankfurter Allgemeine kam dort eine neue Linke zur Sprache, die den Kapitalismus durch Beschleunigung zerstören möchte. Im Deutschlandfunk wurde unter anderem die enge Verbindung des Akzelerationismus zu Science-Fiction hervorgehoben. Die Bewegung, ursprünglich in den 90er Jahren in Großbritannien entstanden, lies sich stark durch Bücher wie "Neuromancer" oder Filme wie Terminator und Matrix beeinflussen. Sie kann auch als besondere Ausprägung einer Popkultur verstanden werden, in der Technik, Kunst und Philosophie zusammenfließen. Die Schriften der Akzelerationisten wirken in ihrem assoziativen Duktus literarisch, Musik spielt in der Bewegung eine große Rolle. Außerdem hat die Zukunft des Menschen in einer technisierten Welt eine besondere Faszination für die Akzelerationisten, der Transhumanismus, also die Überwindung des biologischen Menschlichen durch eine Verschmelzung mit Technik, durch den Cyborg ist eine Fantasie, die auch im Akzelerationismus mitschwinkt. Es gab allerdings auch sehr kritische Stimmen, die dem Akzelerationismus ein geradezu totalitäres Verständnis von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft nahe legten. Einerseits propagiert der Akzelerationismus ein Zukunftsbild jenseits von links und rechts, andererseits ist er schon lange in eben solche rechte und linke Fraktionen gespalten.
Den besten Überblick über die Entwicklung der Bewegung, die ursprünglich Texte französischer Philosophen der 70er Jahre aufgriff und dann mit den Frustrationen der 80er Jahre und den Utopien neuer Technologien ein Amalgam schuf, dass bis heute lebhafte Diskussion hervorruft, gibt ein langer Artikel im Guardian. Er beschreibt auch sehr anschaulich die geradezu sektenhafte Gruppendynamik des Kreises um Nick Land, die Euphorie und enge Zusammenarbeit, die geradezu an die Factory von Andy Warhol einnert, aber auch die Spaltungen, das Abdriften zentraler Akteure in rechtsextreme Fraktionen, während andere sehr linke Gesellschaftsmodelle entwickelten.
In der aktuellen deutschen Diskussion sind eher die linken Vertreter des Akzelerationismus präsent, die Themen wie ein generelles Grundeinkommen oder ein Ende der Arbeit durch eine flächendeckende Automatisierung thematisieren. Im Karl-Marx-Gedenkjahr darf zudem nicht der Hinweis fehlen, dass die Diskussion um den Akzelerationismus auch immer wieder Bezug auf Karl Max genommen hat, insbesondere auch sein "Maschinenfragment". Hat Max tatsächlich eine Beschleunigung des technologischen Fortschritts herbeigesehnt, um die Früchte der Automatisierung zu ernten und gleichzeitig dem Kapitalismus den Todesstoß zu versetzen? Oder ist das eine verkürzte Lesart von Marx, um eigenen Thesen eine gewisse Würde und Autorität zu verleihen. Die digitale Revolution und Karl Marx wären allerdings ein Thema, das einen eigenen Blog-Einntrag verdienen würde. Fast alle Artikel der letzten Wochen und Monate, die sich mit Marx beschäftigen, verweisen an der ein oder anderen Stelle auf das genannte Maschinenfragment und die dort formulierte Vision einer technologischen Beschleunigung.
Bleibt noch klarzustellen: Dass aktuelle brand eins -Heft hatte eigentlich Entschleunigung als Titelthema, der Akzelerationismus war hier nur der kleine provokante Kontrapunkt.
Donnerstag, 10. Mai 2018
Foresight und Innovationspolitik
Vor ein paar Tagen veröffentlichte die Stiftung Wissenschaft und Politik ihre neue Foresight-Studie. Seit ein paar Jahren bringt die Stiftung, die einer der wichtigsten Think Tanks Deutschlands im Bereich internationale Politik ist, solche Studien heraus. Es geht darum, Szenarien alternativer Entwicklung internationaler Politik zu skizzieren, die zunächst unerwartet und unwahrscheinlich klingen, aber erhebliche Konsequenzen haben könnten. Also hohe Unwahrscheinlichkeit, aber hohe Auswirkungen. Ein bisschen das Konzept des schwarzen Schwans.
Foresight ist ein methodischer Ansatz, der im Bereich der Innovationspolitik seit vielen Jahren gern genutzt wird. Dabei geht es vor allen Dingen darum zu überlegen, welche Technologieentwicklungen möglich und wahrscheinlich wären, oder auch zu analysieren, welche gesellschaftlichen Trends Auswirkungen auf Innovationspolitik haben könnten, weil sie z.b. neue Bedarfslagen schaffen oder ein verändertes Nutzerverhalten bewirken.
Was ich bislang nicht kenne, sind Foresight-Ansätze dazu, wie sich die Politikebene selbst verändern könnte, welche Ereignisse dazu führen könnten, dass hier eingetretene Pfade verlassen werden müssen. Dies liegt vielleicht auch darin begründet, dass sich Innovationspolitik und ihre Rahmenbedingungen nur sehr gemächlich zu verändern scheinen. Vergleichende Innovationsindikator-Studien wie das European Innovation Scoreboard oder der Innovationsindikator damit immer wieder zu kämpfen, dass sich in kurzen Zeiträumen relativ wenig ändert im Vergleich zwischen unterschiedlichen national innovationspolitiken und den ihnen zugrundeliegenden Strukturen. Es kommt halt meistens auf relativ fest gefügte Strukturen an, die Branchenstruktur eines Landes, das Universitätssystem, die Unternehmenskultur und so weiter. Wie langweilig.
Aber natürlich sind auch externe Schocks denkbar, die solche eingetretene Pfade nachhaltig beeinflussen könnten. Das liegt schon in der Natur des Innovationskonzept, dass ja auf das Neue, das Disruptive setzt. Der technologische Durchbruch, der alles auf den Kopf stellt und etablierte Branche und Unternehmen hinwegfegen. So wie die Digitalisierung die analoge Fotografie vernichtet hat. Das ist z.B. die große Angst der deutschen Automobilhersteller, dass ein schneller technologischer Wandel, z.B. in der Elektromobilität, alte Geschäftsmodelle komplett umkrempeln und neuen Player ziemlich viele Marktanteile schenken könnte. Die Automobilbranche ist für Deutschland eine zentrale Größe in der Innovationspolitik. Der Stifterverband für die Wissenschaft, der jährlich die Forschungsausgaben der Privatwirtschaft untersucht, ist in seinen letzten Berichten zu dem Ergebnis gekommen, dass die Konzentration auf die Automobilbranche in Deutschland in den letzten Jahren immer weiter zugenommen hat. Wenn hier eine Branche zusammenbrechen sollte, weil sie durch den technologischen Wandel nicht mehr wirtschaftlich arbeiten kann, dann würde das massiv auf das gesamte Innovationssystem wirken, da riesige Mittel nicht mehr zur Verfügung stünden. Natürlich könnte der Versuch der Autobauer, hier mitzuhalten beim Technologieumbruch, auch dazu führen, dass noch mehr Geld in Forschung und Innovation gepumpt wird. Und nicht unwahrscheinlich ist, dass sie damit Erfolg haben könnten und alles so bliebe wie bisher. Im Moment ist der Wechsel vom klassischen Verbrennungsmotor zum Elektromotor auch eher eine Schnecke als ein Rennpferd. Also ein eher unwahrscheinliches Szenario mit enormen Auswirkungen.
Geld kommt aber nicht nur von den Unternehmen, sondern auch vom Staat. Hier haben wir in den letzten 10 Jahren erlebt, wie die Politik echte Prioritäten gesetzt und die Ausgaben für Forschung und Innovation kontinuierlich und ziemlich erheblich erhöht hat. Das hat private F&E Investitionen weiter stimuliert, der Anteil der F&E Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt ist kontinuierlich gewachsen und Deutschland hat das selbst gesteckte Ziel von 3% hier praktisch erreicht. Die neue Bundesregierung hat sich darum das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2025 nun 3,5% anzustreben. Die F&E Ausgaben also weiter zu erhöhen. Aber wäre es auch denkbar, das hier schon früher das Ende der Fahnenstange erreicht ist, dass die Ausgaben nicht mehr so schnell wachsen, dass sie vielleicht sogar kaum noch wachsen oder gar schrumpfen? Der aktuelle Bundeshaushalt, die sich noch in der Beratung befindet und erst im Sommer verabschiedet wird, lässt schon erahnen, dass diese Ausgaben möglicherweise nun etwas langsamer wachsen. Verglichen mit den Vorjahren sind die Gelder, die für Forschung Innovation bereitgestellt werden sollen, nicht mehr ganz so üppig. Ja, es gibt vermutlich mehr Geld als im Vorjahr, aber andere Ministerien scheinen deutlich mehr rausgehandelt zu haben. Und das in Zeiten durchaus gut gefüllter öffentliche Kassen. Wie könnte die Situation erst aussehen, wenn die Mittel plötzlich knapp werden, weil z.b. eine Rezession droht, oder weil plötzlich in anderen Politikfeldern unerwartete Mehrausgaben anstehen. Da könnte der ein oder andere Finanzminister durchaus auf die Idee kommen, dass Forschung und Innovation in den vergangenen Jahren ja ganz gut bedient worden und das jetzt langsam mal Schluss ist. Das würde in einem System, das in den letzten Jahren an ein ständiges Wachstum gewöhnt wurde, ziemliche Schockwellen auslösen. Zumal in manchen Bereichen des Forschungs- und Innovationssystem schon quasi langfristig Mehrausgaben fest eingeplant wurden, so z.b. im Pakt für Forschung und Innovation, der die außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie die Max-Planck-Institute finanziert. Das würde möglicherweise also zu noch heftigeren Rückgängen in anderen Teilbereichen führen müssen, um dies zu kompensieren.
Vielleicht ändert sich aber auch weniger die Höhe der Forschungs- und Innovationsausgaben, sondern die Art und Weise, wie dieser ausgegeben werden. Die Bundesregierung möchte ja in dieser Legislaturperiode endlich eine steuerliche Forschungsförderung einführen. Fast alle anderen Ländern haben ein solches Förderinstrument, nur Deutschland nicht. Die aktuell diskutierten Modelle sehen eine steuerliche Förderung allerdings nur als (kleinere) Ergänzung des bisherigen Fördersystems. Die direkte Förderung im Rahmen von Forschungsprojekten soll im Grundsatz nicht angetastet werden. Allerdings stehen für dieses Politikfeld insgesamt dann doch nur beschränkte Mittel zur Verfügung, was den einen gegeben wird, wird mittelfristig vielleicht den anderen genommen. Und der Blick über die nationalen Grenzen (z.B. auf die Niederlande) zeigt, dass in anderen Ländern die steuerliche Förderung sehr schnell zu einem erheblichen, ja gerade einem dominanten Instrument der Forschungs- und Innovationsförderung werden kann. Hier gebe es ganz klar Gewinner und Verlierer, das System würde ziemlich umgekrempelt werden.
Auch die internationale Landschaft, in der wir unsere Innovationspolitik betreiben, könnte sich unerwartet schnell ändern. Das zumindest legen auf den ersten Blick die Ereignisse in den USA seit dem Amtsantritt von Donald Trump nahe. Wissenschaft wird plötzlich zum Buhmann, Forschungsausgaben sollen massiv gekürzt werden, die Einwanderung von hochqualifizierten Fachkräften wird erschwert, der internationale Austausch behindert. Könnte dies zum Absturz des amerikanischen Wissenschafts- und Forschungsystems führen, würde das globale Powerhouse der Innovation in sich zusammenbrechen, und damit auch der beständige Strom an neuen Ideen, an exzellenten Forschungsergebnissen und Nobelpreisträgern? Würde das Deutschlands Wettbewerbsposition eher stärken oder schwächen? Möglicherweise stellt sich die Frage so bald nicht, denn der Blick auf die USA seit Trump zeigt auch, wie widerstandsfähig das Wissenschaftssystem ist. Der aktuelle Haushalt der amerikanischen Regierung sieht dann doch nicht die einschneidenden Kürzungen bei Forschungsausgaben vor wie zunächst befürchtet.
Und was sagt uns das alles nun? Sind das Indikatoren für Resilienz, für Widerstandsfähigkeit eines gut funktionierenden Systems, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland? Oder sind dies Pfadbhängigkeiten, die aufgrund struktureller Veränderungen nur schwer verändert werden können und die dann umso anfälliger für unerwartete externe Schock sind. Müssen wir uns Sorgen machen, oder können wir uns entspannt zurücklehnen? Eine vertiefte Foresight-Analyse im Sinne der obigen Skizze könnte durchaus interessant sein. Was wäre, wenn ....?
