Sonntag, 29. Dezember 2013

Urbanisierung Chinas

Die neue chinesische Staatsführung hat die weitere Urbanisierung Chinas als wichtiges Ziel erklärt. Außerdem will sie den Weg eines möglichst grünen Wachstums weitergehen, allein schon um die wachsende Unruhe der städtischen Bevölkerung über die massive Umweltverschmutzung der Städte aufzugreifen. Hierbei möchte China auch verstärkt mit europäischen Partnerländern zusammenarbeiten, die sich dem Thema Stadt und "Green Growth" ebenfalls, wenn auch mit komplett anderer Ausgangslage, gegenübersehen.

Deutschland und China kooperieren seit einiger Zeit im Bereich der Urbanisierung und haben mehrere gemeinsame Projekte begonnen. Auch die EU ist ein wichtiger Partner Chinas bei entsprechenden Projekten, die Zusammenarbeit wurde erst kürzlich bekräftigt und ausgebaut. Beim letzten europäisch-chinesischen Gipfeltreffen wurden neue Initiativen verkündet, ein Urbanisierungsforum begleitete den Gipfel.
Das Beijing-Humboldt Kolleg 2013 zum Thema "Green Economy and Urbanization", das Ende November 2013 stattfand, präsentierte unter anderem Forschungsergebnisse zur Energiewende in Deutschland.

Neue Technologien und Innovationen werden sicher eine wichtige Rolle spielen, um die Probleme der wachsenden chinesischen Städte in den Griff zu bekommen. "Smart Cities" werden aber nicht nur auf neuen Technologien, sondern auch auf verändertem Verhalten aufbauen müssen. Ob Car-Sharing in China eine Chance hat, wurde zum Beispiel erst jüngst sehr kontrovers diskutiert. Die verstärkte Urbanisierung wird auch den Druck in Richtung einer effektiveren Umweltpolitik erhöhen, wie erst vor kurzem eine Studie von Accenture und der chinesischen Akademie der Wissenschaft beschrieben hat.

Der Economist hatte bereits vor einiger Zeit einen großen Artikeln zu "Smart Cities" veröffentlicht und nun mit einer seiner Debates Anfang Dezember die Frage gestellt, ob das Konzept nur ein leeres Hypethema ist (die Mehrheit der Teilnehmer stimmte dafür, das smart cities kein leeres Hypethema ist...). Auf jeden Fall werden die smarten Städte in China und Deutschland für ihre Intelligenz smarte digitale Vernetzungen brauchen, die heute schon entwickelt werden müssen. Die hierfür dringend benötigten Startups entstehen in Deutschland wie in China zurzeit mit erhöhter Dynamik. Ein aktueller Artikel, der sich mit der Startup-Szene in Peking beschäftigt, fragt sogar, ob das chinesische Silicon Valley sein namensgebendes Vorbild bereits überholt hat. Für die smarte Stadt der Zukunft wäre das eher ein positives Signal...

P.S.: In einem Artikel skizzieren auch die VDI-Nachrichten aktuell die Anstrengungen Chinas zur Entwicklung von "Öko-Städten" und der Kooperation mit Deutschland in diesem Feld. Und auch Großbritannien verstärkt die Kooperation mit China im Bereich der grünen Städte, wie dieser Artikel zeigt.

P.P.S. Hier und hier noch zwei neue Artikel zum Thema Grünes Bauen im Chin.:

Dienstag, 24. Dezember 2013

Google Roboter

Kurz vor Weihnachten schaffte es Google noch einmal in die deutschen Medien - mit seiner Roboter-Offensive (hier die Artikel von Zeit, Süddeutsche und FAZ). Sieben auf Robotik spezialisierte Firmen hat Google binnen kurzem erworben, und den Erfinder des Smartphone Systems Android, Andy Rubin, mit der Leitung der neuen Konzernsparte betraut. Der spricht von einem langfristigen Engagement und lässt die Ziele der neuen Google-Aktivität noch etwas im ungefähren. Herstellung von Elektronikprodukten, also Manufacturing, oder doch Handel (also Amazons Dronenansatz?), oder doch humanoide Roboter für ganz andere Anwendungen? Rubin vergleicht das Engagement des Software-Riesen mit den Aktivitäten rund ums autonome Fahren. Hier setzte Google auf einen Trend, der nun auch bei allen großen Automobilkonzernen angekommen ist. Mit Boston Dynamics ist übrigens auch ein Hersteller im neuen Google Portfolio, der vor allem über seine militärischen Prototypen von sich Reden machte (hier ein Video von WildCat, hier eins von BigDog, die Verwendung niedlicher Tiernamen für Kriegsgerät hat ja auch in Deutschland eine lange Tradition). Bei einem aktuellen Darpa-Robotik-Wettbewerb zeigt ein anderer Google-Neuling, Schaft auf Japan, dass er die Konkurrenz locker in die Tasche steckt (hier der Bericht von Spiegel Online). Die Kommentatoren wetten aber insgesamt eher auf eine Strategie, die auf die industrielle Fertigung zielt, hier wären dann auch deutsche Unternehmen wie Kuka direkt betroffen von einem sehr mächtigen Quereinsteiger.

Sonntag, 22. Dezember 2013

Innovative China

Vor einer Woche landete der Jadeshase, das erste chinesische Mondfahrzeug, auf dem Mond und löste in China Begeisterungsstürme aus. Die Landung wurde auch international stark diskutiert. Handelt es sich einfach nur um eine gute PR-Show der neuen Parteiführung oder ist sie der Beweis für die technologische Leistungsfähigkeit Chinas? Felix Lee beschrieb in seinem China-Blog recht anschaulich, dass China mit der Mondlandung insbesondere seine Fähigkeiten unter Beweis stellt, in der Luft- und Raumfahrt Spitzentechnologie zu entwickeln und mit den etablierten Technologienationen aus Europa und Amerika gleichzuziehen.

Im Schienenbereich hat China das bereits geschafft. Ebenfalls im ZEIT China-Blog wird Anfang Dezember geschildert, wie China heute seine Hochgeschwindigkeitszüge in alle Welt verkauft. Da deutsche Patente genutzt werden, verdienen auch Firmen wie Siemens und Bombardier.

Der Beitrag zeigt auch, wo neben technologischer Stärke ein wesentliches Erfolgsmoment des chinesischen Exports teurer Hochtechnologie liegt - im Finanzierungsmodell. Aufgrund ihrer riesigen Finanzreserven können die Chinesen die Anschaffung vorfinanzieren. Mit diesem neuen Geschäftmodell werden die traditionellen Technologienationen kaum mithalten können. Staatliche Kredite an Drittstaaten sind zwar auch in westlichen Ländern immer wieder genutzt worden, um heimischen Unternehmen den Markt international zu erschließen. In Zeiten knapper Kassen sind die Ressourcen hier allerdings höchst beschränkt.

Die chinesischen Geldreserven werden nicht nur für Finanzierungsmodelle zur Absatzstärkung genutzt, sondern auch ganz direkt, um in ausländische Unternehmen zu investieren. Hierzu gab es in den letzten Jahren in Deutschland immer wieder aufgeregte Artikel, diese Rolle war man in Deutschland nicht gewöhnt. Inzwischen hat sich diese Aufregung etwas gelegt, Erfolgsbeispiele wie der Fall Putzmeister haben die Gemüter etwas beruhigt, in Deutschland kann man mittlerweile sogar drüber lachen, wie der Film Global Player zeigt. Mal funktioniert es, mal nicht so richtig.

Bei allen Erfolgen ist China noch immer nicht vergleichbar mit den westlichen Industrieländern. China ist ein Schwellenland, der wirtschaftliche Aufstieg geht mit wachsender Ungleichheit einher, der Gini-Koeffizient wächst. Die Weltbank hat aktuell eine Studie zu Inclusive Innovation in China veröffentlicht, in der sie auf diese Gefahren hinweist und Handlungsempfehlungen für die Innovationsstrategie Chinas formuliert. Es bleibt spannend.

Sonntag, 15. Dezember 2013

Innovationspolitik 2014


Das Jahr neigt sich dem Ende zu, in Berlin haben die Partner der großen Koalition die Posten verteilt. Zeit für einen mutigen Ausblick, was das Jahr 2014 für die Innovationspolitik bringen wird. Drei große Trends scheinen mir recht wahrscheinlich zu sein: die Innovationspolitik wird europäischer, internationaler und digitaler.

Im Dezember sind die finalen Entscheidungen für das große neue Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont 2020 der EU gefallen. Das Budget wurde deutlich aufgestockt, der Fokus auf die Wirtschaft erweitert. Schon heute sind deutsche Unternehmen und Forschungseinrichtungen sehr erfolgreich in Brüssel, dieser Erfolg dürfte sich eher noch verstärken und der Druck daheim zunehmen, Forschungsprojekte mit europäischem Geld zu finanzieren. Die große Koalition hat sich zum 3%-Ziel bekannt, welches Deutschland aber schon jetzt erreicht hat. Vor diesem Hintergrund wird ein weiterer Anstieg des nationalen Forschungsbudgets nur schwer gegenüber den Haushältern durchzusetzen sein, eine alternative Finanzierung durch Brüssel also attraktiver. Auf der anderen Seite sind viele Wettbewerber um die Forschungsförderung in Europa zurzeit durch die Krise geschwächt. Einige Länder haben ihre Forschungsausgaben eher zurückgefahren und damit ihr Forschungs- und Innovationssystem nachhaltig geschwächt. Das letzte Innovation Union Scoreboard machte diesen Trend schon deutlich. Und zu guter Letzt wird die Strukturförderung jetzt auch stärker auch Innovation ausgerichtet, der schon heute zu etwa 1/4 auf Innovationspolitik ausgerichtet ist. 

Die internationale Ausrichtung deutscher Innovationsakteure wird sich aber nicht nur auf den engeren europäischen Raum beschränken. Wertschöpfungsketten und Forschungsvorhaben werden zunehmend in globalen Netzwerken realisiert. Bislang zeigt sich Deutschland in vielen Indikatoren als ausgesprochen national, aber diese Selbstbezogenheit könnte sich jetzt mit mehr Dynamik ändern. Der weltweite Trend hin zu internationalen Ko-Publikationen, der ein guter Indikator für eine wachsende internationale Arbeitsteilung der Forschung ist, wird auch für Deutschland weiter ansteigen. Auch ausländische Direktinvestitionen werden weiter ansteigen, interessant wird sein, wie z,B. Partnern aus China verstärkt in deutsche Forschung investieren. Schließlich wird auch der Trend anhalten, dass Deutschland sich weiter öffnet für ausländische Akademiker, die dann auch in Deutschland bleiben. Die akademischen "Flüchtlinge" der Wirtschaftskrise Südeuropas, aber auch die wachsende Zahl asiatischer Studierender sind wohl ein erster Anzeichen.

Schließlich wird auch die flächendeckende Digitalisierung aller Prozess der deutschen Innovationslandschaft diese ziemlich umkrempeln. Open Access und Open Science werden durch die neue Regierung in Berlin weiter gefördert, Crowdsourcing und Crowdfunding wird die Umsetzung innovativer Ideen in Produkte stärken. In Horizont 2020 wird Open Access für geförderte Forschung verpflichten sein, die Bundesregierung plant laut Koalitionsvertrag eine nationale Strategie und ein entsprechendes Förderprogramm. Forscher vernetzen sich zunehmend über Portale wie ResearchGate. Industrie 4.0 ist ebenfalls ein Thema des Koalitionsvertrags und damit auch der nächsten Legislaturperiode ein Schwerpunkt der Innovationspolitik.

P.S. Als Lesetip für den Jahresauftakt hier noch der Links zu NESTAs Vorhersagen für 2014, einschließlich eines selbstkritischen Kommentars zur Treffsicherheit der letztjährigen Vorhersagen... 

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Updates

Die Zukunft holt ihre Voraussage manchmal schneller ein als gedacht. Hatte ich vor einem Monat noch begeistert vom neuen Roman "The Circle" geschrieben, so scheinen manche utopischen Aspekte schneller in der Gegenwart anzukommen als befürchtet. Im Circle arbeitete der allmächtige Internetgigant der nahen Zukunft unter anderem an einer Social-Network basierten Verbrechersuche. Nach einem aktuellen Artikel bei GOLEM, will auch die deutsche Polizei nun verstärkt auf Facebook-Fahndung setzen . Noch mit großer Zurückhaltung, ohne Einschränkung von Persönlichkeitsrechten und ohne "Hexenjagten" zu provozieren. Aber der Schritt geht in die Richtung der vor kurzem noch fiktiven Zukunft.
Auch die digitale Schulbuchreform kommt vielleicht schneller als gedacht und in meinem letzten Blog als zaghafter Versuch beschrieben. Die neue große Koalition hat jetzt in ihrem Koalitionsvertrag ein explizites Bekenntnis zu digitalen Lehrmaterialen abgegeben. Naht das Ende der Schulbuchverlage? So schnell sicher nicht, aber auch hier werden die Trippelschritte raumgreifender.

Sonntag, 24. November 2013

Digitale Bildungsrevolution?

In der letzten Woche berichtete die Zeit in ihrer gedruckten Ausgabe vom neuen Berliner Startup Schulbuch-O-Mat, nachdem sie bereits Ende 2012 erstmals auf ihrer Internetseite dazu schrieb. Die beiden Gründer Hans Hellfried Wedenig und Heiko Przyhodnik wollen in Deutschland eine neue Schulbuchkultur etablieren, die es so bislang nur in anderen Ländern gab. Nach dem Vorbild von Crowdsourcing-Plattformen wie Wkipedia wollen mit Hilfe von Gleichgesinnten ein digitales Schulbuch für Biologie und dann auch weitere Schulbücher für andere Klassen angehen. Ihr erstes Werk, das Schulbuch Biologie 7./8. Klasse liegt jetzt zum Download vor. Bislang sind ja digitale Schulbücher weitgehend ein exklusiver Markt der etablierten Schulbuchverlage geblieben, die den Zugriff auf ihr Monopol den Scülern, Lehrern und Eltern nur gegen Einwurf kleiner Münze gestatteten. Kündigt sich jetzt eine digitale Revolution an, die mit der Götterdämmerung der gedruckten Lexika zu vergleichen ist und die etablierten Verlage hinwegspülen wird?

Wohl kaum, Wikipedia war in dieser Hinsicht sicher einzigartig, da hier eine einheitliche Plattform alle Energien der Crowd bündeln konnte. Der neue Berliner Ansatz könnte die Landschaft gleichwohl nachhaltig verändern. Leidensdruck dürfte insbesonder auf Seiten der Lehrer und Schüler schon da sein. Erstere suchen sich immer mehr digitale Unterrichtsinhalte weiterhin in mühsame Kleinarbeit der Eigenrecherche zusammen. Auch Plattformen wie der Bildungsserver Berlin-Brandenburg ändern das nicht wirklich. Und Schüler schleppen jeden Morgen gefühlte Tonnen an Schulbüchern in ihren Ranzen durch die Gegend, während sie nachmittags immer häufiger für ihre Privatlektüre auf Ebooks und Tablets zurückgreifen. Hans Hellfried Wedenig und Heiko Przyhodnik haben auch schon erste Aktivitäten in Richtung Kulturveränderung gestartet und zu Schulbuch-Hacking-Tagen aufgerufen, auf denen sie insbesondere Schüler anregen und anleiten wollen, neue Inhalte zum wachsenden digitalen Schulbuch selbst zu formulieren.

Interessant ist auch die Finanzierung des Schulbuchprojekts. Hinter dem Schulbuch steht kein Geschäftsmodell, der Zugang soll ja gerade frei sein. Dennoch müssen natürlich Kosten refinanziert werde. Die Gründer haben ihr Geld erfolgreich auf der Crwodfunding-Plattrom Startnext gesammelt, einer Plattform, die vor allem kulturelle Projekte, aber auch soziale Innovationen umfasst. Gerade für Projekte, die nach Mittmachern suchen, ist eine Finanzierung über Startnext oder vergleichbare Plattformen ein doppelter Gewinn, da sie Geld und ideelle Unterstützung einwerben.

In der eingangs genannten Printausgabe der Zeit, in der zuletzt der Artikel zu Schulbuch-O-Mat erschien, war auf der nächsten Seite übrigens auch ein Artikel zur digitalen Hochschule (MOOCs etc.) zu lesen. Auch hier sind noch Quasi-Monopolisten - die Universitäten - am Werke. Vielleicht sehen wir auch hier demnächst neue Bündnisse, vielleicht tun sich ja die Hochschuldozenten eines Faches universitätsübergreifend zusammen und bündeln ihr Wissen und ihren Input zu gemeinsamen Angeboten für Studenten.

Im September fand in Berlin übrigens die erste deutsche Open Educational Ressources -Konferenz statt, über die die Werkstadt bpb und der Wikimedi-Blog der Macher von Wikipedia berichtete und die zum Beispiel einen Vergleich der Schulsituation und Deutschland und Großbritannien oder auch Beiträge zur Finanzierung umfasste.

Dienstag, 19. November 2013

The Circle und Foresight

Dave Eggers hat vor kurzem seinen neuen Roman "The Circle" herausgebracht (eine deutsche Ausgabe liegt noch nicht vor), in der er die Zukunft der Internetgiganten Gooogle, Facebook, Twitter und Co in einer herrlichen Dystopie beschreibt. Deutsche Rezensenten (z.B. der FAZ und der Süddeutschen) waren begeistert, und tatsächlich gelingt Eggers eine schöne Gradwanderung zwischen Science Fiktion und aktueller Gesellschaftskritik. Von der namensgebenden Firma und ihren neuen Features abgesehen spielt die Geschichte quasi in der Jetztzeit, Irakkrieg und Afghanistan sind auch den Romanfiguren aktueller politischer Hintergrund. Die allmächtige Internetfirma Circle hat die totale Transparenz zu ihrer Ideologie gemacht und beherrscht sie zunehmend technisch. Ihre Mitarbeiter sind die ersten, die den Segen und Fluch der Transparenzmanie erleben, aber auch die politische Landschaft wird erfolgreich bearbeitet. Laut Rezension der Süddeutschen reiht sich das Buch in einen wachsenden Chor an kritischen Intellektuellenäußerungen in den USA ein, für die mögliche soziale Folgen der neuesten Internettechnologien nicht nur erstrebenswert sind. Nach den ökonomischen  Befürchtungen der Neo-Ludditen (siehe auch meinen Blogbeitrag hier) wachsen demnach sozialkritische Maschinenstürmer heran, die die Allmacht der Internetkonzerne sehr skeptisch sehen. In Europa wird man diese Skepsis nach den aktuellen NSA-Skandalen vermutlich eher teilen...

Letztlich reiht sich Eggers Roman aber ein in eine schöne Tradition der Science Fiction Literatur, die soziale Trends der Gegenwart, leicht verfremdet und zugespitzt, in einer nahen Zukunft auf den Punkt bringt. Einige der Technologien des Buchs scheinen auch gar nicht mehr so weit weg zu sein. Vielleicht lesen gerade die Entwickler von Google und Facebook die Technologiephantasien von Eggers mit großem Interesse und lassen sich eher anregen. Die Rolle des Science Fiction als Foresight-Instrument wäre nicht neu. Die Technology Review (und später auch die Süddeutsche) haben z.B. erst jüngst die Science-Fiction-Archiv in Wetzlar beschrieben, dass hieraus ein echtes Geschäftsmodell gemacht hat und den Blick in die Kristallkugel der Literatur an Unternehmen verkauft.

Zukunftsliteratur kann also zweifach die Zukunft mitbeeinflussen: als Ideengeber und als kritische Intervention gegenüber unerwünschten Entwicklungstrends. Ganz die Rolle, die das traditionelle Foresight letztlich auch übernimmt. Der Blick in die Zukunft ist kein Selbstzweck, sondern soll Handlungsanregungen für die Gegenwart bieten. Ein schönes und aktuelles Beispiel ist das Futurium der EU-Kommission, in dem aktuell (noch bis Ende November) 11 Zukünfte zur Wahl stehen. Der "hyperconnected human" ist übrigens auch mit dabei. Da schließt sich dann der Kreis zum Circle...

Donnerstag, 7. November 2013

Hellsehende Roboter

Japanische Forscher haben nach folgender Meldung einen Roboter gebaut, der Menschen immer bei Schere, Stein und Papier schlägt. Das Wunder erklärt sich aus der enorm schnellen Wahrnehmungsfähigkeit des Roboters, der schon erste Muskelbewegungen richtig interpretiert und entsprechend handelt. Er ist uns also immer ein kleines Schrittchen voraus.

Noch schneller könnte ein solcher Roboter nur sein, wenn er unseren Entscheidungsprozess schon beim entstehen beobachten und interpretieren könnte. Tatsächlich haben Wissenschaftler schon seit längerem diejenige Stelle im Gehirn identifiziert und auslesen können, in der eine Entscheidung gespeichert ist, bevor sie in die Tat umgesetzt wird. Wenn jetzt noch der Zeitvorteil genutzt würde, der zwischen dem Treffen der Entscheidung und der Bewusstseinswerdung derselben liegt (dazu der klassische Aufbau im Libet-Experiment), müsste dann der Roboter nicht quasi unsere Handlungen voraussehen und entsprechend reagieren können, bevor wir es selbst merken?

Und wenn unser Roboter dann noch alle verfügbaren Informationen über uns auswerten und uns damit fast besser kennen würde als wir uns selbst (hier der Link zur notwendigen App), wäre das nicht echt unheimlich? Aber eigentlich geht es ja den eingangs erwähnten japanischen Forschern nur darum, schnelle Reaktionen von Maschinen zum Beispiel zur Unfallvermeidung zu demonstrieren und keine Monster zu bauen. Es drohen also keine allwissenden Maschinenzombis, zumindest nicht allzu bald. Halloween war ja auch schon vor einer Woche. Wir haben noch fast ein Jahr Zeit...

Montag, 4. November 2013

Technologie, Produktivität und Arbeitsplätze

Die Bundesagentur für Arbeit hat letzte Woche ein neues Prognoseinstrument vorgestellt, mit der sie die Arbeitsmarktentwicklung der nächsten drei Monate abschätzen möchte. Es handelt sich dabei nicht um elaborierte oder abgedrehte Instrumente wie in der Wahlforschung (siehe auch meinen Blogbeitrag vom 6, September), sondern um eine eher schnöde Befragung der regionalen Agenturleiter. Die aktuelle Voraussage progonstiziert eine "Seitwärtsbewegung", mit anderen Worten, alles bleibt ungefähr so wie heute.

Spannender wäre sicher eine etwas langfristigere Voraussage. Angesichts des demographischen Wandels sprechen einige Forscher von  einem drohenden zukünftigen Mangel an Arbeitskräften, dem es jetzt schon vorzubeugen gilt, durch eine forcierte Zuwanderung, durch Qualifizierungsmaßnahmen und durch eine Erschließung der stillen Reserve. Auch eine weitere Steigerung der Produktivität durch weiteren Technologieeinsatz, durch Rationalisierung und Automatisierung könnte uns vor dem wirtschaftlichen Kollaps aufgrund des demographischen Wandels bewahren.

Ganz anders wird zurzeit der Arbeitsmarkteffekt neuer Technologien in den USA diskutiert, die allerdings auch eher aus einer Krisenperspektive auf das Thema schauen. Diverse Wirtschaftswissenschaftler und Journalisten mahnen hier, dass uns die schöne neue Welt der Technologie langfristig alle Arbeit wegnehmen wird. Selbst die Kopfarbeit wird auf lange Sicht von intelligenten Systemen übernommen werden. Die Diskussion in den USA zusammengefasst und aus innovationsökonomischer Sicht äußerst kritisch kommentiert hat erst im September ITIF, ein innovationspolitischer Think-Tank aus Washington, in einem sehr lesenswerten Beitrag.

Die Diskussion kommt langsam auch in Deutschland an, allerdings mit einem deutlich ausgewogeneren Zungenschlag. Vor zwei Wochen erschien ein Buch von Constanze Kurz und Frank Rieger ("Arbeitsfrei"), in dem sie am Beispiele der Wertschöpfungskette vom Korn zum Brötchen die Folgen der Automatisierung der letzten hundert Jahre skizzieren und einen Blick in die Zukunft wagen (Rezensionen finden sich hier und hier). In dieser Zukunft werden noch mehr Menschen und ihre Arbeit durch Maschinen und Computer ersetzt, andere finden aber auch genau dadurch neue Arbeitsplätze.

Ob unterm Strich und auf lange Sicht das Rennen gegen die Maschinen gewonnen werden kann oder nicht, dafür brauchen wir dann vielleicht doch die Glaskugel statt der Kollegen von der Arbeitsagentur.

Donnerstag, 26. September 2013

flat world, 3dprinting und Internet

2005 veröffentlichte Thomas Friedmann einen Bestseller mit dem Buch "the world is flat", in dem er unter anderem die Auswirkungen neuer Technologien - insbesondere con Computer und Internet - auf die Weltwirtschaft beschrieb und als Treiber der Globalisierung bewertete. Das Konzept einer flachen Welt wurde in den darauffolgenden Jahren durchaus kritisch diskutiert (zum Beispiel hier oder von der OECD in einem Bericht von 2011 zu regionaler Politik hier). Als Zwischenfazit der Diskussion lasst sich festhalten, das die Internet-Revolution tatsächlich "demokratisierend" wirkte, indem sie den Zugang zur Ressource Wissen verbilligte und so für viele Weltregionen auch die Kosten eines aufholenden Wettbewerbs senkte.

Eine Reihe ganz materieller, an Ressourcen, Infrastruktur und Arbeitskosten geknüpfte Faktoren führen aber weiterhin zu einer ungleichen Verteilung von Einfluss und Wirtschaftskraft . Die Welt wird zwischen den Nationalstaaten flacher, innerhalb der Nationalstaaten bleiben die Ungleichgewichte aber bestehen oder werden sogar größer.

Auf der "materiellen" Ebene der Produktion könnte nun eine neue technische Innovation nivellierend wirken: 3D Printing. Ein aktueller Artikel des Economist umreist die potenziell weltverändernde Wirkung des 3D Printing anhand aktueller Beispiele. Viele Unternehmen setzen 3D Printing heute ergänzend zu traditioneller industrieller Fertigung ein. Gleichzeitig nutzen Schwellenländer wie China die Vorteile des 3D Printing in großem Maßstab (der aktuell größte 3D Printer steht heute in China), um Hochtechnologie zum Beispiel im Flugzeugbau preiswert zu fertigen.

Der Artikel des Economist verneint die zunächst postulierte Wirkung von 3D Printing, die Relevanz des Produktionsfaktors Arbeit zu reduzieren und damit zu einer Renaissance der traditonellen Fertigungsstandorte in den westlichen Industrieländern beizutragen. Zumindest Beschäftigungsaufbau in größerem Maßstab sei nicht zu erwarten, da Arbeit hierzulande immer noch vergleichsweise teuer bleibt.

Fertigung wird durch 3D Printing effizienter und kostengünstiger. Wenn die sich Technologie weiter verbreiter, werden viele Regionen potenziell davon profitieren können. Vielleicht wirkt der dann einsetzende nivellierende Trend diesmal zugunsten der alten Industrienationen - vielleicht auch nicht.

Sonntag, 15. September 2013

systems innovation vs. entrepreneurial state

Vor zwei Wochen hat der Economist in seinem Blog Schumpeter über das (bereits vor einiger Zeit verfasste - aber erst jetzt erschienene)  Buch "The Entrepreneurial State" von Mariana Mazzucato berichtet. Zentrale These von Frau Mazzucato ist, dass der Staat eine wichtige Rolle im Innovationssystem spielt, weil er langfristige, grundlagenorientierte Forschung finanziert, die privatwirtschaftlichen Unternehmen zu risikohaft ist. Frau Mazzucato würzt ihr Buch  mit vielen Beispielen wie GPS, der Google-Suchalgorythmus und Sprachtechnologie, die aufgrund staatlicher Forschung entstanden, und erst sehr viel später in privatwirtschaftlich entwickelten Produkten zu erfolgen wurden.

Vor dem Hintergrund der angelsächsischen Auseinandersetzung um die Rolle des Staates allgemein argumentiert das Buch zurecht zugunsten einer wichtigen Funktion staatlicher Intervention im Innovationssystem. Der liberale Economist lässt es sich nicht nehmen, auch auf die weniger erfolgreichen Episoden staatlichen Interventionismus zu verweisen, zum Beispiel auf die vielen vergeblichen Versuche, ein Silicon Valley von oben aus dem Boden zu stampfen, oder auf das "leuchtende Vorbild" eine intervenierenden Staates wie Japan, dass gerade in den letzten Jahren deutlich entzaubert wurde. Gleichwohl konzediert auch der Economist, dass Frau Mazzucato eine wichtige Rolle des Staates angesprochen hat, die insbesondere vor dem Hintergrund angespannter Staatshaushalte nicht in Vergessenheit geraten darf. Nur staatliche Interventionen garantieren eine langfristige Perspektive, die über kurzfristig Gewinnerwartungen hinausgehen. Schon jetzt ist absehbar, dass der Graben zwischen den reicheren, noch weiter in FuE investierenden und den ärmeren, ihre Innovationsausgaben reduzierenden Staaten breiter wird.

Eine ganz andere Rolle des Staates hat NESTA in einem Diskussionspapier vom Januar 2013 angesprochen, dass mit Systems Innovation betitelt ist. Hier geht es um systemische Veränderungsprozesse, die auch von innovationspolitischen Erfolgen - neuen Produkten und Dienstleistungen - beeinflusst sind. Innovationspolitik ist zunehmend nicht allein von technischen Innovationen, sondern von gesellschaftlichen Herausforderungen getrieben, zu deren Bewältigung FuE-Politik beitragen kann. In Deutschland hat die Hightech-Strategie der Bundesregierung diesen Weg verfolgt. Die sogenannten Zukunftsprojekte der Hightech-Strategie sollen dazu dienen, Innovationsprozesse auf solche Themen zu fokussieren, in denen gesellschaftliche Herausforderungen wie der Klimawandel zu bewältigen sind. Der Staat hat in solchen Vorhaben eine eher vermittelnden, moderierende Funktion in systemischen Veränderungsprozessen. Die OECD untersucht die entsprechenden Herausforderungen und ersten Erfahrungen seit 2012 in einem aktuellen Projekt zu "Systems Innovation". Ein erster Bericht ist für die zweite Hälfte 2014 zu erwarten.

Freitag, 6. September 2013

Bundestagswahl und Wahlforschung

Nur noch zwei Woche  bis zur Bundestagswahl, da ist die Spannung ob der drohenden Wahlergebnisse für manchen kaum noch auszuhalten. Innovative Ansätze verkürzen uns die Wartezeit und versprechen schon heute die Ergebnisse von Übermorgen. Entweder ganz altmodisch auf Umfragedaten basierend (die aktuellesten aggregierten Daten finden sich zum Beispiel beim Economis oder in der Onlineausgabe der Süddeutschen, interessanterweise für den 5.9. (letzte verfügbare Ergebnisse) mit entscheidend abweichenden Ergebnissen zu einer schwarz-gelben Mehrheit), oder auch mit ganz neuen und abgefahrenden Ansätzen. Ein Artikel der Süddeutschen von Anfang August stellt eine Reihe neuer Prognoseinstrumente vor, zum Beispiel den
Wahl-O-Meter oder auch die Wahlwette. Eine Übersicht übersogenannte Prognosemärkte findet sich bei PollyVote. Auch ein Video der Onlineausgabe der ZEIT stellt neue Progonseinstrumente vor. Neu im Angebot hat die Süddeutsche seit kurzem einen Trendmonitor der Parteien für Sozial Media. Immer wieder spannend sind auch die statistischen Modelle, so z.B. ein neues statistisches Modell von Mark Kayser und Arndt Leininger und ein weiteres Modell von von Thomas Gschwend und Helmut Norpoth. Ein kombiniertes Modell ist PollyVote von der LMU München, welches ganz unterschiedliche Prognoseansätze zu einem gesamtmodell verbindet.

So richtig schlau wird man aus den ganzen Modellen aber auch nicht: Mark Kayser und Arndt Leininger berechnen einen Sieg der aktuellen Koalition mit 47,5%, Thomas Gschwend und Helmut Norpoth berechnen einen schwarz-gelben Sieg mit 49,7%, PollyVote sieht Schwarz-Gelb bei 45,5% und damit auch kanpp in der Mehrheit, bildet aber auch gnz gut die Bandbreite der Einschätzungen der verschiedenen Prognoseansätze ab. Es wird also vermutlich hauchdünn für Schwarz-Gelb, da werden dann auch Überhangmandate etc. eine wichtige Rolle spielen, womit wir mit unserer neugier so weit wie zuvor wären.

Das ZDF bricht mit einer Tradition und veröffentlicht Umfragedaten noch drei Tage vor der Wahl, was aber auf das Wahlverhalten Einfluss haben könnte oder auch nicht. Sind dann damit die oben genannten Prognosen hinfällig, wenn die (öffentliche) Beobachtung das beobachtete Objekt selbst verändert? Oder ist das sowieso alles Kaffesatzleserei? Weiß wenigesten der NSA, was wir wählen? Ich bleibe verwirrt, daher zum Abschluss noch ein Cartoonistischer Kommentar aus dem Spiegel zur Verlässlichkeit von (Wahl-) Statistiken...

Update:
Ein Blogbeitrag von Blick Log wagt heute noch einmal eine aktuelle Prognose und lob dabei Wahlbörsen als aussagekräftigstes Vorhersageinstrument. Interessant auch die früheren Blogartikel von Blick Log zum sogenannten Social Forecasting. Zur Bayernwahl kam allerdings auf ein eher schlechtes Abschneiden der Wahlbörsen

Donnerstag, 29. August 2013

Singularität



Massive Open Online Courses (MOOCs) sind zurzeit ein herrliches Modethema. Sie werden als gute Ergänzung zum klassischen "analogen" Lehrbetrieb gesehen (zum Beispiel ein Artikel in der ZEIT vom Juni), sie werden als mögliche Bedrohung wahrgnommen (MOOCs bedrohen kleinere US-Unis), oder auch als Geschäftsidee (MOOCs als Gründungsidee für Deutschland). Ganz aktuell wirbt zum beispiel das Hasso-Plattner Institut für sein Online-Angebot (Großer Erfolg des Hasso-Plattner Instituts). Aber eigentlich spielen sie noch keine Rolle.

Grundidee der MOOCs ist es, digitale Medien zu nutzen, um eine möglichst breite Onlinegemeinde an Lerneneden mit seinem Lehrangebot zu beglücken. Damit eröffenn sich ganz neue Gelegenheiten für Lernende, an sehr renomierten Hochschulen Kurse zu besuchen und Abschluss zu machen. Und für die Universitäten gibt es - so die Beführworter - die schöne Hoffnung, viel zusätzliches Geld zu machen.

Irgendjemand muss die ganzen Abschlüsse allerdings auch abnehmen, muss die Klausuren bewerten und die Aufsätze lesen. Mit automatisierten Multiple-Choice Test kommt man da - insbesondere in den Sozial- und Geisteswissenschaften - nicht immer weiter. Bei der sehr großen Zahl an Teilnehmern ist die individuelle Bewertung eine echte Herausforderung. In den USA, dem Mutterland der MOOCs, wird nun die automatische Benotung von Aufsätzen durch ein Computersystem ausprobiert, wie in einem aktuellen Beitrag des Deutschlandfunk beschrieben wird. Dabei ist das Vorgehen zweigleisig. Zum einen benoten sich die Lernenden als "Crowd" gegenseitig, zum anderen bewertet ein Computeralgorythmus und gleicht seine Note mit derjenigen der menschlichen Bewerter ab. Noch ist dieses System relativ "dumm", es lernt aber von der Crowd. Im Artikel wird aber auch gleich deutlich gemacht, dass sich Nutzer und Kommentatoren durchaus die Frage stellen, wie sie das System am besten betrügen können. Je länger der Aufsatz, je mehr Zitate, desto besser werden die Noten...

Lernprozesse im Anwendungsfeld Bildung sind für IKT-basierte Systeme keine Seltenheit mehr. Gerade bei Sprachtechnologie kommen Crowd-basierte Ansätze zu Einsatz, wie zum Beispiel ein Artikel zu Duolingo in BRAND EINS zeigt. Textcorpora wurden in der Sprachtechnologie schon lange genutzt, Systemlernen ebenfalls, wenn z.B. Spracherkennung vom Nutzer trainiert und so die Erkenngenauigkeit verbessert wurde. Auch bei Suchmaschienen spielen "lernende" Systeme eine immer größere Rolle, wenn zum Beispiel Suchallgorythmus unsere Vorlieben kennen lernen (über die Vor- und Nachteile habe ich bereits früher gebloggt).

Interessant wird diese Entwicklung, wenn man die lernenden Systeme weiter denkt und das Konzept der MOOCs und der "automatischen" Benotung auf die Spitze treibt. Irgendwann sind die Systeme so schlau, dass man Menschen (außer als Lernende, als Kursteilnehmer) kaum noch braucht. Wenn Menschen die künstliche Intelligenz nicht mehr betrügen können, dann ist vielleicht der Moment der Singularität gekommen. Das wäre so etwas wie ein umgekehrter Turing-Test. Dazu passt eine Meldung aus Japan, in der ein alternativer Turing Test (der sogenannte Tokyo-Test) KI-Systeme in Aufnahmeprüfungen einer berümten japanischen Universität schicken. Sollten sie diesen bestehen, wären sie wirklich intelligent. Sollten sie diesen Test kontrollieren, wären sie es womöglich auch. oder ist da möglicherweise gar kein Unterschied?

Donnerstag, 22. August 2013

Wissenschaft vs. Politikberatung

Liegt es daran, dass Wahlkampf ist in Deutschland? Die Rolle der Wissenschaft in der Politikberatung ist zumindest wieder in der Diskussion, seit die ZEIT die Rolle der Auftragsforschung thematisiert, als Aufmacher mit einem provokanten Kaninchenpärchen in eindeutiger Pose. Die unterschwellige Botschaft war: die Wissenschaft prostitutiert sich für Politik und Wirtschaft und liefert Gefälligkeitsgutachten.

Nicht nur in Zeiten des Wahlkampfes scheint es tatsächlich für jedes politische Statement ein passendes wissenschaftliches Gutachten (und das entsprechende Gegengutachten zu geben). Die Zeit argumentierte in ihrem Artikel insbesondere strukturell und prangerte Stiftungsprofessuren und ähnliche Abhängigkeitsverhältnisse an. In einer Replik in der FAZ vom 14.8. argumentierte hingegen Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband, dass das Verhältnis von Grundfinanzierung und Drittmitteln ausbalanciert sei und Stiftungsprofessuren nur einen sehr kleinen Teil der Hochschullandschaft ausmachten.

Von einer anderesn Seite her näherte sich dann die ZEIT in einem Onlineartikel vom 18.8. erneut dem Thema, diesmal mit einem Interview mit dem Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster, der von seinen Erfahrungen bei der Erarbeitung von Auftragsstudien für die Politik berichtete. Grundsätzlich verteidigte er die Auftragsforschung, die einen notwendigen Beitrag in der wissenschaftlichen Politikberatung spielt. Er schilderte aber auch, wie durch die Auswahl der richtigen Datenquelle, der passenden Beobachtungszeitraumes oder der geeigneten Interviewpartner Daten und Aussagen generiert werden, die mehr oder weniger die jeweiluige politische Botschaft stützen.

Die Berlin-Branendburgische Akademie der Wissenschaften hatte sich in einem Projekt bereits zwischen 2004 und 2008 ausführlich mit dem Thema und der Problematik der wissenschaftlichen Politikberatung aueinandergesetzt. Ziel des Projektes war es, einen Leitfaden mit Kriterien „guter Politikberatung“ sowie weitergehende konkrete Vorschläge für gesetzliche Regelungen zu erarbeiten.

Letztlich geht es um die Grundlagen einer evidenzbasierten Politikgestaltung, die auf wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnissen über die Gestaltungsräume und Wirkungen politischen handlens basieren soll. Hierzu gehören Regeln zu einer qualifizierten, möglichst objektiven Politikberatung ebenso wie die Fähigkeit der Politikgestalter, entsprechenden rat zu suchen und zu verwerten. Die EU hatte ein eigenes Forschungsprojekt initiert, um die Politik bei der Nutzung von wissenschaftlichen Egebnissen für die Politikgestaltung mit geeigneten Tools zu unterstützen.

Für die breite Öffentlichkeit bleibt allerdings allzu oft die verwirrende Tatsache, das sich wiedersprechende Aussagen von entsprechenden wissenschaftlichen Gutachten und Studien belegt werden. Nicht weit ist dann zum vermeindlichen Churchill-Zitat von den Statistiken, denen er nur glaube, wenn man sie auch selbst gefälscht habe. Das Zitat ist nicht echt, es belegt eher das Vorurteil gegenüber dem Umgang mit wissenschaftlichen Ergebnissen im politischen Raum als das tatsächliche Handeln. Ausnahmen bestätigen aber auch hier die Regel...

Nachtrag:
Mittlerweile ist ein interessanter Blogbeitrag erschienen, der sich mit den Wirtschaftswissenschaften und Politikberatung auseinandersetzt. Angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise ja ein durchaus naheliegendes Thema. Eine Studie hatte gezeigt, dass Spitzenforschung und Politikberatung in den Wirtschaftswissenschaften in der Regel eher nicht zusammenfallen...

Dienstag, 6. August 2013

Frankenburger und soylent green

Gestern erschienen die ersten Meldungen über künstliches Fleisch, das - aus Muskelzellen auf der Petrischale gewachsen - als Burger in London der staunenden Öffentlichkeit präsentiert wurde. Das Medienecho war eher geteilt, britische Medien sprachen unter anderem vom Frankenburger. Teil der Meldung - vielleicht sogar der Anlass für das große Medieninteresse - war die Mitfinanzierung des Projekts durch Google-Gründer Sergey Brin, sozusagen der Brückenheilige der Innovation.

Ernährung ist ja ein durchaus interessantes Feld der Innovation mit weitreichenden Folgen. Napoleon lobte einstmals einen Preis für neue Konservierungsmethoden aus und belegte damit die Wichtigkeit des Themas für die Kriegsführung. Natürlich spielten Ernährungsfragen auch immer schon für die Gesundheitsfürsorge eine zentrale Rolle - heute sucht die Lebensmittelindustrie diese "natürliche" Funktion mit functional food weiter zu bedienen. Ohne Kühlschrank und Kühlkette wäre der Welthandel mit Lebensmitteln in der heutigen Form nicht denkbar.

Insgesamt sind echte Nahrungsmittelinnovationen aber eher selten, eigentlich essen wir doch weitgehend das selbe wie unsere Großeltern. Der Anteil der Innovationsausgaben am Branchenumsatz betrug in der Lebensmittelindustrie zuletzt nur magere 1,4%. Vielleicht hatte die Molekularküche ja nur aus Mangel an echten Innovationen so einen durchschlagenden Erfolg - wenn auch nicht in jedermanns Küche (zu umständlich und Geräte-intensiv), aber doch in der Gourmetliteratur.

Auch andere Lebensmittelforschung auf der Suche nach dem Ersatz für das blutige Steak adaptiert eher Essgewohnheiten, die andernorts nicht neu sind. Insekten als Eiweißlieferanten sind uns Mitteleuropäern weiterhin fremd, in Afrika und Asien aber keineswegs exotisch. Aber auch bei dieser Innovation liegt der Teufel scheinbar im Detail....

Auf jeden Fall sind Ernährungsinnovationen mit viel Emotionen belegt, wie das Essen ja insgesamt. Künstliche Lebensmittel wie die sprichwörtliche Astronautenkost standen einmal für die Zukunft schlechthin, künstliche Aromastoffe hingegen sind heute eher der Beweiß, dass nichts mehr so ist wie in der guten alten Zeit. Eine ganze Bio-Branche lebt davon, sich von der Alltagslebensmittelerzeugung abzusetzen.

Angesichts des eingangs geschilderten künstlichen Fleisches fragte der Guardian gleich, in welchem Land den eigentlich am meisten Fleisch gegessen wird. Deutschland zieht da gleichauf mit Großbritannien. Den Fleischkonsum hinterfragte jüngst. auch der Fleischatlas der Böll-Stiftung. Den Wahlkampf bereicherte Renate Kühnast gestern in der Bildzeitung mit der Forderung nach einem Veggy-Day. Da stellt sich schon die Frage, ob Vegetarier das künstliche Fleisch essen dürfen oder nicht - Tiere sterben deshalb auf jeden Fall nicht.

Dazu muss der Frankenburger aber erst einmal massenmarkttauglich sein, und das scheint noch etwas zu dauern. Ich muss bei dem Frankenburger dann doch an einen Klassiker der Filmgeschichte denken, nämlich an soylent green ...