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Samstag, 2. Februar 2019

Innovation Winter

Der Winter ist gekommen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, die in den letzten Tagen von arktischer Kälte geplagt waren. Passend zur Jahreszeit und auch zur Trend-Vorausschau-Sai dieses Jahresanfangs macht im Moment allerdings auch ein anderer Winter von sich reden. Der Winter der Innovationen. Ich bin vor ein paar Tagen zufällig über dieses Konzept gestolpert, ein Kollege hatte einen Trendbericht der Asian Productivity Organization weitergeleitet (Danke, Ernst!). Darin wird das Konzept des Global Innovation Winter vorgestellt, einem globalen Trend zurückgehender Innovationen, die insbesondere durch protektionistische Tendenzen, Sicherheitsbedenken, den technologieorientierten Handelskrieg zwischen den USA und China sowie durch stärkere Regulierungen und Datenschutz ausgelöst werde und globalen Austausch und gemeinsame Innovationsprozesse behindere. Da Innovationen wichtig für Produktivitätswachstum und Wohlstand seien, gebe dieser Trend Anlass zu ernster Besorgnis.

Das Konzept des Winters der Innovationen stammt von Ian Bremmer, einem amerikanischen Politikwissenschaftler und Berater für Risikoanalysen. Er beschrieb den Globalen Winter der Innovationen in seiner Risikovorausschau für 2019. Bremmer hat ein gutes Händchen für einen sexy Begriff bewiesen. Winter der Innovationen, da muss man gleich an "Winter is coming" aus Game of Thrones denken. Dramatische Szenen, das Ende der Welt ist nahe.

Aber ob verstärkte Datenschutzregeln und mehr Sensibilität für Sicherheitsfragen tatsächlich innovationsbremsen oder vielleicht doch eher Innovationstreiber sind, da habe ich eine andere Meinung als Bremmer. Es gibt z.B. durchaus relevante Stimmen, die die europäische Datenschutzgrundverordnung eher als Vorteil für Innovationen sehen. Auch der aktuelle Konflikt zwischen den USA und China um technologische Vorherrschaft in wichtigen Anwendungsfeldern kann als Intensivierung eines Wettbewerbs gesehen werden, der die Akteure hier zu mehr Innovationen antreibt. Zumindest ist er eher Ausdruck einer wachsenden Innovationsstärke Chinas, der die USA nun mit handelspolitischen Mitteln beikommen möchte.

Recht hat Bremmer natürlich mit der grundsätzlichen Annahme, dass Offenheit, Kooperation und Austausch über nationale Grenzen hinweg Innovationen begünstigen. Nicht umsonst hat der im Dezember erschienene Innovationsindikator von ZEW und Fraunhofer ISI dieses Jahr einen eigenen Schwerpunkt auf die Offenheit von innovationssystemen gelegt. schaut man sich diesen Indikator an, so willigt Deutschland erstens nur im Mittelfeld und hat zweitens auch noch im Vergleich zu 2007 an Offenheit eingebüßt, dies gilt auch für andere wichtige Länder wie die USA oder China. Allerdings zählen die Autoren des Innovationsindikators eine ganze Reihe von aktuellen Maßnahmen der Bundesregierung auf, die tendenziell eher zu einer weiteren Öffnung des Wissenschafts- und innovationssystems beitragen.

Auf europäischer Ebene könnte der brexit zu einer Verminderung der Offenheit führen, schließlich ist Großbritannien einer der wichtigsten Akteure der europäischen Forschung im Rahmen von Horizon 2020. die Zusammenarbeit mit britischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wird durch den Brexit auf jeden Fall nicht einfacher. Deutsche Forschungspolitikern sind hier hinreichend besorgt.

Der Global Risk Report des World Economic Forum 2019 übrigens sieht auch durchaus Trends für eine Schließung, z.B. in Hinblick auf ausländische Direktinvestitionen. Hier schlagen technologische und strategische Rivalitäten insbesondere zwischen China und den westlichen Industriestaaten voll durch. Einen globalen Winter der Innovationen kennt der Risikobericht allerdings nicht.

Der größere Kontext dieser Diskussion ist sicher auch das, was der Economist diese Woche mit Slowbalisation umschrieb: Eine deutliche Abschwächung der Globalisierung.

Bleibt zu hoffen, das auf den Winter wieder ein neuer Frühling folgt; meteorologisch und innovationspolitisch.




Mittwoch, 26. April 2017

Brexit und das Pfeifen im Walde

Vor einer Woche veröffentlichte Innovate UK, die Innovationsagentur Großbritanniens, einem Blogbeitrag. Darin wurde mit blumigen Worten beschworen, was für ein exzellentes Wissenschaftssystem Großbritannien doch habe, was für ein leistungsfähiges Innovationssystem, und natürlich was für eine tolle innovationsagentur, die nur die besten Projekte fördere. Und dann berichten die Autoren voller Stolz, wie viele EU-Projekte britische Forscher und Unternehmen doch eingeworben hätten. Na, das wird in Zukunft möglicherweise etwas schwieriger werden. Bzw. schon jetzt haben es britische Partner immer schwerer, in neue EU-Projekte hineinzukommen. Und als letztes Argument wurde die große internationale Verflechtung Großbritanniens mit Partnern weltweit ausgeführt. Wenn wir nicht mehr mit den Europäern spielen dürfen, dann halten wir uns halt an das alte Commonwealth. So klang das in meinen Ohren. Ein Pfeifen im Wald.
Eigentlich lese ich eher andere Artikel, die vor den Folgen des Brexit warnen und eine Gefahr für das britische Wissenschafts- und Innovationssystem sehen. Artikel wie diesen hier, der vor ein paar Tagen erschienen ist und die möglichen Folgen für das britische Wissenschaftssystem eher nicht in rosigen Farben malt.
Aber was soll eine Agentur auch machen, deren Auftrag es ist, das Innovationssystem zu stärken. Psychologie kann da ein wichtiger Faktor sein. Sich das Leben schön reden. Denn es hilft nichts, mit den jetzt kurzfristig angesagten Wahlen wird sich die britische Regierung neue Mehrheiten verschaffen und auch die Resteuropäer sehen nicht so aus, als wenn sie zimperlich verhandeln wollten.
Ganz andere Implikationen befürchtet dieser Artikel. Nämlich, dass die britische Regierung, befreit von den Restriktionen des europäischen Beihilferechts und der strengen Kontrolle der Kommission, Industrien nicht künstlich zu subventionieren, nun eine sehr aktive Industriepolitik betreiben wird. Und da haben Ökonomen meist Zweifel, ob der Staat der Richtige ist, Gewinner und Zukunftstechnologien zu fördern, und nicht Rückzugsgefechte slter Industrien auszufechten.
Es bleibt also spannend.

Sonntag, 25. Dezember 2016

Vertrauen?

Das Jahr 2016 neigt sich seinem Ende zu und allgemeine Unsicherheit scheint vorzuherrschen. Die Demoskopen waren scheinbar nicht in der Lage, den BREXIT und den Sieg Donald Trumps vorherzusagen, außerdem haben falsche Nachrichten, durch Hacker veröffentlichte geheime E-Mails  und durch Social Bots generierte Kampagnen in sozialen Medien das Manipulationspotential digitale Diskurse deutlich gemacht. Kann man denn niemandem mehr vertrauen?
Vertrauen scheint zum Schlüsselbegriff zu werden, mindestens drei verschiedene Stränge der Diskussion sind mir in den letzten Tagen aufgefallen.

Zunächst geht es um das notwendige Vertrauen zwischen Personen bei Geschäften im Internet. Das ist eine Herausforderung, der sich auch normale Marktplätze im Internet wie eBay stellen müssen. Über die gegenseitige Bewertung von Verkäufern und Käufern zum Beispiel wird dieses Vertrauensproblem gelöst. In China scheint eine ziemlich radikale Lösung in der Diskussion zu sein. Außerdem scheint eine Rolle zu spielen, dass es in China kein System der objektiven Prüfung der Kreditwürdigkeit gibt, wie z.B. in Deutschland das Schufa-System. Hierfür hat der "allmächtige" chinesische Staat nun eine patente Lösung parat. Der Economist schreibt in einer seiner neuesten Ausgabe über ein sogenanntes social-credit System in China, dass einem digitalen totalitären Staat eine perfekte Grundlage bieten würde. Zwar gibt es noch eine offen ausgetragene Diskussion innerhalb Chinas, was dafür spricht, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Aber sollte das kommen, wäre es schon eine ziemlich "schöne neue Welt".

Auch in den Ländern des alten Westend ist die Vertrauensfrage noch nicht abschließend gelöst. Hier verspricht die neue Technologie Blockchain eine interessante Lösung. Blockchain kann dazu dienen, Vertrauen ohne den lästigen und teuren Mittler Bank herzustellen und bedroht so das Kerngeschäft genau diese Banken. Ein Artikel des World Economic Forum darüber, wie Blockchain das Alltagsleben in vielen anderen Feldern beeinflussen könnte, von öffentlichem Nahverkehr bis hin zur Energieversorgung, zeigt aber auch, dass Blockchain das Vertrauensdilemma ganz grundsätzlich lösen und so viele Lebensbereiche entinstitutionalisieren könnte.

Zu guter Letzt: Nachdem Postfaktisch das Wort des Jahres wurde, passt dieser Chanson des Monats von Thomas Pigor zur schwindenden Wirkung von Zahlen, Daten und Fakten.

 

Samstag, 12. November 2016

Trump und nun

Das erschütternde Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen beschäftigt die Medien landauf und landab, und irgendwie komme auch ich nicht drumherum, meinen Senf dazu zu geben. Im Moment wird wirklich jedes Detail des Wahlkampf und das Wahlergebnis sowie alle möglichen Zukünfte heiß diskutiert. In diesem Kontext sind natürlich auch viele spannende Fragen rund um die Rolle von Technik oder die Zukunft von Wissenschaft und Innovation mit dabei.
Zunächst beschäftigt uns alle natürlich die Frage, wie es dazu kommen konnte dass diese Person die Wahlen gewonnen hat. Ein Erklärungsansatz ist wie schon beim Brexit die sogenannte Filter bubble, also das Phänomen, dass in elektronische Medien vor allen Dingen die eigene Meinungen und Ansichten widergespiegelt werden und jeder glücklich in seiner Blase die Welt nur noch so sieht, wie er sie sowieso schon immer zu sein glaubte. Das Konzept Filter Bubble ist zwar beliebt, aber deswegen nicht unbedingt richtig, wie die Seite gezeigt. Gleichwohl macht die monopolartige Stellung der Internetkonzerne gehörig Angst, und so gibt es eine Reihe von Vermutungen über technisch bedingte oder absichtliche Manipulation des Informationszugang per Google Suche oder Facebook. Zuckerberg hat diese Unterstellung gerade entrüstet von sich gewiesen.
Oder ist es kein Problem der Wahrnehmung, sondern handfester Realitäten? Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass die Profiteure des technologischen Wandels in den Metropolen der West- und Ostküste Leben und die sogenannte abgehängte Mittelschicht in der Mitte nun genug hatte und für einen Sieg von Trum gesorgt hat. Das Silicon Valley scheint jedenfalls gehörig geschockt zu sein. Oder ist es doch die Finanzkrise? Studien zeigen ja, dass nach solchen Finanz- und Wirtschaftskrise nimmer die extrem Positionen Zulauf bekommen. Findet hier eine Rebellion gegen die Globalisierung statt? Was ist eine ganze vierte diese, es gibt aber auch eine Reihe von Autoren, die solchen wirtschaftlichen Faktoren weniger Gewicht beimessen und stärker eine Art Kulturkampf gegen die Moderne am Werke sehen.
Da man über Trump und seine konkreten Ziele so wenig weiß, beschäftigt sich das politische Amerika im Moment vor allen Dingen damit, wie sein Team aussehen wird. Und das ist aus der Sicht von Wissenschaft, Forschung und Innovation einigermaßen beunruhigend. So wird beispielsweise ein dezidierter Leugner des Klimawandels als Chef der Umweltbehörde gehandelt, oder dem legendäre Newt Gingrich eine wichtige Rolle in der Wissenschaftspolitik zugeschrieben. Aber auch die Wahlkampfäußerungen machen nicht gerade Lust auf einen Präsidenten Trump und seine Forschungs- und Innovationspolitik. Dabei kommen möglicherweise enorme Herausforderungen und weitreichende Entscheidungen in der Wissenschaftspolitik auf den neuen Präsidenten zu.
Die Wissenschaft hat nicht nur Angst vor einem Präsidenten Trump, nein, sie fühlt sich auch ein klein wenig mit schuldig. Wenn nun Klimawandelleugner und andere Realitätsverweigerer die amerikanische Politik bestimmen, liegt dies auch an einer gescheiterten Wissenschaftskommunikation? Naja, ich weiß nicht.



Update: Hier noch eine sehr lesenswerte Zusammenstellung der aktuellen Diskussion um Trump und die Wissenschaft von den Kollegen von "Kooperation International"

2. Update: Und hier noch ein Artikel der FAZ zum Entsetzen der TechnoBranche des Silicon Valley über den Wahlausgang
3. Update: Und hier noch ein etwas skurriler (oder wenn er den Kern treffen sollte eher erschreckender) Bericht darüber, dass ein Algorithmus angeblich für Clintons gescheiterte Wahlkampfstrategie verantwortlich sei - und Trump einfach den besseren Algorithmus hatte?
4. Update: Auch wenn es langsam zur Linksammlung wird, hier noch der Hinweis auf ein Zusammenstellung von ITIF, einem amerikanischen Think Tank zur Innovationspolitik, zu den Positionen des neuen Präsidenten zur Innovations- und Technologiepolitik. Zwar drückt sich ITIF etwas um die explizite Bewertung, scheint aber zwischen den Zeilen not amused ...

Samstag, 6. August 2016

Zeigt der Brexit das Versagen wissenschaftlicher Politikberatung?

Das ist ein ganz schön langer Kater. Auch Wochen nach dem Brexit-Referendum hält der Kopfschmerz an. Die britische Wissenschaft macht sich massive Sorgen um die Folgen für Forschung in Großbritannien. Ich hatte darüber in einem früheren Blogbeitrag berichtet. Und aktuelle Artikel zeigen, dass diese Sorgen eher zu nehmen. Britische Wissenschaftler fragen sich mittlerweile aber auch, warum ihre guten Argumente gegen einen Brexit nicht ausreichend dafür gesorgt haben, die Bevölkerung umzustimmen. Honorige Nobelpreisträger hatten alle Argumente zusammengetragen, warum der Brexit wirtschaftlich eine Katastrophe sein könnte. Ohne Erfolg. Sozialwissenschaftler hatten gezeigt, dass Einwanderung kein Problem, sondern ihr eine Lösung für das britische Sozialsystem sein könnte. Die Mehrheit der Wähler und insbesondere die meinungsgebenden Medien waren anderer Ansicht. Ist wissenschaftliche Politikberatung also unnütz und ohne Effekt?

Es gibt durchaus die Meinung, dass der Konsensus der Wissenschaft über die wirtschaftlichen Folgen eines Brexit so groß durchaus nicht wahr.  Die Aussagen über mögliche Folgen wichen relativ stark voneinander ab, und dies hat  die Wirkung der  wissenschaftlichen Expertise auf die Debatte durchaus geschwächt.

Andere Wissenschaftler haben den Eindruck, dass ein ausreichender Konsens der Wissenschaft über die wirtschaftlichen Folgen eines Brexit durchaus da waren, dass die Medien aber der wissenschaftlichen Meinung zu wenig Platz eingeräumt hätten.

Angesichts der Welle rechtspopulistischer Erfolge in anderen europäischen Staaten und des Erfolgs von Donald Trump im PräsidentschaftsVorwahlkampf geht eine weitere Diskussion darüber, ob Globalisierungsverlierer ausschlaggebend für den Brexit -Erfolg waren. Eine Reihe sozialwissenschaftlichen Analysen des Wählerverhaltens in unterschiedlichen britischen Regionen scheint diese These zu stützen. Andere Studien  beschreiben die Gruppe der  Brexit-Befürworter etwas allgemeine als  "left behind". Dieser Artikel wiederum geht davon aus dass spezifische Werteinstellung ausschlaggebend für das Abstimmungsverhalten waren. Bei der Suche nach den Gründen für das Brexit-Desaster scheint die Wissenschaft also etwas erfolgreicher zu sein.

Etwas hilflos ist "die Wissenschaft", soweit es die denn gibt, bei der Frage, was für Lehren denn aus dem Brexit zu ziehen sind. Diese Frage stellte die Zeitschrift Science fünf renomierten Wissenschaftlern aus Europa, und die Antworten sind, folgt man diesem Blogbeitrag, eher enttäuschen. In der Regel plädieren die Wissenschaftler dafür, ihr spezielles Steckenpferdchen mit noch mehr Fördergeldern zu stärken. Einen wirklichen Lösungsansatz hatten sie nicht parat.

P.S.  ... und die Debatte um notwendige Änderungen bei der wissenschaftlichen Politikberatung geht weiter, hier z.B. für die Ökonomen ...

Samstag, 16. Juli 2016

European Innovation Scoreboard

In der vergangenen Woche hat die Europäische Kommission mal wieder ihr European Innovation Scoreboard veröffentlich. Das macht sie jedes Jahr, und ich habe auch schon in einem meiner früheren Blogs darüber berichtet. Trotzdem lohnt sich ein Blick in die aktuelle Ausgabe, zumal man nicht nur den Gesamtbericht lesen, sondern auch auf einer aktiven Webseite Vergleiche zwischen Ländern und Einzelindikatoren anstellen kann.

Für Deutschland ist die Bilanz durchwachsen. Einerseits ist Deutschland weiterhin Teil der sogenannten Innovation Leader, also der Gruppe der innovationsstärksten Mitglieder der EU. Andererseits ist der deutsche Gesamtindex in den letzten Jahren eher stagnierend bis abnehmen, während andere Länder wie die Niederlande deutlich aufholen und schon fast gleichauf mit Deutschland liegen.

Interessant ist auch die Entwicklung der skandinavischen Länder. Während die top Länder Finnland und Schweden ihre schwächeln, holt Dänemark rasant auf. Es wäre schon spannend zu erfahren, was der Grund hierfür ist, ob bestimmte Politikansätze dafür verantwortlich sind.

Unterschiedlich auch die Entwicklung auf der iberischen Halbinsel. Während Portugal eher an Innovationsstärke gewinnt, rutscht Spanien ab. Und unsere großen westlichen Nachbarn Frankreich und Großbritannien wiederum sind eher auf einem  Aufwärtstrend, wenn auch nicht in der Spitzengruppe wie Deutschland.

Insgesamt nimmt die Konvergenz zwischen den Mitgliedstaaten der EU wieder ab. Es gab schon einmal einen auseinanderstrebenden Trend in der Nachfolge der Finanz- und Wirtschaftskrise, dann sei zunächst so aus als wenn die Länder in ihrer Innovationskraft wieder stärker zusammenrücken, aber jetzt scheint es sich wieder leicht auseinander zu bewegen. Innerhalb der einzelnen Gruppen allerdings ist eher Stabilität angesagt.

Bei all diesen Trends und Vergleichen muss man allerdings berücksichtigen, dass die Daten schon etwa 3 Jahre alt sind, dass dies also ein Blick in die Vergangenheit ist. Das ist auch den Machern des Innovation Scoreboard bewusst, und dieses Jahr haben sie zum ersten Mal darauf reagiert und versucht aktuellere Zahlen einzubeziehen und Trendaussagen zu formulieren. Das ist ein spannender Ansatz, den man sich auch für die deutsche Innovationen Statistik wünschen würde.

Für Deutschland ist der Trend übrigens eher negativ.

Montag, 27. Juni 2016

Brexit und Wissenschaft

Jetzt ist es also passiert. Eine knappe Mehrheit der Briten hat sich für den brexit entschieden. Eine sehr weitreichende Entscheidung für die Zukunft aus sehr rückwärtsgewandten Motiven heraus. Eine Katastrophe für Großbritannien und für Europa.
Ziemlich eindeutig gegen den brexit und ziemlich deutlich entsetzt waren unter anderem Wissenschaftler auf der Insel (auch wenn es auch in dieser Community auch positive Stimmen gab). Aus ihrer Sicht profitiert Wissenschaft von internationalem Austausch und insbesondere vom europäischen Austausch in enormen Ausmaße. Der brexit trifft die Attraktivität des Wissenschaftssystems ebenso wie er die Chancen auf Austausch in gemeinsamen Projekten verringert.
Die Schweiz hat gerade erfahren, welche Probleme sich für das Wissenschaftssystem ergeben, wenn eine Bevölkerung in einem Referendum die Bande zu Europa lockert. Akzeptiert die Schweiz nicht die Freizügigkeit für das EU-Neumitglied Kroatien, so werden Schweizer Forscher in Zukunft nicht mehr am Forschungsrahmenprogramm teilnehmen können. Und war nicht gerade die Freizügigkeit eines der großen britischen Probleme?
Wenn auch die Überstürzung auf dem Kontinent allgemein sehr groß ist, so beginnen sich doch auch einige potentielle Krisengewinnler mehr oder minder heimlich die Hände zu reiben. Profitiert der Bankenplatz Frankfurt vom Abstieg des Bankenplatzes London? Wird Berlin zur Fintech-Metropole Europas? Wird die deutsche Gründerszene vielleicht ganz allgemein profitieren?
Vielleicht ist ja dieser ganze neumodische Technikkram überhaupt erst Schuld am brexit. Eine leicht verschwörungstheoretisch angehauchte Studie zumindest beschreibt, wie die Argumente für einen Ausstieg Großbritanniens in den sozialen Medien in den letzten Wochen dominierten, und das nicht wegen der menschlichen Kommentare, sondern wegen der bots. Bereits im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf gab es ja den Vorwurf, dass soziale Medien wie Facebook die politische Diskussion und potentiell damit auch das Wahlverhalten massiv beeinflussen könnten.
Vielleicht ist das Ergebnis des brexit-Referendums aber auch eine Verschwörung der Alten gegen die Jungen. Wie soll da noch zukunftsgewandte Politik gemacht werden? Einen gewagten Vergleich sieht angesichts dieser Diskussion Tyler Cowen  in seinem regelmäßigen Block und verweist auf eine in den letzten Tagen veröffentlichte Studie zum Verhalten unsere nächsten Verwandten.

Update: hier ist ein live blog von Science Business zum Thema brexit, science and technology

Donnerstag, 9. Juni 2016

Schmetterlingseffek

Gestern hat mir meine Tochter ein Video über Wölfe im Yellowstone Nationalpark gezeigt. Es geht darum, wie die Wiederansiedlung von Wölfen das gesamte Ökosystem verändert hat. Hirsche haben ihr Verhalten verändert, Bäume sind nun gewachsen, wo sie bislang von diesem Hirschen klein gehalten wurden, und sogar Flüsse haben ihren Lauf verändert.

Ähnliche Effekte kann man manchmal auch im Bereich der Innovationspolitik beobachten. So zeigt dieser Artikel, dass das Auftauchen von Uber erhebliche Effekte auf die Gründungsintensität in einer Region haben kann. Insgesamt nimmt die Gründungsintensität ab, dies betrifft dabei insbesondere solche Unternehmen, die vermutlich eher zum Scheitern verurteilt gewesen wären.

Spannend ist auch folgender Zusammenhang, der nicht sofort ersichtlich ist. Im Moment gibt es in Deutschland ja eine intensive Diskussionen um die Übernahme des Roboterherstellers KUKA durch einen chinesischen Investor.  Ich hatte  darauf auch schon in einem letzten Blog  Bezug genommen. Warum die Chinesen gerade an KUKA so stark interessiert sind,  kann vielleicht  der folgende Bericht  verdeutlichen, indem von einer Roboter-Blase geschrieben wird, die in China seltsame Blüten getrieben hat. Da ist das Investment in deutsche High-Tech vielleicht ein sicherer Weg, um an die begehrte Hochtechnologie zu kommen.

Das ist ja schon fast der Sack Reis, der in China umfällt ... Oder doch der Schmetterlingsflügel ....

Donnerstag, 14. April 2016

Makerspaces in China

Gestern und heute war ich auf dem vierten deutsch-chinesischen Innovationsforum in Berlin. Das Innovationsforum wird von der deutsch-chinesischen Innovationsplattform organisiert, einer Kooperation zwischen dem deutschen Forschungsministerium BMBF und seinem chinesischen counterpart MOST. Ziel der Kooperation ist es, das jeweils andere Innovationssystem besser zu verstehen und damit eine breitere Grundlage für die Zusammenarbeit zwischen Forschern und Innovatoren bei der Länder zu legen.

Eine der Sessions heute wird mit der sich dem Thema Finanzierung von Innovationen, mit Schwerpunkt auf kleine und mittlere Unternehmen sowie auf Startups. Aufhorchen ließ mich ein chinesischer Vortrag, indem dauernd von makerspaces die Rede war, und zwar in einem Zusammenhang mit Startup-förderung. Ich war ein bisschen verwirrt, in Deutschland versteht man eigentlich etwas anderes darunter. Ich wollte mir weitere Informationen zusammen googeln, aber leider war der Handyempfang grauenhaft schlecht.

Zu Hause habe ich mich dann schlauer gemacht und erstaunlich viele aktuelle Beiträge gefunden. Interessant war zum Beispiel ein ziemliche aktueller Artikel von NESTA zum Thema maker space in China, in dem auch auf eine Studie zum Thema verwiesen wird. Interessant finde ich dabei die Beobachtung, dass solche maker spaces wohl auch von etablierten Firmen als eine Art open innovation labs genutzt werden, während maker spaces in Europa und den USA eher als Gegenbewegung zu industriell gefertigten Produkten gelten. Bis zu einem gewissen Grad sind maker spaces in China wohl auch das, was man hierzulande als co-working spaces oder Incubatoren versteht.

Das Thema makerspaces war letztes Jahr wohl ziemlich hipp in China, nachdem die Parteispitze einen einen solchen makerspace besucht habe. Das führte zu einer regelrechten Blase, allüberall entstanden entsprechende makerspaces, die aber vielfach leer blieben.

Andere Artikel übrigens verknüpfen das Thema makerspaces mit dem Trend Konzept der Smart City und suchen weltweit beispiele hierfür, auch wenn diese zugegebenermaßen sehr unterschiedliche Ausrichtung haben.

Samstag, 16. Januar 2016

Daten und arabischer Frühling

Die Weltbank hat gerade einen interessanten Artikel zu Stärken und Schwächen von Daten bei der Interpretation politischer Situationen veröffentlicht. Anlass sind 5 Jahre arabischer Frühling. Dieser kam damals ziemlich plötzlich, zumindest aus Sicht der politischen Entscheider, die eigentlich von einer relativ stabilen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in den Ländern Nordafrikas ausgingen. Dazu verleiteten zumindest die klassischen Daten wie Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes, Kindersterblichkeit, Alphabetisierungsraten und ähnliches. Gleichzeitig waren andere Daten zur subjektiven Einschätzung der eigenen Lebenssituation, wie die Weltbank in Ihren Artikel zeigt, deutlich abgerutscht. Ein Anzeichen dafür, dass die Länder eine Krise  entgegentaumelten? Aus dem Rückblick ist dies leicht gesagt. Damals wurde den Beratern der Weltbank von den politischen Entscheider Nordafrikas entgegengehalten, dass die objektiven Daten doch sehr positiv sein.

Man kann diese Daten allerdings auch anders interpretieren. Vor 4 Jahren, zum ersten Jahrestag der arabischen Revolution, erschien in der Zeit ein erstes Resümee, in dem der französische Soziologe Emmanuel Todd zu Wort kam. Dieser hatte mit eben jenen Daten zu einer steigenden Alphabetisierungsrate, sinkende Geburtenraten und ähnlichen soziodemografischen Trends vorausgesagt, dass sich ein Potenzial für soziale Unruhen in den arabischen Ländern aufbauten.

Noch stärker auf einen einzigen soziodemografischen Faktor verweisen Vertreter der sogenannte youth bulge -These wie Gunnar Heinsohn, die den Überschuss an insbesondere jungen Männern in den arabischen Ländern als Ursache für den arabischen Frühling ausgemacht haben. Die Zeit hatte Heinsohns Thesen bereits 2004 mit Verweis auf andere Studien sehr kritisch kommentiert.

Man muss aufpassen. Hier kommen zwei verschiedene Diskussionsstränge Zutaten zusammen. Auf der einen Seite werden Daten als Indikatoren genutzt, um bestimmte Situation richtig zu interpretieren. Zum Beispiel für die subjektive Einschätzung der eigenen Lebenssituation.  Auf der anderen Seite verweisen Daten auf mögliche Faktoren, die zu diesem Situation geführt haben. Sind z.B.  junge Männer in großer Zahl Schuld an sozialen Unruhen? Ist ein höherer Bildungsgrad, der sich an einer entsprechend steigenden Alphabetisierungsrate ablesen lässt, Ursache für mehr politische Beteiligung?

Da vermutlich nicht ein einziger Faktor zum Arabischen Frühling  geführt hat, wird es schnell unübersichtlich. Es gibt eine ganze Reihe von "Stressfaktoren", die zu einer Situation führen, die plötzlich in einer Revolution mündete. Als Stressfaktoren im Zusammenhang mit dem arabischen Frühling genannt wurden natürlich diktatorische Regime, aber auch durchaus der Klimawandel.

Als Frühindikatoren eignen sich diese Faktoren allerdings nicht. In manchen Ländern führen sie zu Umwälzungen, in anderen nicht.

Einen anderen Weg gehen Ansätze der Big Data Analyse sozialer Systeme, wie sie beispielsweise im Projekt FutureICT in Zürich bearbeitet werden sollten. Äußerungen in sozialen Netzwerken sollen hier ausgewertet werden, um Ereignisse wie den arabischen Frühling vorauszusagen. Interessanter Weise ist der geistige Vater des Projekts Dirk Helbing einer der Initiatoren des "digitalen Manifests", über das ich kürzlich berichtete. Dort wird gerade vor der politischen  Manipulation mithilfe digitaler Werkzeuge gewarnt. Ein gewisser Widerspruch?