Dienstag, 5. April 2016

US-Wahlkampf und Innovationspolitik

Im Moment beherrscht ja der US-Vorwahlkampf die Medienberichterstattung auch in Deutschland. Ein scheinbar untypischer Vorwahlkampf, in dem zur Zeit noch die extremen Positionen von rechts und links bei Republikanern und Demokraten dominieren. Wir in Deutschland können dieses Theater aus gebührlicher Distanz leicht amüsiert verfolgen, aber es ist zugleich ein Zeichen für die Verunsicherung der Mittelschicht nicht nur in den USA. Dazu passen zwei aktuelle Studien zum Thema Innovation und Industriepolitik, die gerade publiziert wurden.
Wie der Economist mit Verweis auf eine aktuelle Studie aus Zürich zeigt, führt die Globalisierung tatsächlich kurz und mittelfristig zu Verlierer auch in eigentlich starken Volkswirtschaften- wer hätte das gedacht. Und das sind vor allem die Wähler von Sanders und Trump.
Vermutlich wird die Hoffnung auf eine Trendwende, also eine Rückverlagerung der industriellen Produktion in die traditionellen westlichen Industrienationen, das sogenannte reshoring, nicht die erhofften Effekte bringen. Zumindest legt dies ein aktuelle Arbeitspapier der OECD nahe.
Ein interessantes Detail des US-Wahlkampfes ist außerdem, von wem die jeweiligen Kandidaten unterstützt werden. So berichtet dieser Artikel davon, dass Hillary Clinton im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Obama nicht mehr von den Internetkonzernen aus Kalifornien unterstützt, wird zumindest nicht in dem Maße, wie dies bisher der Fall war. Interessant finde ich das deshalb, weil die entsprechenden Protagonisten nach unserem europäischen Rechts-Links-Schema eher dem linksliberalen Spektrum zu verorten wären, also den Demokraten nahestehen müssten. Auf der anderen Seite ist das ein Milieu, indem die Vorstellung dominiert, dass der Einzelne eher in der Lage ist, die wesentlichen Probleme zu lösen, als der Staat. Das ist ja bis zu einem gewissen Grad auch die Heilsversprechungen der großen Internetkonzerne, das nämlich sie (alleine?) in der Lage sind, die Herausforderungen der Welt zu meistern, für die der Staat keine Lösungen gefunden hat. Besonders eindrücklich ist diese Haltung in einem Feature das Deutschlandfunk nachgezeichnet das vor gut einem Jahr auf Sendung ging und den schönen Titel "Hippies und Cyberspace" trug (und hier nachgehört werden kann).
Das US-Wissenschaftsmagazin Science hat kürzlich einen Artikel dazu veröffentlicht, wie die Kandidaten zu unterschiedlichen Fragen der Wissenschaft- und Forschungspolitik stehen. Wirklich kontrovers sind vor allen Dingen die Themen, die sowieso relativ heiß umstritten sind in Amerika, also Forschung für den Klimawandel (falls es den überhaupt gibt, für manche der Kandidaten ja eher nicht...). Und alles, was mit Stammzellen und Eingriff in die Keimbahn zu tun hat, da geht es natürlich auch um das Thema des Schutzes des ungeborenen Lebens. Insgesamt scheint auch das Thema Forschungspolitik deutlich weniger konsensorientiert diskutiert zu werden als in Deutschland. Das zeigt auch die Berichterstattung um den neuen Haushalt des Präsidenten zu Forschung, wie er hier diskutiert wird. Aber da ist das amerikanische System mit Präsident und Kongress auf zwei Seiten, die den Haushalt diskutieren und verabschieden, halt insgesamt deutlich konflikthafter. Manchmal würde man sich in Deutschland ja durchaus eine etwas lebhaftere politische Debatte um die Forschungspolitik wünschen.

average is over

Tag 1 nach einem denkwürdigen Wahlsonntag. Fast 25% für die AfD in Sachsen-Anhalt. Die internationalen Kommentatoren überschlagen sich. Hat Deutschland jetzt auch ereilt, was in vielen anderen europäischen Ländern bereits Alltag ist, der Aufstieg rechter Parteien vom Splitterdasein zur politischen Relevanz?
Der Aufstieg der AfD hat sicher ganz viel mit der Flüchtlingskrise zu tun, aber erklärt das wirklich alles? In leider ziemlich vielen europäischen Ländern nimmt ja die Rechte seit längerem schon beständig zu. Eine jüngst erschienene Studie versucht dies mit den Auswirkungen der Finanz und Wirtschaftskrise zu erklären. Die Analyse der letzten 140 Jahre habe gezeigt, dass nach wirtschaftlichen Krisen rechte Parteien immer einen stärkeren Zulauf haben. Okay, für Frankreich kann ich mir das gut vorstellen, aber Deutschland ist ja eigentlich recht gut durch die Finanzkrise gekommen. Allerdings steht Ostdeutschland wirtschaftlich gesehen deutlich schlechter als der Westen der Republik da, und in Ostdeutschland haben rechte Parteien einen deutlich höheren Zulauf. Einen gewissen Erklärungsgehalt scheint die Krisenhypothese also schon zu haben.
Für die Zukunft verheißt das allerdings schlechte Zeiten. Denn möglicherweise hat diese Entwicklung einiges mit der Digitalisierung zu tun. Und das ist dann auch zu die Brücke zum Thema meines Blogs. Denn das ist hier ja ein Innovationsblog und kein Politikblog.
Heute wurde auch die CeBIT eröffnet, und Bundesminister Gabriel stellte seine neue Digitalisierungsstrategie vor (was zu folgendem eher enttäuschten Kommentar führte). Seid spätestens zwei Jahren ist Digitalisierung das Megathema, auch für die Bundesregierung. Digitalisieren wird alles verändern, das Arbeitsleben (siehe Arbeit 4.0), die wirtschaftlichen Chancen großer und kleiner, alter und neuer Unternehmen, und auch die Kommunikation über Politik und die Mobilisierung der Gesellschaft.
Die Digitalisierung wird auch für ein erhebliches Potenzial zu mehr Ungleichheit verantwortlich gemacht. Interessanterweise wird unsere Welt ja immer gleicher, allerdings eher zwischen Staaten und nicht innerhalb nationaler Gesellschaften. Da nimmt die Ungleichheit eher zu, das ist ein weiteres Megathema. Geradezu mit morbidem Vergnügen werden fast im Wochenrhythmus neue Studien dazu veröffentlicht, wie die Digitalisierung die Mittelschicht auf breiter Front aushöhlen könnte. Das muss natürlich nicht so kommen, aber wer weiß? Die Kommentatoren des amerikanischen Vorwahlkampfes scheinen sich auch sicher zu sein, dass Arbeitsplatzverluste durch die Industrialisierung und Automatisierung mit zur Radikalisierung des Vorwahlkampf beigetragen haben. Früher hätte man wohl von  Modernisierungsverlierern gesprochen. Heute oder spätestens morgen ist es möglicherweise eher die digitale Spaltung der Gesellschaft in digitale Gewinner und digitale Verlierer.
Das kann dann ganze Regionen betreffen. Ein Artikel im Economist verweist aktuell auf das zunehmende Auseinanderdriften der amerikanischen Bundesstaaten. Diejenigen Bundesstaaten, in denen aufstrebende Städte liegen, in denen sich Technologiefirmen ansiedeln, wo Forschungszentren prosperieren, haben ein deutlich höheres Wirtschaftwachstum als andere Bundesstaaten, die systematisch abgehängt werden.
Droht uns sowas auch in Deutschland, schon jetzt ist ja ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen den Bundesländern zu beobachten, zum Beispiel was die FuE-Quote angeht? Wird hier vielleicht sogar ein sich selbst verstärkender Teufelskreis in Gang gesetzt? Der BDI verweist in seiner ersten Reaktion zur gestrigen Wahl darauf, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland durch Erfolge der AfD nachhaltig gefährdet sein könnte. Das trifft auf einige Regionen sicher noch stärker zu als auf andere. Und in Dresden beschwören die dort ansässigen Forschungsinstitute, dass international renommierte Forscher immer schwerer für Ostdeutschland zu gewinnen sind.
Hier nur von den Folgen der Digitalisierung zu sprechen ist sicher arg verkürzt. Aber die digitale Postmoderne weist auf jeden Fall einigen sozialen Sprengstoff auf, der sich politisch sehr unschön entladen könnte.
Der Economist übrigens schließt seinen Artikel mit einem Verweis auf das 2013 erschienene Buch von Tyler Cowen "average is over". Ich habe es noch nicht gelesen, aber der englischsprachigen Wikipedia zufolge scheint das eine eher gruselige Dystopie zu sein. Oder doch ein realistischer Blick in die Zukunft?
P.S. im weiteren Sinne zum Thema gibt es einen Haufen weiterer interessanter Link:
Wie das Risiko von Jobverlust und die Neigung, Republikaner zu wählen, in den USA korrelieren
Eine in meinen Augen nur halb gelungene Foresight-Studie zur Zukunft der Arbeit in Zeiten der Digitalisierung und mögliche soziale und politische Konsequenzen

Samstag, 2. April 2016

Rechte Innovationsgefährder

Ich muss es zugeben, ich hatte mich aufgeregt. Ich las einen Artikel dazu, wie die AfD für Startups zu bewerten ist. In der Gründerszene wurde das vorläufige Parteiprogramm der Partei analysiert, und wie nicht anders zu erwarten, fiel das Ergebnis ziemlich negativ aus. Zwar spreche sich die Partei für Marktwirtschaft, für die digitale Wirtschaft und für den Abbau von Bürokratie aus. Der nationalistische Grundton, die Fremdenfeindlichkeit und die Ablehnung aller internationaler Orientierungs widerspräche aber jedem Gründergeist. Na klar! Was hatten die denn erwartet? Schon jetzt gab es ja alle überall in den Zeitungen Berichte darüber, wie der Osten Deutschlands, insbesondere Sachsen und Dresden, immer unattraktiver für Touristen, Investoren und ausländische Wissenschaftler wird. Musste man da wirklich seriös tun und ein vorläufiges Parteiprogramm analysieren? Hallo?

Etwas erschreckt hat mich dann doch die Haltung der Parteien zum Klimawandel. Die Süddeutsche berichtet, wie die AfD den Klimawandel leugnet, und das hätte ich nun wirklich nur in den USA erwartet. Ideologiegetriebene Verdrängung wissenschaftliche Erkenntnisse.

Ich fürchte, im nächsten Innovationsindikator oder der nächsten EFI-Studie wird die rechte Gesinnung und die darauf aufbauende nationalistische und wissenschaftsfeindlichen Orientierung in Ostdeutschland ein echter Gefährder für den Innovationsstandort Deutschland sein.

Freitag, 1. April 2016

Tay 2

Heute hat die Süddeutsche noch einmal die Abenteuer von Tay, Microsofts Chatbot, in einem Feuilleton-Artikel aufgegriffen, auf den ich schon in meinem letzten Blog eingegangen bin. Es ist der bisher lustigste und tiefsinnigste Artikel, den ich zu dem Thema gelesen habe. Tay wurde ja eine Art Gehirnwäsche unterzogen. Die Süddeutsche kommentiert das in ihrem Untertitel: "Wie praktisch: Rassistische Beleidigungen in sozialen Medien kann man jetzt auch maschinell erledigen lassen." Natürlich ist das schon längst der Fall, alle möglichen Bots tummeln sich in sozialen Netzwerken, schreiben Kommentare und manipulieren die scheinbare Lesermeinung. Ein Projekt zu sozialen Bots wird zum Beispiel zur Zeit im Rahmen der Innovation und Technik Analysen des BMBF gefördert. Auch der eingangs zitierte Text der Süddeutschen geht auf dieses Phänomen einen und rät dem Nutzer, eine Art Tuning-Schnelltest anzuwenden, wenn man sicher gehen möchte, dass man es mit einem Menschen und nicht mit einer Maschine zu tun hat.
Gibt man sich aber, zumindest bei einem wohlwollenden und vielleicht sogar ganz charmanten Chat-Programm, der Illusion hin, es mit einem intelligenten gegenüber zu tun zu haben, so eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten der virtuellen sozialen Interaktion. Wir werden es demnächst mit vielen solcher Dialogmöglichkeiten zu tun haben, zumindest, wenn Microsoft seine Pläne realisiert, die der Konzern auch just in diesen Tagen praktisch zeitgleich vorgestellt hat ( Zufall, raffinierte Strategie oder PR-GAU?). Cortana, sozusagen das Siri von Microsoft, soll demnächst in alle möglichen Apps und Anwendungen einfließen, und soll sogar an Drittenutzer lizensiert werden.
Wird das eine Art immaterieller Aibo, ein treuer Freund und Begleiter durch alle Lebenslagen? Wird die Vereinsamung, die uns als Online-Shopper auf dem Sofa bedrohte, durch nette Chat-Robots aufgebrochen? Tauchen wir bald ein in die schöne neue virtual reality künstlicher Freunde, die auch den introvertiertesten Nerd zu einem echten sozialen Wesen machen?
Oder wird es uns gehen wie Theodore aus dem Film von Spike Jonze? Werden wir uns in unsere neue künstliche Freundin verlieben? Wird das das Ende aller echten sozialen Kontakte sein? Wozu noch raus auf die Straße und mit wirklichen Menschen sprechen? Wozu das Risiko muffiger Antworten und schnippische Kommentare eingehen? Lieber Säusellevel 4 eingeben und einen netten Plausch mit dem Smartphone halten.
Bis dahin muss Microsoft allerdings noch dafür sorgen, dass unser netter digitaler Partner nicht durch die bösen Menschen verdorben wird.

Samstag, 26. März 2016

Microsofts Frankenstein-Chatbot oder von de Verführung durch eine schlechte Welt

Ziemlich genau 200 Jahre ist es her, dass Mary Shelley in einem romantisch, kalten Sommer am Genfer See Frankensteins Monster schuf. Der Stoff ist zig-mal mal verfilmt worden, und meist war die Pointe, dass das Monster ursprünglich nur ein wehrloses, hilfloses, kindhaftes Wesen war, das erst durch die Erfahrung mit den grausamen Menschen selbst zum Monster wurde.


Nun hat dieses Schicksal ein anderes Wesen ereilt, Microsofts Chatbot. Tay war ein lernendes Programm, das über den Dialog mit seiner Umwelt neues Wissen aufnehmen und in neue Dialoge einspeisen sollte. Was da über kurze Zeit bei raus kam, war für Microsoft so schrecklich, dass das Programm erst einmal in einen künstlichen Schlaf versetzt wurde.

Der NewYorker schreibt: "I've seen the greatest A.I. mind of my time destroyed by Twitter". Die Zeit meint: "Twitter Nutzer machen Chatbot zur Rassistin. "

Tja,  wie fies Menschen zu Maschinen sein können haben wir ja erst kürzlich sehen können:


Sonntag, 13. März 2016

Daten für die Innovationsforschung

Im Februar war ich in Brüssel, zu einer sogenannten mutual learning exercise. Das ist ein neues Austauschformat der Europäischen Kommission, bei dem sich Mitgliedstaaten treffen, um sich über ihre Erfahrungen bei der Umsetzung ihrer nationalen Innovationspolitiken auszutauschen. Es gibt zur Zeit mindestens drei parallel laufende exercises zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten, ich war bei einem Auftaktworkshop zum Thema impact assessment. Die Idee ist ausserdem, dass nicht alle Mitgliedstaaten mitmachen müssen, sondern nur diejenigen, die Interesse am Thema haben. In unserem Fall war das eine Kerngruppe von fünf Mitgliedstaaten und einige Beobachter, auch assoziierte Mitgliedstaaten sind zugelassen.
Mit zur Kerngruppe gehören in unserem Fall drei skandinavische Länder, die beim impact assessment wirklich weit voran sind, und von denen Deutschland einiges lernen kann. Ein Grund dafür ist die hervorragende Datenbasis. Dänemark zum Beispiel hatten Unternehmensregister, aus dem man lange Zeitreihen ziehen kann, um die Beteiligung einzelner Unternehmen an Fördermaßnahmen und ihre Wirkung zu untersuchen.
Deutschland steht hier traditionel schlechter da, entsprechende Statistiken gibt es kaum und nicht einmal die Teilnahme an Förderprogrammen wird systematisch zusammengeführt erfasst.
Diese Situation könnte sich noch einmal verschlechtern, gerade habe ich über einen amerikanischen Blogeinträge von der Novellierung des Bundesstatistikgesetzes gelesen, die eine Speicherung von Firmendaten erheblich einschränken wird. Eine Diskussion gibt es in Deutschland zurzeit praktisch nicht dazu, nur einen offenen Brief der deutschen Volkswirte und einen kritischen Kommentar der Baden-Würtembergischen grünen Wissenschaftsministerin Theresa Bauer.
Dann arbeiten wir halt demnächst mit dänischen Daten.

Sonntag, 6. März 2016

digitale Philantrophen

Ich hatte bereits in einem früheren Blogbeitrag über den amerikanischen Wahlkampf und das Verhältnis der Kandidaten zur neuen Technologie-Geldaristokratie berichtet. Während die alte Plutokratie der USA noch recht unverblümt eigene Kandidaten protegiert und damit das politische System direkt beeinflussen möchte (siehe hier einen Hintergrund des Deutschlandfunk), sind die neuen "Techno-Aristokraten" aus Silicon Valley etc. weniger direkt politisch aktiv. Ihr Instrument der Einflussnahme sind Stiftungen, die global Krankheiten bekämpfen oder den Klimawandel eindämmen wollen. Dieser Beitrag von Boston Consulting zeigt schön, wie anders die neuen Philanthropen vorgehen, im Vergleich zu den Milliardären und Spendern des 20 Jahrhunderts. Sie sind radikaler, sie operieren mit den Steuerungsinstrumenten von Startups, sie messen den Erfolg und richten ihre Strategie danach aus.  sie verschieben aber auch das Kräftegleichgewicht, global relevante Entscheidungen und Einflussnahmen werden nicht mehr von demokratisch legitimierten Institutionen getroffen, sondern von privaten Interessen beeinflusst. Und ob die neuen Stiftungen tatsächlich erfolgreicher sind, wird erst die Zeit zeigen.

An anderer Stelle versuchen die digitalen Philantrophen, durch neue Wissenschaftspreise Einfluss zu nehmen und natürlich ihren eigenen Glanz noch heller strahlen zu lassen. Dieser Artikel des New Yorker zeigt schön, wie die Preisstifter dabei scheitern können.

Bei einigen Studien zum Innovationssystem, die zur Zeit in den USA erscheinen, habe ich auch den Verdacht, dass sie zumindest beeinflusst sind durch die Themen des Wahlkampfs. Dies gilt zum Beispiel für diese Studie von ITIF, die demografische Indikatoren des amerikanischen Innovationssystems untersucht und zeigt, wie stark Einwanderer für seine Stärken verantwortlich sind. Angesichts einer Diskussion um Schließung der Grenzen und "America first" sicher ein Teil der Wahlkampfdebatte.

Parallel zum amerikanischen Vorwahlkampf tagt auf der anderen Seite des Globus im Moment übrigens auch der chinesische Nationale Volkskongress. Trotz der Diktatur der Partei hat sich in China so etwas wie ein Kapitalismus entwickelt, der ebenfalls zu großem Reichtum einiger weniger Technologieunternehmer geführt hat. Und auch diese Unternehmer versuchen, Einfluss auf die Politik zu nehmen, so schreibt zumindest dieser Artikel in der digitalen Zeit. Anzunehmen ist allerdings, dass der Einfluss der Politik auf die Unternehmen in China deutlich größer ist als in die andere Richtung, wie wäre es für die USA vermuten können.

digitale Produktivität

Beim Thema digitale Revolution ist zurzeit ein interessantes Paradox in der Diskussion zu beobachten. Einerseits wird mit der Digitalisierung aller Wirtschaft und Gesellschaft Bereiche große Hoffnung verbunden. Wachstumsszenario gibt es aktuell für ganz Deutschland oder zum Beispiel auch für Berlin.
Andererseits wird in den Wirtschaftswissenschaften schon länger das Paradox beobachtet, dass sich die Wachstumseffekte der Digitalisierung in den amtlichen Statistiken nur schwer ablesen lassen. Dies hat zu einigen Vermutung darüber geführt, ob entweder die Digitalisierung doch kein so wichtiger Wachstumstreiber ist wie zunächst gedacht, oder ob es einfach ein wenig länger dauert bis die Effekte auch in der ganzen Wirtschaft sichtbar werden.
Aktuelle Artikel bringen noch einen dritten Aspekt in die Debatte ein. Möglicherweise sind Wachstumseffekte der digitalen Wirtschaft mit den klassischen Instrumenten der volkswirtschaftlichen Rechnung gar nicht so leicht zu messen. Möglicherweise entstehen Güter, die nicht in Euro und Cent übersetzt werden können und nicht in die Berechnung mit einfließen. Dies war wohl auch ein Thema, das auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos diskutiert wurde. Vielleicht hat das Bruttoinlandsproduktes als zentrale Maßzahl ja auch ausgedient.
Ein bisschen bleibt natürlich trotzdem der Eindruck, wir rechnen uns das Leben schön, wenn uns die Daten nicht gefallen. Macht uns die schöne neue digitale Welt nicht reicher, sind wir einfach zu undankbar und messen dem unbegrenzten Zugang zum Wissen der Welt nicht den nötigen Mehrwert bei. Hat nicht jede erfolgreiche Google Anfrage irgendwie doch auch ihren eigenen Wert? Müsste man nicht jedes gratis YouTube Video auch als Geschenk sehen?
Für Deutschland gilt sicher auch, dass die digitale Transformation noch nicht wirklich überall angekommen ist. In diesem Sinne sagt auch die Expertenkommission für Forschung und Innovation, die in der letzten Woche ihr neues Jahresgutachten vorgestellt hat, dass die Umsetzung der digitale Agenda noch zu zögerlich erfolgt.
Und jenseits der Frage, ob die gesamten Volkswirtschaft in nennenswertem Maße von der Digitalisierung profitieren, ist die Frage der Verteilung dieser digitalen Dividende auch noch nicht geklärt. Führt die Digitalisierung zu einem größeren Ungleichheit, wirkt sich dies möglicherweise auch regional aus?
In diesem Sinne sind die Wachstumsszenarien für Berlin, das sich als digitale Start-Up-Metropole Deutschland sieht, vielleicht dann doch nicht so unrealistisch.

P.S. hier kam aktuell noch ein Blogbeitrag von Tyler Cowen rein derauch ziemlich skeptisch hinsichtlich einer reinen Rechenproblematik ist...

Samstag, 5. März 2016

Kein Nachfolger für Amazon?

Bald eröffnet wieder die CeBIT. Neben vielem Technik-Schnickschnack wird es dort auch wieder Stände geben, die zeigen, wie Innovationen in Deutschland gefördert werden. Unter anderem wird sich auf der CeBIT der neue Gründerwettbewerb des BMWi vorstellen, der Gründerwettbewerb digitale Innovationen. Einen solchen Gründerwettbewerb gibt es jetzt seit etwa 18 Jahren, und von Anfang an wird er mit eine Wirkungsforschung begleitet.
Wie viel sich in 18 Jahren ändern kann, zeigt eine neue Studie aus den USA, die mir gestern über den Bildschirm geflattert ist. In der Studie geht es zum Beispiel darum, ob die Strategie, in der Breite Startups befördern, um angesichts einer ungewissen Trefferquote möglichst auch den neuen Superstar, den späteren Amazon, Google oder Facebook im Portfolio zu haben, eine vernünftige Strategie ist. Tatsächlich zeigen ja viele Untersuchungen, dass es auf die wenigen hi-flyer ankommt die Unternehmen, die schnell wachsen und dann auch viele Arbeitsplätze bringen. Der Rest ist eher nice-to-have, es sind die Unternehmen, deren Gründer von Anfang an nicht vorhatten, wirklich schnell und immer schneller zu wachsen, sondern die sich damit begnügen, ihre Geschäftsidee erfolgreich umgesetzt zu haben und mit ein paar Mitarbeiter weiter zu entwickeln.
Für viele positive Effekte, die mit Gründern verbunden werden, ist das auch vollkommen ausreichen. Neue Innovationen schaffen es auf den Markt, Branchen werden durch junge Akteure durcheinandergewirbelt, kreative Zerstörung findet statt. Aber die großen volkswirtschaftlichen Effekte lassen sich mit diesen kleinen, jungen Unternehmen natürlich nicht erreichen, daher sind insbesondere die staatlichen Gründungsvertrag sehr auf die "Gazellen" aus.
Unsere Analysen der deutschen Szene, die wir auch regelmäßig in unserem Trendbarometer veröffentlichen, zeigen, dass auch in Deutschland das ganz schnelle Wachstum für die meisten Gründerinnen und Gründer nicht erste Priorität hat. Aber auch die andere Art von Gründungen gibt es natürlich.
Die eben erwähnte amerikanische Studie zeigt nun, dass der Anteil der schnellwachsenden junge Unternehmen in den USA kontinuierlich zurückgegangen ist. Spätestens seit dem Platzen der Dotcom-Blase werden solche Unternehmen immer seltener. Die Autoren folgen daraus, dass es Unternehmen wie Amazon oder Google heute deutlich schwerer hätten.
Auch das amerikanische Innovationssystem, für Deutschland in Hinblick auf Gründungen immer das große Vorbild, hat also ähnliche Probleme wie hierzulande. Nur ist das möglicherweise dort viel gravierender, weil dieses System voll auf stetige Erneuerung durch Gründungen ausgelegt ist, während Deutschland mit seinem traditionellen innovativen Firmen stärker auf Erneuerung derselben zielt.

Sonntag, 7. Februar 2016

Startup-Alarm

Vor ein paar Tagen übertrumpfte Alphabet, die Firma, die einst Google hieß, zum ersten Mal für kurze Zeit Apple als wertvollste Firma der Welt. Zeitungskommentare wunderten sich ein wenig, dass eine Firma, die nichts Materielles produziert, im Gegensatz zu Apples Handys, Tablets und SmartWatchs, tatsächlich diesen Spitzenplatz erreichen kann. Das Wunder der digitalen Ökonomie... Dabei ist Google mittlerweile mehr als die Suchmaschine: Eine Firma, die autonome Autos entwickelt, die Roboterfirmen kauft, und vieles mehr.
Derade diese Angewohnheit, junge Firmen, aufstrebendes Startups zu kaufen, um sein Geschäftsfeld zu erweitern, um mit den Milliarden, die den Großkonzern zur Verfügung stehen, Entwicklungen zu beschleunigen, macht den deutschen Behörden scheinbar Angst.
Anders ist es nicht zu erklären, dass die Bundesregierung jetzt im Jahreswirtschaftsbericht angekündigt, das Kartellrecht so zu ändern, dass auch junge Firmen, die noch scheinbar ohne wert sind, nur aufgrund ihres zukünftigen Potenzials kontrolliert werden. Man möchte verhindern, dass sogenannte Plattform Firmen, also Google Apple und Co, marktbeherrschende Stellung erreichen, indem sie neue Geschäftsfelder durch diesen Aufkauf schnell für sich entscheiden. Damit die großen Internetkonzerne sich also nicht zusammen kaufen, was sie aus der Portokasse bezahlen können.
Die Kritik der deutschen Startup-Szene war abzusehen. Hier werde ein sowieso sehr schwacher Markt systematisch kaputt gemacht. Ohne Exit-Option wäre es noch schwerer für deutsche Firmen, an Wachstumskapital zu gelangen. Stattdessen sollte sich die Politik lieber bemühen, ihre Hausaufgaben zu machen, und den Startups ein einigermaßen attraktives Umfeld zum Wachsen und Gedeihen zu schaffen.
Die Intention der Bundesregierung ist schon zu verstehen. Es gedeihen nur sehr wenige, kleine, zarte Pflänzchen auf dem deutschen Startup-Acker. Die würde man doch eigentlich gerne zu deutschen Internetgrößen weiterentwickeln, als Gazellen hegen und pflegen. Und wenn sie dann weggekauft werden von den amerikanischen Internet-Giganten, was bleibt dann für Deutschland? Die traditionellen Mittelständler, die sogenannten hidden champions, die aber möglicherweise die Digitalisierung verschlafen?
Solange aber die Bedingungen für ein schnelles Wachstum in Deutschland nicht gegeben sind, bleibt den meisten deutschen Startups nur die Hoffnung, den Exit über den Aufkauf durch die Großen zu realisieren. In diesem Sinne werden tatsächlich letzte Optionen abgebaut durch diese neue Regelung. Wenn sie denn kommt.
P.S.  jetzt geht auch die Diskussion auf Gründerzeit zu dem Thema los, mit einem kritischen und einem wirklich lesenswerten positiven Artikel

Montag, 1. Februar 2016

Randomized Controlled Trials

Aktuell jährt sich die Einführung des Mindestlohns in Deutschland, und damit auch erste Bilanzen, ob hier Jobs flöten gegangen sind oder nicht. Entgegen mancher Unkenrufe wohl nicht, im Gegenteil wurden nicht wenige Minijobs in richtige Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt. Vor einem Jahr war die Aufregung noch groß, und so mancher Ökonom war sich sicher, dass der Mindestlohn der große Jobkiller würde. Jetzt wird sich rausgeredet, zum Beispiel mit der guten Konjunktur. Aber auch für die weitere Entwicklung gehen die Meinungen auseinander. Letztlich kann keiner genau sagen, wo die kritische Grenze liegt, wie hoch der Mindestlohn steigen darf. Man muss es halt ausprobieren, so wie auch der Mindestlohn selbst ein großes Experiment war. (Ähnlich wilde Spekulationen gibt es übrigens zu den Kosten der Flüchtlingskrise.)

Als ich diese Artikel las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Daher kommt also die Begeisterung der Arbeitsmarkt- und Sozialforscher für randomized controlled trials  (rct), die jetzt auch in die Innovationspolitik ausstrahlen. Gerade erst hatte ich im Januar einen Workshop für TAFTIE, das europäische Netzwerk der Innovationsagenturen (oder Projektträger) moderiert. Es war zwar nur einer von vielen Beiträgen, aber der Vortrag vom Innovation Growth Lab aus UK wurde deutlich am längsten diskutiert. Mir wurde erneut deutlich, dass sich rct vor allem für neue Maßnahmen eignet, um kontrolliert, z.B im Rahmen eines Piloten zu klären, wie eine neue Politikintervention eigentlich wirkt.

Darum werden rct auch in der Arbeitsmarktpolitik so gerne genutzt. Weil man eben nicht weiß, ob und wie neue Ansätze wirken. Und das ist in der Innovationspolitik meist anders. Da sind die meisten Instrumente gut bekannt und gut beforscht. Ein bisschen mehr Lust zum Experimentieren würde der Innovationspolitik zwar manchmal ganz gut tun, für das aktuelle Instrumentarium wäre eine Sammlung aller bereits vorliegenden Erkenntnisse und ganz neue Forschungsdesigns wichtiger als das  Abkupfern von Evaluationsdesigns aus der Arbeitsmarktpolitik, die meist nicht wirklich passen. 

Samstag, 23. Januar 2016

Europäischer Innovationsrat

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des europäischen innovationsrats. Zwar ist die Idee nicht ganz neu, sie wurde schon vor ungefähr fünf Jahren zum Beispiel durch die Fraunhofer-Gesellschaft geäußert. Seitdem aber ruhte sie in einem sanften Dornröschenschlaf, bis sie Mitte letzten Jahres durch EU-Kommissar Moedas erweckt wurde. Seitdem dient sie als Projektionsfläche, um allerhand interessante oder abstruse Ideen zu ventilieren, wie Europa seinen Innovationsdefizit beheben könnte.
Soll der Innovationsrat ähnlich wie der Forschungsrat individuelle Stipendien vergeben? Soll er vergleichbar der amerikanischen DARPA als großer Beschaffung gehen, aber für wen und was? Soll der Innovationsrat große Innovationspreise ausschreiben, ähnlich wieder X-Preis in den USA? Oder soll der Innovationsrat als Ratgeber der europäischen Innovationspolitik fungieren, als Expertengremium, ähnlich der deutschen EFI? Im Beratenlassen ist die Europäische Kommission ja eher groß. Oder soll der Rat den großen nächsten Fünfjahresplan der Innovationsförderung, nach asiatischem Modell, entwickeln und durchsetzen?
Ein klein wenig Schwung ist schon in die Debatte gekommen. Beate, der europäische Verband der Gesellschaften für Forschung und Technologie, hat sich in ein Positionspapier positiv zu dem Vorschlag geäußert. Peter Tindemans von Euroscience hingegen kann der Idee nichts abgewinnen Komma aus seiner Sicht braucht es für die Förderung von Innovationen vor allen Dingen privates Kapital. Es gäbe nirgendwo auf der Welt ein vergleichbares öffentliches Gremium. Das stimmt vielleicht nicht ganz, Science/Business zumindest hat eine ganze Reihe von Beispielen zusammengetragen.
Ein wenig scheint mir, als wenn nun eine Diskussion ähnlich der auflegt, die wir schon über das europäische MIT erlebt haben. Wie jeder weiß, kam am Ende das EIT raus, etwas doch ziemlich anderes.
Wer sich an der Diskussion beteiligen möchte, kann das jetzt tun. Science/Business hat gerade auch eine Umfrage veröffentlicht, in der jeder seinen Senf dazu geben kann.

Samstag, 16. Januar 2016

Daten und arabischer Frühling

Die Weltbank hat gerade einen interessanten Artikel zu Stärken und Schwächen von Daten bei der Interpretation politischer Situationen veröffentlicht. Anlass sind 5 Jahre arabischer Frühling. Dieser kam damals ziemlich plötzlich, zumindest aus Sicht der politischen Entscheider, die eigentlich von einer relativ stabilen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in den Ländern Nordafrikas ausgingen. Dazu verleiteten zumindest die klassischen Daten wie Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes, Kindersterblichkeit, Alphabetisierungsraten und ähnliches. Gleichzeitig waren andere Daten zur subjektiven Einschätzung der eigenen Lebenssituation, wie die Weltbank in Ihren Artikel zeigt, deutlich abgerutscht. Ein Anzeichen dafür, dass die Länder eine Krise  entgegentaumelten? Aus dem Rückblick ist dies leicht gesagt. Damals wurde den Beratern der Weltbank von den politischen Entscheider Nordafrikas entgegengehalten, dass die objektiven Daten doch sehr positiv sein.

Man kann diese Daten allerdings auch anders interpretieren. Vor 4 Jahren, zum ersten Jahrestag der arabischen Revolution, erschien in der Zeit ein erstes Resümee, in dem der französische Soziologe Emmanuel Todd zu Wort kam. Dieser hatte mit eben jenen Daten zu einer steigenden Alphabetisierungsrate, sinkende Geburtenraten und ähnlichen soziodemografischen Trends vorausgesagt, dass sich ein Potenzial für soziale Unruhen in den arabischen Ländern aufbauten.

Noch stärker auf einen einzigen soziodemografischen Faktor verweisen Vertreter der sogenannte youth bulge -These wie Gunnar Heinsohn, die den Überschuss an insbesondere jungen Männern in den arabischen Ländern als Ursache für den arabischen Frühling ausgemacht haben. Die Zeit hatte Heinsohns Thesen bereits 2004 mit Verweis auf andere Studien sehr kritisch kommentiert.

Man muss aufpassen. Hier kommen zwei verschiedene Diskussionsstränge Zutaten zusammen. Auf der einen Seite werden Daten als Indikatoren genutzt, um bestimmte Situation richtig zu interpretieren. Zum Beispiel für die subjektive Einschätzung der eigenen Lebenssituation.  Auf der anderen Seite verweisen Daten auf mögliche Faktoren, die zu diesem Situation geführt haben. Sind z.B.  junge Männer in großer Zahl Schuld an sozialen Unruhen? Ist ein höherer Bildungsgrad, der sich an einer entsprechend steigenden Alphabetisierungsrate ablesen lässt, Ursache für mehr politische Beteiligung?

Da vermutlich nicht ein einziger Faktor zum Arabischen Frühling  geführt hat, wird es schnell unübersichtlich. Es gibt eine ganze Reihe von "Stressfaktoren", die zu einer Situation führen, die plötzlich in einer Revolution mündete. Als Stressfaktoren im Zusammenhang mit dem arabischen Frühling genannt wurden natürlich diktatorische Regime, aber auch durchaus der Klimawandel.

Als Frühindikatoren eignen sich diese Faktoren allerdings nicht. In manchen Ländern führen sie zu Umwälzungen, in anderen nicht.

Einen anderen Weg gehen Ansätze der Big Data Analyse sozialer Systeme, wie sie beispielsweise im Projekt FutureICT in Zürich bearbeitet werden sollten. Äußerungen in sozialen Netzwerken sollen hier ausgewertet werden, um Ereignisse wie den arabischen Frühling vorauszusagen. Interessanter Weise ist der geistige Vater des Projekts Dirk Helbing einer der Initiatoren des "digitalen Manifests", über das ich kürzlich berichtete. Dort wird gerade vor der politischen  Manipulation mithilfe digitaler Werkzeuge gewarnt. Ein gewisser Widerspruch?

Samstag, 9. Januar 2016

Künstliche Schönheit

Digitale Technologien und Schönheit stehen ja in einem recht ambivalenten Verhältnis zueinander. Schaut man auf die Cover von Zeitschriften, so schauen einen lauter mit Digitaltechnik künstlich schöner gemachte Menschen an. Keine Fältchen, die Proportionen etwas zurecht gerückt, Photoshop oder ähnliche Programme machen praktisch alles möglich.
Gestern nun schaffte es eine neue Software in zahlreiche Online-Ausgaben (z.B. hier und hier), die nicht Schönheit produziert, sondern Schönheit erkennt. Ein Projekt der ETH Zürich, in Zusammenarbeit mit einer Partnerbörse. Der Algorithmus erkennt nicht nur, ob ein Gesicht schön ist, sondern kann auch Geschlecht und Alter einschätzen. So zumindest die Hoffnung seiner Schöpfer. Ich habe es ausprobiert, zwischen 32 und 42 hat mich der Algorithmus geschätzt. Ja, männlich bin ich, und auch zwischen 20 und 60. Aber die Einschätzung meiner Schönheit, da war ich doch anderer Meinung. Aber es ist ja noch ein Forschungsprojekt, und es gibt noch andere Computer basierte Schönheitswettbewerbe ...
Eine andere Software, über die ich gerade gestolpert bin, erkennt angeblich, ob etwas lustig ist. Das schien doch eigentlich die letzte Bastion des menschlichen Geistes zu sein. Der Witz und seine Beziehung zum Unterbewusstsein. Können das jetzt auch Computer? Der Artikel, der darauf Bezug nimmt, ist da letztendlich skeptisch. Aber auch hier ist es vermutlich erst der erste Schritt eines langen Weges.
Und dann gab es da noch vor Weihnachten den Artikel im Guardian über eine Software, die selber Kunst macht. Oder zumindest ganz normale Fotos in Kunstwerke verwandelt. In Kunstwerke, die sich an klassischen Vorbildern der Moderne orientieren. Eigentlich gestaltet der Algorithmus das Foto nur nach einem bestimmten Schema um, sodass die Technik dem der Kunstwerke ähnelt. Aber ist das nicht auch das Prinzip gewesen, nachdem die großen Werkstätten der Renaissancekünstler arbeiten? Unser Kater Leo zum Beispiel sieht jetzt wirklich sehr künstlerisch aus, oder?
Schließlich sind da die vielen Beispiele von dichtenden oder komponierenden Computern. Wirklich überzeugend sind all diese Beispiele noch nicht. Im Bereich der Kunst wird uns der Computer so schnell nicht ersetzen. Aber das einfache Kunsthandwerk? Die Fabrikarbeit unter den künstlerischen Berufen? Ja ja, so fängt alles an.

Freitag, 1. Januar 2016

Zukunft 2016

Die Zeit zwischen den Jahren ist auch die Zeit der Jahresrückblicke und Ausblicke. Stolz präsentieren Autoren ihre besten Artikel und Videos des letzten Jahres. Und mehr oder minder mutig blicken sie voraus, um zu spekulieren, was uns die Zukunft im neuen Jahr wohl bringt. Oder kombinieren gar beide Ansätze, indem sie ihre alten Voraussagen überprüfen. Oder kommentieren die Voraussagen anderer Autoren. Da reihe ich mich natürlich gerne ein...

Der Guardian veröffentlicht wieder einen New Year Prediction Bot,  der alle möglichen,  im Netz auffindbaren Voraussagen für das Jahr 2016 per Zufallsgenerator zugänglich macht. Meine ersten Zufallstreffer führten mich zu Voraussagen über eine Monetarisierung von YouTube durch Google, den Durchbruch der virtual reality Gadgets und der großen Rückrufaktionen bei VW.

Ausnehmend gut gefallen hat mir auch  der Foresight-Bericht der Stiftung Wissenschaft und Politik, die bereits vor ein paar Wochen nach den möglichen Krisen der nächsten Jahre fragte. Sehr Amerika zentriert ist in dieser Hinsicht der Bericht des Council on Foreign Relations zu 2016.

Die Technology Review fragt sich, was aus den breakthrough technologies von 2015 geworden ist, die sie im Februar letzten Jahres geschrieben hatte. Darunter waren Themen wie Entsalzungsanlagen im großen Stil, car-to-car-communication, die Versorgung durch Internet in den letzten Winkel der Welt, wie sie Google und Facebook planen, oder auch virtual reality Gadgets. Technology Review blickt auch noch einmal zurück auf wichtige Ereignisse im Bereich Robotik und künstliche Intelligenz des vergangenen Jahres.

Die TED Talks schauen zurück auf die besten Beiträge 2015. Und wer kleine Videobeiträge mag, dem kann ich auch den Jahresrückblick der beste Naturfilme von National Geographic empfehlen. Zum Beispiel die irren Zeitrafferaufnahmen, wie aus Bienenlarven Bienen werden.

Auch so etwas wie ein Rückblick, wenn auch kein Jahresrückblick, ist die neue EDGE-Frage für 2016: Was war die interessanteste wissenschaftliche Neuigkeit der jüngeren Vergangenheit? Es hatte ja schon das vergangene Jahr 2015 durch seine letzte Frage nachdenken den Maschinen ganz schön geprägt.

Die österreichische Akademie der Wissenschaften schließlich schaut zurück auf die Technologie - Voraussagen vor 30 Jahren und widmet sich dabei echten Klassikern wie dem papierlosen Büro oder der Kernfusion.

Selbst ein Bundesverkehrsminister waren sich über den Jahreswechsel mit mutigen Prognosen an die Öffentlichkeit. Der sollte allerdings kräftig mitwirken an der Realisierung seiner Prognosen...