Donnerstag, 5. Juni 2014

Piketty und kein Ende

Ich geb's zu, die Diskussion um Thomas Pikettys Buch "Kapital im 21. Jahrhundert" lässt mich nicht los. Zwei neue Blogeinträge gehen auf interessante Aspekte von Pikettys Buch ein.

In der "Ökonomenstimme" wird die Frage gestellt (und ganz anschaulich beantwortet), warum Deutschland bei Piketty ganz gut wegkommt, obwohl doch die OECD in ihren letzten Veröffentlichungen mehrfach darauf hingewiesen hat, dass die Ungleichheit in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eher schneller gewachsen ist. Die Autoren erklären das mit dem sogenannten "Unternehmensschleier", also der Tatsache, dass hierzulande die kräftigen Unternehmensgewinne nicht in gleichem Maße an die Shareholder und Finanzmanager ausgezahlt werden wie z.B. in den USA, sondern in den Unternehmen verbleiben. Aber diese Unternehmen gehören ebenfalls jemandem. Sie sind, da häufiger nicht börsennotiert, auch tendenziell unterbewertet. Die Zahlen von Piketty bedeuten demnach also nicht, dass die Situation in Deutschland grundsätzlich viel rosiger wäre als in den USA.

Die Blogserie des World Economic Forum wiederum fragt, in welchem Verhältnis die Thesen von Piketty zu Innovationen stehen. Piketty selbst hat sich dazu nur sehr kurz geäußert und vernachlässige laut diesem Beitrag die positiven Effekte des technologischen Fortschritts. Der Blogbeitrag geht daher (neben Verweisen auf die aktuellen Veröffentlichungen von Brynjolfsson und McAfeeins sowie anderen) besondere auf die These von Clayton Christensen ein, der zwischen Empowering Innovation und Efficiency Innovation unterscheidet (aber auf dem Ungerechtigkeitsauge blind sei). Entsprechend sind die Schlussfolgerung von Piketty, durch Steuergesetzgebung Umverteilung zu erreichen, nicht befriedigend. Vielmehr gehe es darum, die Reichen zu einer anderen Innovationsstrategie zu bewegen, die tatsächlich nicht nur Effizienzgewinne verspricht, sondern auch langfristige Produktionsgewinne und neue Arbeit.

Unterm Strich bleibt einerseits die beunruhigende Beobachtung, das Pikettys Buch für Deutschland relevanter ist als zunächst gedacht. Andererseits scheint die Rolle von Innovation noch nicht wirklich ausdiskutiert. Damit ist auch die Rolle der Innovationspolitik für eine gerechtere Politik insgesamt aus meiner Sicht noch offen. Die Debatte bleibt spannend. 

Dienstag, 3. Juni 2014

Schnell wachsende, junge und innovative Firmen

Die OECD hat in ihrem immer lesenswerten Insight Blog gestern einen Beitrag zu kleinen Unternehmen veröffentlicht. Sie wirbt darin für eine neue Veröffentlichung: The Dynamics of Employment Growth: New Evidence from 18 Countries. Leider ist Deutschland nicht dabei... Aber die Ergebnisse sind trotzdem interessant und übertragbar. Zu nächst verweist der Blogbeitrag darauf, dass insbesondere kleine Unternehmen überdurchschnittlich zum Wachstum und neuen Arbeitsplätzen beitragen. Das ist auch der Hintergrund für den neuen Indikator der EU.

Aber den jungen und kleinen Unternehmen geht's nicht gut, nicht nur im Start-up-Muffel-Land Deutschland. Auch in unserem großen Vorbild USA geht es mit der Gründungsrate seit vielen Jahren munter bergab Dazu verweist der OECD-Blog auf die schon in einem meiner letzten Blogs erwähnte Studie der Kauffman Foundation, die erst kürzlich die Alarmtrommel schlug.

Andere Ergebnisse der zitierten OECD-Studie: Während Unternehmen in einigen Ländern wie den USA sehr schnell wachsen, bleiben sie in anderen (genannt werden Frankreich und Deutschland, insbesondere aber auch Italien) deutlich kleiner. Auch sind amerikanische innovative Jungunternehmen erfolgreicher dabei, externes Kapital zu gewinnen.

Bemerkenswert ist der Hinweis darauf, dass eine steuerliche FuE-Förderung eher mit weniger Dynamik bei Firmengründungen in innovativen Sektoren korreliert (wobei ich die entsprechende Textstelle in der Originalstudie noch nicht gefunden habe..., die relevante Stelle scheint in diesem Dokument ab S. 46 zu sein).

Tja, den kleinen, jungen Unternehmen muss man irgendwie helfen, aber irgendwie weiß keiner so richtig wie. Zumindest haben alle Bemühungen in Deutschland nur wenig gefruchtet. Vielleicht liegt es ja am falschen Ansatz? Der Economist hat sich vor zwei Wochen zu staatlichen VC Fonds ausgelassen, und zwar sehr kritisch. Seite Meinung nach führt staatliche VC-Unterstützung, z.B. durch den Europäischen Investment Fonds, zu einem crowding out. Private Investitionen werden also nur ersetzt, es fließt unterm Strich kein zusätzliches Geld.

Wie sehr politische Rahmenbedingungen die Gründungstätigkeit in bestimmten Sektoren beeinflussen, zeigt sehr schön eine jüngste Studie des ZEW zu Gründungen im Vollzug der Energiewende. Die Gründungszahlen sind zunächst kometenhaft gestiegen, mit den Turbulenzen in den letzten drei Jahren dann geradezu dramatisch eingebrochen. Die Autoren empfehlen nun stabile Perspektiven für die Unternehmen. Das wünschen sich in Punkto Energiewende aber nicht nur die Gründer...

Aber nicht nur die Gründer in Deutschland haben es schwer: KMU in Deutschland scheinen im deutschen Innovationssystem zunehmend schwächer zu werden. Dies zumindest legt ein Interview mit Christian Rammer vom ZEW nahe.

Es ist scheinbar ein großes Trauerspiel mit den Gründern und KMU. Vielleicht sollten wir unsere Aufmerksamkeit doch den Großunternehmen widmen? NESTA z.B. spricht sich in einem seiner jüngsten Blogbeiträge aus, mehr Aufmerksamkeit den großen Unternehmen zu widmen. Die seien doch die eigentlich relevanten im Innovationssystem. Jetzt bin ich endlich verwirrt...

Samstag, 31. Mai 2014

Das digitale Dorf

Im Blog Ökonomenstimmen haben Schweizer Konjunkturforscher der ETH Zürich gerade einen Artikel zu ihrem Big-Data Nowcast-Instrument veröffentlicht. Deutlich schneller als die traditionelle Konjunkturforschung mit ihren zeitverzögerten Daten wollen sie Prognosen zur Schweizer Konjunkturentwicklung liefern. Im Vergleich zu den ex post ermittelten Daten schneidet das Instrument meist ganz gut ab, hat aber gerade zuletzt  deutlich abweichende Daten produziert, die sich im nachhinein als falsch herausstellten. Das heißt nicht, dass das Instrument nicht taugt, sondern eher, dass hier noch weitere Forschung und Entwicklung notwendig ist.

Die Sammlung und Auswertung sozioökonomischer Daten schafft nicht nur bei der Konjunkturprognose ganz neue Möglichkeiten, auch die Analyse aktueller politischer Ereignisse wird im Lichte großer Kontextdaten interessant. In Foreign Policy erschien gerade ein Artikel zur Gewalt in der Ukraine und in den Ländern des Arabischen Frühlings, der die These vertritt, dass die Proteste des arabischen Frühlings zu einer Welle weltweiter Proteste geführt haben. Dahinter steht das GDELT-Projekt, dass den Anspruch hat, Krisen in aller Welt vorherzusagen. Bislang besticht das Tool durch beeindruckende Graphiken vergangener Ereignisse, die Prognosekraft zu beweisen steht aus meiner Sicht noch aus.

Auch MIT-Professor Alex Pentland träumt davon, soziologische Studien mit Echtdaten zu revolutionieren, er will dazu Städte als Real-Labore nutzen und open data Ansätze der smart cities für die Sozialanalyse verwenden. Mittlerweile gibt es auch Konferenzen und Wettbewerbe wie SBP (International Conference on Social Computing, Behavioral-Cultural Modeling, and Prediction), die entsprechende Forschungsprojekte präsentieren.

Ja, und wenn de Bürger der smarten Städte mitmachen, gibt es sogar die richtigen Daten. In Lateinamerika haben Apps Konjunktur, mit denen Bürger Verdächtige und Kriminelle fotografieren und melden können, um die Arbeit der Polizei zu unterstützen. Mit solchen Daten kann man sicher auch toll zaubern, da scheint der Schritt zum social engineering nicht mehr weit. Natürlich klingt dass auch ziemlich gruselig, die volle soziale Kontrolle durch unsere Nachbarn, für alle sichtbar im Netz! Da schnurrt die Welt wieder zusammen zum digitalen Dorf, in dem jeder alles weiß und Informationen (und Gerüchte) nicht so schnell vergessen werden. Echtzeit-Daten sind im Dorf auch früher nicht das große Problem gewesen.

Vielleicht aber ist die dörfliche Gemeinschaft auch nur die uns allen am ehesten gemäße (und jahrtausendalte gewohnte) Lebensform, und alle Innovation (nicht nur die digitale Revolution, auch die mobile Vernetzung) nur ein einziger Versuch, diese dörfliche "Idylle" wieder herzustellen - als kuscheliges Paradies oder als soziale Hölle...  

Donnerstag, 29. Mai 2014

Europawahl

Europa hat gewählt, und die Debatten um das Ergebnis sind heftig wie lange nicht. Haben die extremen Parteien zugelegt, drohen die Europaskeptiker und Europagegner das Projekt Europa absehbar zum Scheitern zu bringen? Müssen wir den Skeptikern entgegenkommen und doch wieder mehr Kompetenzen in die Mitgliedstaaten verlagern? Ist das vielleicht doch alles ein wenig zu kompliziert und technokratisch in Brüssel? Oder haben wir endlich einen entscheidenden Schritt Richtung Demokratisierung Europas unternommen, wenn sich das Europaparlament mit einem seiner Kommissionspräsidentenvorschläge gegen den Rat durchsetzt?

Harold James sieht das Wahlverhalten Frankreichs und Großbritannien in seinem Blogbeitrag als rückwärtsgewandt, als wären beide Länder noch die großen Imperien des 19. Jahrhunderts und hätten die Zeichen der Zeit, einer globalisierten und vernetzten Welt, nicht erkannt.

Die indische Korrespondentin Pallavi Aiyar beschreibt das krisenhafte Europa in einem Artikel als fragiles Projekt eines politischen Gemeinwesens über den Nationalstaat hinaus, dass durch rückwärtsgewandte Europagegner gefährdet ist. Indien folgt ihrer Meinung nach einem ähnlichen Staatsverständnis und könnte als eine Art Proto-Europa beschrieben werden. Pakistan wäre dann das Gegenmodell des alten Nationalstaats. Gerade wurde ja auch in Indien gewählt, allerdings war das eine klare Personenwahl, die mit den europäischen Parlamentswahlen nicht zu vergleichen ist. Entsprechend einfacher war auch die Wahlberichterstattung, auch wenn auch hier wohl schöne Beispiele eines neuen Datenjournalismus zu beobachten waren.   

In Europa scheint das Ergebnis auch Tage nach der Wahl noch nicht klar oder zumindest noch nicht richtig verständlich zu sein. Irritiert schauen die Kommentatoren auf den Aushandlungsprozess zwischen den Parteien des EP und befürchten voller Schrecken, dass nun auch der Rat in die Verhandlungen mit einsteigt und wochenlanges Tauziehen und am Ende komplexe Paketlösungen drohen. War den Wählern mit der Idee der Spitzenkandidaten nicht versprochen worden, alles werde klarer und verständlicher, ganz wie daheim im kuscheligen Nationalstaat?

Ich fürchte, dieses Missverständnis steht stellvertretend für ein grundsätzliches Missverständnis gegenüber der Natur der EU. Die EU muss nicht einfacher (aber verständlicher!) werden, sie ist in  ihrem technokratischen Politikverständnis, in ihren komplexen Aushandlungsmechanismen, aber auch in ihren neuen Beteiligungsformaten ein Blick in die Zukunft des Regierens. Einfacher wird es nicht mehr in einer komplexen Welt. Politik wird nicht mehr von gewählten Mandatsträgern entschieden und dann von einer effizienten staatlichen Verwaltung einfach umgesetzt. Politische Institutionen sind eher Moderatoren in einem Aushandlungsprozess vieler unterschiedlicher Akteure. Die EU ist das Labor für neues Regieren, und sie hat schon einiges an effektiven Techniken hervorgebracht, um der stetig steigenden Komplexität eines beständig (an Mitgliedstaaten, an Kompetenzen) wachsenden politischen Etwas, das zudem noch am laufenden Band seine Verträge und damit seine Geschäftsgrundlage ändert. Evaluationen als systematische Mittel der Reflexion und Instrumente einer evidenzbasierten Politik z.B. wurden erst auf EU Ebene flächendeckend eingeführt, bevor sie sich auch auf nationaler Ebene langsam durchsetzten (übrigens z.T. mit sanftem Druck aus Brüssel). Das Europäische Semester (und andere Formate der indikatorbasierten Koordinierung) ist ein weiterer Versuch, Steuerung trotz Komplexität und Multiakteurskonstellationen zu ermöglichen.

Wir brauchen eher neue Techniken (und vielleicht auch Technologien), um dieses neue Regieren effizient und für die Bürger verständlich zu machen. Das große Thema ist für mich nicht so sehr eine Reduzierung der Brüsseler Komplexität, sondern eher neue Modelle der Partizipation und vielleicht auch der Visualisierung und damit Erklärung komplexer Sachverhalte.

Zurück ins 19. Jahrhundert des Nationalstaats geht es nicht mehr.

Einer der schönsten Artikel der letzten Tage zu veränderten Natur des Politischen ist mit dem Titel "Politics or technology – which will save the world?" überschrieben. Klar wird, dass beide nicht ohne einander auskommen. Die massiven Auswirkungen der digitalen Revolution sind im Politikbetrieb noch nicht wirklich angekommen. Aber ohne das Politische werden wir die Probleme der Welt auch nicht lösen können.  

P.S.: Ups, kaum war der Artikel online, sah ich noch diesen schönen Beitrag über die neue Übersetzungsfunktion von Skype. Na, dass wäre doch mal Technik, um Europa ein klein wenig verständlicher zu machen. Zumindest sprachlich. Falls es funktioniert.

Sonntag, 25. Mai 2014

The second machine age und entrepreneurship

In nicht wenigen Blogbeiträgen bin ich zuletzt auf "The second machine Age" von Brynjolfsson und McAfee eingegangen. Jetzt bin auch mit dem Lesen endlich durch, und muss sagen: ein tolles Buch, interessante bis brilliante Analyse der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft, aber schwacher Blick auf Handlungsoptionen, um mit den Herausforderungen dieser digitalen Wirtschaft und Gesellschaft umzugehen.

Für jeden Einzelnen von uns empfehlen die beiden Autoren vor allem anderen eine gute Bildung. Da die wirklich schlauen Jobs kurzfristig nicht ersetzt werden, würden Menschen mit entsprechenden Bildungsvoraussetzungen weiterhin gesucht. Am besten mit einer kreativen Problemlösungsfähigkeit, wie sie nach Ansicht der beiden Autoren in Montesori-Schulen besonders gut gedeiht. Und dann noch mit MOOCs, also mit einem besseren Zugang zu hochwertiger Bildung durch Technologie. Letztlich ist das Rat an die (zuvor als verschwindend skizzierte) Mittelschicht, durch noch mehr Bildung dem ökonomischen Druck der Automatisierung und Digitalisierung zu begegnen. Das ist auch das Rezept, welches in Deutschland immer als Antwort die Herausforderungen etc. präsentiert wird. Sicher alles richtig, aber doch ein bisschen unspezifisch und lau...

Für die Politik empfehlen die Autoren die üblichen Rezepte, um Wachstum zu fördern. Neben Bildungsinvestitionen und Reformen des Bildungssystems (und Infrastrukturinvestitionen und Investitionen und Forschung) ist das vor allem eine verstärkte bzw. verbesserte Gründungsunterstützung für Hightech-Startups. Warum das gegen die negativen Effekte der Digitalisierung helfen soll, wird nicht deutlich. Sind es nicht gerade die Hightech-Firmen, die zur Winner-takes-it-all Wirtschaft entscheidend beitragen?

Interessanter Weise sieht die Situation für Hightech-Gründer in den USA gar nicht so rosig aus, wie die in Deutschland rezipierten Beispiele von Google, Amazon und Co. immer erwarten lassen. In WIRED wurde kürzlich ein Blogartikel zur zurückgehenden Gründungsrate veröffentlicht, der auf einer Studie der Kauffman-Foundation beruht und beschreibt, dass die Gründungsrate im Hightech-Bereich in den USA seit Anfang der 2000er Jahre zurückgeht. Das ist mal eine interessante Meldung, schließlich wird uns in Deutschland mit unserer immer noch fußlahmen Gründerszene (ja, ja, Berlin boomt, aber trotzdem ist das alles immer noch eher Sparflamme) immer die USA als das Eldorado der Gründungskultur präsentiert.

Interessant: einerseits eine wachsende Durchdringung unserer Wirtschaft und Gesellschaft mit den Konsequenzen der Digitalisierung, gleichzeitig eine schwächelnde Hightech-Startup -Szene in Europa wie in den USA. Ist auch das ein Merkmal der Winner-takes-it-all Ökonomie? In dem Zusammenhang fällt mir ein, dass die EU in ihrem European Union Scoreboard, dem jährlichen Bericht zur Messung der Innovationsfähigkeit der Mitgliedstaaten, gerade einen neuen Indikator zu jungen, schnell wachsenden Technologieunternehmen eingeführt hat. Wenn nun der Start-up-Motor neu zu bewerten ist, weil die digitale Wirtschaft entgegen aller Intuition nicht zwangsläufig zu mehr Hightech-Gründungen führt, dann ist das vielleicht der falsche Indikator. Oder genau der richtige, weil er auf das Merkmal schnell wachsend abhebt und damit die Rate der zukünftigen Winner zu messen versucht, die "alles nehmen"?

P.S.: auch zum analytischen teil von Brynjolfsson und McAfee gibt es durchaus kritische Stimmen, zum Beispiel auch zur zentralen These, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe weltweit vernichtet. Hier ein Blogbeitrag, der aufgrund chinesischer und amerikanischer Zahlen deutliche Zweifel hat.

Samstag, 24. Mai 2014

Digitale Gesellschaft

Vor einer Woche veröffentlichte NESTA, eine meiner Lieblings -Think Tanks (warum gibt es so eine Organisation eigentlich nicht in Deutschland?), einen Blogbeitrag zu Mariana Mazzucatos Buch "The Entrepreneurial State. Nachdem Stian Wsestlake zunächst die Grundthese von Frau Mazzucato mehrmals bekräftigte, nämlich die zentrale Rolle der Staates bei der Forschung an Grundlagenforschung, die später in disruptive Innovationen mündet und dann von Firmen wie Google oder Apple vermarktet werde, war Westlake mehr als zweifelnd, ob die vorgeschlagenen Rezepte zur Abschöpfung der privaten Gewinne aus dieser öffentlich finanzierten Forschung und die Refinanzierung eben diese Forschungsförderung funktionieren können. Die vorgeschlagenen Mechanismen (z.B. eine staatliche Beteiligung an IPRs und eine Art Innovationsfond, der daraus finanziert wird) würde zu einem administrativen Albtraum, beträfen die falschen Firmen und sollten besser durch allgemeine Besteuerung ersetzt werden.

Mazzucato und der gerade skizzierte Bolgbeitrag von NESTA konzentrieren sich auch das Ungleichverhältnis zwischen staatlicher Vorleistung (hier bei der Finanzierung von Forschungsförderung) und der privaten Gewinnabschöpfung, bei einigen explizit genannten Firmen wie Google und Apple in geradezu exorbitanter Höhe. Eigentlich müsste man da noch eine Schippe drauflegen. Wie Brynjolfsson und McAfee in "The Second Machine Age" schön beschreiben, führt das digitale Zeitalter zu exponentiellem Wachstum neuer Innovationen und gleichzeitig zu einer beständigen Spreizung der Chancen und Vermögen. Die "winner takes it all" -Ökonomie macht sehr wenige Menschen sehr reich, und in der Regel sind das die Chefs derjenigen Unternehmen, die durch neue Produkte, Technologien und  Dienstleistungen besonders von der digitalen Revolution profitieren. Dieser Trend ist nach Brynjolfsson und McAfee kaum zu stoppen und heute noch vergleichsweise milde ausgeprägt. Aber dieser technologische Wandel, ist das nicht genau das Ergebnis der öffentlich finanzierten Grundlagenforschung, die Mazzucato beschrieben hatte? Und ist das angesichts der wachsenden Einkommensungleichheit, die die beiden amerikanischen Autoren prognostizieren, eigentlich gerecht, dass die aktuellen und künftigen Superreichen so stark von der staatlichen Grundlagenforschung profitieren?

Da sind wir dann wieder bei den Umverteilungsmodellen von Mazzucato. Sie sah nur Bedarf, die öffentliche Forschungsförderung zu refinanzieren. Ob ihre vorgeschlagenen Ansätze funktionieren könnten, da habe ich zusammen mit NESTA meine Zweifel. Vielleicht ist auch eine viel grundlegendere Restrukturierung der staatlichen und privaten Finanzen notwendig. Piketty (siehe auch meinen Blogbeitrag hier) schlägt eine deftige Reichensteuer vor. Vielleicht geht es aber auch um eine Art Grundeinkommen, dass durch die neuen Reichtümer der digitalen Revolution finanziert werden muss. Gestern hat der deutsche Bundestag ja das Rentenpaket auf den Weg gebracht. Kritiker sehen hier eine langfristige Bedrohung für das deutsche Rentensystem und sprechen von sinkenden Rentenhöhen und drohender Altersarmut, die aus diesen Beschlüssen mittelfristig folgen wird. Im Deutschlandfunk plädierte gestern der Sozialökonom Friedrich Breyer dafür, über eine Grundrente nachzudenken, um diese Ungleichheitstrends auszugleichen. Wolle man den sozialen Frieden nicht gefährden, führe an solchen Überlegungen wohl kein Weg vorbei. Ich könnte mir vorstellen, dass dies auch für die Früchte der digitalen Revolution auf Dauer auch gelten könnte.

P.S. Die Konsequenzen der Digitalisierung auf alle Branchen werden auch in Deutschland immer intensiver diskutiert, wobei die Grundsätzlichkeit des Wandels für meinen Geschmack meist unterschätzt wird. Die meisten Artikel und Studien beschränken sich dabei auf die Beobachtung, ob ein bisschen mehr IT dabei ist. Zwei Artikel der Wirtschaftswoche (zu Digitalisierungseffekten in verschiedenen Branchen und zu Digitalisierung und Wertschöpfungsketten) skizzieren z.B. eher impressionistisch und mit Blick auf einzelne Unternehmen Beispiele für neue digitale Lösungen. Dahinter steht ein sogenannter "Digital Readiness Index", den die Beratungsfirma Neuland für die Wirtschaftswoche erarbeitet hat. Aber alles mit Fokus auf Einzelunternehmen, ohne wirklich die Veränderungen im System in den Blick zu bekommen.

Mittwoch, 21. Mai 2014

Einwanderung und Innovationssystem

Am 25.5. wird das neue Europaparlament gewählt, und die Wahl verspricht leider in vielen Ländern zu einem Triumpf der Europaskeptiker zu werden. In Deutschland steht die AfD vor einem erfolgreichen Einzug mit (laut aktuellen Umfragen) um die 7%, im Vergleich zu Frankreich oder Großbritannien ist das aber noch recht harmlos. Tatsächlich ist die Zustimmung der Deutschen zu Europa und ihre Zufriedenheit mit der Mitgliedschaft zur EU in letzter Zeit gestiegen, wie eine Veröffentlichung des Pew Research Center zeigt. In der selben Umfrage wird auch deutlich, dass nicht zuletzt die aktuelle wirtschaftliche Stärke ein Grund für diese positive Haltung sein könnte. Interessant ist zudem, dass die Deutschen, lange Zeit mit der Zuschreibung "Einwanderungsland hadernd", wohl so langsam Freude daran finden, attraktiv für Zuzügler aus anderen Ländern zu sein. Die Studie des Pew Research Center zeigt, dass die meisten Deutschen die Zuwanderer nun als Stärung der deutschen Wirtschaft erleben.

Zeitgleich hat auch die OECD eine aktuelle Veröffentlichung zur Zuwanderung veröffentlicht und darin belegt, dass sich Deutschland mittlerweile auf Platz 2 der beliebesten Zuwanderungsländer vorgearbeitet hat. Die meisten der Zuwanderer kommen dabei aus den EU-Nachbarstaaten, und viele sind äußerst gut qualifiziert. Der deutsche Arbeitsmarkt hat also von der europäischen Wirtschaftskrise profitiert. Bislang wurde die geringe Attraktivität Deutschlands als einer der wesentlichen Negativfaktoren für den Wirtschafts- und Innovationsstandort Deutschland gesehen. Insbesonder vor dem Hintegrund eines möglichen Fachkräftemangels wurde Zuzug als wichtiges Element für eine dauerhafte Stärke des deutschen Innovationsmodels gesehen. Wir scheinen ja nun doch auf einem guten Weg zu sein... 

Aber diese Attraktivität ist vor dem Hintergrund der pull-Faktoren zu sehen. Die Zuwanderer kommen nach Deutschland, weil es hier attraktive Arbeitsbedingungen gibt, aber auch, weil es in ihren Urspungsländern so perspektivlos ist. Keine staatlichen Investitionen, zurückgehende wirtschaftliche Leistungen. Das letzte Innovation Union Scoreboard zeigt, dass sich größer gewordenen Abstände in der Innovationsleistung der Mitgliedstaaten aus Krisenzeiten nur sehr langsam wieder schließen. Europa bleibt mit Blick auf diese Innovationsleistung äußerst heterogen. Lobt sich die Bundesregierung heute in ihrer Pressemeldung zum Bundesbericht Forschung und Innovation, das europäische 3% Ziel endlich erreicht zu haben, so sind andere Mitgliedstaaten davon meilenweit entfernt. Daran wird auch das neue Rahmenprogramm Horizon 2020 der EU, dass deutlich mehr Geld in FuE investiert als das Vorläuferprogramm, wenig ändern. Und die Neuausrichtung der Strukturfonds, die ebenfalls stärker Innovationspolitik mitfinanzieren soll, könnte möglicherweies auch eher den starken, leistungsfähigen und innovativen Regionen zugutekommen.

Ähnlich wie innerhalb eines Nationalstaats brauchen wir aber auch in der EU weniger Ungleichheit zwischen den Mitgliedstaaten und ihren Gesellschaften. Einheitliche Lebensbedingungen von Porto bis Helsinki werden wir auf absehbare Zeit nicht schaffen, sollten aber doch eine Angleichung anstreben. Auch deutsche Unternehmen sind zusammen mit ihren europäischen Partnern stärker als allein, um Wettbewerbern aus aufstrebenden Schwellenländern wie China oder Braislien erfolgreich zu begegnen. Am 25.5. gibt es wieder einmal die Möglichkeit ,Europa zu stärken..... 

Sonntag, 4. Mai 2014

Verhaltensökonomie und ganzheitliche Innovation

Der Spiegel hat gerade einen schönen Artikel zum Thema Verhaltensökonomie veröffentlicht. Wie schaffe ich (bzw. der Staat) es, die Leute zu einem besseren (vernünftigeren, gesundheits- und umweltbewusteren...) Verhalten zu bringen. Etwas reißerisch schreibt der Spiegel, Unternehmen und Kommunen entwickelten Ideen zur geistigen Umprogrammierung! Die sogenannte Behavioural Economics (also Verhaltensökonomie) untersucht empirisch, wie unser aller Verhalten (als Marktteilnehmer) zu erklären und zu steuern ist. Warum treffen wir nicht immer die obektiv naheliegende, "richtige" Entscheidung? Warum verhalten wir uns unvernünftig, obwohl wir das im Grunde einsehen? Wie können alte, "schlechte" Angewohnheiten geändert werden? Häufig sind es kleine Veränderungen, zum Beispiel die voreingestellte Option bei Entscheidungssituationen, die in der Masse einen positiven Trend bewirken können. Ist Ökostrom der Ausgangstarif und muss ich mich bewusst zum billigeren, aber dreckigeren Alternativtarif entscheiden? Wird Organspende als Opt In oder Opt Out gehandhabt?
Die OECD hat diesem Thema jüngst eine dicke Studie gewidmet, die britische Regierung eine eigene Task Force aufgestellt und einen Ratgeber veröffentlicht. Die Idee ist immer die gleiche: wie bekomme ich eine möglichst effektive Politik, wie erreiche ich mit meinen Maßnahmen möglichst effizient die Bürger und bringe sie dazu, mit mir und der Gesellschaft an einem Strang zu ziehen. Grundidee ist daneben auch, durch Experimente und Ausprobieren sowie durch Messung der Erfolge veränderter Politikansätze systematisch die "beste" Maßnahme zu entwickeln. Der Ansatz atmet also auch viel bon einer Kultur der evidence based policy, einem Politikverständnis, dass stark auf Monitoring und Evaluation setzt.  
Spannend ist der Ansatz der Verhaltensökonomie für die Innovationspolitik vor dem Hintergrund eines veränderten Politikverständnisses, dass neben technology push stark auch auf Verhaltensänderungen beim Bürger setzt, um übergreifende Ziele wie eine neue Mobilität, die Energiewende oder eine nachhaltige Stadt zu erreichen. Aufklärung allein scheint da nicht zu reichen, sanfte Beeinflussung zu gutem Handeln könnte zusätzlich helfen. Wenn das ganze nicht in geistige Umprogrammierung à la Spiegeltitel umschlägt! Aber da hilft wohl nur der öffentliche Diskurs um die richtigen Ziele und die richtigen Mittel.

Technologie, Reichtum und Ungleichheit

In San Francisco werden die wohlhabenden Google-Mitarbeiter neuerdings schief angesehen oder gar angegriffen, weil der Wohlstand der Technologiekonzernleute als Gefahr für die alteingesessenen, weniger Wohlhabenden (oder auch die Rentner von morgen) gesehen wird. In Deutschland würde man das wohl Gentrifizierung nennen, auch wenn die steigenden Preise im Prenzlauer Berg noch nicht auf die wachsende Startup-Kultur Berlins zurückzuführen sind...
Das Thema Technologie und wachsende Ungleichheit gewinnt an Fahrt. Die OECD, die sich seit Jahren systematisch mit dem Thema beschäftigt,  hat in einem Blogbeitrag kürzlich noch einmal darauf hingewiesen, dass sich die Schere zwischen den Superreichen und dem Rest der Gesellschaft Stück für Stück öffnet. Und während bislang auch die OECD davon ausgeht, dass ein Gutteil des enormen Reichtums erst einmal in der ein oder anderen Form "erarbeitet" wurde, wird sich dieser Reichtum mittelfristig eher durch Erben und Reinvestieren vermehren. Thomas Pikkety hat in seinem neuen Buch beschrieben, dass der Rentenkapitalismus langfristig über produktives Wachstum siegt, dass also die Zinsen auf Kapitalinvestitionen deutlich höher als das langjährige durchschnittliche Wachstum liegen.
Ein anderes Buch, dass schon im letzten Jahr erschienen ist ("Die Supperreichen" von Chrystia Freeland - hier ein Fernsehbeitrag zum Buch, schöne und kritische Rezension hier), beschreibt sehr schön, wie neben Globalisierungs- und Privatisierungsgewinnern (z.B. den Oligarchen in Russland) auch die Technologiegründer aus Silicon Valley und andernorts zu geradezu sagenhaftem Reichtum gekommen sind. Unsere moderne Wirtschaft scheint immer stärker dazu zu neigen, nach dem Prinzip "the winner takes it all" die Besten bzw. Erfolgreichsten besonders zu belohnen, und in einer stark auf Gründer ausgerichteten Volkswirtschaft sind das durchaus die erfolgreichen Technologieunternehmer.
Die von mir schon öfter zitierten Brynjolfsson und McAfee haben das Auseinanderdriften der Gesellschaft durch den technologischen Wandel, der die bislang dominante Mittelschicht immer weiter ausölt, in ihrem jüngsten Buch "The second Machine Age" schön beschrieben. Ob dagegen tatsächlich eine stetige Qualifizierung der Gesellschaft allein hilft, ist nicht ausgemacht.

Sonntag, 6. April 2014

Industrie 4.0 und die Zukunft der Arbeit

Die Hannover-Messe steht vor der Tür, und ein Thema dort ist Industrie 4.0, also die intelligente Vernetzung und Automatisierung der deutschen Fabriken. Neben den technischen Problemen und Herausforderungen rücken immer wieder auch mögliche Konsequenzen für die Arbeitsplätze in der Produktion in den Mittelpunkt der Diskussion (wie hier oder hier in den aktuellen VDI-Nachrichten). Bereits vor fast einem halben Jahr hatten sich die VDI-Nachrichten mit dem Thema beschäftigt, und nun gibt es eine geballte Ladung Artikel. Der Tenor ist immer ähnlich. Die Qualifikationsanforderungen werden sich ändern und tendenziell steigen, menschliche Arbeit wird weiterhin benötigt, ob untern´m Streich mehr oder weniger, bleibt offen. Vielleicht ist aber auch alles nur ein großer Hype, und von Industrie 4.0 redet in 10 Jahren niemand mehr.

Dabei steckt natürlich ein übergreifender Trend hinter möglichen Folgen für die Produktion. Ich hatte bereits in einem früheren Blogbeitrag die aktuelle Diskussion umrissen. Für den deutschen Arbeitsmarkt viel wichtiger, ob bestehende Fabrikanlagen nun mit weniger oder mehr, mit besser oder schlechter qualifizierten Arbeitnehmern auskommen, ist außerdem, ob wie internationale Wettbewerbsfähigkeit des Produktionsstandortes Deutschland erhalten bleibt oder gar wächst. Die Fertigung hat sich in den letzten Jahren stärker den Märkten genähert, und viele Produkte, die heute in den Fabriken Asiens für den europäischen Markt hergestellt werden, könnten dies zukünftig auch wieder in Europa. Allerdings nur dann, wenn eine automatisierte Produktion hierzulande preiswerter als die Arbeitskräfte-intensive z.B. in China ist. Global gesehen kostet das natürlich schon Arbeitsplätze, und auch chinesische Fabriken lassen sich automatisieren.

Auch andere haben sich übrigens aktuell mit der Zukunft der Arbeit in der Fabrik der Zukunft beschäftigt, so z.B. das Fraunhofer Institut IAO mit einer Studie zum Thema, Prof. Hirsch-Kreinsen von der Uni Dortmund mit einem aktuellen Arbeitspapier sowie die Böckler-Stiftung (auch mit einem kleinen Schlenker, was das für die Gewerkschaftsarbeit bedeutet) oder auch die IG Metall. Die Zukunft der Arbeit ist wieder zurück...  

Ach ja, hier ist auch der passende Film dazu ...

Donnerstag, 3. April 2014

TED, Falling Walls und EDGE

Vor ein paar Tagen berichtete die Süddeutsche wieder, wie schon im vergangenen Jahr, über die TED-Konferenz in Vancouver. Neben dem Umgang mit der NSA beschäftigt die Süddeutsche insbesondere die breitere Thematik von TED, die nicht mehr im Kern nur eine Internet-orientierte Konferenz ist (auch wenn die reichen Stars von TED zumeist durch Internet-Firmen groß geworden sind). Ich habe die Gelegenheit genutzt und mal in die online verfügbaren TED-Videos geschaut. Hängen geblieben bin ich zum Beispiel beim Vortrag über die Zukunft der Geschichtsschreibung und mediale Vermittlung in Zeiten digitaler Medien und großer Datensätze: "Bauen wir eine Informationszeitmaschine". Laut TED-Website lauern noch 1699 weitere Videos mit hoch spannenden Themen auf mich. Jeden Tag kommen neue Videos dazu. Und TED ist nicht die einzige Plattform dieser Art. In Deutschland gibt es seit 2009 die Falling Walls Konferenz, die ebenfalls in kurzen Vorträgen die aktuellen Durchbrüche der Wissenschaft ("Was lässt die Mauer in XY fallen?") präsentiert. Einmal war ich selbst da und erinnere mich zum Beispiel an den Vortrag zu Behavioural Economics und Innovation, der sich natürlich auch auf der Video-Seite von Falling Walls archiviert findet (und zu dessen Thema ich in einem nächsten Blogbeitrag noch mehr sagen werde). Auch hier könnte man beliebig weiter stöbern und sich zum Beispiel einen Vortrag zum chinesischen Staatskapitalismus und Innovationspolitik anhören und sehen. Wer nun noch nicht genug hat, wandert weiter zu The Edge, wo weitere Videos und vor allem viel Textbeitrge zur jeweiligen Jahresfrage (dieses Jahr: "What Scientific Idea is ready for Retirement") warten. Wer hat die Zeit, das alles anzuschauen und durchzulesen, wer sagt mir, was sich zu sehen und lesen lohnt? Hilfe!!!

Sonntag, 30. März 2014

Drei auf die Ohren: Sharing Economy, Roboter und Pareto-Verteilung

Nachdem sich mein letzter Blogeintrag mit eher abstrusen Zukunftsprognosen und Foresight beschäftigte, muss ich jetzt doch noch mal zwei schöne Beispiele (und eine Zugabe) einbringen, die essayistisch Zukunftsbilder zeichnen un beide vor kurzem als Hörfunkbeiträge im Deutschlandfunk liefen:

Ein Beitrag des Deutschlandfunk zur Sharing Economy zeigt anhand von aktuellen Beispielen die ganze Bandbreite von aktuellen Prozessen der Sharing Economy auf, von eher traditionellen Kommunen über Mitwohnplatformen und Carsharing-Angeboten bis hin zu Tauschplattformen und gemeinsamen Werkstätten der Maker-Community. Die Sendung macht ganz schön deutlich, dass es das Prinzip des Tauschens und Teilens natürlich sehr viel länger als den neuen Begriff der Sharing Economy gibt, dass Tauschen und Teilen in vielen Beispielen ganz klar auf wirtschaftliche Erträge abzielt, also eigentlich nur neue Formen kommerzieller Angebote darstellt, und dass in einigen Beispielen der Sharing Economy ganz andere Trends einer gesellschaftlichen Teilhabe an Veränderungsprozessen durchscheint, die zum Beispiel auf Stadttransformation (siehe meine letzten Blogbeiträge hier und hier) oder auf  Bürgerwissenschaft verweisen.

Ein weitere Beitrag des Deutschlandfunk zum Thema Automatisierung, Roboter, Drohnen und autonomen Fahren greift die ganze Diskussion auf, die mit Amazons Dronenprojekt, Googles Roboterfirmen-Kauf und ähnlichen Meldungen verbunden waren (auch hier ein älterer Blogbeitrag). Am schönsten ist die Einführung von Norma Jeane als Ikone des Drohnenkriegs...

Und schließlich ein Beispiel zur Pareto-Verteilung - auch vom Deutschlandfunk, nicht mit einem Zukunftsthema, aber trotzdem schön und hörenswert: Es geht in diesem Beitrag um eine angebliche Behauptung Vilfredo Paretos über ein stabiles 80 zu 20 Verhältnis in ganz vielen Lebensbereichen, von Aufwand zu Ertrag (20 % Anstrengung bringen 80% Ergebnis, die restlichen 20% Ergebnis brauchen weitere 80% Anstrengung) bis hin zu Masse und Elite (20% der Bevölkerung sind für 80% des Wohlstands Verantwortlich - und besitzen auch 80%...). Der Beitrag zeigt sehr anschaulich, wie es hier eigentlich um einen großen Mythos geht: Pareto hat das meiste so nie gesagt, sondern sich nur aufgrund der damals vorliegenden Statistiken zur Einkommensverteilung geäußert. Und er vertrat eine Elitentheorie, die mit einem solchen Verhältnis gut in Einklang zu bringen ist, auch wenn sie auf ganz anderen Quellen aufbaute. Mit BIG DATA (heute scheinbar für alle Argumentationen passend) könnte sich nach Einschätzung des Autors zeigen, dass Paretos Verteilung doch ganz nützliche Konsequenzen für das Marktverhalten von großen Internetkonzernen wie Google und Co haben könnte, und zwar ganz theoriefrei - einfach den gefunden Mustern folgend...   

Samstag, 29. März 2014

Untergang der Zivilisation

Zurzeit jagt das Gespenst des Untergang durch den deutschen Blätterwald, oder vielmehr Berichte über eine NASA-Studie zum Untergang der Zivilisation. Die Wirtschaftswoche berichtet zum Beispiel, dass aufgrund von Klimawandel, Ressourcenverbrauch und Bevölkerungswachstum unsere Zivilisation respektive die Menschheit bald am Ende sei. Auch technologischer Fortschritt könne uns dabei nicht retten, da er den Verbrauch von Ressourcen ankurbele. Die Wirtschaftswoche fühlte sich dabei an Oswald Sprenglers Untergang des Abendlandes erinnert, das ziemlich genau vor 100 Jahren erarbeitet wurde. Wer den im vorvergangenen Jahr erschienenen Bestseller "1913" von Florian Illies zum letzten Jahr vor Beginn des ersten Weltkriegs gelesen hat, weiß, dass Sprengler ein reichlich überspannter Zeitgenosse war.

Ich fühle mich ja bei dieser Meldung eher an "Kollaps" von Jared Diamond erinnert, in dem Diamond eine ganze Reihe von Kulturen untersucht, die aufgrund von Überbevölkerung, falschem Umgang mit begrenzten Ressourcen und aufgrund von Klimawandel und ökologischen Katastrophen kollabierten. Mit Diamond wiederum setzten sich intensiv Daron Acemoglu und James A. Robinson in ihrem Buch "Why Nations Fail" auseinander. Ihrer Meinung nach sind es insbesondere Institutionen, die über Erfolg oder Scheitern von Ländern entscheiden. Innovationen sind hier eher positive Faktoren, die durch entsprechende Institutionen gefördert oder behindert werden können.

Die eingangs genannt Studie nutzte das sogenannte HANDY Rechenmodell für seine Projektionen. Wie solche Modelle irren können, zeigte ja schon vor 40 Jahren die "Grenzen des Wachstums". Die lagen zwar ziemlich falsch, spielten aber eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung der Öffentlichkeit für einen bewussteren Umgang mit endlichen Ressourcen.  

Die NASA hat sich übrigens von allen Meldungen distanziert, dass sie selbst die Studie in Auftrag gegeben habe, vielmehr habe sie den beteiligten Wissenschaftlern nur die Nutzung eines ihrer Rechenmodelle erlaubt. Wer jetzt mehr zur Studie, ihrer Beziehung zur NASA und ihrer Argumente lesen möchte, sollte am Ausgangspunkt des ganzen Medienrummels suchen, der nicht in Deutschland, sondern in Großbritannien, nämlich im Guardian liegt. Hier setzte sich der EarthInsight Blog sehr intensiv mit der Studie auseinander und provozierte eine rege Diskussion.

Selten finden Zukunftsstudie oder Foresight-Berichte öffentliche Aufmerksamkeit, wenn sie nicht mit Katastophen- oder Untergangsszenarien aufwarten können. Und "gerechnet" klingt auch immer seriöser als in Szenarioworkshops erarbeitet. Kann die Zukunft eigentlich vorausgesagt werden? Wirken hier deterministische Regeln und Mechanismen? Gibt es nicht immer mehrere mögliche Entwicklungspfade, und haben Szenarien nicht eher die Rolle, uns für die Ergebnisoffenheit unseres Handelns zu sensibilisieren und die Verantwortung für die Zukunft zu verdeutlichen?

Vielleicht aber haben die Sozialwissenschaften bislang nur zu wenige Daten gehabt, um mal wirklich solide rechnen zu können, und jetzt, mit "BIG DATA, eröffnen sich ganz neue Prognosemöglichkeiten?  

Sonntag, 23. März 2014

Smart Cities

Anfang Dezember letzten Jahres fragte der Economist in seiner Debatte, ob Smart Cities nur ein leerer Hype sind. Knapp sprachen sich etwa 45% der Debattenteilnehmer gegen diese These aus - das ist keine wirklich große Mehrheit. Der Anwalt der kritischen These, Anthony Townsend, kritisierte vor allem technizistische Phantasien einer allumfassenden Lösung. Er setzt eher auf Veränderungen von unten, auf bürgerschaftliche Ansätze, die möglicherweise durch Crowdfinanzierung neue Ressourcen erschließen.

Gleichwohl ist das Thema weiterhin sehr lebendig. Die Technologiestiftung Berlin veröffentlichte gerade eine Studie zur Smart City Berlin, in der sie etwa 40 aktuelle Projekte vorstellt und zugleich eine stärkere Verschränkung und Weiterentwicklung fordert. Fraunhofer hat erst im Februar mit einem Konsortium von eigenen Instituten und Kooperationspartnern aus Industrie und Kommunen die Phase II seines Projekts "Morgenstadt: City Insights" eingeläutet, in dem unter anderem Geschäftsmodelle für die smart cities der Zukunft entwickelt werden sollen.

Der Markt lockt, und nicht nur in Deutschland. Das Thema ist weltweit immer noch heiß diskutiert, und Lösungen für smarte Cities sind natürlich besonders in den Megastädten der Schwellenländer ein lohnendes Geschäft. Auf dem World Economic Forum wurde beispielsweise diskutiert, wie China seine Städte smarter macht. Und in Europa ist Großbritannien ein wichtiges Player in diesem Thema. Mit vielen Projekten akitv ist zum Beispiel NESTA, die sich für 2014 viel vorgenommen haben. Nest verfolgt dabei einen Ansatz, der neben Technologien vor allem auf soziale Innovationen setzt. 

Denn vielleicht brauchen wir keine smart cities, sondern eher smart citizen...

Innovationen in Afrika

Während Chinas Innovationspolitik in aller Munde und auf allen Kanälen präsent ist, haben es andere Weltregionen schwerer. Wer spricht und schreibt schon über Innovationen z.B. in Afrika? Vielleicht liegt das ja auch an unterschiedlichen Innovationsverständnissen. Ein aktueller Blogbeitrag zu diesem Thema zitiert eine Studie der Universität Oxford, die vor allem methodische Zugänge verantwortlich für die anhaltende Unklarheit über Innovationen in Afrika macht und stärker fallstudienbasierte Ansätze fordert. Jeune Afrique hat gerade eine Liste der TOP 10 Innovationen aus Afrika vorgestellt und darauf verwiesen, dass diese oft Bereiche der Landwirtschaft, Energie, Transport oder Gesundheit betreffen. Und die Corporate Financing Beratung U-Start hat gerade die fünf besten Technologie-Startups aus Afrika wählen lassen. Beispiele gibt es also. Und vielleicht liegt die Zukunft ja auch stärker als gedacht in den heutigen Peripherien der Welt. Der Economist hatte in einer seiner Debatten bereits vor einem Jahr gefragt, ob Afrika zu neuer wirtschaftlicher Größe heranwächst. Immerhin 58% der Debattenteilnehmer hielten dies für nicht unwahrscheinlich. Die Wirtschaftswoche fragte sich jetzt, ob auch die entscheidenden Lösungen für die Energiewende womöglich von den Rändern der Welt kommen und stützt seine Argumentation unter anderem auf das Konzept der reversen bzw. frugalen Innovationen.

Die so beschriebenen Ränder der Welt sind in der Tat nicht im Fokus unserer Aufmerksamkeit. In einem aktuellen Blogbeitrag wurde daher folgerichtig eine Datenbank und Webplattform zu Innovationspolitiken in Entwicklungsländern gefordert, wie sie zum Beispiel für die EU mit ERAWATCH vorliege. ERAWATCH sammelt aktuelle Überblicken über die Innovationspolitiken der Mitgliedstaaten, der assoziierten Länder und weiterer Drittstaaten.

Ähnlich geht übrigens die neue Innovation Policy Platform der OECD vor, die darüber hinaus nicht nur nach Ländern, sondern auch nach Instrumenten und Zugängen sortiert einen hervorragenden Überblick bietet und mittelfristig auch die wichtigsten OECD-Statistiken neu zugänglich machen möchte.

Entwicklungsländer sind hier aber natürlich auch nicht eingeschlossen....